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Verlag Traugott Bautz
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ZOELLNER, Wilhelm (Christian Heinrich Wilhelm), westfälischer Generalsuperintendent, Vorsitzender des Reichskirchenausschusses der Deutschen Evangelischen Kirche, * 30.1. 1860 in Minden als ältestes von drei Kindern des Zugführers und späteren Kaufmanns Friedrich Wilhelm Zöllner (!) und dessen Ehefrau Catharine Johanne geb. Güthenke, † 16.7. 1937 in Düsseldorf-Oberkassel. - Z. wuchs in Gütersloh auf und besuchte von 1871 bis 1879 das dortige Evangelisch-Stiftische Gymnasium. Von der dem Luthertum verpflichteten Minden-Ravensberger Erweckungsbewegung stark geprägt, entschied er sich wie die meisten seiner Mitabiturienten für den Beruf des Pfarrers. Von 1879 bis 1883 studierte er in Leipzig, Halle und Bonn Evangelische Theologie und schloß sich der christlichen Studentenverbindung Wingolf an. Von seinen Lehrern beeindruckten ihn besonders nachhaltig der Biblizist Martin Kähler und vor allem die Neulutheraner Karl Friedrich August Kahnis, Christoph Ernst Luthardt und Franz Delitzsch. Die Lektüre Wilhelm Löhes bestimmte zeitlebens sein theologisches Denken und seine Frömmigkeit mit. Zwischen den beiden kirchlichen Examina, die er 1883 und 1885 in Münster bestand, war er als Mentor eines Schülers seines alten Gymnasiums tätig und übernahm verschiedene Pfarrstellenvakanzvertretungen. Von 1885 bis 1889 war er Hilfsprediger in Gütersloh und in Friedrichsdorf, wo er die Tochter des Pfarrers, Marie Klasing, heiratete (die Ehe blieb kinderlos). Seit 1889 war er Pfarrer in der lutherischen Gemeinde Barmen-Wupperfeld und seit 1897 Vorsteher des Diakonissen-Mutterhauses Kaiserswerth. - 1905 wurde Z. in das Amt des westfälischen Generalsuperintendenten in Münster berufen. Kaiserin Auguste Viktoria hatte angeregt, Männer der Inneren Mission in kirchenleitende Ämter zu berufen, woraufhin der Geistliche Vizepräsident des preußischen Evangelischen Oberkirchenrates, Propst Hermann Freiherr von der Goltz, Z. vorgeschlagen hatte. Z. bemühte sich dann auch sehr um eine organische Verbindung von Gemeinde und Innerer Mission sowie um eine organisatorische Einordnung der Inneren Mission in die Kirche. Intensiv widmete er sich dem systematischen Aufbau der »Frauenhilfe« und bemühte sich um deren diakonische Ausrichtung. Auch engagierte er sich für die Auslandsdiaspora und -diakonie und unternahm 1910 eine längere Brasilienreise. An der Gründung des Diakonissenhauses in Münster 1914 war er maßgeblich beteiligt. Als durch und durch Konservativer, der sich u.a. an Ernst Wilhelm Hengstenberg orientierte und in der altpreußischen Generalsynode zur äußersten Rechten gehörte, setzte Z. sich entschieden dafür ein, daß theologisch liberal eingestellte Pfarrer in Westfalen keine Anstellung bekamen bzw. sogar aus dem Dienst entlassen wurden (Gottfried Traub). Auch die Lehrerschaft versuchte er auf einen streng bibel- und bekenntnisorientierten Religionsunterricht zu verpflichten. Einem vorindustriellen Ordnungsdenken verhaftet, hatte er kaum Verständnis für die soziale Frage. Trotz seiner stets beteuerten Bekenntnistreue erlag auch er der Kriegsbegeisterung vom August 1914, sprach von »Gottes Beistand« für die »gerechte Sache« des Kaisers. In einem Gottesdienst in der Leipziger Thomaskirche 1916 lobte und dankte er Gott für die Eroberung Bukarests durch deutsche Truppen. Die Kriegsniederlage und das Ende der Monarchie 1918 beurteilte er als Katastrophe. Sowohl Sozialismus als auch Liberalismus als auch Parlamentarismus und Demokratie lehnte er grundsätzlich ab. Obwohl er sich mit dem Plan einer ganz auf die Person des Bischofs zugeschnittenen episkopalen Verfassung nicht durchsetzen konnte, war auf Grund seiner stark autoritären Persönlichkeit de facto er es, der die westfälische Provinzialkirche leitete. In zunehmendem Maße, wenngleich nicht immer offen, kämpfte er - als Vertreter einer unierten Kirche - gegen die Union, die er als »die Folge der rationalistischen Verkümmerung« und einer unzulässigen Vermengung von geistlichem und weltlichem Regiment ansah. Bei seiner Mitarbeit in der ökumenischen Bewegung - Z. engagierte sich in zahlreichen internationalen Gremien - ging es ihm vor allem um die Bewahrung der konfessionellen und auch nationalen Identität. Lediglich die konfessionell lutherischen Einigungsbestrebungen förderte er nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene. Als Verfechter einer Theologie der »Schöpfungsordnungen«, zu denen außer Familie, Ehe und Geschlecht vor allem Volkstum und Vaterland gehören, begrüßte Z. die nationale Bewegung, lehnte allerdings gemäß seinem Verständnis der lutherischen Regimentenlehre ein unmittelbares (partei-)politisches Engagement der Kirche und ihrer Repräsentanten ab. Vor einer Überbetonung der Rasse warnte er frühzeitig. - 1931 trat Z. in den Ruhestand und zog nach Düsseldorf-Oberkassel. Durch Predigten, Vorträge, Rundfunkansprachen und Publikationen trat er weiterhin an die Öffentlichkeit. Von 1931 bis 1935 war er zudem 1. Vorsitzender der Reichsfrauenhilfe in Potsdam. Eine außerordentliche Wirkung erzielte Z.s »Aufruf zur Sammlung der Lutheraner« vom April 1933. Darin forderte er eine episkopal strukturierte »evangelische Kirche deutscher Nation auf klarer Bekenntnisgrundlage«, worunter er eine einheitliche lutherische Kirche mit einer reformierten und einer konsensus-unierten Teilkirche verstand. Indem er das »Bekenntnis« zur maßgeblichen Norm für den kirchlichen Neubau erklärte, nannte er das entscheidende Stichwort des beginnenden sogenannten »Kirchenkampfs«. Während er sich einerseits für die Unabhängigkeit der Kirche einsetzte, begrüßte er andererseits die »nationale Erhebung«, plädierte zunächst für eine Zusammenarbeit mit den »Deutschen Christen« (DC) und führte wahrscheinlich den späteren DC-Reichsbischof Ludwig Müller in den Berliner Evangelischen Oberkirchenrat ein. Z., der nicht nur Müller, sondern auch andere führende Persönlichkeiten des »Kirchenkampfes« - wie Karl Barth, Martin Niemöller und Müllers »Adjutanten« Horst Schirmacher - aus seiner westfälischen Zeit persönlich kannte, distanzierte sich dann zwar sehr bald von den DC, fand aber auch keinen rechten Zugang zu der sich formierenden Bekenntnisbewegung, die er vor allem des »Unionismus« verdächtigte. An der Konstituierung des Lutherischen Rates der Deutschen Evangelischen Kirche im August 1934 war er indes beteiligt, auch nahm er an dem »Lutherischen Tag« in Hannover im Juli 1935 teil. Nachdem Adolf Hitler, um den Kirchenstreit zu beenden, im Sommer 1935 Hanns Kerrl zum staatlichen Reichskirchenminister ernannt hatte, berief dieser auf Vorschlag des hannoverschen Landesbischofs August Marahrens Z. im Oktober 1935 zum Vorsitzenden des neu geschaffenen »Reichskirchenausschusses« (RKA) und damit zum obersten Repräsentanten des deutschen Protestantismus. Z., der bereits in seinem o.g. »Aufruf« vom April 1933 deutlich seinen Willen bekundet hatte, die Kirchenpolitik aktiv mitzugestalten, verfolgte das Ziel, mit Hilfe der gemäßigten Vertreter der DC und der »Bekennenden Kirche« (BK) sowie der »Neutralen« die Kirche neu zu ordnen. Dem Staat, in dessen Auftrag er amtierte, sicherte er seine Loyalität zu. Im ersten Aufruf des RKA heißt es: »Wir bejahen die nationalsozialistische Volkswerdung auf der Grundlage von Rasse, Blut und Boden.« Z.s Stellung war auf Grund der fehlenden kirchlichen Legitimität, der geringen Gestaltungsmöglichkeiten, die ihm Kerrl zugestand, der massiven Widerstände von Teilen der DC und der BK sowie des nominellen Weiteramtierens des DC-Reichsbischofs von Anfang an schwach. Als er im Februar 1937 in den Streit zwischen der DC-Kirchenleitung und BK-Pfarrern in Lübeck eingreifen wollte, wurde ihm die Fahrt nach Lübeck auf Betreiben des Reichskirchenministeriums staatspolizeilich verboten, woraufhin Z. am 12. Februar 1937 zurücktrat. Im »Wahlkampf« für die von Hitler daraufhin angeordneten Kirchenwahlen, die dann nie stattfanden, engagierte Z. sich für eine Einigungsaktion der kirchlichen »Mitte«, lehnte es aber ab, selbst zu kandidieren. - Z. war eine eigenartig ambivalente Persönlichkeit. Sein ganz auf die Kirche und das Bekenntnis ausgerichtetes theologisches und kirchenpolitisches Wollen war durchaus echt, wenn auch nicht frei von dogmatischer und konfessioneller Enge. Andererseits reflektierte er nicht die unvermeidlichen politischen Implikationen seines vermeintlich unpolitischen Handelns, auch nicht die Tatsache, daß seine Theologie der »Schöpfungsordnungen« und sein Ruf nach einer Bischofskirche stark zeitgebunden waren. Obwohl er nach 1918 die Notwendigkeit einer Unabhängigkeit der Kirche vom Staat erkannt hatte, ließ er sich in seinen letzten Lebensjahren von der Befriedungspolitik des nationalsozialistischen Unrechtsstaates vereinnahmen - wohl auch, weil er dem Reiz der Macht nicht widerstehen konnte, seine Möglichkeiten überschätzte und die eigentlichen Ziele des Nationalsozialismus verkannte. An der Stellung zu den von Z. geführten Kirchenausschüssen ist die BK auseinandergebrochen.
Werke: Amos und Hosea, Gütersloh 1897; Gnade und Wahrheit. Zehn Predigten, Barmen 1897 (= 21899); (Hrsg. mit Julius Möller), Handreichung zur Vertiefung christlicher Erkenntnis H.1-4, Gütersloh 1897; Wege vom Evangelium und Wege zum Evangelium während des Krieges, Witten 1916; Die Minoritäten der preußischen Landeskirche. Eine Tatsache und ein Problem, Witten 1917; Wege und Ziele. Grundsätzliches und Praktisches aus dem Gebiet der Inneren Mission, Potsdam 1917; Frauennot und Frauenhilfe, Leipzig 1918; Die Losung der Reformation: Durch Wahrheit zur Freiheit, Witten 1918 (= Das Wort sie sollen lassen stahn! 1); Das allgemeine Priestertum der Gläubigen und die Bedeutung des Gnadenmittelamtes, Leipzig 1919 (= Hefte der Allgemeinen Evangelisch-Lutherischen Konferenz, 7); Klare Fronten. Grundsätzliches und Praktisches zur Apologetik des Evangeliums, Schwerin 1921 (= Hefte zum Handbuch der Volksmission, 6); Die sozialen Aufgaben der evangelischen Kirche, Leipzig 1924 (= Hefte der Allgemeinen Evangelisch-Lutherischen Konferenz, 13); Das Vaterunser. Eine Auslegung, Potsdam 1930; Im Dienst der Kirche. Reden und Aufsätze aus vier Jahrzehnten, Witten 1931; Die ökumenische Arbeit des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses und die Kriegsschuldfrage. Darlegungen und Dokumente, Berlin-Steglitz 1931; Staat und Kirche. Ein Wort von Werdendem, Potsdam 1931; Die Kirche der Geschichte und die Kirche des Glaubens. Beiträge zum Neubau der Kirche, Berlin 1933; Ernst Wilhelm Hengstenberg, in: Westfälische Lebensbilder, Hauptreihe, Bd. 3, Münster 1934, 62-90; Der erste Petrusbrief für die Gemeinde ausgelegt, Potsdam 1935; Von der Neuordnung der Kirche. 3 Reden, Witten 1936; (Hrsg. mit Wilhelm Stählin), Die Kirche Jesu Christi und das Wort Gottes. Studienbuch über das Wort Gottes als Lebensgrund und Lebensform der Kirche, Berlin 1937.
Lit.: Hans Ehrenberg u. Johannes Müller-Schwefe (Hrsg.), Credo ecclesiam. Festgabe zum 70. Geburtstag des hochwürdigen Herrn Generalsuperintendenten der ev. Kirche in Westfalen am 30.1.1930 D. Wilhelm Zoellner, 2 Bde., Gütersloh 1930; - Kurt Dietrich Schmidt (Hrsg.), Dokumente des Kirchenkampfes II. Die Zeit des Reichskirchenausschusses 1935-1937, 2 Bde., Göttingen 1964-65 (= Arbeiten zur Geschichte des Kirchenkampfes, Bde. 13-14); - Kurt Meier, Der evangelische Kirchenkampf, Bd. 2: Gescheiterte Neuordnungsversuche im Zeichen staatlicher »Rechtshilfe«, Halle/Saale u. Göttingen2 1984; - Werner Philipps, Wilhelm Zoellner - Mann der Kirche in Kaiserreich, Republik und Drittem Reich (mit einer Bibliographie von Mechtild Köhn), Bielefeld 1985 (= Beiträge zur Westfälischen Kirchengeschichte, Bd. 6); - Gertraud Grünzinger u. Carsten Nicolaisen (Bearb.), Dokumente zur Kirchenpolitik des Dritten Reiches, Bd. 3: Von der Errichtung des Reichsministeriums für die kirchlichen Angelegenheiten bis zum Rücktritt des Reichskirchenausschusses (Juli 1935 - Februar 1937), hrsg. von der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte, Gütersloh 1994; - RGG V2 (1931), 2131; - RGG VI3 (1962), 1927.
Thomas Martin Schneider
Literaturergänzung:
2004
Simon Gerber, Eine lutherische Konferenz im Februar 1934, in: Zeitschrift für neuere Theologiegeschichte 11, 2004, 148-168.
Letzte Änderung: 18.12.2009