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Band XII (1997)Spalten 800-804 Autor: Herman H. Schwedt

UBALDINI, Roberto, Diplomat und Kardinal, * um 1581 in Florenz, + 22. April 1635 in Rom. Die Eltern gehörten zwei im Mittelalter bedeutenden Adelsfamilien an, die seit dem Niedergang von Pisa an Einfluß verloren hatten. Der Vater, Marco Antonio U., war Beamter der Apostolischen Kammer in Perugia, die Mutter, Lucrezia Della Gherardesca, war die Tochter einer Medici, der Schwester von Alessandro de' Medici, der 1605 für einen Monat Papst Leo XI. wurde. U. gehörte zum gleichen Familienzweig der Grafen von Gagliano, dem der Schriftsteller und Dominikaner Roberto Ubaldini di Gagliano (+ 1509) entstamnte. Mit seinen Brüdern studierte U. bei den Jesuiten, dann an den Universitäten Perugia und Pisa (dort Dr. jur.). Die Kultur der Gebrüder war einem späthumanistischen Bildungsideal verpflichtet. Ihr Freund und Lehrer war der in Perugia und in Pisa lehrende Gräzist Baldassare Ansidei (+ 1614), den Papst Paul V. 1606 wohl durch Mitwirkung von U. nach Rom berief als Custos der Vatikanbibliothek. Nach der Rückkehr des Großonkels Kardinal Alessandro Medici von seiner Legation in Frankreich (1596-1598) nahm dieser U. in sein römisches Palais als Gefolgsmann (familiaris) auf, nachdem dieser schon 1596 ein Kanonikat in Florenz (wahrscheinlich Dom) als Pfründe erhalten hatte. Bei der Papstwahl Leos XI. 1605 galt der »Nepote« U. als zukünftiger Staatssekretär. Um der anstehenden Kardinalsernennung zu entgehen, trat sein Bruder Lelio U. (1588-1630), der spätere Schriftsteller Pater Alessandro di S. Francesco, in den Orden der Unbeschuhten Karmeliter ein. Für U. zerschlug sich das zu erwartende Kardinalat, weil Leo XI. nach nur 26 Tagen Amtszeit starb. Auch dessen Nachfolger Paul V. (Borghese) förderte U. etwa durch Ernennung zum Maestro di camera und zum Kanoniker der Vatikanbasilika am 9. Juli 1606. Dieses Kanonikat übernahm am 7. Oktober 1607 sein Bruder Ugo U. (+ 12. Nov. 1658), nachdem U. 1607 zum Nuntius in Frankreich befördert wurde bei gleichzeitiger Ernennung zum Bischof von Montepulciano (1. Okt. 1607). In Paris erhielt U. am 3. Febr. 1608 die Bischofsweihe. Die »Beförderung« nach Paris galt auch als Entfernung aus Rom, angeblich aufgrund von Intrigen der Borghese-Familie um Paul V. Als Nuntius betrieb U. erfolglos die Veröffentlichung der Trienter Konzilsbeschlüsse in Frankreich, weil König Heinrichs IV. den Widerstand der Gallikaner gegen den mit den Konzilsdekreten verbundenen Einfluß des Papstes (Zentralismus) fürchtete. Auch nach der Ermordung Heinrichs IV. (1610) erzielte U. keinen wesentlichen Durchbruch für seine Ziele, trotz guter Beziehungen zur Regentin Maria von Medici in Paris. U. setzte sich für die Wiederzulassung der Jesuiten in Frankreich ein und forderte erfolglos die Einführung der Inquisition in Paris. U. wurde konfrontiert mit den Polemiken um die Königsmorde (Heinrich III. und Heinrich IV.) und dem von einigen Jesuiten mit Berufung auf die Volkssouveranität für berechtigt erklärten Tyrannenmord (Juan de Mariana SJ u.a.). In der bes. um Pierre Coton SJ entstehenden Kontroverse (mit Bücherverboten durch die Sorbonne bzw. das Pariser Parlament) verteidigte U. die Jesuiten, bekämpfte die Gegenschriften (bes. den sog. »Anti-Coton«) und kritisierte auch Jesuiten, die die Oberhoheit des Papstes über die Fürsten hervorhoben, wie den Mainzer Martin Becanus SJ (van der Beek). An der römischen Verurteilung des gallikanischen Theologen Edmond Richer war U. beteiligt, desgleichen an der Indizierung des Historikers Jacques-Auguste de Thou. U. wurde auch mit dem in Deutschland, England und Frankreich flüchtigen Priester Giulio Cesare Vanini aus Süditalien befaßt, den die Inquisition in Toulouse 1619 als Ketzer und philosoph. Anhänger des Averroes verbrennen ließ. In dem von Machtkämpfen zerrissenen Frankreich galt der Einfluß von U. auf die schwache Regentin wenigstens bei ihren Gegnern als stark, andere schätzen heute diesen Einfluß geringer ein. U. bemühte sich um Vermittlung zwischen den rivalisiereriden Höfen in Frankreich und Spanien und befürwortete Kompromisse (»terzo partito«) bes. im Zusammenhang mit den territorialen Streitigkeiten um Flandern, Kleve und Jülich sowie bei den dynastischen Eheverbindungen (sog. mariages espagnoles) zwischen den Herrscherhäusern in Frankreich und Spanien zwecks Ausgleich der politischen Rivalitäten. 1615 schließlich zum Kardinal ernannt, erwarb er 1616 eine französische Pension als `königlicher Berater' (12.000 livres), vermittelt durch den Premierminister Kardinal Richelieu. Dieser gehörte zu den Zisterziensern der strikten Observanz, und für diesen Orden wurde U. auf Wunsch Richelieus 1621 `Co-Protector' in Rom wegen der ständigen Abwesenheit des nominellen `Protectors' (bis 1635). In Rom wirkte U. zunächst als Mitglied verschiedener Behörden, darunter der Kardinalskongregation des Bücher-Index, seit Januar 1621 auch als Präfekt der Konzilskongregation (bis 22. Mai 1623). 1622, bei der Gründung der Kongregation für die Glaubensverbreitung (de Propaganda Fide), wurde er deren Mitglied und vererbte dieser später sein Vermögen. Als Kardinalmitglied der Propagandakongregation war U. zuständig (»Ponente«) für die orientalischen Gebiete von Albanien bis Indien mit Palästina, Arabien, Georgien u. Ukraine. 1623 bis 1627 amtierte er als Legat von Bologna, bestätigt 1624 vom neuen Papst Urban VIII. U. galt als gebildeter Mäzen, der ständig mehrere Musiker an seinern »Hof« hielt. Er förderte Literaten wie Agostino Mascardi und Francesco Balducci und stiftete das monumentale Grabmal Leos XI. in St. Peter (Werk von Alessandro Algardi). In politischer Hinsicht gehörte er zu der um Ausgleich zwischen den Rivalen Frankreich und Spanien bemühten Gruppe. 1632 unterstützte er den berühmten Protest des spanischen Kardinals Gaspar Borja gegen die profranzösische und antispanische Politik Urbans VIII., wodurch er bei diesem in Ungnade fiel. Eine neuere Biographie fehlt, die älteren Darsteller betonen Bildung und Anstand, Abstand von Hofintrigen, Loyalität zu den Päpsten Leo XI. und Paul V., Mut im Widerstand gegen den starken Urban VIII.

Lit.: Eugenio Gamurrini, Istoria genealogica delle famiglie nobili toscane, et umbre. Vol. 1-5. Fiorenza 1668-1685. ND Sala Bolognese 1972 vol. 4, 73 f.; - Giulio Negri, Istoria degli scrittori Fiorentini. Ferrara 1722. ND Sala Bolognese 1973, 487 f.; - Janus Nicius Erythraeus (Giov. Vittorio Rossi), Pinacotheca Imaginum illustriurn. Bd. 3. Wolfenbüttel 1729, 103; 554-564; - Lorenzo Cardella, Memorie storiche de' cardinali della S. Romana Chiesa. Bd. 6. Rom 1793; - Gaetano Moroni, Dizionario di erudizione storico-ecclesiastica, Bd. 81 (1856) 491 f.; - François-Tommy Perrens, Les mariages espagnoles sous le règne de Henri IV et la régence de Marie de Médicis (1602-1615). Paris 1869; - Ders., L'église et l'État en France sous Henri IV. 2 Bde. Paris 1872; - Moritz Ritter (Hrsg.), Briefe und Akten zur Geschichte des Dreißigjährigen Krieges in den Zeiten des vorwaltenden Einflusses der Wittelsbacher. Bd. 2. München 1874; - Hugo Laemmer, Meleternatum Romanorum mantissa. Regensburg 1875; - Jean Marie Prat, Recherches historiques et critiques sur la Compagnie de Jésus en France au temps du P. Coton 1564-1626. Lyon 1876, Bd. 3; - Franz Heinrich Reusch, Der Index der verbotenen Bücher. Bd. 2. Bonn 1885 (ND Aalen 1967) 343-360; - Victor Martin, Le Gallicanisme et la Réforme catholique. Essai historique sur l'introduction en France des décrets du concile de Trente (1563-1615). Paris 1919. ND Genève 1975; - Henri Fouqueray, Histoire de la Compagnie de Jésus en France des origines à la suppression (1528-1762). Bd. 3. Paris 1922; - Vincenzo Spampanato, Nuovi documenti intorno a negozi e processi dell'Inquisizione (1603-1624), in: Giornale critico della filosofia italiana 5 (1924) 97-137, 216-261, 346-401; - Cosmas de Villiers, Bibliotheca Carmelitana. Romae 1927, 28; - Ludwig v. Pastor, Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters. Bd. 12 f. Freiburg 1927 f. (81938 f.); - Oskar Pollak, Die Kunsttätigkeit unter Urban VIII. Hrsg. v. Dagobert Frey. Wien-Brünn 1928-1931, Bd. 1-2; - Bruno Katterbach, Referendarii utriusque Signaturae. Città d. Vaticano 1931; - Patritius Gauchat, Hierarchia Catholica. Bd. 4. Münster 1935 (ND Padua 1960); - Enciclopedia Cattolica XXXIV (1937) 82 f. (Familie); - LThK X (1938) 352; 2X (1965) 429; - Guido Spini, Vaniniana, in: Rinascimento 1 (1950) 71-90; - Athanasius G. Welykyj (Hrsg.), Acta S.C. de Propaganda Fide Ecclesiam catholicam Ucrainae et Bielarusjae spectantia. 2 Bde. Romae 1953 f. (Analecta Ordinis S. Basilii Magni. Sectio III, Series II, 1-2); - Nicolò Del Re, I Cardinali Prefetti della S. Congregazione del Concilio dalle origini ad oggi (1564-1964): La Sacra Congregazione del Concilio. Quarto Centenario della Fondazione (1564-1964). Città del Vaticano 1964, 265-306; - Roland Mousnier, L'assassinat d'Henry IV, 14. Mai 1610. Paris 1964; - Jennifer Montagu, Alessandro Algardi. New Haven-London 1985, Bd. 1-2; - F. Combaluzier, Le Sacre épiscopal de Roberto Ubaldini nonce en France (3 février 1608) et de Charles-Maurice de Talleyrand-Perigord évêque d'Autun (4 janvier 1789): L'Ami du Clergé 77 (1967) 589 f.; - Bernard Barbiche (Hrsg.), Lettres de Henri IV concernant les relations du Saint-Siège et de la France 1596-1609. Città del Vaticano 1968; - Wolfgang Reinhard, Papst Paul V. und seine Nuntien im Kampf gegen die `Supplicatio ad Imperatorem' und ihren Verfasser Giacomo Antonio Marta 1613-1620: ARG LX (1969) 190-238; - Josef Metzler, Foundation of the Congregation `de Propaganda Fide' by Gregory XV: Sacrae Congregationis de Propaganda Fide Memoria Rerum 1622-1972. Vol. I/1. Rom-Freiburg-Wien 1971, 79-111; - J. Michael Hayden, France and the Estates General of 1614. London 1974; - René Taveneaux, Le Catholicisme dans la France classique, 1610-1715. Bd. 1. Paris 1980; - Janine Garrison, Henry IV. Paris 1984; - Polycarpe Zakar, Histoire de la stricte observance de l'Ordre Cistercien depuis ses débuts jusqu'au généralat du Cardinal de Richelieu (1606-1636). Roma 1966; - Christoph Weber, Die ältesten Staatshandbücher. Elenchus Congregationum [..:] Urbis 1629-1714. Rom-Freiburg 1991; - Ders., Fünfzig genealogische Tafeln zur Geschichte der römischen Kurie in der frühen Neuzeit: QFIAB 73 (1993) 496-571; - Ders., Legati e governatori dello Stato Pontificio (1550-1809). Roma 1994 (Pubblicazioni degli Archivi di Stato, Sussidi 7), 957.

Herman H. Schwedt

Letzte Änderung: 18.11.1999