WOLTERSDORF, Theodor Carl Georg, evangelischer Theologe, * 6. September 1727 in Friedrichsfelde, † 10. Februar 1806 in Berlin. - W. [für den Familiennamen ist auch die Form »Woltersdorff« gebräuchlich] gehörte einer weitverzweigten brandenburgischen Pfarrer- und Theologenfamilie an. Das »Evangelische Pfarrerbuch für die Mark Brandenburg« von 1941 verzeichnet allein neunzehn Träger dieses Namens, die seit der Reformationszeit im kirchlichen Dienst gestanden haben. - Genaue biographische Daten liegen nur spärlich vor. W. war ein Sohn des Pfarrers Gabriel Lukas Woltersdorf (1687-1762) und dessen Ehefrau Dorothea Katharina Krüger. Nach dem Schulbesuch am Grauen Kloster in Berlin studierte er Theologie an der Universität Halle. 1754 wurde er ordiniert und zunächst zum zweiten Pfarrer an St. Georg in Berlin ernannt. Nach elfjährigem Dienst übernahm er an derselben Kirche, als Nachfolger seines Vaters, die erste Pfarrstelle, die er bis zu seinem Tod innehatte. Seit 1791 gehörte er als Oberkonsistorialrat zugleich der kirchenleitenden Behörde an. - W.s religiöser Entwicklungsgang verlief nicht ohne Krisen, doch fand er schließlich zu einem lutherischen, kirchlich geprägten Glaubensverständnis, an dem er bis an sein Lebensende festhielt. Er galt als strenggläubiger, eifervoller Prediger, der von seinen Anhängern hoch geachtet wurde. Seine aufklärungstheologischen Gegner dagegen sahen in ihm einen »Obskuranten«. Innerhalb der Partei konservativer, kirchlich gerichteter Berliner Theologen, zu der auch Johann Peter Süßmilch (1707-1767) und Johann Esajas Silberschlag (1721-1791) gehörten, kam W. eine führende Rolle zu. Als theologischer Autor trat er nur gelegentlich in Erscheinung. Zu nennen ist vor allem eine 1763 anonym in Halle erschienene »Anleitung für angehende Catecheten und Schulhalter, der Jugend den Catechismus Lutheri nach dem Wortverstande gehörig beyzubringen«. Diese Unterrichtsanweisung fand einige Verbreitung und wurde schon nach acht Jahren in dritter Auflage verlegt. 1785 erschien eine Schrift unter dem Titel »Die Wichtigkeit der Lehre von dem versöhnenden Leiden Jesu Christi« (Berlin 1785), in der W. eine kurze Zusammenfassung seiner theologischen Überzeugungen gab. Diese schriftstellerischen Arbeiten blieben ein Nebenwerk in der Tätigkeit W.s. Vornehmlich galt sein Einsatz den Aufgaben des Pfarramtes in Predigt und Seelsorge. Seine Predigtweise wird als sachlich und konzentriert beschrieben, die auf den vielfach üblichen rhetorischen Schmuck verzichten konnte. Er war ein erklärter Feind der unter Reformtheologen verbreiteten Praxis, die Kanzel zum Ort moralischer Auseinandersetzungen zu machen. Auch die Erörterung von Tagesfragen lehnte er ab. Im Mittelpunkt seiner Predigten stand vielmehr allein die christliche Botschaft von der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus, deren Wahrheitsgehalt ihm keinerlei Zweifel ausgesetzt war und deren Verkündigung er in einer theologisch weitgehend unreflektierten, auf den natürlichen Ausdruck religiöser Erfahrung setzenden Form betrieb. Gerühmt wird der seelsorgerliche Einsatz W.s, der sich nicht nur auf seine Gemeindemitglieder erstreckte. In seinem religiösen und theologischen Selbstverständnis ebenso wie in seiner pastoralen Amtsführung ist W. ein klassischer Repräsentant der lutherisch-traditionalistischen, gegen die kirchenreformerischen Bestrebungen der Aufklärungstheologen gerichteten Partei innerhalb des norddeutschen protestantischen Kirchentums in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.
Werke: [anonym:] Anleitung für angehende Catecheten und Schulhalter, der Jugend den Catechismus Lutheri nach dem Wortverstande gehörig beyzubringen, Halle 1763 [Dritte, gleichfalls anonym erschienene Auflage: Halle 1771]; Die Wichtigkeit der Lehre von dem versöhnenden Leiden Jesu Christi, Berlin 1785.
Lit.: Johann H. Ulrich: Über den Religions-Zustand in den preußischen Staaten seit Friedrich dem Großen. In einer Reihe von Briefen. Fünf Bände, Leipzig 1778-1780; Wilhelm Ziethe: Berliner Bilder aus alter und neuer Zeit. Sieben Vorträge, Berlin 1886, 152ff.; - Ludwig Geiger: Berlin 1688-1840. Geschichte des geistigen Lebens der preußischen Hauptstadt. Erster Band. Zweite Hälfte, Berlin 1893, 340-341; - Evangelisches Pfarrerbuch für die Mark Brandenburg seit der Reformation. Herausgegeben vom Brandenburgischen Provinzialsynodalverband. Zweiter Band / Zweiter Teil: Verzeichnis der Geistlichen. Zweiter Teil. Bearbeitet von Otto Fischer, Berlin 1941, 982; - DBA I 1393, 304.