ZAMENHOF, Ludwig Lazarus, Autor der internationalen Sprache Esperanto, * 15.12. 1859 in Biłaystok (Rußland/Polen), † 14.4. 1917 in Warschau. - Z. entstammte einer jüdischen Familie. In seiner Heimatstadt lebten verschiedene Bevölkerungsgruppen (Russen, Deutsche, Polen und Juden), die einander oft feindlich gegenüberstanden. Bereits als Kind erschien Z. die Idee, die Völker mit einer gemeinsamen zweiten Sprache zu verbinden, die neutral und möglichst leicht erlernbar sein sollte. Als Gymnasiast in Warschau begann er um 1875, eine Sprache zu entwickeln, die diesen Anforderungen gerecht werden sollte; er setze seine Arbeiten während seines Medizinstudiums in Moskau (1879-1881) und Warschau (wo er im Januar 1885 promovierte und 1886 eine Praxis als Augenarzt eröffnete) fort. Am 26. Juli 1887 veröffentliche Z. unter dem Pseudonym "Doktoro Esperanto" das erste Lehrbuch seiner "Internationalen Sprache" zunächst auf Russisch, bald darauf auch auf Polnisch, Französisch, Deutsch, Englisch, Hebräisch und Jiddisch. "Esperanto" ("Hoffender") wurde bald zum Namen der Sprache selbst. - Z. bezeichnete sich als jüdischen Freidenker; die Schaffung einer internationalen Hilfssprache war für ihn Teil eines umfassenderen Ideals. Ihm schwebte eine Welt vor Augen, in der alle Barrieren zwischen den Völkern verschwinden sollten, unabhängig davon, ob diese sprachlicher, religiöser, ethnischer oder sozialer Natur sind. In den ersten Jahren nach Veröffentlichung der Sprache bemühte Z. sich den idealistischen Hintergrund des Esperanto zu verbergen; er betonte den Nutzen einer gemeinsamen Sprache in Handel, Wissenschaft und kulturellem Austausch und erwähnte nur nebenbei, daß Esperanto auch zum Abbau von Konflikten zwischen den Völkern beitragen kann. Doch ab dem Jahr 1900 beschäftigte sich Z. verstärkt auch mit der "Schaffung einer moralischen Brücke, auf der sich alle Völker und Religionen brüderlich treffen könnten." Statt von Gott sprach er gewöhnlich von "dem Großen Geheimnis" ("la Granda Mistero"). Seinen politisch-religiösen Glauben veröffentlichte er 1913 in Form einer Broschüre unter dem Titel "Homaranismo", der sich etwa mit "Lehre von der Zugehörigkeit zur Menschheit" übersetzen läßt. Kernpunkte des Homaranismus sind die Aussagen, daß die Menschen einander nur nach ihrem persönlichen Wert und ihren Taten, niemals jedoch nach der Volkszugehörigkeit, Sprache, Religion oder sozialen Schicht beurteilen sollten und daß jedes Land vollkommen gleichberechtigt allen seinen Bewohnern gehört. Z. betonte, daß es sich dabei nur um seine persönlichen Überzeugungen und keineswegs um allgemeine Prinzipien der Esperanto-Bewegung handelt. Er befürchtete bereits, daß nationalistisch orientierte Menschen seine Gedanken als "Waffe gegen Esperanto" benutzen werden, was sich insbesondere im Dritten Reich als wahr erwies: Esperantisten wurden verfolgt, da Zamenhofs Sprache und Verbrüderungslehre als Mittel zur "Verwirklichung des jüdischen Weltreichs" angesehen wurden. Andererseits gelten die idealistische Komponente des Esperanto und insbesondere das humanistische Weltbild Zamenhofs auch als Gründe dafür, daß Esperanto mehrere Millionen Anhänger finden und sich zu einer lebendigen Sprache entwickeln konnte, während nahezu alle anderen der rund 1.000 Plansprachenprojekte den Tod ihres Autors nicht überlebten.
Werke: Gentoj kaj Lingvo Internacia [Völker und Internationale Sprache], 1911; Homaranismo, 1913; Originala Verkaro de L. L. Zamenhof [Original in Esperanto verfaßte Werke von L. L. Zamenhof], hrsg. v. Johannes Dietterle, 1929; Plena verkaro de L. L. Zamenhof [Gesammelte Werke von L. L. Zamenhof], hrsg. v. Itô Kanzi, 53 Bde., 1979-1997.
Lit.: Marjorie Boulton, Zamenhof, Creator of Esperanto, 1960, 1980 (2. Aufl.); - René Centassi u. Henri Masson, L' homme qui a défié Babel, 1995; - Ulrich Lins, Die gefährliche Sprache, 1988, 13-48; - Ulrich Matthias, Esperanto - das neue Latein der Kirche, 1999, 17-31.
Ulrich Matthias
Literaturergänzung:
2010
Andreas Künzli, L.L.Z. (1859-1917). Esperanto, Hillelismus (Homaranismus) u.d. "jüdische Frage" in Ost- u. Westeuropa. Wiesbaden 2010.