VOGL, Carl Theodor Johann Georg. Carl Vogl wird am 4. März 1866 in Bechyne, einer böhmischen Kleinstadt südwestlich von Tabor, als Sohn eines Juristen (höheren Verwaltungsbeamten) geboren. 1875 zieht die Familie nach Prag, wo Carl Vogl das Deutsche Staatsgymnasium besucht. Von 1886 bis 1891 studiert er Philos., Geschichte und Philologie in Prag, Berlin, Freiburg und Tübingen und schließt sein Studium mit einer Dissertation über "Die abstracten Vorstellungen" ab. Während oder kurz nach Beendigung des Studiums konvertiert er vom Kath. zum Prot. und nimmt ein Studium der ev. Theol. in Jena auf. 1895 wird Vogl zum Pfarrer der Landeskirche von Sachsen-Meiningen ordiniert und tritt im selben Jahr seine erste Stelle als Pfarrvikar der Gemeinde Steinach bei Sonneberg im Thüringer Wald an. Von 1896 bis 1907 wirkt er als Pfarrer in Leislau bei Camburg, von 1907 bis 1924 in Unterneubrunn. 1924 wird Vogl von seiner Kirche nach zahlreichen Konflikten in den Wartestand versetzt (1930 geht er endgültig in den Ruhestand) und zieht mit seiner Familie nach Vierzehnheiligen bei Jena. In den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft steht Vogl im Kontakt zu Widerstandskreisen und nimmt Verfolgte in seiner Wohnung auf. Am 5. Dezember 1944 stirbt Carl Vogl an einem Herzleiden. - Vogls kirchengeschichtliche Bedeutung ergibt sich aus seinem scharf profilierten (religiös-)sozialistischen und anarchistischen Engagement sowie aus seiner weitgehenden Bereitschaft, sich auf die außerkirchliche Religiosität seiner Zeit einzulassen. Beides ist Anlaß für zahlreiche Konflikte mit seiner Kirchenleitung. Der erste dieser Konflikte datiert in das Jahr 1907, als Vogl in seiner Gemeinde einen Vortrag zum Thema "Die politischen Parteien des Reichstages" hält und ihm in der Folge Parteinahme zugunsten der SPD vorgeworfen wird. Dieser erste rein politische "Fall" in der Geschichte des neueren deutschen Protestantismus zieht wegen der ausführlichen Berichterstattung in der "Christlichen Welt" landesweite Aufmerksamkeit auf sich und bewirkt eine politische Radikalisierung Vogls, die bereits in seinem Buch "Der moderne Mensch in Luther" (Jena 1908) greifbar wird. Im Ersten Weltkrieg kritisiert Vogl die kriegsbefürwortenden Kräfte in Staat und Kirche scharf. Die revolutionäre Bewegung 1918/1919 begrüßt er als langjähriger Mitarbeiter und Freund des Anarchisten Gustav Landauer, Min. für Volksaufklärung der ersten Münchener Räterepublik. Im Parlament von Sachsen-Meiningen versucht er 1919, als SPD-Abgeordneter die Revolution voranzutreiben, legt aber bald sein Mandat nieder und tritt aus der Partei aus, als er die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen einsieht. Daß Vogl 1919 seine Kirche den örtlichen Arbeitern für die Feier zum 1. Mai zur Verfügung stellt, ruft weitere Konflikte hervor und bringt ihm wiederum landesweite Aufmerksamkeit. Nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Pfarrdienst tendiert Vogl verstärkt zur sowjetischen Variante des Sozialismus. 1926 unternimmt er eine zweimonatige Reise durch die Sowjetunion. Noch in einem unveröffentlichten Manuskript über "Liebe und Tod: Die Pole des Daseins", an dem Vogl bis zu seinem Tod 1944 arbeitet, bezieht er sich positiv auf die UdSSR. Vogls theologische Begründung des Sozialismus ist nicht zu verstehen ohne seine Beschäftigung mit okkult-spiritistischem Gedankengut, die in mehreren Büchern und in Artikeln für die "Zeitschrift für Parapsychologie" ihren Niederschlag fand. Die auch durch die Teilnahme an spiritistischen Séancen gewonnene Überzeugung, daß man in einer unmittelbaren Fühlung zur jenseitigen Welt stehen könne, wird ihm zum Unterpfand der Hoffnung auf eine Gesellschaft, in der sich zwischenmenschliche Beziehungen gleichfalls ohne die Vermittlung staatlicher oder kirchlicher Institutionen entfalteten. Möglich sei dies, wenn sich die Menschen für die Kräfte aus dem Jenseits öffneten und durch die innige Beziehung mit dem Göttlichen das Reich Gottes in diese Welt zögen.
Werke: Der moderne Mensch in Luther, Jena 1908; Ein Pfarrer, in: Der Sozialist, Nr. 11, 15. Juli 1909, 1. Jg., 87; Spinoza. Die Ethik, Deutsch von Carl Vogl, Leipzig 1909; Von der Dankbarkeit, in: Der Sozialist, Nr. 6, 15. März 1910, 2. Jg., 87; David Hume. Der Verstand. Deutsch von Dr. Carl Vogl, Leipzig 1910; Die Idee, in: Der Sozialist, Nr. 15, 1. August 1910, 2. Jg., 113f.; Der moderne Mensch, in: Der Sozialist, Nr. 8, 15. April 1911, 3. Jg., 62-64; Eine Pfingstpredigt, in: Der Sozialist, Nr. 12, 15. Juni 1911, 3. Jg., 91f.; Die Lüge, in: Der Sozialist, Nr. 15, 1. August 1911, 3. Jg., 115f.; Urchristentum, in: Der Sozialist, Nr. 16, 15. August 1911, 3. Jg., 87; Eine Reformationspredigt, in: Der Sozialist, Nr. 22, 15. November 1911, 3. Jg., 169-171; Ideen die in der Luft liegen, in: Der Sozialist, Nr. 15, 1. August 1912, 4. Jg., 117f.; Eine Festtagspredigt, in: Der Sozialist, Nr. 24, Weihnachten 1912, 4. Jg., 191-193; Eine Osterpredigt, in: Der Sozialist, Nr. 5/6, Ostern 1913, 5. Jg., 33f.; Kolonie Unesma, in: Der Sozialist, Nr. 15, 15. August 1913, 5. Jg., 119; Die Sitte, in: Der Sozialist, Nr. 17, 25. September 1913, 5. Jg., 129f.; Eine Bußtagspredigt, in: Der Sozialist, Nr. 21, 1. Dezember 1913, 5. Jg., 161f.; Die Armut, in: Der Sozialist, Nr. 15, 20. September 1914, 6. Jg., 113f.; Der Kriegsgott, in: Der Sozialist, Nr. 17, 20. Oktober 1914, 6. Jg., 135f.; Angelus Silesius: Der Cherubinische Wandersmann, hrsg. von Carl Vogl, Dachau o.J. [1917]; Sir Oliver Lodges Raymond oder Leben und Tod, Pfullingen i. Württ. o.J. [1917]; Unsterblichkeit. Vom geheimen Leben der Seele und der Überwindung des Todes, Dachau 1917; Die evangelische Kirche und der Krieg, Leipzig 1918; Das magische Ich, Leipzig 1921; Sri Ramakrishna, der letzte indische Prophet, Wien u.a. 1921; Die Philosophie des Freitodes, Leipzig 1923; Peter Cheltschizki: Das Netz des Glaubens. Aus dem Alttschechischen ins Deutsche übertragen von Dr. Carl Vogl, Zürich/ Leipzig 1924; Peter Cheltschizki. Ein Prophet an der Wende der Zeiten, Zürich/ Leipzig 1926; Sowjetrußland. Wie ein deutscher Pfarrer es sah und erlebte, Leipzig 1927; Spuk, in: Zeitschrift für Parapsychologie. 5. Heft (Mai 1927), 286-289; Sri Ramakrishna. Ein Prophet des neuerwachenden Indien, Leipzig 1927; Peter ChelÚický und die Böhmischen Brüder, in: Franz Kobler, Gewalt und Gewaltlosigkeit. Handbuch des aktiven Pazifismus, Zürich/ Leipzig 1928, 191-197; Aufzeichnungen und Bekenntnisse eines Pfarrers. Inmitten der Krisis, Wien/ Berlin 1930; Das Geheimnis der Karten, in: Zeitschrift für Parapsychologie. 12. Heft (Dezember 1931), 557-564; Aus der Chronik Derer von Zimmern, in: Zeitschrift für Parapsychologie. 1. Heft (Januar 1932), 22-26; Lichtphänomene in Prag-Branik, in: Zeitschrift für Parapsychologie. 4. Heft (April 1933), 164-167; Die parapsychologischen Phänomene in Prag-Branik, in: Zeitschrift für Parapsychologie. 4. Heft (April 1934), 145-153.
Lit.: Walter Bredendiek, Alfons Paquet und Carl Vogl - Pioniere der Freundschaft zur Sowjetunion. In: Tradition und Verpflichtung. 30 Jahre Befreiung vom Faschismus - drei Jahrzehnte verantwortlicher Mitarbeit der christlichen Demokraten beim Aufbau der neuen Gesellschaft, im Ringen um Sozialismus und Frieden. Bericht über die Tagung des Präsidiums des Hauptvorstandes der CDU am 24. Februar 1975 in Burgscheidungen anläßlich des 92. Geburtstages von Otto Nuschke. Herausgegeben vom Sekretariat des Hauptvorstandes der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands 36-41;- Ders., "Im Kleinen spiegelt sich das Große". Das Lebenswerk von Dr. Carl Vogl, in: Standpunkt 5 (1977), Nr. 10, 259-264, Standpunkt 5 (1977), Nr. 12, 316-318, Standpunkt 6 (1978), Nr. 2, 35-38;- Ders., Carl Vogl. In: Standpunkt, 5. Jg., H.9, September 1977, Anhang (Bildbeilage, ohne Paginierung);- Reinhard Creutzburg, "In der Kirche - gegen die Kirche - für die Kirche". Die religiös-sozialistische Bewegung in Thüringen 1918-1926. Ein Beitrag zur Geschichte des religiösen Sozialismus in Deutschland und der evangelischen Kirche in Thüringen. Diss. (Halle-Wittenberg) 1989;- Wilhelm Heinz Schröder, Sozialdemokratische Parlamentarier in den deutschen Reichs- und Landtagen 1867-1933. Biographien - Chronik. Wahldokumentation. Ein Handbuch. Düsseldorf 1995;- Michael Rudloff, Dr. Carl Vogl (1866-1944). Erinnerungen an einen Grenzgänger, in: Herbergen der Christenheit. Bd. 21/22 (1997/98), 189-200;- Ders., Carl Vogl und Emil Fuchs. Zwei außergewöhnliche Biographien im Schnittpunkt von Kirche und Arbeiterbewegung, in: Christentum, Marxismus und das Werk von Emil Fuchs. Beiträge des sechsten Walter-Markov-Kolloquiums. Rosa-Luxemburg-Stiftung-Sachsen, Schkenditz 2000, 54-67;- Jennifer Reddig, Ich habe ein schreckliches Jahrhundert erlebt. Frau Hildegard Vogl, Jahrgang 1900, erzählt, in: Gisela Horn / Birgitt Hellmann (Hrsg.), Entwurf und Wirklichkeit. Frauen in Jena 1900 bis 1933, Rudolstadt 2001, 373-383;- Matthias Heeke, Reisen zu den Sowjets. Zur Geschichte des ausländischen Tourismus in Rußland 1921-1941. Mit einem biobibliographischen Anhang zu 96 deutschen Reiseautoren, Münster 2003;- Joachim Willems, Pfarrer Dr. phil. Carl Vogl (1866-1944). Ein Grenzgänger zwischen Christentum, Anarchismus, Sozialismus und Spiritismus, in: Kirchliche Zeitgeschichte, Heft 2 (2004), 396-418;- Ders., Überlegungen zur Typisierung von Revolutionskonzeptionen - Die Konstruktion eines mystisch-anarchistischen Typus am Beispiel Gustav Landauers und Carl Vogls, in: Riccardo Bavaj/ Florentine Fritzen (Hrsg.), Deutschland - ein Land ohne revolutionäre Traditionen? Revolutionen im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts im Lichte neuerer geistes- und kulturgeschichtlicher Erkenntnisse, Frankfurt am Main u.a. 2005, 29-42;- Ders., Das Wirken von Pfarrer Dr. phil. Carl Vogl als SPD-Abgeordneter im Landtag von Sachsen-Meiningen, in: Thüringer Landtag (Hrsg.): Kirchen und kirchliche Aufgaben in der parlamentarischen Auseinandersetzung in Thüringen vom frühen 19. bis ins ausgehende 20. Jahrhundert. (Schriften zur Geschichte des Parlamentarismus in Thüringen, Bd. 23), Erfurt 2005, 73-81.