Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band XXX (2009) Spalten 280-285 Autor: Sebastian Kranich

DRYANDER, Hermann Ludwig, Diakon, Archidiakon, Superintendent, Oberpfarrer, * 22. Dezember 1809 und † 15. Februar 1880 in Halle an der Saale, beerdigt auf dem Stadtgottesacker. D.s Vater, Friedrich August Dryander, entstammt einer traditionsreichen halleschen Patrizierfamilie und bekleidet als Jurist die Ämter eines Pfännerschafts- und Universitätssyndikus. Die Mutter, Karoline Wilhelmine Bassenge, ist hugenottischer Herkunft. Als ältester von vier Geschwistern besucht D. mit seinen Brüdern das Pädagogium der Franckeschen Stiftungen zu Halle, das von Hermann Agathon Niemeyer geleitet wird. - Von 1828 bis 1832 studiert er Theologie in Halle. Hier weckt der Patristiker Johann Karl Thilo sein Interesse für Geschichte und der Vermittlungstheologe Christian Ullmann bringt ihm die Hymnologie nahe. Vor allem aber bahnt sich eine lebenslange Freundschaft D.s zum Erweckungstheologen Friedrich August Gotttreu Tholuck an, zu dessen ersten Anhängern an der Fakultät der Student gehört. Nach dem ersten Examen reist D., ausgestattet mit der Empfehlung Tholucks, nach Berlin und kommt im Kontakt mit Baron Ernst von Kottwitz und dem Kirchenhistoriker August Neander. Letzterer redet ihm eine von Ullmann angeregte Promotion zur Hymnologie aus. Doch beschäftigt sich D. auch weiterhin mit diesem Thema, setzt sich später nachdrücklich für reichere liturgische Gottesdienste ein und redigiert mehrere Auflagen des halleschen Stadtgesangbuchs. - Nach dem zweiten Examen und einem Intermezzo als Lehrer an der Töchterschule der Franckeschen Stiftungen wird D. 1834 ordiniert und zum Diakonus der Marktkirche "Unserer Lieben Frauen" zu Halle gewählt. An dieser Kirche wirkt er über einen Zeitraum von 46 Jahren. 1844 wird D. Archidiakon, 1846 zugleich Superintendent der zweiten Land-Ephorie Halle, dann Stadtsuperintendent und 1876 Oberpfarrer. Willibald Beyschlag, ab 1860 Professor in Halle, erlebt ihn als "das wirkliche Haupt der Stadtgeistlichkeit" (Willibald Beyschlag, Aus meinem Leben, 2. Theil, 1899, 137). 1866 wird D. in das Konsistorium der Provinz Sachsen berufen und bald darauf zum Konsistorialrat sowie schließlich zum Oberkonsistorialrat ernannt. 1867 erhält er die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät Halle. - Neben seinen Amtspflichten arbeitet D. über viele Jahre als Redakteur und Herausgeber des 'Halleschen Patriotischen Wochenblatts', dessen Gewinn der städtischen Armenkasse zufließt. Gemeinsam mit seinem Bruder Justizrat Karl Dryander, dem Großkaufmann Christian Friedrich Dürking und dem Unternehmer Ludwig Wucherer gründet er 1837 und 1841 die ersten beiden Kinder-Bewahranstalten in Halle. In der Teuerungskrise 1847 ist das von ihm geleitete 'Komitee zur Unterstützung verschämter Armer' der einzige private Hilfsverein in der Stadt, der wirklich aktiv wird. Die vom Komitee gesammelten über 2000 Taler kommen vor allem Handwerkern und deren Familien zugute, die sich scheuen, öffentliche Armenunterstützung in Anspruch zu nehmen. Zugleich gehört D. in diesem Jahr zu den Gründern des Frauenvereins für Armen- und Krankenpflege, dessen Vorsitz er ab 1848 für lange Zeit innehat. - 1844 wird D. Vorsitzender des Hauptvereins Halle der Gustav-Adolf Stiftung, später auch Leiter des Provinzialvereins. Hier arbeitet er mit Tholuck und dem Philosophen Hermann Ulrici zusammen, der nach D. ebenfalls Leiter des Provinzialvereins wird, bevor Beyschlag Ulrici in diesem Amt 1862 ablöst. - Von seinen Zeitgenossen wird D. als bisweilen wenig selbstbewußt, in sich gekehrt, melancholisch und kränklich bis zur Hypochondrie geschildert. Zugleich werden ihm eine vermittelnde, liebenswürdige Art und großes seelsorgerliches Geschick zugeschrieben. 1837 heiratet er Franziska Delbrück, Tochter des Kurators der Universität Halle, Gottlieb Delbrück. Deren Tod 1849 im Alter von 36 Jahren verkraftet D. nur schwer. Sein zweitgeborener Sohn, der Berliner Oberhofprediger Ernst Hermann Dryander, schildert die bedrückende Atmosphäre in seinem Vaterhaus bis zur erneuten Heirat D.s 1853 mit Hedwig Delbrück, einer Stiefschwester seiner ersten Frau: "Der an sich verschlossene Mann wurde noch verschlossener", erinnert sich der Sohn und fährt fort: "Mehrere Jahre feierten wir kein Weihnachten zu Haus, sondern empfingen unsere Bescherung in den Häusern der Verwandten, während zu Haus nur ein kleines Bäumchen, unter dem unsere bescheidenen Kindergaben lagen, uns an das Fest erinnerte. [...] Die frohe Kindheit, die man einem jungen Menschenkinde wünscht" habe für die Kinder erst begonnen, als die neue Mutter "das Erbe der frühvollendeten Schwester antrat." (Ernst von Dryander, Erinnerungen, 1922, 11, 25). - Die zweite Ehe D.s bleibt kinderlos. Aus der ersten Ehe erreichen neben Ernst Dryander zwei weitere Kinder das Erwachsenenalter. Tochter Elisabeth heiratet den Pfarrer am halleschen Diakonissenhaus, Eduard Grüneisen. Der erstgeborene Sohn Friedrich Gottlieb wird Jurist und stirbt 1868 kurz vor seinem Assessorexamen. In einer Predigt über 'Abrahams Opfer' verarbeitet der Vater seinen Schmerz. Zehn Jahre zuvor war D. in schwerer Krankheit selbst von den Ärzten aufgegeben worden. - Trotz und mit allen persönlichen und familiären Schwierigkeiten ist D. nicht nur für seine Amtskollegen sondern auch im liberalen Bürgertum der Stadt eine feste Größe. Besonders tritt dabei zunächst die enge Verbindung mit einem der einflußreichsten Männer der Stadt, dem Unternehmer und Kommunalpolitiker Ludwig Wucherer hervor. Dieser wird 1832 in das Kirchenkollegium der Marktkirche "Unserer Lieben Frauen" gewählt, "dessen Seele er, späterhin als Oberkirchvater, bis zum Jahre 1858" ist. (Erich Neuß, Ludwig Wucherer, 1926, 201). Mit D. und dessen Bruder, Justizrat Karl Dryander, verbindet Wucherer "fast ein brüderlich-freundschaftliches Verhältnis" (ebd., 230). So verlebt Wucherer z. B. 1840 seinen 50. Geburtstag mit "Dryanders" (ebd., 278), einem Neffen sowie der Familie des Dompredigers und Romanisten Ludwig Blanc in der Sächsischen Schweiz. Und ein Jahr vor seiner erneuten Heirat zieht der verwitwete D. 1852 in den zweiten Stock des großen Hauses Wucherers, wo die Familie bis 1866 wohnt. - Nicht zuletzt verbindet ihn mit Wucherer, den er 1861 im Sterben begleitet, die Liebe zur Musik. So ist D. unter den Honoratioren, die 1856 einen von Wucherer initiierten Aufruf für ein Händeldenkmal unterzeichnen. Für die Zeit nach dem Tod der Mutter berichtet Ernst Dryander über den meist nur bei Tisch anwesenden Vater: "Am Sonnabendabend aber, nachdem die allgemeine Waschung in der Kinderstube beendet war, kam er immer zu uns, spielte Klavier und ließ uns die angeschlagenen Melodien raten. Namentlich die Lieder von 1813 spielten dabei eine große Rolle - Arndts 'Was blasen die Trompeten' und 'Es zog aus Berlin ein tapferer Held, der führte 600 Reiter ins Feld' u. a." (Ernst von Dryander, Erinnerungen, 1922, 14). Mit der zweiten Ehe entwickelt sich das Haus D.s dann zu einem Ort, "in dem die Pflege der Musik, humanistischer Bildung und des verwandtschaftlichen Verkehrs ebenso großgeschrieben wurden wie eine ernste christliche Erziehung." (Bernd Andresen, Ernst von Dryander, 1995, 16). - Zu Hausmusiken findet sich neben der eng befreundeten Familie von Hermann Ulrici u. a. der Leiter des Stadtsingechors Halle, Carl Adolph Haßler, ein, mit dem D. auch liturgische Gottesdienste veranstaltet. Hedwig Dryander, geb. Delbrück, singt in der von Robert Franz geleiteten Singakademie. Und so lebt die ganze Familie auch die Renaissance Händels und der Kirchenmusik. Der intensivste verwandtschaftliche Verkehr besteht zur Familie Delbrück. - Regelmäßig finden Hausandachten statt. Vom "Glauben" wird "weniger gesprochen, als danach gehandelt" (Ernst von Dryander, Erinnerungen, 1922, 31). D. "sprach nicht gerne" von seinen "innersten Gnadenerfahrungen und ließ nur wenige Geistesverwandte hineinblicken in das Heiligthum Seines Herzens". (Eduard Grüneisen, Rede im Sterbehause, in: Zum Begräbnis von Hermann Ludwig Dryander, ca. 1880, 4). Ernst Dryander erinnert sich, daß es ihm "einen tiefen Eindruck gemacht hat, wie ich einst meinen geliebten Vater unversehens überraschte, als er sein Knie gebeugt hatte zum einsamen Gebet." (Ernst Dryander, Ansprache im Sterbehause, in: Zum Begräbnis der Frau Hedwig Dryander, 1898). - Theologisch ist D. ein Anhänger der Kirchenunion von Reformierten und Lutheranern. Über lange Jahre hat er den Vorsitz des Unionsvereins der Provinz Sachsen inne und beteiligt sich noch 1876 aktiv an der Neukonstitution der alten Mittelpartei in der Landeskirchlichen Evangelischen Vereinigung und an der Etablierung der Deutsch-evangelischen Blätter. "War er in früheren Zeiten manchen zu eng und streng, so vermißten andere, als die Zeiten anders geworden waren, die strenge Fassung der Lehre und die dogmatische Bestimmtheit." (Julius Fricke im Namen der Hrsg., Zum Gedächtnis D. Hermann Ludwig Dryander's, 1880, XIV). - Tatsächlich übt D. etwa 1835 in einer Predigt scharfe Kritik an spätrationalistischer Frömmigkeit: "da erkennet man Gott nicht, wie er geoffenbaret ist in Christo, dem Ebenbilde seines Wesens, sondern machet sich selbst einen Gott, der nur die Liebe ist (...); da redet und träumt man von der Seligkeit des Himmels und schwärmt in Erwartung der Freuden, welche dem unvollkommenen, mühseligen Erdenleben folgen sollen; aber von dem Gerichte, das den Menschen gesetzet ist, will man nichts hören" (ebd., 15). Und er geißelt die "böse Zeit wegen der herrschenden Sucht nach sinnlichen Genüssen." (ebd., 18). Den späteren Predigten fehlen die Schärfe und der erweckliche Ton der frühen. Von Konfessionalismus ist hier wie da nichts zu spüren. Die posthum veröffentlichten Predigten des letzten Lebensjahrzehnts thematisieren von einer Kriegspredigt 1870 bis zu D.s letzter Predigt vor allem Leiden, Demut und Gehorsam. - Ein letztes Amt erhält D. im Alter von 67 Jahren. Als Nachfolger des Oberpfarrers Karl Christian Leberecht Franke wird er 1876 zugleich Bibliothekar der Marienbibliothek zu Halle und übt dieses Amt über vier Jahre bis zum Tod 1880 aus. 1913 erhält die Bibliothek mehrere hundert Titel Halensia aus der Familienbibliothek D.s. Darunter befinden sich viele Raritäten.

Predigten: Zwei Predigten am Sonntage nach dem Tode des Hochseligen Königs und am Sonntage nach der Huldigungsfeier, Halle 1840; Predigt am zweiten Tage der Jubelfeier in der Kirche zu U. L. Frauen, in: Das dritte Reformations-Jubelfest der Stadt Halle. Predigten und Reden nebst einer Beschreibung der Jubelfeier. Herausgegeben zur Begründung eines Bürger-Rettungsinstitutes, Halle 1841, 148-160; Rede am Grabe des selig vollendeten Dr. Johann Thilo am 20. Mai 1853, Halle 1853; Rede des Herrn Consistorialrath Dryander, in: Zum Begräbnis des Herrn Geh. Rath Prof. Dr. A. Volkmann am 24. April 1877, Leipzig o. J., 3-7; Julius Fricke im Namen der Hrsg., Zum Gedächtnis D. Hermann Ludwig Dryander's, weil. Oberpfarrer an der Kirche zu U. L. Frauen, Superintendent und Consistorialrath zu Halle a. d. S.. Eine Auswahl von Predigten nebst einem Bild seines Lebens, Halle 1880; Abrahams Opfer. Eine Betrachtung für Trauernde, Berlin 1891.

Lit.: Eduard Grüneisen, Rede im Sterbehause und Heinrich Pfanne, Rede am Grabe, in: Zum Begräbnis des Herrn Consistorialraths und Superintendenten, Oberpfarrers zu U. L. Fr. Dr. th. Hermann Ludwig Dryander am 18. Februar 1880, Halle ca. 1880; - Zum Gedächtnis D. Hermann Ludwig Dryanders, in: Hermann Meßner (Hrsg.), Neue Evangelische Kirchenzeitung, Jg. 22, Nr. 36, 4.9.1880, 556; - Den Manen von Hermann Ludwig Dryander, in: Beilage zum Halle'schen Tageblatt, Jg. 82, Nr. 15, 19.1.1881 (Teilabdruck aus: Fricke (Hrsg.), Zum Gedächtnis D. Hermann Ludwig Dryander's, Halle 1880); - Ernst Dryander, Ansprache im Sterbehause und Eduard Grüneisen, Grabrede, in: Zum Begräbnis der Frau Hedwig Dryander geb. Delbrück, Halle 1898; - Willibald Beyschlag, Aus meinem Leben, 2. Theil: Erinnerungen und Erfahrungen der reiferen Jahre, Halle 1899, 136-139; - Ernst von Dryander, Erinnerungen aus meinem Leben, Bielefeld und Leipzig 1922, 1-33, 129-131; - Erich Neuß, Ludwig Wucherer. Sein Leben und sein Wirken, Halle 1926, 186, 230-235, 278; - Bernd Andresen, Ernst von Dryander. Eine biographische Studie (Arbeiten zur Kirchengeschichte, Bd. 63), Berlin 1995, 15-24, 80 f.; - Andreas de Boor, "Wir gehen einer schauerlichen Catastrophe entgegen". Die Teuerungsproteste in Halle am 22. April 1847, in: Christian Benninghaus (Hrsg.), Region in Aufruhr. Hungerkrise und Teuerungsproteste in der preußischen Provinz Sachsen und in Anhalt 1846/47 (Studien zur Landesgeschichte, Bd. 3), Halle 2000, 39-53, hier 49 f.; - Heinrich L. Nickel (Hrsg.), 450 Jahre Marienbibliothek zu Halle an der Saale. Kostbarkeiten und Raritäten einer alten Büchersammlung, Halle 2002, 25, 50; - Veronika Albrecht-Birkner (Red.), Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen, Bd. 2, Biogramme Br - Fa, Leipzig 2004, 373.

Sebastian Kranich

Letzte Änderung: 31.12.2008