Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band XIII (1998) Spalten 1055-1058 Autor: Josef Johannes Schmid

WIDOR, Charles Marie, frz. Komponist, Organist und Musikschriftsteller * 21. Februar 1844 Lyon † 12. März 1937 Paris. - Über den Großvater Ch.M.W.s väterlicherseits, einen aus Ungarn ins Elsaß zugewanderten Orgelbauer, hatte das Organistische Eingang in die Familie gefunden. So erhielt der junge W. den ersten Musikunterricht im elterlichen Hause, wie es scheint nicht ohne Effekt, denn bereits mit elf Jahren bekleidete er das Amt eines Organisten am Lycée de Lyon. Der mit der Familie in engem Kontakt stehende, damals führende Orgelbauer Frankreichs, Aristide Cavaillé-Coll, wurde so bereits frühzeitig auf den Knaben aufmerksam und durch seine Vermittlung, wie auch durch die Beziehungen der Mutter (aus der Ingenieurfamilie Montgolfière stammend) wurde W. zum Orgelstudium zu Fétis und Lemmens nach Brüssel, ins Zentrum der frühen Bach-Rezeption, geschickt, ein Faktor, der für W. zeitlebens bestimmend bleiben sollte. Zurückgekehrt wird er 1860 Organist an St. François in Lyon, zehn Jahre später erhält er völlig überraschend, zunächst auf Probe für ein Jahr, die Anstellung als Titulaire von St. Sulpice in Paris in Nachfolge Louis Lefebure-Welys. Diese Berufung auf die Empore des Zentrums der französischen Orgelwelt erregte angesichts seiner Jugend und der Tatsache, daß W. niemals das berühmte `Conservatoire' besucht hatte, nicht geringen Widerstand. Diesem zum Trotze blieb der Meister nicht weniger als 64 Jahre auf dieser »seiner« Tribune. In den 1870er Jahren setzt die rege Kompositionstätigkeit W.s ein, 1880 erscheint das erste Bühnenwerk (`Le Korrigane'). Daneben betätigte sich W. auch einen großen Teil seines Pariser Lebens, bis heute weitgehend (s.Lit.) unberücksichtigt, als Musikkritiker in der `Estaffette' unter dem Pseudonym `Auldétès', ab 1891 dann selbst als Herausgeber von `Le Piano Soleil'. Als Dirigent des Concordia Oratorien Chors/Orchesters bringt er als erster die großen Chorwerke Händels und Bachs an der Seine zu Gehör. Durch seine immer zahlreicheren Orgelkompositionen, seinen steigenden Schülerkreis und vor allem durch seine wahrhaft weltberühmten Improvisationen in St. Sulpice ließen auch akademische Berufungen nicht auf sich warten: 1890 Professur am Conservatoire für Orgel (Nachfolge César Franck), 1896 für Komposition (Nachfolge Th. Dubois). Die Liste seiner Schüler ist die Geschichte der symphonischen Orgelmusik des 19./20.Jhds.: Ch. Tournemire, H. Imbert, L. Vierne, A. Schmidt, A. Schweitzer, M. Dupré (Orgel)- J. Dupont, A. Honegger, D. Milhaud (Komposition). 1910 wird W. in die Académie des Beaux-Arts aufgenommen, ab 1914 gründet er Hilfsfonds zur Unterstützung kriegsinvalider französischer Musiker; für die `Casa Velasquez', das Gegenstück zur Villa Medici in Madrid wird er zum geistigen Vater. - Zusammen mit C. Franck und L. Vierne kann W. zurecht zur Trias der Großmeister der neueren frz. Orgelmusik gerechnet werden. Sein weitgespannter kultureller Horizont, seine gütige Natur, sowie sein innovatives musikalisches Wirken (Bachpflege, Bewußtsein für »alte Musik«), gepaart mit einem musikalischen Können, das wohl weltweit seinesgleichen suchte, machten W. zur lebenden Legende. Seine Tribune in St Sulpice glich, glaubt man zeitgenössischen Berichten, einem Wallfahrtsort: schließlich mußte das erzbischöfliche Ordinariat Verbote gegen eine übermäßige Frequentation, vor allem durch weibliche Personen, erlassen. Besucher kamen auch von Übersee, aus Amerika und selbst aus Australien. Zu seiner gleichsam monolithischen Erscheinung trug auch das hohe Alter W.s bei: als er 1937 mit 93 Jahren starb, hatte er Musikerpersönlichkeiten von Rossini bis Milhaud und Honegger persönlich kennengelernt, was in der Musikgeschichte ohne Beispiel blieb. Einige erhaltene Aufnahmen der 1930er Jahre zeugen noch von seiner Meisterschaft, wenn auch sein eigentliches Metier, die Improvisation, dem Augenblick verhaftet war. Der intellektuelle Beitrag W.s zur musikalischen Welt (theoretische Schriften, Kritiken) harrt noch einer genaueren Untersuchung.

Werke: 1. Theoretische Schriften: La musique grecque et les chants de l'eglise latine, in: Revue des deux mondes, 1895; Technique de l'orchestre moderne, Paris 1904 (verb. 51925; engl. 1906/21946); Notice sur la vie et les œuvres de Camille Saint-Saëns, Paris 1922; Initiation musicale, Paris 1923; Académie des Beaux-Arts: fondations, portraits de Massenet à Paladilhe, Paris 1927; L'orgue moderne: la décadence dans la facture contemporaine, Paris 1928. - 2. Musikeditionen: (mit A. Schweitzer) The Complete Organ Works of J.S. Bach, New York 1912-1914 (Mitarbeit W.s an den Bdn. 1-5). - 3. Musikkritiken: in: L'Estaffette, Jgg. 1880-1882. - 4. Herausgeber: Wochenzeitschrift »Le Piano Soleil« 1891-1906, 1904-1905 auch monatlich als »Le Piano«. - 5. Musikalische Werke: a. Orgel: Orgelsymphonien: No. 1-4, op. 13 (1876); No. 5-8, op. 42 (1880?); Symphonie gothique op. 70 (1895); Symphonie romaine op.73 (1900). Suite latine op. 86 (1927); Trois nouvelles pièces (1934), Pièce mystique (1934); Huit Sonates pour orgue (?). - b. Orgel u. Instr.: Salvum fac populum tuum (3tr, 3trb, timb, org) op. 84 (1917). - c. Vokalmusik: Messe: Messe à deux chœurs et deux orgues op. 36 (1890). - Motetten: O salutaris (1v, vln/vlc, org) op. 8 (s.d.); Tantum ergo/Regina caeli (SATB, org) op. 18 (s.d.); Ps. 133 Quam dilecta (SATB, org-str. qu. ad lib.) op. 23/i (s.d.); Tu es Petrus (SSAATTBB, org) op. 23/2 (s.d.); Saccrdos et Pontifex (SATB, org) op. 23/3 (s.d.); Ave Maria (Mez, arp, org) op. 24 (s.d.); O salutaris (1v, vcl/vln, org) op. 63 (s.d.); Ps. 112 Laudate Pueri (SSAATTBB, 2org, orch) op. deest (s.d.). - d. Symphonien für Orchester: No. 1 F-Dur op. 16 (1870); No. 2 A-Dur op. 54 (1886); No. 3 Orgelsymphonie (org, orch) op. 69; Symphonie antique (SATB, org, orch); Sinfonia sacra (org, orch) op. 81 (1908). - e. Instrumental: La nuit de Walpurgis (SATB, orch) op. 6O (1887); Ouverture espagnole op. deest (1898); Concert pour Pianoforte et Orch. op. 39 (1876); Concert pour Violoncelle et Orch. op. 41 (1882); Phantasie pour Pianoforte et Orch. op. 62 (1889); Choral et variations pour harpe et orch. op. deest (1900); Concert pour Pianoforte et Orch. op. 77 (1906).

Lit.: Louis Vierne, Ch.M.W., in: Les amis de l'orgue XXX/XXXI (1937); - Jacques Handschin, Ch.M.W., in: GS für J. Handschin, 1957, 242ff.; - Erich Marhefka, W.s Orgelkompositionen, in: Musik und Kirche XXIX (1959), 224fff.; - ders., Zum dreißigsten Todesjahr von Ch.M.W., in: Ars Organi XXXI (1967), 1102ff.; - Marcel Dupré, Souvenirs sur Ch.M.W., in: Bull.de l'Académie des Beaux-Arts 1959/1960; - John R. Wilson, The Organ Symphonies of Ch.M.W. (Diss.Florida Univ.), 1966; - John R. Near, The Life and Work of Ch.M.W. (Diss.Boston), 1985; - George Faure, Silhouettes du Conservatoire, 1986; - Andrew Thomson, W., 1987; - Josef Burg, Ch.M.W. und L. Vierne in ihrer Begegnung mit dem Orgelbau, in: Acta organologica XX (1988), 319ff.; - Alain Hobbs, Ch.M.W., 1988; - Josef Burg, Anmerkungen zu Ch.M.W.s schriftstellerischer Tätigkeit, in: Ars Organi XLII/4 (1994), 159ff.; - Felix Rugel, Ch.M.W., in: MGG 14 (1968), coll.584f.; - ders., Ch.M.W.,in: Grove XX (1980), 398f.; - Brockhaus/Riemann 4 (1989), 350.

Josef Johannes Schmid

Ergänzungen zum Text:

Marcel Dupré hat bei Widor Komposition studiert, nicht Orgel. (Duprés Orgellehrer war Alexandre Guilmant, Widors Nachfolger an der Orgelklasse).

Ergänzungen zur Literatur:

W.'s op. 13 (Orgelsinfonien 1-4) ist erstmals 1872 und op. 42 (Orgelsinfonien 5-8) 1887 erschienen.
W.'s 10. Orgelsinfonie (op. 73) heißt 'Romane', nicht Romaine.
Pièce mystique (1934) ist das zweite der 'Trois Nouvelles Pièces' op. 87 (also nicht separat in der Werkliste aufzuführen).
Acht Orgelsonaten hat Alecandre Guilmant geschrieben, nicht W.

Literaturergänzung Ben van Oosten: Ch-M. Widor, Vater der Orgelsymphonie', Verlag Peter Ewers; - Wolfram Syré, Individualismus d. zyklischen Form. Einige Randbemerkungen zur Formentwicklung in W.s Orgelsinfonien Opus 13 u. 42 (Teil II), in: Organ 2006, Nr.1, S. 42-54.

Letzte Änderung: 21.04.2006