THOMSEN, Christian Nikolaus [Nikolas] Theodor Heinrich, evang. Theologe, * 21. Dezember 1803 in Schleswig, † 22. Dezember 1872 in Kiel. - Th. war der Sohn eines Lehrers an der Knabenbürgerschule und Kantors an der Friedrichsberger Kirche in Schleswig. Nach dem Besuch der dortigen Domschule studierte er von 1822 bis 1828 Theologie und Philosophie an den Universitäten Kiel und Berlin. In Berlin schloß er sich enger an Schleiermacher an, der zu einer Leitgestalt seines Denkens wurde. Th.s erste berufliche Station war das Taubstummeninstitut in Schleswig, wo er bis 1832 als Lehrer unterrichtete. Im selben Jahr promovierte ihn die Kieler Philosophische Fakultät aufgrund einer in lateinischer Sprache vorgelegten Leibniz-Studie zum Dr. phil.; ein Jahr später folgte die Habilitation. 1835 legte Th. vor der Kirchenbehörde in Schleswig das "theologische Amtsexamen mit dem ersten Charakter" ab, jedoch trat er nicht in den Pfarrdienst ein. 1841 wurde er von der Kieler Theologischen Fakultät honoris causa zum Dr. theol. promoviert und zum außerordentlichen Professor berufen. Er erwarb sich besonders als "Manuducteur" (ADB 39, 113) die Anerkennung vieler Studenten. Seine Vorlesungen beschränkte er auf die Historische und Systematische Theologie. 1844 wurde er zum ordentlichen Professor und ersten Inhaber des neu errichteten Lehrstuhles für Kirchengeschichte berufen. Eine kirchliche Anerkennung seines Wirkens erfolgte 1860 mit der Ernennung zum Geheimen Kirchenrat. - Publiziert hat Th. nur sehr wenig. Sein Hauptwerk ist eine Erörterung der "Schleiermacher'schen philosophischen Grundansicht" (Kiel 1840). Zum Gedenkakt der Kieler Universität anläßlich des einhundertsten Geburtstages Schleiermachers hielt er die Festrede, in der er für eine Überwindung konfessionalistischer Standpunkte in der evangelischen Kirche und die Stärkung presbyterialer Elemente in der Kirchenverfassung eintrat, beides Fragen, die nach der preußischen Annexion von 1866 in einer vom lutherischen Konfessionalismus geprägten Landeskirche von erheblicher Brisanz waren (vgl. Jendris Alwast: Geschichte, 168-172). Im sog. "Neumünsterschen Programm" von 1870, das neben Th. die Fakultätsmitglieder Richard Adelbert Lipsius (BBKL V, 118-119) und Karl Peter Matthias Lüdemann (1805-1889) unterzeichneten, wurden diese Forderungen auch der Provinzial-Synode noch einmal unterbreitet. Mit seiner Anknüpfung an den "Kirchenvater des 19. Jahrhunderts" nahm Th. eine schon von August Detlev Twesten (BBKL XII, 758-761), dem Lehrstuhlnachfolger Schleiermachers an der Berliner Universität, begründete, später von Wilhelm Dilthey (BBKL I, 1307-1310), Lipsius, Hermann Mulert (BBKL XV, 1043-1110), Otto Lempp (BBKL XVII, 850-857), Martin Redeker (BBKL XVI, 1317-1329) und Hans-Joachim Birkner (BBKL XV, 152-159) fortgeführte, bis heute gepflegte Tradition Kieler systematischer Theologie auf. Th.s Nachfolger wurde 1873 der Kirchenhistoriker Wilhelm Ernst Möller (1827-1892).
Schriftenverzeichnis: Eduard Alberti: Lexikon der Schleswig-Holstein-Lauenburgischen und Eutinischen Schriftsteller. Zweite Abtheilung: M - Z, Kiel 1868, 465 und ADB 39 (1894), 114.
Werke: Systematis Leibnitiani in philosophia maxime, expositio quaedam, ratione inprimis habita quaestionis, num alia esoterica, alia exoterica habuerit vir ille dogmata, Slesvici 1832 [Appendix theologica, S. 156-189]; Die Schleiermacher'sche philosophische Grundansicht. Dargestellt und erörtert (Theologische Mitarbeiten. Jg. 3. Heft 3), Kiel 1840.
Akademische Festreden: Imago Christiani III. restitutionis sacrorum nostrorum egregii tutoris et adiutoris: Oratio qua in sollemnibus Regis Augustissimi et Serenissimi Friderici VII natalitiis die VI. mensis octobris ab Academia Christiana Albertina celebratis auctoritate Senatus Academici vota publica nuncupavit (Schriften der Universität zu Kiel. Nr. 1,6,2), Kiliae 1854; Akademische Festrede am hundertjährigen Geburtstag Friedrich Schleiermachers, dem 21. November 1868, an der Christian-Albrechts-Universität, Kiel 1868.
Lit.: Eduard Alberti: Lexikon der Schleswig-Holstein-Lauenburgischen und Eutinischen Schriftsteller. Zweite Abtheilung: M - Z, Kiel 1868, 465; - Eduard Alberti: Lexikon der Schleswig-Holstein-Lauenburgischen und Eutinischen Schriftsteller von 1866-1882. Im Anschluss an des Verfassers Lexikon von 1829-1866. Zweiter Band, Kiel 1886, 312; - Carsten Erich Carstens: Geschichte der theologischen Facultät der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, Kiel 1874, 94; - Jendris Alwast: Geschichte der Theologischen Fakultät. Vom beginn der preußischen Zeit bis zur Gegenwart (Geschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel 1665-1965. Band 2, Teil 2), Kiel 1988.
Lexika: ADB 39 (1894), 113-114 (Carsten Erich Carstens); - DBE 10 (1999), 21; - Deutsches Biographisches Archiv I 1269, 30-32.