Zvi Tauber

Heinrich Heine interkulturell gelesen

Interkulturelle Bibliothek, Band 114

Rezension


Der Lebensweg des Menschen und Dichters Heinrich Heine war nicht nur äußerst komplex und vielfältig, sondern zum Teil auch widersprüchlich. Bekanntlich wurde er als Jude geboren, besuchte in seiner Kindheit zunächst eine jüdische, danach deutsche Schulen. Er studierte Rechtswissenschaft, widmete sich aber auch intensiv dem Studium von Literatur und Philosophie, und promovierte im Juli 1825 zum Doktor der Jurisprudenz. Obschon er gleichzeitig, im Alter von 27 Jahren, offiziell zum lutheranischen Glauben konvertierte, trat er mit Nachdruck gegen den Konfessionswechsel von Juden auf und verleugnete bis zu seinem Lebensende niemals seine jüdische Abstammung. Heine gehört neben Goethe und Schiller zu den größten deutschen Dichtern und stellt in diesem Sinne einen Teil des deutschen Kulturerbes dar, obgleich er den Großteil seines erwachsenen Lebens (ab Mai 1831) im Pariser Exil verbrachte. Einige der Ideen in seinen Schriften finden sich bei kanonischen Philosophen des 19. Jahrhunderts wieder; er selbst jedoch verstand sich zuallererst als Poet, ja als "Anti-Philosoph", und erklärte wiederholt, ein rein rational-konzeptuelles Denken vermöge nicht das Wesen der Dinge zu erfassen. Im Bereich der Politik war er ein Anhänger des radikalen Republikanismus, des Sozialismus und des Kommunismus, übte mithin einen gewissen Einfluß auf Karl Marx' politisch-intellektuelle Entwicklung aus; zugleich kritisierte er vehement den Verlust der Freiheit des Menschen und der Künste - die Unmöglichkeit des authentischen Lebens - im Rahmen eines, von ihm prognostizierten, "rohen" egalitären Gesellschaftsregimes. Darüber hinaus sah Heine in diesem Zusammenhang für Europa eine duale Entwicklung voraus, einerseits hin zu einem extremen deutschen Nationalismus, andererseits hin zu einer kommunistischen Diktatur.

Ein Versuch, einen der Fäden in Heines Leben und Werk als das eigentlich Wesentliche herauszugreifen und die anderen als Nebenerscheinungen abzutun, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Heines Persönlichkeit und Œuvre sind nicht zu erfassen, will man ihn etwa nur als Juden oder nur als Deutschen, nur als Dichter oder nur als "Freiheitskämpfer" (wie er sich selbst bezeichnete) sehen. Er vereint pluralistischerweise unterschiedliche, gegenläufige Elemente der Kultur in sich. Heinrich Heine interkulturell gelesen erörtert und analysiert einige dieser zwischenkulturellen Bezüge in Heines Person und Werk, unter anderem die folgenden Themen:

1. Zwischen Poesie und Philosophie
2. Zwischen deutschem Nationalismus und rohem Kommunismus
3. Zwischen Gott, dem "Gott der Philosophen" und der "Gottwerdung des Geldes"
4. Zwischen Schönheit und Gerechtigkeit

Zum Autor

Zvi Tauber, geboren 1951 in Israel, seit 1986 Dozent für Philosophie an der Universität Tel Aviv. Schwerpunkte: die Metaphysik Hegels, politische Philosophie, Politik und Ästhetik. Publikationen zur Frage der Befreiung des Menschen bei Hegel und Marx, zum Werk Heinrich Heines, zur politisch-ästhetischen Theorie Friedrich Schillers sowie zur Philosophie Herbert Marcuses (Befreiung und das Absurde: Studien zur Emanzipation des Menschen bei Herbert Marcuse, Gerlingen 1994).

Eine weitere Rezension in: WLA-online-Archiv 45. Jahrgang 2006/2, Seite 14


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