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Band XVIII (2001)Spalten 180-190 Autor: Matthias Wolfes

BLEIER, August Hermann Johannes, evangelischer Theologe, * 2. August 1882 in Erkrath bei Düsseldorf, † 12. Januar 1958 in Berlin. - B. wuchs als Sohn eines Pfarrers und Superintendenten in Düsseldorf auf. Nach Ablegung der Abiturprüfung in seiner Heimatstadt studierte er Theologie an den Universitäten Halle, Tübingen und Bonn. Die Ordination erfolgte am 8. November 1908. Anschließend wurde er zunächst Hilfsprediger und 1909 Pfarrer in Gummersbach. 1912 übernahm er eine Pfarrstelle in Grevenbroich (Rheinland). 1915 wurde ihm die dritte Pfarrstelle an der Trinitatiskirche in (Berlin-) Charlottenburg übertragen. Ein 1928 unternommener Versuch, in Frankfurt am Main eine Pfarrstelle zu erhalten, scheiterte. In Berlin amtierte B. bis zum Eintritt in den Ruhestand am 1. Februar 1953. Seine Amtszeit an der Trinitatisgemeinde erstreckte sich auf mehr als 38 Jahre. - In den Jahrzehnten seiner Berliner Tätigkeit zählte B. zu den bekanntesten Predigern der Stadt. Zu seinen Hörern, die er auch über Rundfunk-Sendungen erreichte, gehörten in großer Zahl Arbeiter und Kirchenferne. Theologisch knüpfte er an die liberale Theologie der Zeit an. Dabei bildete er einen eigenen, in der theologischen Argumentation stark sozialpolitisch geprägten, überdies auf pantheistische Motive zurückgreifenden Standpunkt aus, der ihm seit Ende 1919 wiederholt die Kritik der Kirchenbehörde und auch des Gemeindekirchenrates eintrug. Nachdem B. in den Jahren vor 1914 und in den ersten Kriegsjahren noch Anhänger einer deutsch-nationalistischen Denkweise gewesen war (vgl. etwa: Der Stern des Morgenlandes. Einsegnungsrede, gehalten am 14. März 1916 in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Berlin 1916), führte der Eindruck des Krieges selbst zu einem völligen Wandel seiner politischen Überzeugungen. Seit 1917 beteiligte er sich an religiös motivierten pazifistischen Aktivitäten. Er unterstützte die »Vereinigung evangelischer Friedensfreunde« Karl Aners (1879-1933), die sich im Frühjahr 1918 in der Folge der - auch von B. unterzeichneten - Friedenserklärung Berliner Geistlicher (Oktober 1917) gebildet hatte. Er war Mitglied des »Bundes Neue Kirche« und seit 1921 an führender Stelle innerhalb der Berliner religiös-sozialistischen Bewegung tätig. Im September 1924 rückte er in den Zentralvorstand des »Bundes religiöser Sozialisten« auf. Eine von B. gegründete und geleitete Regionalgruppe des Bundes religiöser Sozialisten unter der Bezeichnung »Vereinigung der Freunde von Religion und Völkerfrieden (VDF)« sicherte ihm in der Gemeinde, aber auch im Bund Einfluß und Gestaltungsmöglichkeiten (zu dieser radikalpazifistischen Vereinigung und B.s Leitungsfunktion vgl. die eingehenden Darstellungen von Matthias Manrique: Trinitatis im Wandel der Zeit 1896-1961. Studie und Dokumentation, Berlin 1992, 52-70, und Ulrich Peter: Der »Bund der religiösen Sozialisten« in Berlin von 1919 bis 1933, Frankfurt am Main u.a. 1995, 235-249. 262-282). Jedoch nicht nur in der theologischen Begründung, sondern auch in der praktischen Umsetzung der kirchenreformerischen Programmatik trat B. hervor. So ging etwa die Form der »Feierstunde«, als spezifische Gottesdienstgestalt religiös-sozialistisch eingestellter Christen, maßgeblich auf seine Anregungen zurück. In der Trinitatiskirche wurden in den Jahren zwischen 1922 und 1933 mehr als einhundert solcher Feierstunden veranstaltet. Proteste und auch theologisch fundierte Kritik von seiten der Kirchlich-Positiven blieben nicht aus, beirrten B. aber nicht in der Durchführung. Neben seiner ausgebreiteten Predigt- und Vortragstätigkeit engagierte B. sich als kirchenpolitischer Publizist. Als ständiges Organ der VDF gründete er im Januar 1923 das »Mitteilungs-Blatt der Vereinigung der Freunde von Religion und Völkerfrieden«. Seit Jahresbeginn 1926 gab er die Zeitschrift »Der Weltfriede« heraus, die bis April 1933 erschien. In beiden Fällen war B. selbst, neben dem ihm eng verbundenen Neuköllner Pfarrer Paul Piechowski (1892-1966), der Hauptautor. Das thematische Spektrum seiner politischen Publikationen reichte von der Bodenreform über die Lage der Dienstboten und die Frauenfrage. Entschieden sprach er sich für die Abschaffung der Todesstrafe aus (vgl.: Wider den Mord, in: Das Neue Werk. Ausgabe vom 28. September 1919). Wiederholt trat B. für eine konsequente Trennung von Staat und Kirche ein, wobei er von einer entsprechenden verfassungsmäßigen Neuregelung »eine freie Kirche im freien Staat« erhoffte (Arbeiterschaft und Kirche, in: Vorwärts. Ausgabe Nr. 318 vom 25. Juni 1920). Zahlreiche Predigten und Reden, in denen er zu den Themen Pazifismus und Krieg, Arbeiterschaft und Christentum, Sozialismus und Religion, Monarchie und Republik Stellung nahm, fanden auch in schriftlicher Form Verbreitung. Vor allem in den Jahren von 1920 bis 1925 erreichten seine Aktivitäten eine derartige Intensität, daß B. als Repräsentant der religiös-sozialistischen Bewegung in ganz Deutschland bekannt war. Oft widmete er sich aktuellen politischen Themen, wie etwa der Schulfrage oder der Fürstenenteignung. Seine Haltung im Blick auf die Volksentscheidung über eine entschädigungslose Enteignung der deutschen Fürstenvermögen (die Abstimmung fand am 20. Juni 1926 statt) führte im Mai 1926 zu der schwersten Auseinandersetzung, die seitens der konservativen Gruppen in Gemeinde und Kirchenkreis gegen B. geführt wurde. Auf Antrag seines in der gleichen Gemeinde amtierenden Kollegen, des DVP-Reichstagsabgeordneten und Vorsitzenden des Berliner Protestantenvereins Pfr. Dr. Paul Luther, erklärte die Kreissynode des Kirchenkreises Friedrichswerder II, zu dem Charlottenburg gehörte, sie bedaure es »aufs tiefste«, »daß ein solcher Mann in unserer Mitte tätig ist« (nach einem Bericht des Superintendenten Raack an das Konsistorium vom 13. Juni 1926, in: Evangelisches Zentralarchiv Berlin [EZA]. Bestand 14 / 22.458). Diese Erklärung wurde von liberalen und linksgerichteten Berliner Presseorganen aufgegriffen und zum Anlaß für kritische Berichte über die politische Verfassung der Kirche genommen. Innerhalb der Gemeinde wurde die Polarisierung weiter verschärft, doch stärkte auf der anderen Seite die Unterstützung, die B. durch mehrere einflußreiche sozialdemokratische Landespolitiker und weitere Parteirepräsentanten sowie durch eine große öffentliche Protestveranstaltung erhielt, seine Stellung. - Noch im November 1918, unmittelbar nach ihrer Gründung, trat B. - wie auch Aner und Theodor Devaranne, die gleichfalls in der Trinitatisgemeinde amtierten - der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei. Seit 1920 war er Mitglied der SPD und des republikanischen »Reichsbanners«; der Partei blieb er bis zu ihrem Verbot am 22. Juni 1933 verbunden. B. engagierte sich als politischer Publizist im sozialdemokratischen »Vorwärts« (der erste nachweisbare Beitrag stammt vom Juni 1920: Arbeiterschaft und Kirche, in: Vorwärts. Ausgabe Nr. 318 vom 25. Juni 1920) und in anderen Presseorganen sowie als Redner bei SPD- oder Gewerkschaftsveranstaltungen. Von 1920 bis 1923 leitete er die Berliner Ortsgruppe der pazifistischen Deutschen Friedensgesellschaft (DFG). Bis 1927 gehörte er als Beisitzer dem Zentralvorstand der DFG an. Auch publizistisch setzte B. sich für die Ziele der Friedensgesellschaft ein (vgl. u.a.: Ist die deutsche Friedensgesellschaft politisch neutral?, in: Die Menschheit. Organ des Bundes für Menschheitsinteressen 9 (1922), 43-44). Daneben war er Mitglied des Friedenskartells, der »Gruppe revolutionärer Pazifisten« (die er gemeinsam mit Kurt Tucholsky, Walter Mehring, Ernst Toller und Erich Weinert gegründet hatte), des »Bundes für radikale Ethik«, des »Bundes für Menschheitsinteressen«, des »Friedensbundes der Kriegsteilnehmer« sowie des Vorstandes des Worpsweder Kinderheimes »Barkenhof«. Die in Gesellschaft und Politik weit verbreitete Judenfeindschaft lehnte B. ab. Viel zu stark war er in pazifistische und sozialdemokratische Diskussionszirkel eingebunden, als daß er für die propagandistischen Attacken des zeitgenössischen Antisemitismus hätte empfänglich sein können. In einem Artikel für die Zeitschrift »Das Neue Werk«, das vor allem von Christen aus dem Umfeld der DDP gelesen wurde, nahm er entschieden Stellung gegen die »verwüstende Propaganda des Rassenhasses«. B. konnte hier seine Position in einem Satz zusammenfassen: »Wer Antisemit ist, kann kein Christ sein« (Zum 9. November, in: Das Neue Werk. Ausgabe Nr. 34 vom 23. November 1919). Nach 1933 mußte er die Verfolgung und Ausgrenzung der jüdischen Bürger mit Entsetzen beobachten. Soweit als im Blick auf seine eigene prekäre Situation noch möglich, versuchte er zumindest für den kirchlichen Bereich, der immer schärferen Isolierung entgegenzuwirken. Aktenkundig ist sein Bemühen darum, »getauften Juden«, d.h. konvertierten Christen jüdischer Herkunft, den Zugang zu Gottesdiensten noch im September 1941 - zu einem Zeitpunkt, als das Tragen des Sternes bereits vorgeschrieben war - offen zu halten (vgl. die Eintragung im Protokollbuch des Gemeindekirchenrates der Trinitatisgemeinde: Protokollbuch 1915 - 1949, 379 [Gemeindearchiv]; eine entsprechende Notiz findet sich auch in dem im Nachlaß vorliegenden Kriegstagebuch B.s). Auch an den Auseinandersetzungen um avantgardistische Werke pazifistischer Künstler beteiligte B. sich. In dem Prozeß, der seit Dezember 1928 gegen George Grosz wegen seiner vermeintlich »gotteslästerlichen« Zeichnung »Christus mit der Gasmaske« (1927) geführt wurde, trat B. Ende 1930 als Gutachter zugunsten von Grosz auf (siehe die ausführliche Darstellung dieses Prozesses bei Lothar Fischer: George Grosz, Reinbek bei Hamburg 1976, 97-102; das nicht veröffentlichte Gutachten, erstattet am 3. Dezember 1930 vor der II. Großen Strafkammer des Landgerichtes Berlin IV, befindet sich im Nachlaß). Versuche der Deutschen Christen, die seit der Kirchenwahl vom Juli 1933 auch in der Trinitatisgemeinde die Entscheidungsgremien dominierten, B. aus seinem Amt zu drängen, scheiterten (vgl. hierzu u.a. B.s Schriftsatz »Antwort auf die vorliegenden Beschwerden« vom 26. Mai 1933, in: EZA. Bestand 14 / 22.460). Selbst ein Versuch des Konsistoriums, ihn durch eine Anordnung des Reichsbischofs in den Ruhestand versetzen zu lassen, führte nicht zum Ziel. Als Begründung für diesen Antrag wurde angeführt, B. befinde sich »seit längerer Zeit in einem so starken Gegensatz zum nationalsozialistischen Gemeindeteil, daß kein Friede herrscht und die Nationalsozialisten die Gottesdienste meiden« (Schreiben des Konsistoriums an den Reichsbischof vom 22. März 1934, in: EZA 14 / 22.453). Dennoch sah B. sich seit Frühjahr 1933 wiederholt Bedrohungen durch SA-, SS- und Gestapo-Trupps ausgesetzt (vgl. den Bericht von einer solchen Attacke bei Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Charlottenburg, Berlin 1998, 191-191). Hausdurchsuchungen, Einbestellungen zu Vernehmungen, Denunziationen, Arbeitsbehinderungen, Zerwürfnisse mit engsten früheren Mitstreitern und persönliche Enttäuschungen gehörten seither zu seinem Alltag. Im Einzelfall konnte B. noch auf die Unterstützung aus Gemeindekreisen und sogar aus der Kirchenleitung rechnen. (Oberkonsistorialrat Gruhl vom Konsistorium der Mark Brandenburg lehnte im Mai 1933 die Eröffnung eines Disziplinarverfahrens ab.) Doch verschärfte sich der Druck immer mehr. Nachdem B. schließlich, in weitgehend isolierter Position, eine Erklärung abgegeben hatte, derzufolge er sich ausschließlich auf die seelsorgerliche Arbeit konzentrieren werde, wurden weitere Versuche, eine Amtsenthebung zu erreichen, nicht mehr unternommen. Im April 1938 nahm er an einer vom Konsistorialpräsidenten im Auftrag des Evangelischen Oberkirchenrates geleiteten Versammlung teil, auf der ein großer Teil der Berliner Pfarrerschaft, darunter auch B., den sogenannten Treueeid auf Hitler leistete. - Nach 1945 trat B. nicht mehr in vergleichbarer Weise wie zuvor öffentlich in Erscheinung. Zwar nahm er noch an dem Neuaufbau der religiös-sozialistischen Bewegung teil - hierin in enger Verbindung mit Arthur Rackwitz (1895-1980) -, doch beschränkte er sich auch jetzt vornehmlich auf die Gemeindearbeit. Der »Arbeitsgemeinschaft der Religiösen Sozialisten (ARS)« von Rackwitz konnte er sich wegen der dortigen SED-Orientierung nicht anschließen. Für die SPD hingegen, der er nach Ende des Dritten Reiches wieder angehörte, blieb er bis in die fünfziger Jahre bei Wahlkampfveranstaltungen und als Publizist tätig. In seinem Begleitschreiben zur Ruhestandsverfügung vom 17. Mai 1952 brachte Bischof Dibelius, obwohl »wir in unseren Anschauungen oft erheblich auseinandergegangen« sind, seine Wertschätzung für eine jahrzehntelange, »einen beträchtlichen Kreis von Menschen« sammelnde Tätigkeit zum Ausdruck (Nachlaß Bleier, Privatbesitz). - B.s Engagement für Frieden, Völkerverständigung, Demokratie und soziale Gerechtigkeit war ausdrücklich nicht auf den kirchlichen Bereich beschränkt. Er erreichte Bevölkerungskreise, die keinen Bezug zur kirchlichen Verkündigung mehr hatten (vgl. hierzu die protokollierten Aussagen von Berliner Arbeitern über ihren Besuch von Gottesdiensten B.s bei Paul Piechowski: Proletarischer Glaube. Dritte Auflage, Berlin 1928, 85). Innerkirchlich wirkte B. allerdings insgesamt polarisierend. Einen erkennbaren Einfluß auf offizielle kirchliche Stellungnahmen haben er oder seine religiös-sozialistischen Mitstreiter in den zwanziger oder frühen dreißiger Jahren nicht ausgeübt. Sie wurden vielmehr seit ihren ersten friedenspolitischen Initiativen ausgegrenzt und erfolgreich marginalisiert. Bemerkenswert ist immerhin, daß seitens der Kirchenbehörden disziplinarische Maßregelungen, bis zum Beginn des Kirchenkampfes, nicht eingeleitet wurden. Zwar wurden B. und weitere religiös-sozialistische Pfarrer wiederholt wegen ihres intensiven politischen Einsatzes, dazu wegen einzelner Lehrinhalte, kritisiert. Auch erfolgte im Falle B.s durch das Berliner Konsistorium eine genaue Beobachtung seiner Tätigkeit mit dem Zweck, ihm Verfehlungen und Verletzungen seiner Dienstpflichten nachweisen zu können (vgl. den Brief des Evangelischen Oberkirchenrates an das Konsistorium vom 31. Januar 1925, in dem auf eine mehrseitige Auflistung theologischer und politischer Verfehlungen reagiert wird, die das Konsistorium zusammengestellt hatte; EZA 14 / 22.458). Doch liegen Hinweise darauf, daß bis 1933 Verfahren zur Amtsenthebung oder zur Dienstversetzung eingeleitet worden wären, weder im Blick auf B. noch auf weitere prominente Berliner Vertreter des »Bundes der religiösen Sozialisten« vor. - Nach außen hin ist das Engagement dieser Pfarrer von ambivalentem Charakter. Zwar konnten sie aufgrund der Entschlossenheit ihres Einsatzes nichtkirchlichen Zeitgenossen einen Eindruck von der Konsequenz und Ernsthaftigkeit christlicher Friedensethik vermitteln. Doch wirkte die ablehnende Haltung der Kirchenleitung, dazu die offene Polemik und politische Kritik einer Mehrzahl der evangelischen Pfarrer und Gemeinderepräsentanten auf diesen gleichen Kreis ernüchternd im Blick auf die Friedens- und Demokratiefähigkeit der Kirche. Ein Beispiel hierfür ist die scharfe Kritik, die Carl von Ossietzky im August 1921, im Anschluß an eine positive Würdigung der friedenspolitischen Aktivitäten B.s, am »deutschen Protestantismus« insgesamt und der »evangelischen [Kirchen-]Körperschaft« insbesondere übte (Carl von Ossietzky: Die Würde des evangelischen Geistlichen, in: Monistische Monatshefte. Ausgabe vom 1. August 1921; zitiert nach: Ders.: Sämtliche Schriften. Band I, Reinbek bei Hamburg 1994, 505-506, hier: 506). Einen Anhalt in B.s eigener Einschätzung fand die kritische Sicht Ossietzkys insofern, als auch B. selbst gelegentlich Bedenken darüber äußerte, ob tatsächlich die Kirche der geeignete Raum sei für ein demokratisches, sozialpolitisch und pazifistisch orientiertes Engagement (vgl.: Wohin geht unser Weg?, in: Der religiöse Sozialist 1 (1922). Heft 5, 1-2). Auf der anderen Seite nutzte B. jahrzehntelang die rechtliche und faktische Sicherstellung, die ihm sein kirchliches Amt gegenüber allen politischen Angriffen gab. Daß B., trotz aller Kritik und abgesehen von der Zeit des Dritten Reiches, in seiner Tätigkeit kirchlicherseits nicht behindert wurde, ist nicht allein in der Unterstützung begründet, die er aus politischen Kreisen, bis hin zum Preußischen Ministerpräsidenten, erhielt. Ein wichtiger Grund liegt in dem massiven und für andere politische Pfarrer der Zeit in dem Ausmaß kaum bezeugten Rückhalt, den er in der Gemeinde und auch in weiten Teilen einer von Religion und Kirche entfremdeten Bevölkerung genossen hat. Einzigartig in der Kirchengeschichte der Provinz Brandenburg ist denn auch eine Unterstützungsaktion im Jahre 1921, bei der dem Präsidenten des Konsistoriums eine gegen ein laufendes Verfahren gegen B. gerichtete Protestnote überreicht wurde: 20.000 unterzeichnete Kirchenmitglieder kündigten ihren Austritt für den Fall an, daß »Pfr. Bleier gezwungen wird, das Pfarramt aufzugeben« (Matthias Manrique: Trinitatis im Wandel der Zeit 1896-1961. Studie und Dokumentation, Berlin 1992, 56; vgl.: EZA 14 / 22.456: Personalakte Bleier: Annex-Band-Solidaritätsunterschriften 1921).

Nachlaß: Der Nachlaß Bleier, der vollständig erhalten ist, befindet sich in Privatbesitz. Eine erste Auswertung ist durch Matthias Manrique in den Jahren 1990 und 1991 erfolgt (vgl. Matthias Manrique: Trinitatis im Wandel der Zeit 1896-1961. Studie und Dokumentation. Im Spiegel der Konsistorialakten und des Nachlasses Bleier. Herausgegeben im Auftrag der Evangelischen Trinitatisgemeinde Berlin-Charlottenburg, Berlin 1992, 10. 151-158). Der Nachlaß umfaßt eine Vielzahl von Materialien diverser Gattungen zu den Vorgängen in der Trinitatis-Gemeinde seit Bleiers Amtsantritt. Von besonderem Wert sind ein Kriegstagebuch, Korrespondenzen und zahlreiche Druckschriften. - Zwei Photographien von Bleier finden sich bei Matthias Manrique: Ebd., 92 und 134.

Archivalien: Eine insgesamt sechsbändige Personalakte Bleiers befindet sich im Evangelischen Zentralarchiv Berlin. Bestand 14: Konsistorium Berlin-Brandenburg 1572-1945: EZA 14/ 22.455: Personalakte Bleier bis 1922; EZA 14 / 22.456: Personalakte Bleier: Annex-Band-Solidaritätsunterschriften 1921; EZA 14 / 22.457: Personalakte Bleier. Band III (1922-1924); EZA 14 / 22.458: Personalakte Bleier. Band II; EZA 14 / 22.459: Personalakte Bleier. Band I vom 14. März 1922 - 1923; EZA 14 / 22.460: Personalakte Bleier, 1933ff. Hinweise auf weitere EZA-Archivalien bietet Ulrich Peter: Der »Bund der religiösen Sozialisten« in Berlin von 1919 bis 1933, Frankfurt am Main u.a. 1995, 673-674. Hinweise auf Materialien im Gemeindearchiv der Trinitatisgemeinde Berlin-Charlottenburg gibt Matthias Manrique: Trinitatis im Wandel der Zeit 1896-1961, Berlin 1992, 150-158.

Publikationen: Der Stern des Morgenlandes. Einsegnungsrede, gehalten am 14. März 1916 in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Berlin 1916; Wider den Mord, in: Das Neue Werk. Ausgabe vom 28. September 1919; Zum 9. November, in: Das Neue Werk. Ausgabe Nr. 34 vom 23. November 1919; Arbeiterschaft und Kirche, in: Vorwärts. Ausgabe Nr. 318 vom 25. Juni 1920; Christentum und Pazifismus, o.O. 1921; Christentum, Völkerversöhnung, Weltfrieden, Flensburg 1922; Der neue Geist. Zwei Vorträge, Berlin 1922; Ist die deutsche Friedensgesellschaft politisch neutral?, in: Die Menschheit. Organ des Bundes für Menschheitsinteressen 9 (1922), 43-44 (Ausgabe Nr. 10 vom 11. März 1922); Ist die Friedensgesellschaft politisch neutral?, in: Die Menschheit. Organ des Bundes für Menschheitsinteressen 9 (1922), 125-126 (Ausgabe Nr. 27 vom 8. Juli 1922); Wohin geht unser Weg?, in: Der religiöse Sozialist 1 (1922). Heft 5, 1-2 (Ausgabe Nr. 5 vom 15. Mai 1922); Der Alkohol, der Feind des Volkes und der Menschheit, Brandenburg an der Havel 1923; Hindert die Religion uns, Mensch zu werden?, in: Mitteilungs-Blatt der Vereinigung der Freunde von Religion und Völkerfrieden 1 (1923). Nr. 2, 2-3 (Ausgabe Nr. 2 vom März 1923); Die neue Gesellschaft. Reden, Berlin 1924 (darin: Kaisertum und Christentum - Christus oder Caesar?); Der Oster-Mythos, in: Mitteilungs-Blatt der Vereinigung der Freunde von Religion und Völkerfrieden 2 (1924). Nr. 6, 4 (Ausgabe Nr. 6 vom Juni 1924); Frühlingsglaube. Morgenansprache im Berliner Rundfunk, in: Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes. Ausgabe 18 /1925 vom 3. Mai 1925, 21-22; Der Weg der Volkskirche, in: Der Tagesspiegel. Ausgabe Nr. 163 vom 16. Juli 1946.

Lit.: Carl von Ossietzky: Die Würde des evangelischen Geistlichen, in: Monistische Monatshefte. Ausgabe vom 1. August 1921 [Nachgedruckt in: Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften (Oldenburger Ausgabe). Band I: 1911-1921. Texte 1-296. Herausgegeben von Mathias Bertram, Ute Maack und Christoph Schottes], Reinbek bei Hamburg 1994, 505-506; - Denkschrift des Bundes religiöser Sozialisten (Abteilung Neukölln) über die kirchliche Lage der Gegenwart. Mit Geleitwort von Paul Piechowski, Berlin-Neukölln 1922; - Paul Piechowski: Proletarischer Glaube. Dritte Auflage, Berlin 1928 [Fünfte Auflage: Berlin 1928]; - Evangelisches Pfarrerbuch für die Mark Brandenburg seit der Reformation. Herausgegeben vom Brandenburgischen Provinzialsynodalverband. Zweiter Band: Verzeichnis der Geistlichen. Erster Teil. Bearbeitet von Otto Fischer, Berlin 1941, 35; - Gottfried Mehnert: Evangelische Kirche und Politik 1917-1919. Die politischen Strömungen im deutschen Protestantismus von der Julikrise 1917 bis zum Herbst 1919 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Band 16), Düsseldorf 1959; - Zwischen Funkturm und Kirchtürmen. Gemeindebuch der evangelischen Kirchengemeinden des Kirchenkreises Berlin-Charlottenburg. Herausgegeben vom Kreiskirchenrat Charlottenburg, Berlin 1961, hier: A. Schneider: Die Trinitatis-Gemeinde (19-22); - Günther Dehn: Die alte Zeit, die vorigen Jahre. Lebenserinnerungen, München 1962; - Karl-Wilhelm Dahm: Pfarrer und Politik. Soziale Position und politische Mentalität des deutschen evangelischen Pfarrerstandes zwischen 1918 und 1933 (Dortmunder Schriften zur Sozialforschung. Band 29), Köln / Opladen 1965; - Renate Breipohl: Religiöser Sozialismus und bürgerliches Geschichtsbewußtsein zur Zeit der Weimarer Republik (Studien zur dogmengeschichtlichen und systematischen Theologie. Band 32), Zürich 1971; - Wolfgang Deresch: Predigt und Agitation der religiösen Sozialisten (Konkretionen. Band 12), Hamburg 1971; - Wolfgang Deresch (Hrsg.): Der Glaube der religiösen Sozialisten. Ausgewählte Texte, Hamburg 1972; - Reinhard Gaede: Kirche, Christen, Krieg und Frieden. Die Diskussion im deutschen Protestantismus während der Weimarer Zeit, Hamburg-Bergstedt 1975; - Reinhard Gaede: Die Stellung des deutschen Protestantismus zum Problem von Krieg und Frieden während der Zeit der Weimarer Republik, in: Wolfgang Huber / Johannes Schwerdtfeger (Hrsg.): Kirche zwischen Krieg und Frieden. Studien zur Geschichte des deutschen Protestantismus (Forschungen und Berichte der Evangelischen Studiengemeinschaft. Band 31), Stuttgart 1976; - Jochen Jacke: Kirche zwischen Monarchie und Republik. Der preußische Protestantismus nach dem Zusammenbruch von 1918 (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte. Band 12), Hamburg 1976; - Lothar Fischer: George Grosz, Reinbek bei Hamburg 1976; - Josef Aussermair: Kirche und Sozialdemokratie. Der Bund der religiösen Sozialisten 1926-1934, Wien 1979; - Friedrich-Karl Scheer: Die Deutsche Friedensgesellschaft (1892.1933), Frankfurt am Main 1981; - Helmut Donat: Bund für radikale Ethik, in: Helmut Donat / Karl Holl (Hrsg.): Die Friedensbewegung, Düsseldorf 1983; - Reinhold Lütgemeier-Davin: Vereinigung der Freunde von Religion und Völkerfrieden, in: Helmut Donat / Karl Holl (Hrsg.): Die Friedensbewegung, Düsseldorf 1983; - Kurt Nowak: Evangelische Kirche und Weimarer Republik. Zum politischen Weg des deutschen Protestantismus zwischen 1918 und 1932 (Arbeiten zur Kirchengeschichte. Band 7), Weimar 1981 [Zweite Auflage: Weimar 1988]; - Matthias Manrique: Trinitatis im Wandel der Zeit 1896-1961. Studie und Dokumentation. Im Spiegel der Konsistorialakten und des Nachlasses Bleier. Herausgegeben im Auftrag der Evangelischen Trinitatisgemeinde Berlin-Charlottenburg, Berlin 1992; - Manon Althaus: Zum Verhältnis von Juden und Christen in der Trinitatisgemeinde und in ihrem Umkreis, in: Matthias Manrique: Trinitatis im Wandel der Zeit 1896-1961. Studie und Dokumentation, Berlin 1992, 105-114; - Joachim Stang: Die Deutsche Demokratische Partei in Preußen 1918-1933 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Band 101), Düsseldorf 1994; - Ulrich Peter: Der »Bund der religiösen Sozialisten« in Berlin von 1919 bis 1933. Geschichte, Struktur, Theologie und Politik (Europäische Hochschulschriften. Reihe XXIII. Band 532), Frankfurt am Main / Berlin / Bern / New York / Paris / Wien 1995; - Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Charlottenburg. Zweite Auflage (Band 5 der Schriftenreihe über den Widerstand in Berlin von 1933 bis 1945. Herausgegeben von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand), Berlin 1998; - Wider jede Verfälschung des Evangeliums. Gemeinden in Berlin-Brandenburg 1933-1945. Mit einem Geleitwort von Wolfgang Huber. Herausgegeben von Erich Schuppan, Berlin 1998; - Die Geschichte der Evangelischen Kirche der Union. Ein Handbuch. Band 3: Trennung von Staat und Kirche - Kirchlich-politische Krisen - Erneuerung kirchlicher Gemeinschaft (1918-1992). Herausgegeben im Auftrag der Evangelischen Kirche der Union von Gerhard Besier und Eckhard Lessing, Leipzig 1999.

Matthias Wolfes

Letzte Änderung: 27.01.2010