WOLGEMUT, Michael, Maler und Zeichner für den Holzschnitt, * 1434 Nürnberg als Sohn des Malers Valentin W., + 30.11. 1519 ebd. - Nach einer ersten Ausbildung bei seinem Vater begab sich M.W. um 1450 auf Wanderschaft in der Absicht, die damals tonangebende niederländische Malerei zu studieren. Um 1465 arbeitete er als Geselle bei Hans Pleydenwurff in Nürnberg; seine Mitwirkung am Hofer Altar gilt in der neueren Forschung als wahrscheinlich. Für 1470/71 wird ein Aufenthalt in München bei Gabriel Mäleßkircher und als von ihm beeinflußtes künstlerisches Ergebnis die Darstellung der Messe des hl. Gregor im Kloster Andechs angenommen. 1472 oder 1473 heiratete er die Witwe Hans Pleydenwurffs und wurde damit Inhaber der führenden Nürnberger Werkstatt. 1476-79 entstand als erstes gesichertes Werk der Hauptaltar für die Marienkirche in Zwickau, wobei M.W. der Gesamtentwurf und die Gemälde auf den Innenseiten der Flügel zugeschrieben werden. Motive nach Werken von R. van der Weyden, D. Bouts sowie von M. Schongauer weisen auch der kleinere Marienaltar für die Stiftskirche in Feuchtwangen (1484), der Katharinenaltar in der Nürnberger Lorenzkirche (um 1485) und der Passionsaltar (Peringsdörfer Altar) in der Nürnberger Hl. Kreuzkirche (1485-88) auf. Am 30.11. 1486 begann A. Dürer bei M.W. eine dreijährige Lehre. Der von der neueren Forschung um 1488 datierte Hochaltar in der Straubinger Jakobskirche (ehem. Nürnberg) stellt aufgrund seiner Qualität der Ausführung, der Vielfalt der Farben und Unterscheidung der Charaktere einen Höhepunkt im Schaffen des Meisters dar. Gegen Ende der 80er Jahre führte M.W. bedeutende graphische Aufträge aus: er schuf die Illustrationen fur den »Schatzbehalter«, ein mit 96 ganzseitigen Holzschnitten geschmücktes Andachtsbuch (1491). In Zusammenarbeit mit seinem Stiefsohn Wilhelm Pleydenwurff entwarf er Holzschnittillustrationen für die »Schedelsche Weltchronik« (1493). Letztes urkundlich bezeugtes Werk stellt der Hochaltar für die Schwabacher Stadtpfarrkirche (1506-08) dar; dabei wurde M.W.s altdeutsch geprägte Malweise mit scharf betonten Konturen sowie düster-schwerem Kolorit mit Hilfe jüngerer Mitarbeiter zugunsten der von A. Dürer eingeleiteten Stilrichtung abgelöst. - M.W. gilt als der letzte große spätgotische Maler in Nürnberg. Sein Œuvre zeichnet sich durch handwerkliches Können und sorgfältige Ausarbeitung aus. In Porträts der Nürnberger Patrizier gelang es ihm aufgrund des wiedergegebenen physiognomischen Realismus das Wesen eines Menschen zu erfassen, wie es sich im Aussehen und Gebaren manifestiert. Richtungsweisend für Dürers künstlerischen Werdegang war M.W.s Beitrag zur Entwicklung des Holzschnitts, den er mit ganzseitigem Format in der Buchgestaltung zu neuer Bedeutsamkeit führte.
Werke: Gemälde: Altarflügel mit Messe des hl. Gregor, Andechs, Wallfahrtskirche Mariä Verkündigung, um 1470; Hauptaltar, Zwickau, Marienkirche, 1476-79; Bildnis der Ursula Tucher, geb. Harsdorfer, Kassel, Staatl. Kstslgen, 1478; Bildnis des Hans Tucher, Nürnberg, Germ. Nationalmus., 1481; Marienaltar, Feuchtwangen, Stiftskirche, 1484; Katharinenaltar, Nürnberg, Lorenzkirche, um 1485; Bildnis des Levinus Memminger, Lugano, Slg. Thyssen-Bornemisza, um 1485; Passionsaltar (Peringsdörfer Altar), Nürnberg, Hl. Kreuzkirche, 1485/86; Hochaltar, Straubing, Jakobskirche, um 1488, erworben 1590 aus dem Nürnberger Augustinerkloster; Bildnis des Hans Perckmeister, Nürnberg, Germ. Nationalmus., 1496; Hochaltar, Schwabach, Stadtpfk., 1506-08; Hl. Anna Selbdritt, Nürnberg, Germ. Nationalmus., um 1510. Graphik: 96 Holzschnitte für den »Schatzbehalter«, 1491 (bei Anton Koberger); 650 Holzschnitte zur »Schedelschen Weltchronik« in Zusammenarbeit mit Wilhelm Pleydenwurff, 1490-93 (bei Anton Koberger); Holschnitte zu P. Danhausers, »Archetypus triumphantis Romae«, nach 1493 (ungedr.).
Lit.: Franz J. Stadler, M.W. und der Nürnberger Holzschnitt im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts, in: Studien zur dt. Kunstgeschichte 161, 1913; - L. Sladeczek, Die Illustrationen der Schedeischen Weltchronik und der junge Dürer (Diss. Münster), 1948; - Ernst Buchner, M.W. in Andechs, in: WK 21/6, 1951, 3 f.; - Engelbert Baumeister, Das Blatt eines Musterbuches von M.W:, in: ZK 8, 1954, 169-176; - Karl Oettinger, Zu Dürers Beginn, in: ZK 8, 1954, 153-168; - Carl Willnau, Rogier van der Weyden und M.W., in: WK 24/17, 1954, 7f.; - Gerhard Betz, Der Nürnberger Maler M.W. und seine Werkstatt (Diss. Freiburg), 1955; - Kurt Pilz, Zur Geschichte der Altäre aus der Augustinerkirche St.Veit in Nürnberg, 1955; - Albert Stange, Dt. Malerei der Gotik 9, 1958, 51-60; - Peter Strieder, Eine Scheibe mit dem Bildnis Lorenz Tuchers, in: Z fKst G 21, 1958, 175-182; - Ders., Miszellen zur Nürnberger Malerei des 15. Jahrhunderts, in: Anz germ Nat Mus 1975, 42-51; - Ders., M.W. und die Tradition der Nürnberger Malerschule, in: Dürer, 1981, 81-85; - Richard Bellm, W.s Skizzenbuch im Berliner Kupferstichkabinett, 1959; - W. Przetak-Hülkenberg, Vom Wesen einer gesegneten Lehrzeit. A. Dürer und sein Lehrmeister M.W., in: Kunsthandel 1, 1959, 17 f.; - Ursula Frenzel, M.W.s Tätigkeit für die Nürnberger Glasmalerei, in: Anz germ Nat Mus 1970, 27-46; - M.W. und Stephan Fridolin, Schatzbehalter (der waren reichthümer des Heils), Nürnberg 1491. Faks. Neudr., in: The Printed Sources of Western Art, hrsg. Theodore Besterman, 1972; - Leon Smets, De invloed van de gravures uit Hartmann Schedel' 5 Wereldkroniek op de miniatuurkunst, in: Bijdragen tot de geschiedenis van de graf. Kunst obgedr. aan Prof. Dr. Louis Leeber, 1975; - Adrian Wilson, The early drawings for the Nuremberg Chronicle, in: Master-drawings 13, 1975, 115-130; - Eva Ulrich, Studien zur Nürnberger Glasmalerei des ausgehenden 15. Jahrhunderts, 1979; - TB XXXVI, 175-181; - Enzyklopädie der Malerei VIII, 2877 f.; - LThK X, 1217 f.