YORCK von WARTENBURG, Paul Graf von, Mitglied des Bruderrates und des Rates der Bekennenden Kirche Altpreußischer Union, erster Konsul der Bundesrepublik Deutschland in Frankreich, * am 26. Januar 1902 auf Klein-Oels in Niederschlesien, † am 9. Juni 2002 in Neureichenau (Bayern). - Paul Graf Yorck von Wartenburg wurde am 26. Januar 1902 als drittes Kind und ältester Sohn von Heinrich Graf Yorck von Wartenburg und Sophie geb. Freiin von Berlichingen Jagsthausen auf Klein-Oels in Niederschlesien geboren. Paul Graf Yorck und seine neun Geschwister wachsen in einem evangelisch-lutherischen Elternhaus. Sie waren Ururenkel des Feldmarschalls Hans David Ludwig Graf York, der durch die Konvention von Tauroggen 1812 die Befreiung von Napoleon bewirkte. Nach dem Privatunterricht durch Hauslehrer wird Graf Yorck in die evangelische, humanistische Klosterschule Roßleben geschickt. Nach dem Abitur erfährt er 1921-1922 eine praktische Ausbildung in der Landwirtschaft auf einem sächsischen Gute. 1923 stirbt Heinrich Graf Yorck. Paul Graf Yorck beginnt Rechts- und Staatswissenschaften und Philosophie an den Universitäten Bonn, Göttingen, Genf und Berlin zu studieren. 1926 erbt er das Fideicommiss. Er übernimmt die Leitung des Familienbesitzes. Am 5. Mai 1940 heiratet Graf Yorck Else Eckersberg (1895-1989). Später adoptiert das Ehepaar Alexander Freiherr Schey von Coromia als Sohn. - Einer Militärdiktatur abhold tritt er 1932 in die NSDAP ein. Der Reichstagsbrand 1933 und die Vorgänge des Jahres 1934 überzeugen ihn von der Notwendigkeit, die nationalsozialistische Diktatur zu beseitigen. Sie werden ihm zum Wendepunkt. Graf Yorck erzwingt ein Parteiausschlußverfahren gegen sich. Den legitimsten Ansatzpunkt für den Widerstand sieht er in der Bekennenden Kirche, der er beitritt, und die ihn in ihr oberstes Gremium, den Rat der Bekennenden Kirche Altpreußischer Union, beruft. Paul Graf Yorck nimmt schon an der ersten Sitzung des "Rates der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union" teil, die am 15. Dezember 1938 stattfindet. 1942 wird er an der Front verletzt. Zurückgekehrt, nimmt er die Verbindung zu den Widerstandsgruppen wieder auf. Neben Dietrich Bonhoeffer, Peter Brunner und Wilhelm Niesel gehört er zu der am 7. Juli 1942 vom Bruderrat berufenen Kommission, die unter der Leitung von Günther Harder die Geltung des Gesetzes Gottes und besonders des 5. Gebotes für das öffentliche Leben klären soll. Am 21. Juli 1944 wird er verhaftet, in den Gestapo-Gefängnissen von Breslau und Berlin sechs Monate inhaftiert und anschließend in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Das KZ verlässt er erst am 25. April 1945 nach dem Einmarsch der Roten Armee. Er übernimmt die Leitung der Geschäftsstelle des Hilfswerks der Evangelischen Kirche in Deutschland für die französische Besatzungszone. 1950 wird er in die Flüchtlingsabteilung des Weltrates der Kirchen nach Genf berufen. Im Oktober 1953 tritt Graf Yorck in das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland ein, wo er 1954 mit der Eröffnung des Konsulats der Bundesrepublik Deutschland in Lyon betraut wird. Er leitet die Vertretung 10 Jahre. In Anerkennung seiner besonderen Verdienste wird er zum Offizier der Ehrenlegion der Französischen Republik ernannt. 1964 wird er mit der Leitung der deutschen Handelsvertretung in Bukarest betraut. 1966 tritt er in den Ruhestand und lebt mit seiner Familie in Neureichenau. Er stirbt am 9. Juni 2002 im Alter von 100 Jahren. - Sowohl in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur als auch in der Nachkriegszeit forderte Graf Yorck, "dass die Kirche sich äußert zur Frage des Wehrdienstes, ob da das 5. Gebot gilt oder nicht. Und wir Laien waren der Ansicht, dass das 5. Gebot auch in diesem Falle gelte und dass man eben nicht Soldat werden dürfe". (Paul Graf Yorck, zitiert nach Gerhard Ringshausen, Bekennende Kirche und Widerstand, S.69). Über Wesen und Auftrag der Kirche dachte er mit Blick auf die Zukunft nach: "Denn Kirche kann allemal nur dort erlebt werden, wo an ihre Macht geglaubt wird, in Gottes Auftrage zu binden und zu lösen, die von Ihm verordneten Gnadenmittel in eigener Verantwortung auszuteilen, wo das Amt und seine Lehrautorität anerkannt, wo die Bindung an den Nächsten zur transcendenten Solidarität wird. Kirche ist eine irdische und zugleich transcendente Gott-gesetzte Wirklichkeit, zu der der Wille des Menschen ebenso wenig den Zutritt erzwingt, wie der Glaube allein. Vielmehr ist die Teilhabe an ihr dem Charisma der Taufe vorbehalten." (1944. Besinnung und Entscheidung, S. 90);
Veröffentlichte Texte, Briefe, Abhandlungen, Fragmente von Paul Graf Yorck von Wartenburg: Das Bild des abendländischen Staates, 1939, als Anlage gedruckt in: Glaube - Freiheit - Diktatur in Europa, Festschrift für Gerhard Besier zum 60. Geburtstag, hrsg. von Katarzyna Stoklosa und Andrea Strübind, Göttingen 2007, S. 80-91; Besinnung und Entscheidung. Fragen an die Gegenwart, Stuttgart 1971.
Lit.: Niesel, Wilhelm, Kirche unter dem Wort. Der Kampf der Bekennenden Kirche der altpreußischen Union 1933-1945 (AGK.E11), Göttingen 1978; - Schwerin, Detlef Graf von, "Dann sind`s die besten Köpfe, die man henkt ", Die junge Generation im deutschen Widerstand, München 1991; - Wilfert, Andrea, Paul Yorck von Wartenburg (1902-2002), in: Meyer, Winfried (Hrsg.); Verschwörer im KZ, Berlin 1998, S. 397-399; - Wörmann Heinrich-Wilhelm, Widerstand in Schöneberg und Tempelhof, hrsg. von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 2002, S. 203; - Blumenberg-Lampe, Christine, Paul Graf Yorck von Wartenburg (1902-2002), in: Buchstab, Günter/Kaff, Brigitte/Kleinmann, Hans-Otto (Hrsg.), Christliche Demokraten gegen Hitler. Aus Verfolgung und Widerstand in die Union, hrsg. von der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., Freiburg im Breisgau 2004, S. 510-514; - Ringshausen, Gerhard, Bekennende Kirche und Widerstand. Das Beispiel der Brüder Paul und Peter Graf Yorck von Wartenburg, in: Glaube - Freiheit - Diktatur in Europa, Festschrift für Gerhard Besier zum 60. Geburtstag, hrsg. von Katarzyna Stoklosa und Andrea Strübind, Göttingen 2007, S. 58-91; - Ringshausen, Gerhard, Widerstand und christlicher Glaube angesichts des Nationalsozialismus, Lüneburger Theologische Beiträge, Band 3, Münster 2008 (erste Aufl. 2007).