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Verlag Traugott Bautz
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TSCHIRNHAUS, Ehrenfried Walter von, (auch Tschirnhausen, Tzirnhausen), Herr auf Kieslingswalde und Stolzenberg, Philosoph, Mathematiker, Experimentator, * 10.4. 1651 in Kieslingswalde als Sohn des Kursächsischen Rates und Landesältesten des Görlitzer Kreises Christoph von Tschirnhaus und der Elisabeth Eleonore, geb. Freiin Achyll von Stirling, † 11.10. 1708 in Dresden. Nach Privatunterricht im elterlichen Hause und bei Mag. Nathanael Heer in Lauban besucht T. ab 1665 das Gymnasium in Görlitz. 1668 geht er an die Universität Leiden, wo er sich am 8.6. 1669 als Student der Rechte immatrikuliert, aber auch Medizin, Mathematik, Naturwissenschaften und cartesianische Philosophie (u. a. bei Arnold Geulincx) studiert. Im französisch-niederländischen Krieg 1672 dient er als Freiwilliger im niederländischen Heer. 1673 kommt er mit Spinoza und dessen Freundeskreis in Berührung. Vom 8.10. 1674 bis zum 15.7. 1676 datiert sein Briefwechsel mit Spinoza. Den Winter 1674/75 verbringt T. nach einem kurzen Aufenthalt in seiner Heimat in England, wo er mit Oldenbourg, Papin, Boyle, möglicherweise auch mit Newton in Verbindung tritt. Im Sommer 1675 weilt er in Paris, wo er auf Empfehlung Oldenbourgs engen Kontakt zu Leibniz und Christiaan Huygens aufnimmt. Über Empfehlung Huygens' wird er Hauslehrer beim Sekretär der Académie des Sciences, Michel Colbert. Am 21.11. 1676 bricht T. zu seiner großen Italienreise auf, die ihn über Lyon, Turin, Mailand, Venedig, Rom bis Malta führt und in Verbindung mit Athanasius Kircher, Alfonso Borelli und Kardinal Ricci bringt. Im Winter 1678/79 kehrt er über Genf nach Paris zurück, wo er im Sommer 1679 vor allem mit Malebranche in Verbindung tritt. Über Holland und Hannover kommt T. im Oktober 1679 wieder in seine Heimat. In Auswertung seiner Reiseergebnisse arbeitet er an mathematischen Problemen und physikalischen Experimenten, insbesondere der Konstruktion großer Brennspiegel. Im Sommer 1682 reist er erneut über Holland nach Paris, wo er am 22. Juli als erster Deutscher auf Empfehlung Colberts zum Auswärtigen Mitglied der Académie des Sciences ernannt wird. Seit diesem Jahr ist er auch Mitarbeiter der »Acta Eruditorum«. Am 12.11. 1682 heiratet er Elisabeth Eleonore von Lest, die bereits am 24.9. 1693 stirbt. Dieser Ehe entstammen fünf Kinder. Nach dem Tod seines Vaters 1684 übernimmt T. die väterlichen Güter. Angetragene Stellen als Kanzler der Universität Halle und in Diensten der Landgrafen von Hessen-Kassel lehnt er ab. 1687 veröffentlicht er sein philosophisches Hauptwerk »Medicina mentis«, das er Ludwig XIV. widmet. Hier entwickelt T. auf cartesianisch-spinozistischer Grundlage, beeinflußt von Hobbes, eine am Ideal der Mathematik orientierte Methodologie der Philosophie, die größten Einfluß auf Leibniz und Wolff ausübte. An die Stelle der Schulmetaphysik seiner Zeit tritt eine »Erfindungskunst«, deren Regeln der menschliche Geist sich selbst gibt. Begreifbar ist, was im Geist konstruiert werden kann. Von Christian Thomasius in seinen »Monatsgesprächen« 1688 des Spinozismus und damit des Atheismus beschuldigt, stellt T. deutlich die Unterschiede seiner - stärker cartesianischen - Auffassung zur Philosophie Spinozas gerade hinsichtlich der Gottesfrage heraus. In engeren Kontakt tritt T. zum Hallenser Pietismus mit Spener und Francke, auf dessen Veranlassung er 1700 die »Gründliche Anleitung zu den nützlichen Wissenschaften« veröffentlicht, aber auch mit Christian Weise. Beim Sächsischen Hof setzt er die Errichtung von Glashütten durch, beschäftigt sich mit dem Abbau von Edelgestein, der Konstruktion und dem Schleifen der nach ihm benannten Brennlinsen und versucht, eine wissenschaftliche Akademie in der Lausitz ins Leben zu rufen. Seit dem Winter 1693/94 ist T. mit Arbeiten zur Porzellanherstellung beschäftigt, die durch Kurfürst Friedrich August I. seit 1696 persönlich gefördert wurde. In Wien präsentiert er 1694 dem Kaiser seinen Brennspiegel und verhandelt bzgl. einer wissenschaftlichen Akademie. Im Winter 1701/02 begibt er sich im Auftrag des Statthalters Anton Egon Fürst von Fürstenberg auf eine Studien- und Geschäftsreise nach Holland. Nach seiner Heimkehr arbeitet er - jetzt zusammen mit Johann Friedrich Böttger - in Dresden an der Porzellanherstellung, deren Erfolg er nicht mehr erleben sollte. Am 9.2. 1702 heiratet er Elisabeth Sophia von der Schulenburg. Die beiden Kinder aus dieser Ehe sterben früh, Ts. zweite Frau selbst im Kindbett am 17.3. 1707. 1705 wird T. mit Christian Wolff bekannt, der ihm wesentliche Anregungen verdankt. Durch seine aufwendigen Experimente, den Einfall der Schweden und das 1706/07 in Dresden erbaute Forschungslaboratorium war Ts. Vermögen aufgezehrt. Seit 1704 führt T. einen bis zu seinem Tode währenden Streit mit dem radikal pietistisch gesinnten Pfarrer von Kieslingswalde, Johann Wilhelm Kellner von Zinnendorf, der ihm schließlich auch das kirchliche Begräbnis verweigert. Am 15.10. 1708 wird der Kursächsische Rat T. in Kieslingswalde in aller Stille beigesetzt. Enzyklopädische Gelehrsamkeit, mathematische Klarheit, Experimentierfreude und Beziehungen zu den wichtigsten Gelehrten seiner Zeit kennzeichnen T. als einen Mann europäischen Formats im Zeitalter der Frühaufklärung. Sein Anschluß an Spinoza ist - gerade in theologischer Hinsicht - kein dogmatischer, sondern primär ein methodischer. Obwohl selbst nie an einer Universität wirksam, beeinflußt T. über Wolff stark die protestantische Schulphilosophie der Aufklärung.
Werke: Methodus exhibendi omnium aequationum radices, si sint in proportione arithmetica (1675), in: James Gregory, Tercentenary memorial volume, hrsg. v. Herbert W. Turnbull, 1939, 317-319; Inventa nova exhibita Parisiis Societati Regiae scientiarum, in: Acta Eruditorum 1682, 364 f.; Nova methodus tangentes curvarum expedite determinandi, ebd. 391-393; Nova methodus determinandi maxima et minima, ebd. 1683, 122-124; Methodus auferendi omnes terminos intermedios ex data aequatione, ebd. 204-207; Nova methodus, datae figurae, rectis lineis et curva Geometrica terminatae, aut quadratum, aut impossibilitatem ejusdem determinandi, ebd. 433-437; Responsum ad objecta Joh. Craige in Methodo, ebd. 1686, 169-176; Medicina corporis, 1686, 1695, 1733, dt: Die Curiöse Medicin, 1688, 1705; Der Curiösen Medicin Zweyter Theil, 1708; Medicina mentis sive artis inveniendi praecepta generalia, 1687, 1695, 1733, dt. v. Johannes Haussleiter, 1963; frz. v. Jean Paul Wurtz, 1980; Medicina mentis et corporis, ND d. Ausg. 1695, 1964; Relatio de insignibus novi cuiusdam Speculi ustorii effectibus, in: Acta Eruditorum 1687, 52-54; 1688, 206; Medicina mentis, sive tentamen genuinae Logicae; et corporis, sive cogitationes admodum probabiles de conservanda sanitate, ebd. 1687, 702 f.; Additamentum ad Methodum quadrandi curvilineas figuras, aut earum impossibilitatem demonstrandi per finitam seriem, ebd. 524-527; Eilfertiges Bedenken wieder (sic!) die Objectiones, so in Mense Martio Schertz- und Ernsthaffter Gedancken über den Traktat Medicinae Mentis enthalten, in: Christian Thomasius (Hrsg.), Freymüthige, Lustige und Ernsthaffte jedoch Vernunfft- und Gesetz-Mässige Gedancken oder Monats-Gespräche über allerhand fürnemlich aber Neue Bücher, Juni 1688, 756-792, ND 1972; Anhang an mein so genantes Eilfertiges bedenken (1688), hrsg. v. Jean Paul Wurtz, in: Studia Leibnitiana 15 (1983) 149-204; Methodus curvas determinandi, quae formantur a radiis reflexis, quorum incidentes ut paralleli considerantur, in: Acta Eruditorum 1690, 68-73; Curva Geometrica, quae se ipsam sui evolutione describit, ebd. 169-172; Singularia effecta vitri caustici bipedalis, ebd. 1691, 517-520; Medicina Mentis et Corporis, ed. nova, Lipsiae 1695, ebd. 1695, 230-238; Circinus pro sectione cujusque anguli rectilinei in partes quascunque aequales, ebd. 322 f.; Nova et singularis Geometriae promotio circa dimensionem quantitatum curvarum, ebd. 489-493; Imitatio singularis novaeque emendationis Artis vitriariae, ebd. 1696, 345-347; Responsio ad Observationes Dnn. Bernoulliorum, quae in Actis Erud. mense Junio continentur, ebd. 519-524; Additio ad Imitationem de emendatione artis vitriariae, ebd. 554; Quadratura universalis figurarum curvilinearum per series infinitas, simplici transpositione rectarum linearum formatas, ebd. 1697, 113; De Methodo universalia Theoremata eruendi, quae curvarum naturas simplicissime exprimunt: de Problemate item Bernoulliano, ebd. 220-223; Specimen Methodi, cuius ope datum spatium in ratione data dividitur, licet eius quadratura sit ignota, ebd. 409 f.; De magnis lentibus seu vitris causticis, quorum diameter trium quatuorve pedum, nec non eorundem usu et effectu plene et perspicue indicato, ebd. 414-419; De methodo arcus curvae Parabolicae inter se comparandi, ebd. 1698, 259-261; Effectus singulares lentis opticae ad Telescopia, ebd. 1699, 445-448; Gründliche Anleitung zu nützlichen Wissenschafften absonderlich Zu der Mathesi und Physica, 1700, 1708, 1712, 1729, ND d. Ausg. 1729, 1967; Briefwechsel: Baruch Spinoza, Opera, hrsg. v. Carl Gebhard, 1924; Gottfried Wilhelm Leibniz, Sämtliche Schriften und Briefe, 1923 ff.; Christiaan Huygens, Śuvres complètes, VII, 1897, IX, 1901; Briefe an E. W. v. T. von Pieter van Gent, hrsg. v. Curt Reinhardt, 1911. - Hs. Nachlaß: Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften zu Görlitz; UB Breslau.
Bibliographie: (bis 1963): Rudolph Zaunick, Bibliographie der Buchveröffentlichungen von E. W. v. T; Schrifttum über E. W. v. T. (von 1686 bis 1963 chronologisch geordnet, 383 Titel), in: E. W. v. T., Medicina mentis, erstmals vollständig ins Deutsche übertragen v. Johannes Haussleiter, 1963, Anhang V-VI, 303-369.
Lit.: (seit 1963): Joseph Ehrenfried Hofmann, Aus der Frühzeit der Infinitesimalmethoden: Auseinandersetzung um die algebraische Quadratur algebraischer Kurven in der zweiten Hälfte des 17. Jh., in: Archive for history of exact sciences 4 (1965) 271-343; - Ders., Drei Sätze von E. W. v. T. über Kreissehnen, in: Studia Leibnitiana 3 (1971) 99-116; - Ders., T. und Leibniz in Paris, in: Akten des II. Internat. Leibniz-Kongresses, Hannover 17.-22. Juli 1972. (Studia Leibnitiana, suppl. 12-15), 1974/75, II, 47-65, und: Ders., Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Christoph J. Scriba, 1990, II, 416-435; - Peter Bollhagen, Teoriapaznawczy dorobek E. W. v. T. i jego zwiÙzki z filozofia Spinozy i Leibniza, in: Kwartlanik historii nauki i techniki 11 (1966) 37-53; - Wolfgang Jahnke, E. W. v. T., in: Schlesische Lebensbilder: Schlesier des 15. bis 20. Jhs. Hrsg. v. Helmut Neubach u. Ludwig Petry, V, 1968, 63-71; - Lewis White Beck, Early German Philosophy. Kant and his Predecessors,1969, 190 f.; - Norbert Altwicker, Spinoza - Tendenzen der Spinoza-Rezeption und Kritik, in: Ders. (Hrsg.), Texte zur Geschichte des Spinozismus, 1971, 28; - Hans W. Arndt, Methodo scientifica pertractatum. Mos geometricus und Kalkülbegriff in der philosophischen Theoriebildung des 17. und 18. Jhs., 1971, 93 f.; - Raffaele Ciafardone, Le origini teologiche della filosofia wolffiana e il rapporto ragione - esperienza, in: Pensiero 18 (1973) 64-78; - Ders., Agli albori dell'Illuminismo tedesco: Christian Thomasius, in: Pensiero 19 (1974) 177-195; - Ders., L'Illuminismo tedesco. Metodo filosofico e premesse etico-teologiche (1690-1765), 1978, 25 f.; - Arno Seifert, Cognitio historica. Die Geschichte als Namensgeberin der frühneuzeitlichen Empirie, 1976, 138-142; - Eduard Winter, Der Freund B. Spinozas E. W. v. T. Die Einheit von Theorie und Praxis. (Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, Geisteswissenschaften 1977, Nr.7/G), 1977; - Ders., Theorie und Praxis bei E. W. v. T., in: Theoria cum Praxi. Zum Verhältnis von Theorie und Praxis im 17. und 18. Jh. Akten des III. Internat. Leibniz-Kongresses, Hannover 12.-17. November 1977. (Studia Leibnitiana, suppl.19-22), 1982, II, 31-36; - Ders., Die Bedeutung Spinozas für die Frühaufklärung in Deutschland über E. W. v. T., in: Archivio di filosofia 1 (1978) 97-101; - Ders., Ein Ketzerspiegel: E. W. v. T. (1651-1708), in: Ders., Ketzerschicksale. Christliche Denker aus neun Jhen., 1979, 164-183; - Miodrag CekiÛ, Leibniz und die Mathematiker des 17. Jhs., in: Theoria cum Praxi. Zum Verhältnis von Theorie und Praxis im 17. und 18. Jh. Akten des III. Internat. Leibniz-Kongresses, Hannover 12.-17. November 1977. (Studia Leibnitiana, suppl.19-22), 1982, IV, 119-128; - Jean Paul Wurtz, T. et Spinoza, ebd. III, 93-103; Ders., T. et l'accusion de Spinozisme: la polemique avec Christian Thomasius, in: RPhL 78 (1980) 489-506; - Ders., T. und die Spinozismusbeschuldigung: die Polemik mit Christian Thomasius, in: Studia Leibnitiana 13 (1981) 61-75; - Ders., Über einige offene oder strittige, die Medicina mentis betreffende Fragen, in: Studia Leibnitiana 20 (1988) 190-211; - Herbert Berger, Die Hannoversche Handschrift der Descartesschen Regulae, in: Studia Leibnitiana 15 (1983) 108-114; - Paolo Cristofolini, T., Spinoza e l'Italia, in: Discorsi 6 (1986) 24-42; - Gerald Wiemers u. Elisabeth Lea, Planung und Entstehung der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Zur Genesis einer gelehrten Gesellschaft. Diss. TU Dresden 1984, 9-99; - Winfried Schröder, Spinoza in der deutschen Frühaufklärung, 1987, 22-25; - Ulrich Gottfried Leinsle, Reformversuche protestantischer Metaphysik im Zeitalter des Rationalismus, 1988, 149-162; - Siegfried Wollgast, E. W. v. T. und die deutsche Frühaufklärung. (Sitzungsberichte der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Philologisch-historische Klasse 128,1), 1988; - Ders., Zum Methoden- und Erfahrungsproblem bei E. W. v. T., in: Gottfried Wilhelm Leibniz im philosophischen Diskurs über Geometrie und Erfahrung. Hrsg. v. Hartmut Hecht, 1991, 105-129; - Ders., Vergessene und Verkannte. Zur Philosophie und Geistesentwicklung in Dtld. zwischen Reformation und Aufklärung, 1993, Reg.; - M. Agostinetti, E. W. v. T. e la scienza dei galileiani, in: Discorsi 8 (1988) 29-57; - Mario Montuori, T. e Locke. A proposito dell'edizione italiana della Medicina mentis, in: Discorsi 8 (1988) 95-99; - Manuela Sanna, Vico, T. e un progetto di »Medicina mentis«, in: Bollettino del Centro di Studi Vichiani 19 (1989) 5-23; - Iris Künzel, E. W. v. Ts. (1651-1708) Begriff der natürlichen Moral. Ein Beitrag zur Ethik der deutschen Frühaufklärung. Diss. TU Dresden 1989 (maschinenschriftl.); - Dies., Metaphysik unter dem anthroplogisch-moralischen Leitgedanken einer Medicina mentis, in: Prima Philosophia 3 (1990) 161-169; - Dies., Ist T. Spinozist? Die Polemik mit Christian Thomasius zu Grundproblemen der Ethik zwischen Spinoza und T., ebd. 473-483; - Manfred Kracht, E. W. v. T.: His role in Early Calculus and his work and impact in algebra, in: Historia mathematica 17 (1990) 16-35; - Cornelis-Anthonie van Peursen, E. W. v. T. und die »Ars inveniendi«. In: Journal of the History of Ideas 53 (1993) 395-410; - Jöcher IV, 1446; - Johann G. Zedler, Universallexikon, 1754 ff., 45, 1381-1384; - ADB 38, 722-724; - Wilhelm Totok, Handbuch der Geschichte der Philosophie, IV, 1981, 427 f.
Ulrich G. Leinsle
Textanmerkungen:
Im Text heißt es:
"Nach seiner Heimkehr arbeitet er - jetzt zusammen mit Johann Friedrich Böttger - in Dresden an der Porzellanherstellung, deren Erfolg er nicht mehr erleben sollte."
Diese Aussage ist nach heutigen Erkenntnisse nicht mehr zu halten. Tschirnhaus ist der eigentliche Erfinder des europäischen Porzellans, welches urkundliche Belege bestätigen.(Klaus Biener: „Ein Mathematiker erfand das europäische Porzellan“)
Quellen hierzu:
Ende September 1707 wird Böttger erst in der Porzellan-Forschung tätig. (Hauptstaatsarchiv Dresden (H.St.A. genannt ), Loc.1341).
Noch im Sept 1707 sträubte sich Böttger zur Mitarbeit an der Porzellenherstellung. Er wolle sich nicht "in die Porcelain-Arbeit melieren, die Tschirnhausens Angelegenheit sei." (H.St.A.Dresden, Artikel Böttger der Encykloädie der Wissenschaften und Künste, 11.Teil,1823).
Das neue Forschungslaboratorium, welches am 22. Sept.1707 in Betrieb genommen wurde, hat man für E.W.v.Tschirnhaus gebaut. Nach seinen Plänen wurde mit dem Bau bereits 1706 begonnen (H.St.A.Dresden Loc 976).
Brief Böttgers vom 14.10.1708, geschrieben drei Tage nach dem Tode von Tschirnhaus, in dem er die Herstellung eines Porzellanbechers durch E.W.v.Tschirnhaus bestätigt, (H.St.A.Dresden Loc.976).
Denn am 25. Juni 1708 sandte Christoph Martin Dörfler aus Schneeberg u.a. eine Probe Kaolin in das Forschungslaboratorium (H.St.A.Dresden Loc 1340). Damit ist auch der Beweis geliefert, dass die beste Porzellanerde Sachsens, die berühmte "Auer Erde" bereits im Juli 1708 in Tschirnhausnes Laboratorium eingeliefert worden ist.
Tschirnhaus hatte somit die neue Porzellanerde noch in den Händen gehabt und einen Becher gebrannt, bevor er im Okt 1708 starb.
v.Tschirnhaus wird vom König zum Geheimen Rat und Direktor der zu gründenden Manufaktur ernannt (H.St.A.Dresden, Königliche Resolution über die Böttgerschen Rechnungen, 1708) - und August verfügte, "...daß wir dem Herrn von Tschirnhausen 2561 Thaler haben auszahlen lassen..." (H.St.A.Dresden Loc 2097, Nr.49).
Außerdem versprach ihm der König den Reisewitzischen Garten bei Dresden, ferner ein "apertes Lehngut von mediocren Wert", seinen "Kindern aber nach seinem Tode jedem eine gewisse Summe Geld nebst ihres Vaters Pension auf etliche Jahre." (H.St.A.Dresden Loc.1357, ao.1709-1715, Orginal des Dekrets).
Ganz plötzlich wurde E.W.v.Tschirnhaus am 11.10.1708 von der roten Ruhr dahingerafft.
Bis zum 20.3.1709 ruhten die Porzellanarbeiten, dann traf Melchior Steinbrück in Dresden ein. Er war der Hauslehrer der Familie v.Tschirnhaus und hatte nun die Aufgabe, den Nachlaß zu sichten. (H.St.A.Dresden Loc 379/381).
Am 20.3.1709 unterzeichnete Steinbrück vor einem Notar die Aufstellung des Nachlasses von Tschirnhaus`und traf in diesen Tagen mit Böttger zusammen, der dann plötzlich am 28.3.1709 -also nur acht Tage später- dem König die Erfindung des Porzellans meldete.
Es folgen weitere historische Zeugenaussagen:
"Das Meissener Porcellain ist nach dem berühmten Zschernhausen anfänglich ausgefunden nachgehendts von Böttger zur besseren Perfection gebracht." (H.St.A.Dresden Loc 1341)
Fontenelle, Mitglied der Pariser Akademie, nennt 1709 v.Tschirnhaus als Erfinder. ("Eloge de M. de Tschirnhaus" 1709 von Fontenelle, Bernard).
1719 flieht der Arkanist Samuel Stölzel aus Meißen nach Wien und verrät dort das Porzellangeheimnis. Er bekundet, daß nicht Böttger, sondern von Tschirnhaus das Porzellan erfunden habe. Im selben Jahr schreibt der Generalsekretär der Meißner Manufaktur -Caspar Bussius- in seinem Bericht vom 19.1.1719: "daß die Porzellanerfindung nicht von Böttger, sondern von dem seeligen Herrn von Tschirnhausen herkommt und dessen schriftliche Wissenschaft ihm durch den Inspektor Steinbrück zugebracht worden sey." (H.St.A.Dresden,Hempel 1823, S.292, u."Porzellan aus der Manufaktur" von G.Meier, S.175, Berlin 1981).
1727 hält in Paris der französische Technologe und Biologe Réaumur (Erfinder des Thermometers) einen Vortrag über die Herstellung des europ. Porzellans und bezeichnet v.Tschirnhaus als den Erfinder. (H.St.A.Dresden Loc.1341) :"Die Academie hat einen ihrer Glieder, Herrn Tschirnhausen, gehabt, welcher das Arcanum eines Porcellaines, welches dem ansehen nach eben dasselbe ist, so in Sachsen gemacht wird, erfunden..."
Ein weiterer Zeitzeuge ist Herr Peter Mohrenthal aus Dresden. Er schreibt 1732: "Ganß Sachsen wird so leicht den Herrn von Tschirnhausen nicht vergessen, und sein Ruhm wird ewig bestehen, so lange nehmlich, als die Porcellain-Fabriqve in Meißen welche nächst der Chinesischen, ihres gleichen in der Welt nicht hat,... Denn eben der Herr von Tschirnhausen ist derjenige, so die Massam zu Porcellain am ersten glücklich gefunden, und hat sie nach ihm der bekannte Bötticher völlig ausgearbeitet... Der Tod nehmlich unterbrach alle schönen Bemühungen des Herrn von Tschirnhausen, welche die Welt nicht mit Golde bezahlen kann." (P.G.Mohrenthal: Lebens-Beschreibung des Welt-berühmten E.W.von Tschirnhaus in gleichen Nachrichten von seinen Schriften und seltenen Erfindungen. In: Curiosa Saxonica, Drittes repoitorium Probe 38 und 39.Dresden 1731).
Literaturergänzung:
2005
Klaus Biener: „Ein Mathematiker erfand das europäische Porzellan“, cms-journal, Computer-und Medienservice der Humboldt-Universität zu Berlin, Nr. 26, 2005; -
2006
Michael Albrecht, Wahrheitsbegriffe von Descartes bis Kant, in: D. Geschichte d. philos. Begriffs d. Wahrheit. Hrsg. von Markus Enders u. Jan Szaif. Berlin 2006, S. 231-250; -
2008
Günter Mühlpfordt, E.W.v.T. (1651-1708). Leipzig 2008.
Letzte Änderung: 15.04.2009