WELCKER, Friedrich Gottlieb, Altphilologe (4.11. 1784 - 17.12. 1868). - W. wurde in Grünberg (Hessen) als drittes Kind des Geistlichen Heinrich Friedrich Welcker geboren, der von seiner Frau Johanette geb. Strack dreizehn Kinder bekam. 1787 zog die Familie in das Dorf Oberofleiden um. Den ersten Unterricht erhielt W. zu Hause von einem Hauslehrer, von welchem er sich u.a. gute Kenntnisse der griechischen und der lateinischen Sprache erwarb. An seinen Lehrer Christian A. Münch erinnerte sich W. später in seiner Autobiographie voller Dankbarkeit. Er meint ferner: »Keinen Mitschüler gehabt zu haben, ist keine gleichgültige Sache«. Ohne das Pädagogium besucht zu haben, wurde W. Ostern 1801 in die Universität von Gießen aufgenommen, wo er hauptsächlich theologische Vorlesungen hörte. In der klassischen Philologie war er praktisch Autodidakt. Am 12.4. 1801 hielt er seine erste Predigt, am 23.12. 1803 bekam er sein Diplom als Doktor der Theologie. Nach kurzer Lehrertätigkeit wurde er an der Universität von Gießen als Privatdozent tätig. Seine ersten Vorlesungen hielt er im SS 1804 (über den Propheten Hoseas). Im WS 1804-1805 las er über Bauers Einleitung in das Alte Testament, im SS 1805 über die Apostelgeschichte, das Evangelium des Lukas und Platons Symposion. Im Herbst 1805 unternahm W. eine Reise nach Jena und Halle zu Fuß, um J.H. Voss und F.A. Wolf kennenzulernen. Im August 1806 trat er eine Reise nach Italien an. Über Mailand, Bergamo, Verona, Padua, Venedig und Bologna traf er am 1. November 1806 in Rom ein. Dort studierte er die Denkmäler des römischen Altertums und lernte bekannte Männer aus dem Bereich der Wissenschaft und der Kunst, die sich zur Zeit in Rom aufhielten, wie Wilhelm von Humboldt, Georg Zoega, Bertel Thorvaldsen und Christian D. Rauch, kennen. Am 24. April 1808 verließ W. Rom und kam über Florenz, Bologna, Bassano, Augsburg und Heidelberg zunächst nach Ofleiden, wo seine Eltern wohnten, und anschließend nach Gießen. Als Universitätsdozent las er nicht mehr Theologie (SS 1809: griechische Kunstgeschichte; WS 1810-1811 und 1812-1813: Aischylos, usw.). 1812 gründete W. ein altphilologisches Seminar in Gießen. Ende 1813 meldete er sich freiwillig beim Militär. Im März 1814 nahm er als Offizier einer Jägerbataillon an einem Feldzug gegen Frankreich teil. An Kampfhandlungen beteiligte er sich jedoch nicht, da der Krieg am 14. April zu Ende ging. Nach seiner Entlassung aus der Armee reiste W. im September 1814 nach Kopenhagen, von wo er aus in der Folgezeit die skandinavischen Länder kennenlernte. Nach dreimonatiger Krankheit kam er erst im Februar 1815 nach Deutschland zurück. 1817 wurde W. als Professor der Altertumswissenschaften an die Universität von Göttingen berufen. 1819 erhielt er erneut eine Berufung an die Universität von Bonn, wo er sich lange Zeit betätigen sollte. In Bonn wurde er zugleich als Bibliothekar und Direktor des neugegründeten Kunstmuseums der Universität tätig. 1837 kam er kurz nach Göttingen, um an dem Universitätsjubiläum teilzunehmen. 1840 unternahm W. eine Reise nach Paris. Von dort fuhr er im Oktober dieses Jahres nach Marseille und dann weiter mit dem Schiff nach Genua. Von dort kam er über Parma, Modena und Bologna im November 1840 nach Rom. Am 13. Januar 1841 verließ er Rom und kam vier Tage später nach Ancona. Von dort fuhr er mit dem Schiff nach Piräus, wo er am 26. Januar eintraf. In Athen hielt W. sich mehrere Monate lang auf, bevor er aufbrach, um das übrige Griechenland kennenzulernen. Er befreundete sich mit den in Athen ansäßigen Gelehrten L. Roß, H.N. Ulrichs und K.W. Gropius. Dem griechischen Archäologen Pittakis bescheinigt er in seinem Tagebuch mangelhafte Kenntnisse des Altgriechischen und keine Gelehrsamkeit, dafür aber praktischen Verstand und große Erfahrung. Am 30. März 1842 verließ W. Athen und reiste nach Peloponnes. Von dort ging es nach Delphi und dann nach Euböa. Im Sommer dieses Jahres kam er nach Kleinasien, wo er viele archäologische Stätten besuchte. Im August 1842 kehrte er nach Athen zurück. Am 14. August nahm er in Patras das Schiff nach Ancona, wo er am 17. August eintraf. Von dort fuhr er nach Süditalien und Sizilien; am 16. November 1842 kam er nach Rom, wo er sich bis zum 5. März 1843 aufhielt. Während der Dauer dieser Reisen war W. wissenschaftlich ununterbrochen tätig, anders lassen sich die über 500 Titel seiner Arbeiten nicht erklären. Nach seiner Rückkehr nach Bonn im Frühsommer 1843 nahm er seine Universitätstätigkeit wieder auf, die nunmehr nur von kurzen Reisen unterbrochen wurde (Winter 1845 und Herbst 1847,nach Rom; Ostern 1849, nach Berlin; 1854, nach Wien). Am 16. Oktober 1859 wurde in Bonn sein 5Ojähriges Professorenjubiläum gefeiert. Im Herbst 1862 fing W. an, zu erblinden. Sein Schüler Otto Lüders hat für ihn seitdem gelesen und geschrieben. Nach seinem 84. Geburtstag am 4.11. 1868 setzte sich ein rascher Verfall seiner Kräfte ein. Am 17. Dezember dieses Jahres, 9 Uhr abends, ist er gestorben . - W. hat in seinen Arbeiten Literatur und Kunst des klassischen Altertums als ein einheitliches Ganzes aufgefaßt. Die griechische Mythologie und Götterlehre untersuchte er in Verbindung mit der Religion anderer Völker. Dabei hat er die Gemeinsamkeiten hervorgehoben, die auf parallele Entwicklungen unter den Völkern hinweisen. Den Griechen hat er diesbezüglich nur eine von der Natur aus gegebene Prädestination zur Vollendung solcher Entwicklungen bescheinigt. Dieser Sinn für die Totalität wäre, nach den Worten Otto Jahns, bei W. nicht so erfolgreich, wenn die Liebe fehlte, die in ihm lebendig war. »Denn mit der enthusiastischen Liebe, mit der ein großer Künstler die Natur anschaut, schaute er in die Vergangenheit«.
Werke: Im folgenden werden nur die wichtigsten Arbeiten W.'s aufgelistet: 1) Exercitatio philologica imaginem Ulyssis quae in Iliade exstat adumbrans. Diss. Gießen 1803 (nur ein handschriftliches Exemplar in der Universitätsbibliothek Bonn). 2) Philologisch-exegetischer Clavis über das Neue Testament von Joh. Ernst Christ. Schmidt, fortgesetzt von G.F. Welcker &c. Gießen 1805. 3) Observationes in Pindari carmen Olympicum primum: Prolusio scholastica &c. Gießen 1806. 4) Kleine lyrische Anthologie, I-II. Gießen 1809. 5) Die Elegieen des Jeremias in griechischem Versmaas getreu übersetzt. Gießen 1810. 5) Komödien von Aristophanes, übersetzt: I. Die Wolken. Gießen und Darmstadt 1810; II. Die Frösche. 1812. 6) Die antiken Basreliefe von Rom: I. Die albanischen Basreliefe; II. Zoega Basreliefe, übersetzt. Gießen 1811-1812. 7) Einleitung zu Vorträgen über die deutsche Geschichte. Gießen 1815. 8) Sappho von einem herrschenden Vorurtheil befreyt. Göttingen 1816. 9) Georg Zoegas Abhandlungen, herausgegeben und mit Zusätzen begleitet. Göttingen 1817. 10) Zoegas Leben: Sammlung seiner Briefe und Beurtheilung seiner Werke, I. Stuttgart und Tübingen 1819 (Halle 21913). 11) Die Aeschylische Trilogie Prometheus und die Kabirenweihe zu Lemnos, nebst Winken über die Trilogie des Aeschylus überhaupt. Darmstadt 1814. 12) Theognidis reliquiae: Novo ordine disposuit, commentationem criticam et notas adiecit &c. Frankfurt/M. 1826. 13) Das akademische Kunstmuseum zu Bonn. Bonn 1827 (21841). 14) Sylloge epigrammatum Graecorum: Ex marmoribus et libris collegit et illustravit &c. Bonn 1828. 15) Zu der Sylloge epigrammatum Graecorum: Abweisung der verunglückten Conjecturen des Herrn Prof. Hermann. Bonn 1829. 16) Über die neuentdeckten Sculpturen von Olympia: Zuwachs des akademischen Kunstmuseums. RhM 1 (1833) 503-532. 17) Der epische Cyclus oder die Homerischen Dichter, I. Bonn 1835. II. Bonn 1849 (21865). 18) Die griechischen Tragödien mit Rücksicht auf den epischen Cyclus geordnet, I-III. Bonn 1839-1841. 19) Mittheilungen aus Griechenland und Kleinasien. RhM N.F. 2 (1843) 427-443. 20) Griechische Götterlehre, Göttingen I: 1857; II,1: 1859; II,2: 1860; III,1: 1862; III 2:1863. 21) Alte Denkmäler, I-V. Göttingen 1849-1864. 22) Kleine Schriften, I-V. Bonn 1844-1866. 23) Die Hesiodische Theogonie mit einem Versuch über die Hesiodische Poesie &c. Elberfeld 1865. - W. hat über 2200 Briefe hinterlassen (darunter sind allerdings viele Antwortbriefe seiner Briefpartner). Etwa 150 Briefe sind von R. Kekulé (s.unten) veröffentlicht worden. W.'s Briefe an Wilhelm v. Humboldt sind veröffentlicht worden von A. Leitzmann, Briefe Friedrich Gottlieb Welckers an Wilhelm von Humboldt. Neue Jahrbücher für das klassische Altertum 14 (1911) 142 f. Vgl.ferner R. Haym, Wilhelm von Humboldt's Briefe an F.G. Welcker. Berlin 1859.
Lit.: K.L. Urlichs, Zu F.G. Welckers Jubiläum. Preussisches Jahrbuch 4 (1859) 437-444; - L. Schmidt, Das fünfzigjährige Professorenjubiläum F.G. Welckers am 16. Oktober 1859. Jahrbücher für classische Philologie 1860, 1-28; - R. Kekulé, Das Leben Friedrich Gottlieb Welcker's nach seinen eignen Aufzeichnungen und Briefen. Leipzig 1880; - O. Lüders, Friedrich Gottlieb Welcker. Im neuen Reich 11,1 (1881) 661 f. 711 f.; - A. Gudeman, Grundriß der Geschichte der klassischen Philologie. Leipzig und Berlin 219O9, 225-226; - J.E. Sandys, A History of Classical Scholarship, III. Cambridge 31920, 216-217; - W. Ehrhardt, Das Akademische Kunstmuseum der Universität Bonn unter der Direktion von Friedrich Gottlieb Welcker und Otto Jahn (Abhandlungen der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, 68). Opladen 1982; - J. Wohlleben, Beobachtungen über eine Nicht-Begegnung: Welcker und Goethe, in: Friedrich Gottlieb Welcker: Werk und Wirkung, hrsg. von W.M. Calder, A. Köhnken, W. Kullmann und G. Pflug (Hermes Einzelschriften, 49). Stuttgart 1986, 3-34; - U.K. Goldsmith, Wilhelm von Humboldt: Mentor und Freund von Friedrich Gottlieb Welcker, ebenda 35-52; - J. Mejer, Welcker and Zoega, ebenda 53-77; - A. Köhnken, F.G. Welcker und die Bonner philologische Tradition, ebenda 79-104; - W. Kullmann, Friedrich Gottlieb Welcker über Homer und den epischen Kyklos, ebenda 105-130; - W.M. Calder III, F.G. Welcker's Sapphobild and its reception in Wilamowitz, ebenda 131-156; - S.L. Radt, Welcker und die verlorene Tragödie, ebenda 157-178; - A. Henrichs, Welckers Götterlehre, ebenda 179-229; - W. Geominy, Die Welckersche Archäologie, ebenda 230-247; - A. Köhnken, Zum Nachlaß F.G. Welckers in Bonn, ebenda 251-255.