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Band XXIII (2004) Spalten 35-38 Autor: Ronny Baier

AVIANO DI, Marco (eigentl. Carlo Domenico Cristofori), Kapuzinerpater aus Venedig, großer Bußprediger und Missionar; kaiserlicher Diplomat; er war bedeutsam für den Sieg der Christen bei der 2. Türkenbelagerung von Wien; Seliger (Seligsprechung am 27. April 2003); * 17. November 1631 in Aviano in Friaul (gehörte bis zum 19. Jh. Zur Republik Venedig); † 13. August 1699 in Wien. - Marco war der älteste Sohn einer verarmten Patrizierfamilie aus Aviano. Trotz finanzieller Schwierigkeiten wollten die Eltern ihrem ältesten Sohn Marco eine gute Ausbildung ermöglichen. So kam Marco ans Jesuitenkolleg von Görz, wo er bis zum Alter von 17 Jahren blieb. Marco war so sehr vom Wunsch erfüllt, die Türken zu bekehren und als Märtyrer für Christus zu sterben, daß er aus dem Kollegium floh. Er bestieg ein Schiff an die Levante, wo seine Geldmittel aber bald aufgebraucht waren, so daß seine Missionsreise bereits in Capodistria (das heutige Koper) endete. Dort fand der völlig mittellose Marco Aufnahme im Kapuzinerkloster. Er lernte den Orden schätzen und lieben und trat schließlich am 21. November 1648 ins Kapuzinerkloster Conegliano als Novize ein. Im folgenden Jahr legte er seine feierliche Profess ab, am 18. September 1655 erhielt er die Priesterweihe. Allerdings begann Marco erst nach der Weihe ernsthaft Theologie zu studieren und das Predigtdiplom erhielt er gar erst im September des Jahres 1665. Und kaum daß er das Diplom in der Tasche hatte, zeigte sich auch schon sein Talent fürs Predigen. Marco zog die Menschen in Scharen an. Neben der Predigt galt sein Wirken vor allem der Krankenfürsorge. Was nun die Krankenpflege anbelangt, erwarb sich Marco schnell den Ruf eines "Wundertäters." Wo er auftauchte, suchten ihn die Menschen zu berühren. 1680 folgte die erste Missionsreise nach Deutschland. Trotz daß DŽAviano nur Italienisch und Lateinisch predigte, begeisterte er auch hier die Massen. Auf seiner Reise durch Deutschland und Österreich lernte Marco auch den Schwager des Kaisers, Herzog Karl V. von Lothringen, kennen, mit dem sich ein besonders enges und freundschaftliches Verhältnis entwickelte. Als Karl 1682 ernstlich erkrankte, wünschte er vor allem DŽAviano an seinem Bett zu sehen. Der Zustand des scheinbar hoffnungslos kranken Herzogs besserte sich denn auch zusehends, was Marco wieder einmal den Ruf als Wunderheiler einbrachte. Der Herzog erlangte seine Kräfte wieder und spielte im folgenden Jahr noch eine bedeutende Rolle im Kampf gegen die Türken. Karl war es auch, der DŽAviano mit Kaiser Leopold I. bekannt machte, den dieser 1680 zum ersten Mal in Linz trifft. Diese Begegnung war der Beginn einer bedeutenden freundschaftlichen Beziehung. Erich Feigl zitiert in seiner Biographie über Marco den Historiker Onno Klopp: "Pater Markus war der intimste Ratgeber des Monarchen, Vertrauter in all seinen Geheimnissen, sein Seelenvater." Der Kaiser hielt Marco auch auf dem Laufenden, was die Türkengefahr betraf und als die Türken dann 1683 erneut vor Wien auftauchten, eilte Marco ausgestattet mit der Vollmacht eines päpstlichen Legaten nach Österreich, um den alliierten Truppen seine geistliche Unterstützung anzubieten. Zahlreiche Quellen berichten, daß Marco vor der entscheidenden Schlacht am 12. September 1683 auf dem Kahlenberg noch eine feierliche Messe gehalten habe. Ob dazu aber im Kampfgetümmel noch Zeit blieb, lässt sich wohl nicht mehr erweisen. Gewiss war er aber unter den Soldaten zu finden, um ihnen den Segen zuzusprechen und sie für den bevorstehenden Kampf zu ermutigen. Auch ist es seinem diplomatischen Geschick zu verdanken, daß unter den christlichen Heerführern kein Streit ausbrach und der polnische König nominell das Oberkommando (auch über die kaiserlichen Truppen) erhielt. Der Kaiser selbst blieb im Kloster Dürmstein und ließ sich von DŽAviano über den Verlauf der Schlacht berichten. Seine Anwesenheit auf dem Schlachtfeld hätte eh nur protokollarische Schwierigkeiten verursacht. Der Sieg in Wien leitete die Wende in den Türkenkriegen ein. Marco arbeitete erfolgreich an einem Bündnis zwischen Polen und dem Habsburger Reich. In den folgenden Jahren begleitete er Herzog Karl V. von Lothringen und sein Heer immer wieder auf seinen Feldzügen nach Ungarn. Marco erlebte 1686 die Rückeroberung von Buda und Ofen und 1687 auch die Eroberung von Belgrad. - 1699 war das Todesjahr von Pater DŽAviano. Gesundheitlich schon schwer angegriffen, kam er noch einmal nach Wien, um den Kaiser und dessen Familie zu sehen. Das Kaiserpaar war denn auch zur Todesstunde bei ihm. Kaiser Leopold I. ordnete daraufhin selbst die Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen Freund an. Noch zu Lebzeiten begannen die Anstrengungen des Kapuzinerordens die Heiligsprechung von Pater DŽAviano zu erreichen (mit Hilfe des Kaisers), ohne Erfolg. Es dauerte bis ins 19. Jahrhundert bis man die Anstrengungen wieder verstärkte. Doch erst das Jahr 2003 brachte die vom Orden so lang ersehnte Seligsprechung. Am 27. April sprach Papst Johannes Paul II. Marco dŽAviano selig. Dazu schreibt die Neue Züricher Zeitung in der Ausgabe zum selbigen Tag: "Vor Zehntausenden von Gläubigen hat Papst Johannes Paul II am Weißen Sonntag auf dem Petersplatz in Rom ... selig gesprochen ... den Wanderprediger Marco dŽAviano, der Katholiken und Protestanten während der Belagerung Wiens 1683 zum Widerstand gegen die Türken ermutigt hatte. .... Der Kapuzinermönch sei beseelt gewesen vom Willen, sich der Verteidigung von Freiheit und Einheit eines christlichen Europa zu widmen.......... ."

Quellen / Korrespondenz P. Marcos:: Die bedeutendsten handschriftlichen Quellen sind im General-Postulationsarchiv der Kapuziner in Rom und in den Ordensarchiven in Wien, Venedig, Innsbruck und Bozen aufbewahrt. Weitere wichtige Zeugnisse zur Person von Pater DŽAviano sind die entsprechenden Akten der Haus-, Staats- und Kreisarchive in München, des Haus-, Hof- und Staatsarchivs in Wien, Handschriften der Wiener Nationalbibliothek, aus den Bibliotheken des Franzensmuseum in Brünn, der Biblioteca della Vallicelliana in Rom und aus dem Museo Correr in Venedig. - Die umfangreiche Korrespondenz Pater Marcos konnte trotz Verlusten recht gut dokumentiert werden: Maria Héyret (Hrsg.), "Pater Markus von Aviano, Einführung in seine Korrespondenz", 3 Bde., München 1937, 1938, 1940 (Die Briefe sind nach Adressaten unterteilt: Bd.1: Hohe geistliche Würdenträger, Priester und Ordensleute; Bd.2: Kaiser Leopold und Pater Markus (1680-1699); Bd.3: Kaiser Leopolds Familie und bedeutende Persönlichkeiten des Hofes). - Eine weitere bedeutende Briefedition ist die von Onno Klopp: "Corrispondenza epistolare tra Leopoldo I. imperatore ed il P. Marco dŽAviano capuccino dai manoscritti originali", Graz 1888. - Eine andere Briefsammlung wurde von Conte Francesco delle Torre (kaiserlicher Botschafter in Venedig) hrsg.: "Lettere inedite del P. Marco dŽAviano scritte negli anni 1682-1683", Udine 1893.

Lit.: Alois P. Freudhofmeier, P. Marco dŽAviano: in harter Zeit der Schutzgeist von Österreich, Wien 1891; - Maria Héyret, P. Marcus von Aviano: Ein Rettungsengel in schwerer Zeit, Klagenfurt 1900; - Dies., Pater Marco von Aviano: der geistesgewaltige Bußprediger in Krieg und Frieden, München 1915; - Dies., Der ehrwürdige Kapuziner P. Marcus von Aviano gest. 1699: Skizzen und Erinnerungen, Altötting 1917; - Dies., P. Markus von Aviano. Apostolischer Missionär und päpstlicher Legat beim christlichen Heere. Zur Erinnerung an die 3. Jahrhundertfeier seiner Geburt, München 1931; - Dies., Die gedruckten Schriften des Marcus von Aviano und deren Verbreitung, in: Collectanea Franciscana 10 (1940), 29-65, 219-238, 494-509; - H. Kirsch (Hrsg.), Am Grabe des Pater Markus von Aviano. Neun Predigten gehalten bei der Dritten Gedächtnisfeier des Wiener Eucharistischen Weltkongresses, Wien 1915 (die Predigten gehen auf die aktuelle politische Lage zur Zeit des 1. Weltkrieges ein); - Karl Johannes Grauer, Ernst Karl Winter u. H.K. Zessner-Spitzenberg (Hrsg.), Marco dŽAviano. Sein Werk und seine Zeit. Eine Festschrift zum 250. Jahrestag der Türkenbefreiung, Wien 1933; - Markus von Aviano Denkmalkomitee Wien (Hrsg.), Festschrift zur Weihe des Denkmals für Markus von Aviano am 9. Juni 1935 in Wien, Wien 1935; - Vinzenz Oskar Ludwig, Markus von Aviano, der Retter Europas, Wien 1935; - Werner P. Weinrother, Pater Markus von Aviano: Kapuziner, Wien 1949; - Anna Coreth, Unbekannte Briefe P. Marco dŽAvianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen (1690-1697), in: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, Bd. 9, Wien 1956, 23ff.; - Provinzialat der Kapuziner (Hrsg.), Marco dŽAviano: Beter - Apostel - Retter Wiens, Wien 1983; - Erich Feigl, Halbmond und Kreuz: Marco dŽAviano und die Rettung Europas, Wien 1993; - Ruggero Simonato (Hrsg.), Marco dŽAviano e il suo tempo. Un cappuccino del Seicento, gli Ottomani e lŽimpero, Pordenone 1994; - Peter Nissen, Gebed, berouw en volksvermaark. Het optreden van pater Marcus van Aviano in Roermond in 1681, in: Spiegel van Roermond (1997), 19-35; - Seligsprechungsakten Vindobonen. Seu Venetiarum, beatificationis et canonizationis venerabilis Servi Dei Marci ab Aviano (in saec.: Caroli Dominici Cristofori) sacerdotis professi Ordinis Fratrum Minorum Cappuccinorum (1631-1699). Positio super miraculo, Congregatio de Causis Sanctorum P.N. 435, Rom 1997; - Fidelis Krautsack, Markus von Aviano: Künder eines geeinten christlichen Europa, Wien 1999; - J. Pisa u.a., Marco dŽAviano. Prediger und Diplomat, Ausstellungs-Katalog, hrsg.v. Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Wien 2000; - BS VIII, 704-706; - DSp X, 264-265; - NDB XVI, 128f.

Ronny Baier

Letzte Änderung: 15.01.2006