VERHELST, Aegid, Bildhauer und Stukkator, * (getauft) 13.12. 1696 Antwerpen als Sohn des Bildhauers Gillis V., + 19.4. 1749 Augsburg. - Um 1708/10 erwarb A.V. wohl in der Werkstatt seines Vaters elementare Kenntnisse der Holz- und Steinbildhauerei. Vor 1716 zog er nach Frankreich, um sich dort vermutlich bei dem aus Antwerpen gebürtigen Künstler Wilhelm de Grof (1676-1742) ausbilden zu lassen. Nachdem dieser 1716 in München unter dem Kurfürsten Max Emanuel die Position des ersten Hofbildhauers eingenommen hatte, trat zwei Jahre später A.V. in die dortige Bildhauerwerkstatt ein, wo er bis 1725/26 als Geselle tätig war. Aus dieser Zeit stammt sein frühestes bekanntes Werk, die 1722 datierte und signierte Elfenbeinbüste eines Knaben. Um als selbständiger Meister arbeiten zu können, bewarb er sich 1724 beim Freisinger Fürstbischof Johann Theodor von Bayern als Hofbildhauer, der jedoch nach einer Zusage sein Angebot wieder zurückzog. 1725 noch als »Churf(ürstlicher) Bildhauer« benannt, konnte sich A.V. trotz eines zunächst abgelehnten Bittgesuchs bei dem damaligen Oberarchitekten Joseph Effner ab 1726 als »Hofbildhauer« bezeichnen, um im Auftrag des Hofes für das Benediktinerkloster Ettal tätig zu werden. 1736-38 arbeitete er unter der Leitung und nach Entwürfen de Grofs an Bleifiguren für Garten- und Brunnenanlagen des Nymphenburger Parks mit. 1738 zog A.V. nach Augsburg, um dort das Bürger- und Meisterrecht zu erwerben und eine eigene Werkstatt zu gründen. Es entstanden zahlreiche Bildwerke für die Kirchen und Klöster des Umlandes bis ins Allgäu und nach Oberschwaben, aber auch für die Klosterkirche Benediktbeuern und die »Wies«. 1743 wurde er zum Hofbildhauer des Augsburger Bischofs und des Kemptischen Fürstabtes ernannt. Mit einem seiner letzten Werke trat A.V. ab 1748 noch einmal in den Einflußbereich der Münchner Hofkunst, indem er zusammen mit seinen Söhnen Placidus und Ignaz Wilhelm Ausstattungsarbeiten für die Schloßkapelle in Haimhausen übernahm. - Das bildhauerische Werk A.V.s ist geprägt von flämisch - französischer Tradition und schuf damit die Voraussetzung, zwischen der Hofkunst und ländlicher Sakralkunst zu vermitteln. Während sein Frühwerk Stilelemente des Spätbarock aufweist, vollzieht sich in der mittleren Schaffensperiode aufgrund der Entmaterialisierung der Figuren die Entwicklung zur Rokokoplastik. Klassizistische Tendenzen, die sich in formaler Strenge und distanziertem Ausdruck niederschlagen, entsprachen dem höfisch - reservierten Zeitstil und charakterisieren A.V.s persönliches Kunstwollen.
Werke: München, Bayer. Nationalmuseum, Kinderköpfchen, 1722; Ettal, Benediktinerklk.,Arbeiten für den ehem. Hochaltar, ab 1726; Benediktinerkloster, 2 Lavabos, um 1726-30; Fassade der Klk., 12 Apostelfiguren, um 1726-35; Klk. oder Kloster, »Leidensstationen«, 1726-36; Chor der Klk., 4 Umfassungen für Heiligenschreine, 1732; München, Schloß Nymphenburg, Bleiarbeiten für Brunnenanlagen, 1735-38; Dießen a. A., ehem. Augustiner - Chorherrenstiftskirche, 4 Seitenaltäre mit Figuren, um 1738; 4 Puttengruppen mit Büsten, nach 1738; Marienbüste über dem Portal, um 1738-40; Beichtgestühl, um 1738-40; Augsburg, Stiftskirche Kath. Hl. Kreuz, Grabmal des Franz Conrad Freiherrn von Reichlin, um 1738/39; München, Bayer. Nationalmuseum, 2 Kindergruppen: Sommer-Herbst-Gruppe und Winter-Frühling-Gruppe, um 1740; Kempten im Allgäu, ehem. Benediktinerklk., Hl. Sebastian, um 1740; Augsburg, 12 Porträtreliefs von Augsburger Persönlichkeiten, um 1740-45; Benediktbeuern, ehem. Klk., Grabmal des Abtes Pachinger, um 1741; Ochsenhausen, ehem. Benediktinerklk., Kanzel, 1742; Nasgenstadt, Pfk. St. Peter und Paul, Muttergottes mit Kind, 1742; Kempten i. Allgäu, ehem. Fürstäbtl. Residenz, Thronsaal, 4 allegorische Frauenfiguren, 1742; Nasgenstadt, Pfk. St. Peter und Paul, 4 Stuckreliefs: Muttergottes mit Kind, Hl. Josef, Hl. Petrus, Hl. Paulus, 1745; Ravensburg, Pfk. SS. Ulrich und Margarethe, Christus, um 1745; Friedberg, Wallfahrtskirche, Beweinungsgruppe, um 1745; Wies bei Steingaden, Wallfahrtskirche, 6 Standfiguren am Hochaltar: Die Evangelisten, Jesaja, Maleachi, 1748; Kempten, ehem. Benediktinerklk., Hl. Laurentius, um 1748; Figuralplastik für 4 Seitenaltäre, um 1740 bzw. ab 1748; Haimhausen, Schloßkapelle, Ausstattung: Hochaltar, Seitenaltäre, Kanzel, Beichtgestühl, ab 1748.
Lit.: Fritz Schneider, Die Bildhauerfamilie der V. in München und Augsburg (Diss. München), 1934; - Adolf Schahl, Die plastische Ausstattung der kath. Pfk. St. Peter und Paul zu Nasgenstadt, in: Münst 16, 1963, 317-322; - Hans R. Weihrauch, Berr. der staatl. Kstslgen. Neuerwerbungen - Bayer. Nationalmuseum, in: M Jb B K 22, 1971, 240 f.; - Dagmar Dietrich, A.V. 1696-1749, 1986; - TB XXXIV, 248 ff.; - LThK X, 706 f.