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Band XVIII (2001)Spalten 1463-1468 Autor: Sebastian Kranich

WAGENER, Friedrich Wilhelm Hermann, Sozialpolitiker, * 15.3.1815 in Seeglitz, Kreis Neuruppin als Sohn eines Landpfarrers, † 22.4.1889 in Berlin-Friedenau. - W. wächst in einer Atmosphäre von volkstümlich-praktischem Christentum und patriotischer Gesinnung auf. Er studiert ab 1835 Jura in Berlin und beschäftigt sich eingehend mit der Rechtsphilosophie Friedrich Julius Stahls und den Ideen Karl Ludwig Hallers zum Legitimitätsprinzip. Den theologischen Grundlagen der politischen Ordnung gilt auch nach dem Studium sein Interesse: Ab 1838 gehört W. als Referendar am Oberlandesgericht in Frankfurt / O. zum Kreis um Ludwig v. Gerlach - dem Vizepräsidenten des Gerichtes. Das hier diskutierte Ideal eines christlichen Staates in der Form einer Synthese aus politischem Denken und pietistisch-gläubigem Handeln prägt W. entscheidend. Die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen vor der Revolution 1848 erlebt er als Assessor am Oberlandesgericht und Konsistorium Magdeburg. Nach außen vertritt W. eine scharf antirationalistische Position. Innerlich treibt ihn die Lektüre des Römerbriefes in eine streng religiöse Richtung. Er beschäftigt sich mit der christlich-sozialen Bewegung in England, liest Thomas Chalmers, Thomas Carlyle und Edward Irving und wird schließlich Irvingianer. - In der Revolution aus dem Staatsdienst entlassen findet W. sein neues Wirkungsfeld als Redakteur der »Neuen Preußischen Zeitung«, die wegen des Eisernen Kreuzes von 1813 in ihrem Kopf bald »Kreuzzeitung« genannt wird. Er schreibt als polemisch-kämpferischer Autor gegen Demokratie, Liberalismus und Bürokratie an und macht sich viele Feinde: »Niemand in ganz Preußen hat je so viele Menschen beleidigt wie Wagener...« (Karl Rodbertus an Rudolph Meyer, in: Rudolph Meyer (Hrsg.), Briefe und sozialpolitische Aufsätze von Dr. Rodbertus-Jagetzow, Berlin 1882, S.300) Vor allem die Auseinandersetzungen mit dem Berliner Polizeipräsidenten gipfeln schließlich 1854 in W.s Rücktritt als verantwortlicher Redakteur. Seine Existenz bestreitet W. in der Folge als Anwalt. Er wird in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt, später in den Norddeutschen und Deutschen Reichstag, wo er jeweils zum kleinen sozialpolitischen Flügel der konservativen Fraktion gehört. Als er 1858 den Einzug in das Parlament verpaßt, ruft er das Projekt eines »Staats- und Gesellschaftslexikons« ins Leben. Bis 1867 erscheinen unter seiner Herausgeberschaft 23 Bände. Darüber hinaus schreibt er für die von Rudolph Meyer herausgegebene sozialkonservative »Berliner Revue«, die er 1861 erwirbt. - Bismarck holt W. 1866 schließlich - gegen den widerstrebenden Wilhelm I - als Zweiten Vortragenden Rat in das Staatsministerium. Der preußische Ministerpräsident und W. kannten sich da schon lange: 1848 hatten sie in der Kreuzzeitung den »Kern des `politischen Generalstabs der Kamarilla'« (Hornung, Wagener S.160) gebildet. Seit 1862 verfaßte W. Denkschriften für Bismarck, in denen er das Konzept einer korporativ-berufsständischen Gesellschaftsreform vertrat. W. gewinnt einen erheblichen Einfluß auf die Regierungsarbeit: An der Durchsetzung des allgemeinen, direkten und gleichen Wahlrechts und des Koalitionsrechtes hat er einen großen Anteil. Seinen weitgehenden sozialpolitischen Ideen stehen allerdings das außenpolitische Interesse Bismarcks, dessen Bündnis mit den Liberalen und die Kriege von 1866 und 1870 entgegen. Als er 1873 - erst kurze Zeit zum Ersten Vortragenden Rat berufen - unter einer liberalen Diffamierungskampagne zurücktritt, steht die Bismarcksche Sozialgesetzgebung noch aus. - Bismarck läßt W. nicht fallen und verschafft ihm Verdienstmöglichkeiten als freier Mitarbeiter. W.s Wunsch, Konsul zu werden, kann er allerdings nicht erfüllen. Da W. fortgesetzt um finanzielle Unterstützung bittet, kühlt das Verhältnis merklich ab. Mit der konservativen Wende Bismarcks 1878 sieht W. eine neue Chance: Er gründet eine interkonfessionelle »Sozialkonservative Vereinigung« und bietet Bismarck erfolglos an, bei der anstehenden Sozialgesetzgebung mitzuarbeiten. Als W. 1889 stirbt, kondoliert Bismarck mit den Worten: »Ich verliere in dem Verstorbenen einen langjährigen Mitarbeiter, der in schweren Zeiten mir mit seinem reichen Wissen und seiner unermüdlichen Tätigkeit tapfer zur Seite gestanden hat« (Saile, Wagener, S.130). - W.s. gesellschaftspolitisches Denken zielte auf einen grundlegenden Gesellschafts- und Staatsumbau auf korporativ-berufsständischer Basis. Ein nach Ständen gegliedertes Wahlrecht und ein Koalitionsrecht nach dem Vorbild der englischen Trade Unions sollte die Eingliederung des neuen 4. Standes in die Gesellschaft befördern. Die vorhandenen gesellschaftlichen Gegensätze dachte W. - anknüpfend an Lorenz von Stein - durch ein konstitutionelles soziales Königtum zu synthetisieren. In »Die Lösung der sozialen Frage« (1878) verzichtet W. auf die mittlerweile überholten korporatistischen Modelle und plädiert mit staatssozialistischen ökonomischen Argumenten - wie Schaffung von Massenkaufkraft für einen starken inneren Markt - für soziale Reformen. W.s Vorstellungen zielen hier auf etwas, was man später den modernen Staat der Daseinsfürsorge nennen wird. - In dieser Schrift wird aber auch die religiöse Weltsicht des Politikers W. deutlich, der in der Realpolitik ein Missionsfeld sah und den Kampf gegen die Revolution umstandslos mit dem Kampf gegen das große Tier und die Nationalliberalen mit den Fröschen der Apokalypse des Johannes gleichsetzen konnte: Der Sozialismus gilt ihm als neue antichristliche Weltanschauung, die den Himmel auf Erden verwirklichen will. Er ist das Gericht Gottes über eine Gesellschaft, in der formale Gleichheit und Freiheit mit tatsächlicher Unfreiheit und Ungleichheit der Masse einhergeht. Sozialistischer und liberaler Materialismus und Kirchenhaß sowie der irreligiöse Wissenschaftsglaube sind die Ursachen der Lage. Die Kirche aber ist nicht in der Lage gegenzusteuern, da sie zur Theologenkirche mit »satter Tugend und halber Dogmatik« und zur »Schutzgemeinschaft der Besitzenden« (ebd. S.170) geworden, sich lieber in Politik einmischt, statt ihre Aufgabe am Volk zu erfüllen: Mission zu treiben. - W.s politische Bedeutung liegt neben seinem Beitrag zur Durchsetzung des allgemeinen, freien und gleichen Wahlrechts und des Koalitionsrechts vor allem in der Vorarbeit zu einer Sozialgesetzgebung, die in ihren Grundlagen in Deutschland heute noch besteht. Es blieb allerdings seinem Nachfolger Theodor Lohmann überlassen, die teilweise von Bismarck unterschriebenen Promemoria und Voten W.s als Anknüpfungspunkt und Legitimationsbasis für die Sozialgesetzgebung der 1880er Jahre zu nutzen. Theodor Fontane beschrieb W. als »eine Art Nebensonne zu Bismarck« und urteilte: »Er war wirklich eine superiore Natur und gehört zu den wenigen mir in meinem Leben begegneten Menschen, denen man die Superiorität abfühlte... . Das bleibt, was er getan, und anderes, zu dessen Geschehen er die Anregung gegeben hat. Und das ist genug.« (Theodor Fontane: Von Zwanzig bis Dreißig, S.469; 53)

Hauptwerke: Was wir wollen. Eine Wort zur Verständigung, Berlin 1859; Artikel: Aktie; Arbeiterschutz; Bank; Chartismus; Irving; Kapital; Möser; Pauperismus; Prodhoun; Reaktion; Sozialismus und Kommunismus, in: ders (Hrsg.), Staats- und Gesellschaftslexikon, 23 Bde., Berlin 1859-1867; Die Lösung der sozialen Frage vom Standpunkte der Wirklichkeit und Praxis - Von einem praktischen Staatsmanne, Bielefeld und Leipzig 1878; Kritik der Quintessenz des Sozialismus, Bielefeld und Leipzig 1878; Die Politik Friedrich Wilhelm IV, Berlin 1883; Erlebtes. Meine Memoiren aus der Zeit von 1848-1866 und von 1873 bis jetzt, 2 Bde., Berlin 1884; Die kleine aber mächtige Partei. Nachtrag zu »Erlebtes«; meine Memoiren aus der Zeit von 1848 bis 1866 und von 1873 bis jetzt, Berlin 1885; Die Mängel der christlich-sozialen Bewegung, Minden i.W. 1885; Aus den Aufzeichnungen eines alten preußischen Staatsmanns, Deutsche Revue 1888 (Bde.13,2; 13,3); Briefe und Denkschriften Wageners sind enthalten in: Rudolph Meyer, Hundert Jahre konservative Politik und Literatur, Bd.1, Leipzig und Wien 1895; sowie in: Florian Tennstedt, Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867-1914, Stuttgart, Jena, New York 1994, I. Abteilung, Bde.1 u. 3

Herausgeber: Neue Preußische Zeitung (Kreuzzeitung) 1848-1854; Staats- und Gesellschaftslexikon, 23 Bde., 1859-1867; Aus Rodbertus' Nachlaß, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Hermann Wagener, Minden 1886.

Lit.: Hermann von Petersdorf, Art. Hermann Wagener, in: ADB, Bd.40, Leipzig 1896, 471-473; - Theodor Fontane, Von Zwanzig bis Dreißig, Berlin 18992; - Fritz Eberhardt, Friedrich Wilhelm Hermann Wagener. Die ideellen Grundlagen seines Konservatismus und Sozialismus, Diss.(masch.), Leipzig 1922; - Kurt Danneberg, Die Anfänge der Neuen Preußischen (Kreuz-)zeitung unter Hermann Wagener von 1848 bis 1852, Diss., Berlin 1943; - Siegfried Christoph, Hermann Wagener als Sozialpolitiker. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der Ideen und Intentionen für die große deutsche Sozialgesetzgebung im 19. Jahrhundert, phil. Diss.(masch.), Erlangen 1950; - Hans Joachim Schoeps, Hermann Wagener. Ein konservativer Sozialist. Ein Beitrag zur Ideengeschichte des Sozialismus, Zeitschrift für Religion und Geistesgeschichte 8 (1956), Heft 3; - Wolfgang Saile, Hermann Wagener und sein Verhältnis zu Bismarck. Ein Beitrag zur Geschichte des konservativen Sozialismus, Tübingen 1958 (Tübinger Studien zur Geschichte und Politik 9); - Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat, München 1983; - Klaus Hornung, Preußischer Konservatismus und Soziale Frage - Hermann Wagener (1815-1889), in: Hans-Christoph Kraus (Hrsg.), Konservative Politiker in Deutschland. Eine Auswahl biographischer Porträts aus zwei Jahrhunderten, Berlin 1995, 157-183.

Sebastian Kranich

Literaturergänzung:

2010

Henning Albrecht, Antiliberalismus u. Antisemitismus. H.W. u.d. preuß. Sozialkonservativen 1855 - 1873. Paderborn 2010.

Letzte Änderung: 25.02.2010