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Band XII (1997)Spalten 1233-1238 Autor: Herman H. Schwedt

VERCELLONE, Carlo Giuseppe, Barnabit, Vulgataforscher, Kurienkonsultor, * 10. Januar 1814 in Sordevolo (Biella, Piemont), + 29. Januar 1869 in Rom. Nach Eintritt in den Orden der Barnabiten in Genua (Einkleidung 3. Nov. 1829; Profeß 4. Nov. 1830) studierte er Philosophie und Theologie in Turin (1830) und Rom (ab 1832) und empfing in Turin am 17. Juli 1836 die Priesterweihe. Er wirkte in verschiedenen Ordenskollegien, zumeist als Dozent für Theologie (Turin 1835, Alessandria 1836, Perugia 1837, Parma 1839, erneut Turin 1843). Ab 1844 lebte er in Rom, zunächst als Dozent für Theologie am Ordenskolleg S. Carlo, dann als Präpositus dieses Kollegs (1847-1850). Seit 1850 fungierte er in der römischen Generalleitung des Barnabiten-Ordens, zunächst als Generalassistent (30. April 1850 bis April 1853), dann als Generalprokurator (30. April 1853 bis 18. Mai 1865) und wegen Abwesenheit des General-Präpositus auch als Generalvikar des Ordens (Mai bis Oktober 1853), zuletzt erneut als Generalassistent (ab 8. Aug. 1866 bis zum Tode). In den Jahren ab 1850 übte er neben seinen Ämtern in der Ordensleitung auch seine Tätigkeit als Professor (1844-1864) am Ordenskolleg S. Carlo in Rom aus; er las Exegese, Hebräische Sprache, Kirchengeschichte (z. T. nach den Texten des Kardinals Gerdil), Moraltheologie und Dogmatik. Während der Besetzung des Kollegs durch die Soldaten der römischen Republik 1849 blieb V. als Hausoberer im Hause, um die kostbare Bibliothek von S. Carlo vor Übergriffen zu schützen. Seine hierüber geführte Tages-Chronik wurde 1935 veröffentlicht. V. wurde Mitglied mehrerer römischer Akademien (Pont. Accademia dell'Immaculata Concezione, Accademia di Archeologia, Accademia di Religione Cattolica, Accademia Tiberina). Papst Pius IX. ernannte ihn zum Konsultor der Kongregation des Index (11. Juli 1850) und der Kongregation der Propaganda für die Orientalischen Kirchen (bei deren Errichtung am 6. Januar 1862). Vom 11. August 1867 bis zu seinem Tode war V. Konsultor der Vorbereitungskommission des [I.] Vatikanischen Konzils für orientalische Missionsfragen. An der römischen Universität Sapienza fungierte er als Mitglied des Philologischen Kollegs. - Seine Berühmtheit verdankt V. seinen Forschungen an den Bibel-Handschriften. Zunächst veröffentlichte er eine von Kard. Angelo Mai vorbereitete fünfbändige Edition des berühmten Codex Vaticanus (B), die wegen zahlreicher Mängel 1868-1872 eine in Zusammenarbeit mit Guiseppe Cozza-Luzi verbesserte Neuausgabe erlebte (posthum). Für das Neue Testament veranstaltete V. alleine schon 1859 einen Neudruck. Bis heute bemerkenswert sind die Forschungen von V. zur lateinischen Bibelübersetzung der sog. Vulgata (ab 1861), darunter die auf Vorarbeiten des Zisterziensers Ferdinando Ughelli (1596-1670) zurückgreifende Edition der Textvarianten (umfaßt nur den Pentateuch bis zu den Büchern der Könige). In verschiedenen Editionen befaßte sich V. mit der Philosophie und Lehre seines Ordensbruders Kardinal Hyacinthe-Sigismond Gerdil (1718-1802). Dieser aus Savoyen stammende, in Rom lebende Philosoph und Theologe, ab 1791 Präfekt der Indexkongregation, vertrat einen gegen den zeitgenössischen Materialismus gerichteten philosophischen Idealismus, der sich an die Ideenlehre (»Ideenschau«) von Nicolas Malbranche (1628-1715) anlehnte. Im 19. Jahrhundert kursierten ähnliche philosophische (augustinische) Lehren über die Entstehung der Ideen in Frankreich, Belgien und Italien, häufig unter dem Namen »Ontologismus« oder »Traditionalismus« (Weitergabe als Erkenntnisquelle der Ideen). Weil Jesuiten und Vertreter der aufkommenden Neuscholastik den im kirchlichen Milieu angesehenen Ontologismus bekämpften, besaß die Publikation der Texte von Gerdil durch V. eine politische Dimension, besonders im Zusammenhang mit den in Rom angestrengten Lehrprozessen. Dementsprechend wurden V. und sein Freund, der Barnabit Gaetano Milone, ein »ontologistischer« Philosoph, scharf kritisiert, u. a. von der neuscholastischen Zeitschrift La scienza e la fede (Neapel). - Durch seine Tätigkeit als Konsultor der Indexkongregation war V. mit diesen Konflikten mehrfach befaßt und stand dabei immer auf der Seite der Jesuitengegner und sog. »Liberalen«. Sein erst 1987veröffentlichtes Geheimgutachten zum Indexprozeß gegen seinen Landsmann, den Geistlichen Vincenzo Gioberti (1801-1852), dessen »ontologistische« Philosophie V. verteidigte auch wegen ihrer Nähe zum Denken Gerdils, und das Votum von V. (1850) zugunsten von Antonio Rosmini (+ 1855), zu dessen »ontologistischer« Philosophie er freilich reservierter stand, illustrieren seine lehrpolitisch »liberale« Position bei den damaligen Lehrverfahren in Rom. Besonders seit dem Amtsantritt (1853) des als liberal geltenden Präfekten der Indexkongregation, Kardinal Girolamo D'Andrea (+ 1868), zählte V. zu den um diesen gruppierten Konsultoren der antijesuitischen Richtung. Dies zeigte sich bei den regelrechten Flügelkämpfen innerhalb der Indexkongregation (mit Schriftsätzen, Gegengutachten usw.) etwa während des Lehrprozesses um den Wiener Theologen Anton Günther (+ 1863) ab dem Jahre 1852, desgleichen bei den jahrelangen Prozeduren um den französischen Philosophen Victor Cousin (1792-1869), bei denen V. in geheimen Indexgutachten (vom 2. März 1856, 34 gedruckte Seiten; v. 19. Juni 1859, 75 S. mit Anhang) eine vermittelnde und gemäßigte Position einnahm, und bei der Affäre um den sog. Ontologismus (Traditionalismus) der katholischen Universität Löwen (Casimir Ubaghs u. a.). Die Aktivität des römischen Jesuiten Giovanni Perrone (1794-1876) in dieser Sache führte 1861 zum Rücktritt von Kard. D'Andrea als Präfekt der Indexkongregation, dem V. bis zuletzt bei der Verteidigung der Löwener gegen die Anklagen der Jesuitengruppe beigestanden hatte (internes Votum von V., 25. Febr. 1861, 36 Seiten). Nach dem Sturz D'Andreas erstarkte die antimoderne Lehrpolitik des Papstes (z. B. `Syllabus errorum' 1864), und die frühere Opposition von V. gegen diese Tendenz ließ offenbar nach, etwa als er die Indizierung des Evangelienkommentars von Gustave d'Eichthal forderte (Geheimvotum v. 5. Aug. 1863). Wenn V. zuletzt im Widerstand gegen den erstarkenden Integralismus des Papstes und der Kurie nachließ, könnte dies mit bestimmten Plänen des Papstes in Verbindung stehen: Pius IX. wollte V. zum Kardinal ernennen, aber V. verzichtete auf diese Ehrung und schlug dafür seinen Schüler Luigi Bilio (1826-1884) vor. Obschon wenig qualifiziert, konnte dieser Barnabit als Kardinal verhindern, daß das Vatikanische Konzil 1870 den »Ontologismus« (und damit indirekt die Lehren des Kardinals Gerdil) verurteilte. Der Exeget Giovanni Semeria (1867-1931), Haupt der italienischen Modernisten, schätzte seinen Ordensbruder V. als den Bahnbrecher der späteren kritischen (»modernistischen«) Bibelwissenschaft. Außer zahlreichen Kurzbiographien gibt es nur eine von dem Barnabiten Giuseppe Roberti um 1937 verfaßte umfangreiche Lebensbeschreibung (unvollendetes Manuskript, über 800 Seiten). Damit steht für eine der größten Forscherpersönlichkeiten Roms im 19. Jahrhundert, sowohl in wissenschaftsgeschichtlicher wie in lehrpolitischer Hinsicht, eine angemessene Würdigung noch aus.

Werke: Avvertenze critiche sulla versione greca dell'Antico Testamento fatta da Aquila. Dissertazione...letta all'Accademia di religione cattolica li 6 Agosto 1846. Roma 1847 (40 p.); Sulla Numismatica biblica di Celestino Cavedoni. Saggio. Roma 1851 (32 p.); Sulle istituzioni filosofiche. Dissertazione letta... nell'Accademia di religione cattolica il 3 luglio 1851. Roma 1851 (36 p.); Sullo studio della lingua punico-fenicia e sulla interpretatzione d'alcune epigrafi puniche scoperte di recente nell'Africa. Lettura... alla pontificia Accademia romana di archeologia ai 29 aprile 1852. [Roma] 1852 (16 p.); Giudizio sul libello: Il mechitarista di S. Lazzaro. Venezia, 1852; Dell'antichissimo codice vaticano della Bibbia greca. Dissertazione letta alla Pontificia Accademia di archeologia il 14 luglio 1859...Con appendice del cav. Giovanni Battista De Rossi. Roma 1860 (22 p.); Gli ultimi quattro anni della vita del card. Giacinto Sigismondo Gerdil. Discorso letto nella pontificia Accademia Tiberina... 14 Decembre 1862. Roma (23 p.); Dottrine filosofiche di Sant'Agostino. Dissertazione letta nell'Accademia di religione cattolica li 27 agosto 1863. Roma 1863 (30 p.); Di S. Agostino e S. Tommaso ricongiunti alla odierna filosofia dei maestri cattolici (Dissertazione con note e una digressione del P. Gaetano Milone). Napoli 1864 (104 p); Sulle edizioni della Bibbia fatte in Italia nel secolo XV. Dissertazione. Roma 1864 (16 p.); Dissertazioni accademiche di vario argomento. Roma 1864 (442 p.); Sulla autenticità delle singole parti della Bibbia volgata secondo il decreto Tridentino. Dissertazione. Roma 1866 (47 p.); Ulteriori studi sul Nuovo Testamento greco dell'antichissimo codice vaticano. Dissertazione letta... alla pont. Accad. dell'Imm. Concez. di Maria V., sezione di erudizione sacra, il 6 giugno 1866. Roma 1866 (32 p.); Un codice greco palimpsesto scoperto dai monaci basiliani di Grottaferrata. Dissertazione. Roma 1866 (30 p.). - Herausgeber: Aloysius B. Ungarelli, Praelectiones de Novo Testamento et Historia Vulgatae Bibliorum editionis a Concilio Tridentino. Romae 1847; Giacinto Gerdil, Opuscoli inediti. Romae 1851; ders., Vita del R. Alessandro Sauli. Romae 1856; Vetus et Novum Testamentum ex codice vaticano. Edidit Angelus Maius S.R.E. Card. Romae 1857; Variae lectiones Vulgatae Latinae Bibliorum editionis. Romae 1860; Biblia sacra Vulgatae Editionis Sixti V et Clementis VIII. Romae 1861; H. S. Gerdil, Institutiones philosophicae. Romae 1867; ders., Opuscula IX ad hierarchicam Ecclesiae constitutionem spectantia. Romae 1867.

Lit.: Gaetano Maria Sergio, Notizie intorno alla vita ed agli scritti del p. d. Carlo Vercellone della Congregatione de' Barnabiti. Roma 1869 (60 p.); - Suitbert Bäumer, Die Verurteilung der Irrthümer Rosmini's: Der Katholik 1888, Bd. 1, 603-617; Bd. 2, 25-50; - Giuseppe M. Roberti, Delle cose accadute nel Collegio dei SS. Biagio e Carlo a' Catinari nei giorni della Repubblica Romana (9 Febbraio - 2 luglio 1849) e di una cronaca manoscritta del P. Carlo Vercellone B. Roma 1935 (Sonderdruck mit eigener Seitenzählung, 55 S., vorher in 3 Forts. ersch. in: Pagine di Cultura. Rivista trimestrale 2 (1935) 43 ff.); - Guiseppe Boffito, Biblioteca Barnabitica. Scrittori Barnabiti (1533-1933). Biografia, bibliografia, iconografia. Vol. 4. Firenze 1937, S. 162-175; - Franz Heinrich Reusch, Der Index der verbotenen Bücher. Bd. 1-2. Bonn 1883-1885; Neudruck Aalen 1967; - Christoph Weber, Quellen und Studien zur Kurie und zur vatikanischen Politik unter Leo XIII. Mit Berücksichtigung der Beziehungen des Hl. Stuhles zu den Dreibundmächten. Tübingen 1973, 331-333; - Gianfranco Radice, Pio IX e Antonio Rosmini. Città del Vaticano 1974 (Studi Piani 1); - Antonio Piolanti, L'Accademia di Religione Cattolica. Profilo della sua storia e del suo tomismo. Ricerca d'Archivio. Città del Vaticano 1977 (Biblioteca per la storia del Tomismo, 9); - Christoph Weber, Kardinäle und Prälaten in den letzten Jahrzehnten des Kirchenstaates (Päpste und Papsttum, 13, I-II). 2 Bde. Stuttgart 1978; - Giacomo Martina, Pio IX (1851-1866). Roma 1986 (Miscellanea Historiae Pontificiae 51); - ders., Pio IX (1867-1878). Roma 1990 (Miscellanea Historiae Pontificiae 58); - Virginio Colciago, L'Accademia Geronimiana del Padre Ungarelli: Barnabiti Studi 1 (1984) 157-179; - ders., I Barnabiti Luigi Ungarelli e Carlo Vercellone e la revisione della Volgata: La Bibbia »Vulgata« dalle origini ai nostri giorni. Atti del Simposio internazionale in onore di Sisto V. Grottamare, 29-31 agosto 1985. A cura di Tarcisio Stramare. Roma 1987 (Collectanea Biblica Latina, XVI), 118-136; - Giovanni Rizzi, I Fondi ebraici dell'Ex Biblioteca di San Carlo ai Catinari e il Padre Vercellone. Note introduttive: Barnabiti Studi 2 (1985) 174-177; - Sergio Pagano, Carlo Vercellone e la condanna delle opere di Vincenzo Gioberti: Barnabiti Studi 4 (1987) 7-62; - ders.; I Barnabiti correspondenti di Giovani Battista de Rossi: Barnabiti Studi 5 (1988) 273-314; - Cornelio Fabro, L'enigma Rosmini. Appunti d'archivio per la storica dei tre processi (1849, 1850-1854, 1876-1887). Napoli-Roma 1988; - Herman H. Schwedt, Die Verurteilung der Werke Anton Günthers (1857) und seiner Schüler: ZKG 101 (1990) 301-343; - Orlando Manzo, La soppressione liberale del 1866 e la Provincia romana dei Barnabiti: Barnabiti Studi 12 (1995) 87-164; - Luigi Fiorani, Semeria `romano' (1880-1895): Barnabiti Studi 12 (1995) 7-86; - Wetzer-Welte 12 (21901) 678-680; - Dict. Bibl. 5 (1912) 2396; - Catholic Encyclopedia 15 (1910) 349 f.; - LThK 10 (1938) 540; 10 (21965) 673; - NewCathEnc 14 (1967) 610 f.

Herman H. Schwedt

Letzte Änderung: 24.11.1999