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Band I (1990)Spalten 1156-1157 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

CRELL, Nikolaus, kursächsischer Kanzler, * um 1550 in Leipzig als Sohn eines Dr. jur. und Ratsherrn, † (hingerichtet) 9.10. 1601 in Dresden. - Nach dem Besuch der Fürstenschule in Grimma studierte C. seit 1571 in Leipzig die Rechte und wurde 1580 in Dresden Hofrat und Sekretär des Kurprinzen Christian, der ihn nach seinem Regierungsantritt 1586 zum Geheimen Rat und 1589 zum Kanzler ernannte. C., der durch Reisen in Frankreich und der Schweiz zum Abschluß seiner humanistischen Studien für den Calvinismus gewonnen worden war, bemühte sich im Einverständnis des melanchthonischgesinnten Kurfürsten um die Wiedereinführung des Kryptocalvinismus in dem streng lutherischen Kursachsen. Die Verpflichtung auf die Konkordienformel wurde nicht mehr verlangt. Eine landesherrliche Verfügung verbot 1588 »das unzeitige und unnötige, auch ärgerlich Gebeiß, Gezänk und Verdammnis« der Prediger. Strenge Lutheraner entließ man und ersetzte sie durch Philippisten. Eine Volksbibel mit kryptocalvinistischen Glossen, die sog. Crellbibel, und ein entsprechender Katechismus wurde herausgegeben. Am 4.7. 1591 erfolgte die Abschaffung der Exorzismusformeln bei der Taufe. Dagegen erhob sich schärfster Widerspruch. Mit dem plötzlichen Tod Christians I. am 25.9. 1591 setzte die Reaktion ein. Noch am Tag vor dem Begräbnis des Kurfürsten wurde C. durch den Herzog Friedrich Wilhelm zu Sachsen-Altenburg, einen eifrigen Lutheraner, seines Amtes enthoben und nach der Festung Königstein gebracht. Alle sächsischen Kirchen- und Staatsbeamten mußten die streng anticalvinischen Visitationsartikel unterschreiben. Die sich weigerten, wurden abgesetzt. Der Prozeß gegen C. dauerte 10 Jahre. Seine Gattin reichte beim Reichskammergericht zu Speyer eine Beschwerde wegen verzögernden Rechtsganges ein. Diese Behörde erließ wiederholte Mandate zugunsten C.s. Die sächsische Regierung bestritt die Kompetenz des Reichskammergerichts und übertrug den Urteilsspruch der böhmischen Appellationskammer in Prag, die am 8.9. 1601 zu Recht erkannte, daß C. »sein Leib und Leben verwirkt« habe. Der Administrator Friedrich Wilhelm bestätigte das Todesurteil. C. wurde auf dem Neumarkt in Dresden öffentlich enthauptet. Als sein Haupt gefallen war, rief der Scharfrichter: »Das war ein calvinischer Streich! Seine Teufelsgesellen mögen sich vorsehen; denn man schont allhier keinen.«

weiterlesen ...
Lit.: Hermann Gustav Hasse, Über die kirchengeschichtl. Bedeutung des C.schen Prozesses; nebst archival. Btrr. z. weitern Aufhellung seiner Gesch., in: ZHTh 18, 1848, 315 ff.; - August Victor Richard, Der kurf. sächs. Kanzler Dr. N. C. Ein Btr. z. sächs. Gesch. des 16. Jh.s, 2 Bde., 1859; - Robert Calinich, Zwei sächs. Kanzler 1868; - Friedrich Brandes, Der Kanzler K., ein Opfer des Ortthodoxismus, 1873; - G. Saran, Der Kryptocalvinismus in Kursachsen u. Dr. N. K., in: DEBI 1879, 596 ff.; - Ernst Ludwig Theodor Henke, Caspar Peuker u. N. K., 1865; - Moritz Ritter, Dt. Gesch. im Zeitalter der Gegenref. u. des 30j. Krieges II, 1895, 44 ff.; - Franz Blanckmeister, Sächs. KG, 1899, 162 ff.; - Benno Bohnenstaedt, Das Prozeßverfahren gg. den kursächs. Kanzler Dr. N. K. 1591-1601, dargest. nach den Akten des Dresdener Haupt-Staats-Arch. (Diss. Halle), 1901; - Rudolf Kötzschke u. Hellmut Kretzschmar, Sächs. Gesch. II, 1935, 39 ff.; - Karl Brandi, Dt. Gesch. im Zeitalter der Ref. u. Gegenref., 1941, 429 f.; - Biogr. Wb. z. dt. Gesch., 1952, 130; - Thomas Klein, Der mißglückte Vers. einer Zweiten Ref. in Kursachsen, 1586-1591 (Diss. Berlin FU. 1960), 1962 u. d. T.: Der Kampf um die zweite Ref. in Kursachsen; - Schottenloher I, Nr. 10081-10089; V, Nr. 47270 f.; - EuG XX, 122 ff.; - ADB XVII, 116 ff.; - NDB III, 407 f.; - RE XI, 85 ff.; - RGG I, 1880.

Friedrich Wilhelm Bautz

Letzte Änderung: 09.04.2011