VITALIANOS, Feldherr, Vorkämpfer der Orthodoxie († Juli 520). - Die Quellen zu V., vor allem zu seiner Erhebung, sind besonders zahlreich, im folgenden finden nur die wichtigsten davon Erwähnung: Johannes von Antiochia fr.103 (S. 143 f. de Boor, Exc.de insid.); Johannes Malalas, Chronographie XVI (S. 402 f. Dindorf, S. 327 f. Thurn); Evagrios, KG 3, 43 (S. 145 Bidez-Parmentier); Zacharias Rhetor, KG 7,13 (S.136 f. Ahrens-Krüger); Johannes Nikiu 89 (S. 377 f. Zotenberg, S.498 Charles); Marcellinus comes a. 514-515 (S. 98 f. Mommsen). - V. stammte aus Zaldava, einem Städtchen der Provinz Moesia inferior, in den meisten Quellen wird jedoch als Thrakier bezeichnet. Sein Vater war Patrikiolos, ein Feldherr des Kaisers Anastasios, seine Mutter war eine Schwester des Patriarchen Makedonios II. von Konstantinopel, sein Pate der Patriarch Flavianos von Antiochia. Obgleich von kleiner Statur und Stammler, war V. außerordentlich mutig, listig und verschlagen, Eigenschaften, die auch seine Gegner zu schätzen wußten. Im Jahr 503 nahm er an einem Feldzug gegen die Perser unter der Führung seines Vaters teil. Einige Jahre später fungierte er als comes foederatorum und befehligte eine Söldnertruppe von Bulgaren und Hunnen. Unzufrieden mit seinem Befehlshaber, dem magister militum per Thracias Hypatios, den er aus persönlichen Gründen haßte, nutzte V. die Unzufriedenheit seiner Soldaten aus, die ihren Sold nicht regelmäßig bekamen, und zettelte im Jahr 513 in Thrakien eine Rebellion an. Die domestici des Hypatios Constantinus und Celerinus fielen als erste der Wut der Soldaten zum Opfer. Mit Hilfe des dux Moesiae Maxentius vermochte V. den besten Freund des Hypatios, Carinus, in seine Gewalt zu bringen und anschließend Herr über die Stadt Odessa zu werden. Durch Carinus verschaffte sich der Rebell größere Geldmittel und konnte aus der örtlichen Bevölkerung eine große Armee aufstellen. Er verlieh jetzt seinem Aufstand den ideologischen Hintergrund der Verteidigung der Orthodoxie gegen den monophysitisch gesinnten Kaiser und verlangte die Rehabilitierung der verbannten Patriarchen Flavianos von Antiochia und Makedonios von Konstantinopel. Mit seiner Armee rückte er dann bis vor Konstantinopel vor in der Hoffnung, daß sein Erscheinen vor den Mauern der Hauptstadt einen Volksaufstand hervorrufen würde. Anastasios, dem kaum Truppen zur Verteidigung der Hauptstadt zur Verfügung standen, zeigte sich zu Verhandlungen bereit. V. vermied, sich zum Kaiser persönlich zu begeben, und entsandte eine Abordnung höherer Offiziere zum Palast, die aber Anastasios durch Geschenke dazu brachte, ihm den Eid der Treue zu leisten, so daß, als sie zum Lager des Rebellen zurückkehrten, ihn überzeugen konnten, daß alles geregelt sei und daß er sich zurückzuziehen hätte. Gegen V., der den Rückzug angetreten hatte, schickte nun Anastasios den magister militum Kyrillos mit einer Truppenabteilung, der aber bald in die Hände des Rebellen fiel und getötet wurde. Eine größere Streitmacht des Kaisers unter Hypatios und Alathar wurde von V. in Akra, an der Küste des Schwarzen Meeres, vernichtend geschlagen. Die beiden Feldherren wurden gefangengenommen und mußten durch die Zahlung einer größeren Summe Geldes an V. befreit werden. Kurz darauf, im Jahr 514, marschierte V. zum zweiten Mal gegen die Hauptstadt, während eine von ihm aufgestellte Flotte von 200 Schiffen in den Bosporus einlief. Voll bewußt des Ernstes der Lage erwies sich Anastasios kompromißbereiter als zuvor. Er schickte Johannes, den Sohn der Valeriana, zu dem Rebellen mit 5000 Pfund Goldes und erklärte sich bereit, im Juli 515 ein Konzil nach Herakleia-Perinthos einzuberufen, das unter dem Vorsitz des Papstes die Befriedung der Kirche verwirklichen sollte. Daraufhin hob V. die Belagerung der Hauptstadt auf. Als aber im nächsten Jahr der Kaiser seine Versprechungen nicht einhielt, erschien V. im Herbst 515 zum dritten Mal vor die Mauern Konstantinopels. Er schlug sein Lager im Vorort Sykai auf, während seine Flotte im Bosporus vor Anker ging. Anastasios schickte nun gegen V. den Feldherrn Marinos, welchem es gelang, zunächst die Flotte des Rebellen bei Bythari, am Eingang des Goldenen Hornes, durch Feuer zu vernichten, und anschließend dessen Truppen in die Flucht zu schlagen. V. zog sich nach Anchialos zurück, wo er sich für einige Jahre ruhig verhielt. Nach dem Tode des Anastasios wurde er von Kaiser Justin I. rehabilitiert und kam in die Hauptstadt als magister militum praesentalis. In der Folgezeit mischte er sich in die Religionspolitik der Reichsregierung energisch ein und wurde dabei bei dem Volk sehr beliebt. 520 erhielt er das Konsulat für die östliche Reichshälfte; da er jedoch durch seine Aktivitäten und seine Popularität für die Regierung Justins und Justinians gefährlich wurde, wurde er im Juli dieses Jahres im sog. Delphax des Palastes ermordet.
Lit.: E. Stein, Histoire du Bas-Empire, II. Paris 1949 (Nachdr. Amsterdam 1968), 178 f.; - P. Charanis, Church and State in the Later Roman Empire: The religious Policy of Anastasius the First, 491-518, Madison 1939, 51 f.; - J.B. Bury, A History of the Later Roman Empire from Arcadius to Irene (395 A.D. to 800 A.D.), I. London 1889 (Nachdr. Amsterdam 1966), 447 f.; - P. Peeters, Hypatius et Vitalien, Annuaire de l'Institut de philologie et d'histoire orienta1es et slaves 10 (1950) 8 f.; - Ders., in: AnBoll 66 (1948) 165 f.; - W. Enßlin, in: PW IX A, 374 f.
Georgios Fatouros
Literaturergänzung:
2008
Dan Ruscu, The revolt of Vitalianus and the "Scythian controversy", in: ByZ 101.2008, S. 773-785