Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band XII (1997)Spalten 1482-1486 Autor: Stefan Samerski

VISCONTI, Alfonso (1552-1608). - Als Sohn des Annibale und der Lucia Saulia, einer Genuesin, wurde V. im Jahre 1552 in Mailand geboren; er erhielt den Namen des Großvaters, der mit Antonia Gonzaga verheiratet war. Verwandtschaftliche Verbindungen bestanden außerdem zur Familie Sfondrato, aus der Papst Gregor XIV. (1590-1591) hervorging, der V. eifrig förderte. Seine Jugendjahre, über die nichts Näheres bekannt ist, fielen in die Zeit des bedeutenden Mailänder Kardinals Carlo Borromeo. In Pavia studierte der Hochbegabte Zivilrecht und erwarb dort den Doktorgrad beider Rechte. Anschließend (1574) wurde er in das Kollegium der Rechtsgelehrten seiner Vaterstadt aufgenommen, ging dann nach Rom, wo seine hohe Begabung dem Papst auffiel, der ihn sogleich für die Kurialverwaltung gewann. In Rom bezog er Quartier bei den Oratorianern, denen er auch 1577 beitrat. 1580 war er bereits einer der vier Deputierten der Kongregation. Zunächst ernannte Gregor XIII. ihn zum Referendarius utriusque Signaturae. 1584 sandte ihn dann der Papst als Kollektor »mit ungewöhnlicher Prärogative« nach Portugal, wo er das Amt des Vize- oder Prolegaten bei Kardinal Albrecht von Österreich, dem Vizekönig in Portugal, bekleidete. Papst Sixtus V. beförderte ihn anschließend zum Stellvertreter des Auditors der Päpstlichen Kammer - ein Amt, das seinen ganzen Arbeitseifer einforderte. Sixtus war es auch auf Einfluß von Kardinal Cusani -, der ihm bald darauf einen Nuntiaturposten übertrug, um ihm eine höhere kirchliche Laufbahn zu eröffnen. Nachdem im März 1589 die Entscheidung gefallen war, ihn an den Kaiserhof nach Prag zu senden, verließ V. am 26. April Rom und erledigte auf der Durchreise in Tirol, Salzburg und Bayern einige Schlichtungen im päpstlichen Auftrag. Bereits in Wien stieß er auf die polnische Frage, d.h. die Neubewerbung des Hauses Österreich um die polnische Krone, und später in Prag, wo er am 11. Juli bei Rudolf II. seine Antrittsaudienz hatte, auf das getrübte Verhältnis von Kaiser und Papst. Nachfolge- und Vermählungsfragen traten aber gegenüber dem Investiturstreit in Ungarn zurück. Dabei wirkte V. ausgesprochen ausgleichend, indem er die römischen Instruktionen nicht mit Nachdruck und Intransigenz ausführte. Vielmehr begnügte er sich damit, die ungarischen Bischöfe an ihre Liminapflicht zu ermahnen. Neuberufungen überließ er dem Kardinalprotektor in Abstimmung mit dem Kaiser. Ähnlichen Belastungen war das Verhältnis beider Gewalten in Deutschland und Lothringen ausgesetzt, als es um die Ernennung von Bischöfen ging. Außerdem beeinträchtigten kirchenrechtliche und lehensrechtliche Streitigkeiten in Oberitalien das Verhältnis von Kaiser und Papst. - Der Hauptpunkt von V.s Mission in Prag war aber zweifelsohne die französische Frage. Rom forderte Rudolf auf, mit Heinrich III. und seinem Nachfolger zu brechen; andernfalls müßte der Hl. Stuhl die diplomatischen Beziehung mit dem Kaiser abbrechen. Hier konnte V. wenn auch keinen vollen Erfolg erzielen, so doch zumindest die Neutralität des Kaisers gegenüber den Maßnahmen der Protestanten und ihren Bündnissen erreichen. Auf rein religiösem Gebiet setzte sich der Nuntius energisch für die Durchsetzung der Trienter Konzilsbeschlüsse ein. In Rom schien man mit seiner Arbeit sehr zufrieden zu sein; am 8. Februar 1591 wurde er zum Bischof von Cervia ernannt und kam ernsthaft als Kandidat für das Kardinalat in Frage, von dem er selbst glaubte, daß er es sich durch seine Tätigkeit in Prag verdient hätte - noch dazu, da er mit Gregor XIV. verwandt war. Statt dessen wurde er dazu bestimmt, als Nuntius nach Spanien zu gehen. Am 1. Juli 1591 reiste er aus Prag ab. In Rom ließ man sich mit seiner erneuten Entsendung offensichtlich Zeit, nachdem man bereits am 20. April seine Pässe ausgestellt hatte. Der Tod Gregors XIV. machte schließlich allen Vorbereitungen ein Ende, so daß er diesen Posten nie antrat. Das Hl. Kollegium berief ihn statt dessen zum Gouverneur des Borgo (Leostadt in Rom) (1591-1592) und des Konklaves. Der Vikar von Rom, Kardinal Rusticucci, hätte ihn gerne in Rom als seinen Stellvertreter behalten, doch ernannte ihn der Nachfolger Innozenz' IX., Clemens VIII., am 5. Februar 1592 zum Gouverneur von Ascoli, zum Präsidenten von Montalto und zum Präfekten der Montagna, wo er tatkräftig und entschieden wirkte. Er befreite das Territorium von Norcia von herumstreifenden Räuberbanden und machte es wieder sicher. 1595 wurde er als päpstlicher Gesandter nach Ungarn und Siebenbürgen entsandt. Nachdem er am 21. Januar Rom verlassen hatte, reiste er nach Alba Julia zu Fürst Sigismund Báthory, den er Anfang 1597 zu Verhandlungen nach Prag begleitete. Mitte 1598 kehrte V. nach Italien zurück, nachdem er sich durch seine Legation namhafte Verdienste erworben hatte. Am 6. Februar 1599 reiste er unter dem Titel eines Apostolischen Nuntius nach Genua, um Erzherzog Albrecht und der neuen Königin von Spanien die Segenswünsche des Papstes zu übermitteln. In Anerkennung seiner Verdienste im diplomatischen Dienst des Hl. Stuhls und bei der Durchsetzung der Gegenreformation wurde er schließlich am 3. März 1599 zum Kardinalpriester der Titelkirche S. Giovanni a Porta Latina ernannt und in den folgenden Jahren in die allermeisten Kardinalkongregationen berufen. Als Kardinalprotektor war er fortan für die Franziskanerkonventualen zuständig. Am 10. September 1601 wurde er von seinem Bischofstitel Cervia nach Spoleto transferiert, was einzig und allein der Erhöhung seiner Einkünfte diente. Bereits kurz nach der Wahl Pauls V. ernannte dieser ihn am 23. Oktober 1606 zum Legaten in den Marken, wo er zahlreiche Aufrührer und Räuberbanden nach geltendem Recht bestrafte und Ruhe in die verheerten Provinzen brachte. Dort, in seinem Amtssitz Macerata, starb er im Alter von 59 Jahren am 19. September 1608. Der tote Kardinal wurde nach Loreto überführt und in der dortigen Basilika beigesezt.

Werke: J. Schweizer, Nuntiaturberichte aus Deutschland nebst ergänzenden Aktenstücken 1589-1592, 2. Abtlg.: Die Nuntiatur am Kaiserhofe, Bd. 3: Die Nuntien in Prag: Alfonso Visconte 1589-1591, Camillo Caetano 1591-1592 (Paderborn 1919), 3-344.

Lit.: G. Bentivoglio, Memorie (Venezia 1648), 85; - A. Ciaconius, Vitae et res gestae Pontificum Romanorum et S.R.E. cardinalium, Bd. 4 (Romae 1630), 318 f; - J.W. Imhof, Historia Italia et Hispania genealogica... (Nürnberg 1701), 162; - J. Palatius, Fasti cardinalium omnium, Bd. 3 (Venezia 1703), 773 f; - F. Ughelli, Italia Sacra (Venezia 1717), Bd. 1, 1269 f; Bd. 2, 477; - L. Cardella, Memorie storiche de' cardinali della S.R.C., Bd. 6 (Roma 1793), 50-52; - P. Litta, Famigli celebri italiani, Bd. 8 (Milano o.J.), Visconti: Tav. VII; - G. Moroni, Dizionario di erudizione storico-ecclesiasitica 101 (Venezia 1860), 70-71, 82, 155; - P. Paruta, La legazione di Roma di Paolo Paruta 1592-1595, hrsg. G. de Leva (Venezia 1887), Bd. 2, 494; Bd. 3, 19, 25 f; - H. Biaudet, Les nonciatures apostoliques permanentes jusqu'en 1648 (Helsinki 1910), 292; - J. Schweizer, Nuntiaturberichte aus Deutschland nebst ergänzenden Aktenstücken 1589-1592, 2. Abtlg.. Die Nuntiatur am Kaiserhofe, Bd. 3: Die Nuntien in Prag: Alfonso Visconte 1589-1591, Camillo Caetano 1591-1592 (Paderborn 1919), XVI-XXXIII, XXXVIII-CXXXIII; - Hierarchia Catholica medii et recentioris aevi, Bd. 3: 1503-1592 (Münster 1923), 164; Bd. 4: 1592-1667, hrsg. P. Gauchat (Münster 1935), 6, 321; - L. von Pastor, Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters, Bd. 10: Geschichte der Päpste im Zeitalter der katholischen Reformation und Restauration: Sixtus V., Urban VII., Gregor XIV. und Innozenz IX. (1585-1591) (Freiburg/Br. 1926), 145, 235, 241, 244, 254, 358-360, 571; Bd. 11: Klemens VIII. (1592-1605)(Freiburg/Br. 1927), 186, 209, 214-217, 228, 367, 453, 455, 503; Bd. 12: Leo XI. und Paul V. (1605-1621) (Freiburg/Br. 1927), 6 f, 13 f, 24, 26, 152, 584 f; - B. Katterbach, Referendarii utriusque signaturae a Martino V ad Clementem IX et praelati signaturae supplicationum a Martino V ad Leonem XIII (=Studi e testi 55) (Città del Vaticano 1931), 175, 192; - G. Barni, La formazione interna dello stato visconteo, in: Archivio Storico Lombardo (Milano 1941), 3-66; - N. del Re, Il governatore del Borgo, in: Studi Romani 11 (1963), 26; - A. Strnad, V., in: LThK2 10, 810; - K. Jaitner, Die Hauptinstruktionen Clemens' VIII. für die Nuntien und Legaten an den europäischen Fürstenhöfen, Bd. 1 (Tübingen 1984), CCLXV-CCLXVII; - Ch. Weber, Legati e governatori dello Stato Pontificio (1550-1809) (=Pubblicazioni degli archivi di stato. Sussidi, Bd. 7)(Roma 1994), 163, 122, 313, 976 f.

Stefan Samerski

Letzte Änderung: 26.11.1999