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Band XXIV (2005) Spalten 707-715 Autor: Marco Innocenti

GIULIANO CESARINI, römischer Edelmann, Auditor der Apostolischen Kammer, Apostolischer Nuntius in England und Frankreich, Kardinal 1426 (offiziell 1430), Kardinalpriester von Santa Sabina, Erzpriester der Peterskirche zu Rom, Bischof von Grosseto 1438, Kardinalbischof von Frascati bei Rom 1444. Kardinallegat in Ungarn 1443/1444. * 1398 Rom, † 10.11. 1444 in der Schlacht bei Warna (Bulgarien). Er ragte als eine für die Reform der Kirche begeisterte und hochgebildete Persönlichkeit hinaus sowie als der geschäftsgewandte und weltkluge Vertreter des Konziliargedankens, der in den Jahren 1433 und 1434, als Papst Eugen IV. vor dem Basler Konzil zurückwich, die größten Triumphe der von ihm vertretenen Ideen erlebt hat. Jacques-Benigne Bossuet betrachtete ihn als das stärkste Bollwerk, das der Katholizismus den Griechen am Konzil von Florenz gegenüberstellen konnte. C. stammte aus einer alten aber nicht reichen römischen Adelsgeschlecht und wurde in Perugia erzogen, wo er römisches Recht studierte und promovierte. Er lehrte Rechtswissenschaft am Gymnasium von Padua und war Dozent der kanonischen Rechte an den Universitäten von Perugia, Padua und Bologna. Domenico Capranica und Nikolaus von Kues (1401-1464) waren unter seinen Schülern. C. machte später Nikolaus zu seinem Sekretär, schließlich zum Mitglied der Deputation über Glaubensfragen. Wissen, Beredsamkeit, Begeisterung für die moralische Größe der Kirche und diplomatisches Talent sicherten C. eine bedeutende Zukunft. Bei seinen kurzen Aufenthalten in Rom versuchte er, den weltlich-humanistischen Tendenzen in Italien entgegenzuwirken. Er trat zu Hofe des einflußreichen Kardinals Brando Castiglioni, mit dem C. Abgesandter nach Böhmen 1419 ernannt wurde, um dort die hussitische Häresie und Rebellion niederzuwerfen. Dank der Vermittlung des Castiglioni, war C. unter den hervorragenden Kardinälen, die Papst Martin V. am Ende des abendländischen Schismas weihte. Die Ernennung als Kardinaldiakon von Sant'Angelo in Pescheria erfolgte heimlich am 24.5. 1426 und wurde erst anläßlich des Konsistoriums vom 8.11. 1430 allgemein bekannt. Am 1.1. 1431 wurde C. zum Legaten des apostolischen Stuhles ernannt und nach Deutschland gesandt, um am Reichstag von Nürnberg einen Kreuzzug gegen die Hussiten zu predigen, aber sein Aufruf scheiterte. Kurz darauf wurde er zum Präsidenten und päpstlichem Stellvertreter des Konzils von Basel von Martin V. ernannt und von Eugen IV. als Bevollmächtigter bestätigt. Es wurde einberufen, um endgültig in der Kirche Ordnung zu schaffen und ihre Autorität wieder herzustellen. Das Basler Konzil markierte den Höhepunkt, aber dann auch die endgültige Niederlage des entschiedenen Konziliarismus. C. blieb aber vorläufig aus, da er sich bei dem unter beständigen Niederlagen kämpfenden Kreuzheer gegen die Hussiten in Böhmen befand. Im Sommer 1431 delegierte er zwei Stellvertreter zur Präsidierung des Konzils, Johannes von Palomar und Johannes Stoyci (1395-1443, genannt Ragusio), die es am 23.7. im Kapitelsaal des Basler Münster eröffnet. Zögernd und unvollkommen also hatte das Konzil seinen Anfang genommen; aber die Stunde war nicht mehr so ferne, da sich die Versammlung doch zu einem allgemeinen ökumenischen Konzil der christlichen Kirche des Abendlandes auswuchs. Das war der Fall, als C. von Böhmen kommend endlich am 9.9., nach der schrecklichen Niederlage des deutschen Reichsheers bei Taus in Westböhmen, selber in Basel eintraf. Der Empfang des Konzilspräsidenten wurde von der Stadt mit großem Pomp durchgeführt: Eine Delegation des Rates ritt dem Kardinal bis nach Laufenburg entgegen und geleitete ihn dann unter einem von vornehmen Herren getragenen seidenen Baldachin unter dem Geläute der Glocken mitten durch die Menge hinauf zum Münster. Im Vordergrund der Aufgaben stand die hussitische Angelegenheit. Obwohl König Sigismund das Reichsheer gegen die Ketzer und Rebellen mobilisiert hatte, blieben die Böhmen siegreich, erklärten sich aber schließlich, nachdem sie das Kreuzheer verjagt, zu Verhandlung mit der Kirche bereit. Aufgrund der sogenannten Prager Kompaktaten vom 10.11. 1433 kam ein Friede zustande, wonach das Konzil den Hussiten den Laienkelch zubilligte unter der Bedingung, daß sie wieder in den Schoß der Kirche zurückkehrten. Die Versöhnung mit den Böhmen bedeutete für das Konzil einen großen Erfolg und trug viel zur Hebung seines Ansehens bei. Inzwischen war nun aber, was für das Konzil von schwerwiegenderer Natur war als die Auseinandersetzungen mit den Hussiten, der offene Kampf mit dem Papsttum ausgebrochen. Letzteres betrachtete sich nicht nur als die oberste Instanz in Glaubens- und Gewissenssachen, sondern es beanspruchte darüber hinaus die Oberhoheit über jede weltliche Macht. Demgegenüber schrieb sich das Konzil die Überlegenheit gegenüber dem Papsttum zu und versuchte die Ansprüche des Papstes an sich zu reißen, also auch das Schiedsrichteramt über streitende Fürsten und Völker. Als sich das Konzil zum Nachteil für das Papsttum wandte, erklärte es Eugen IV. für aufgelöst und übersandte dem Konzilspräsidenten die Auflösungsbulle ("Quoniam alto" vom 18.12. 1431). Dieser unüberlegte und voreilige Schritt bereitete dem Papst eine schwere Niederlage. In dieser Konfliktlage fühlte sich C. sehr unbehaglich aber blieb jedoch an seinem Platz. Er bemühte sich, den Papst zur Annahme des Prinzips der konziliaren Autorität zu bewegen. Das Konzil erklärte sich als die Fortsetzung jener von Konstanz (1414-1418), die ihre Gewalt unmittelbar von Gott her habe und nur mit eigener Zustimmung aufgelöst werden könne. Diese Entschiedenheit und die konzilfreundliche Haltung König Sigismunds zwangen den Papst zur bedingungslosen Anerkennung der Versammlung (Bulle "Dudum sacrum" vom 15.12. 1433). Aber die Gegensätze innerhalb des Konzils nahmen immer schärfere Formen an. Sie entwickelten sich schließlich zum offenen Bruch, als sich ein neues Problem dem Konzil stellte: Das Einigungsgesuch der von den Türken bedrohten morgenländischen Kirche mit der abendländischen. Der oströmische Kaiser Johannes VIII. Paläologus (1425-1448) hatte mit dem Wunsch nach einer Glaubenseinigung an den Papst und das Konzil gewandt. Eine Zusammenkunft der bedeutendsten Vertreter der griechischen und der lateinischen Kirche sollte das Werk vollbringen. Eugen IV. wollte die Gelegenheit benützen, um im Zusammenhang damit die Verlegung des Konzils nach Italien zu erwirken. Der Papst verfügte, als seine Anhänger in Minderheit blieben, von neuem die Auflösung des Basler Konzils (Konstitution "Doctoris gentium" vom 18.9. 1437). Die radikale Partei faßte nun, nachdem der dem Papst wohlwollende C. am 20.2. 1438 (sowie Palomar, Nikolaus von Kues u.a.) Basel verlassen hatte, die Eröffnung des Prozesses gegen Eugen IV. ins Auge. Am 25.6. 1439 erfolgte die öffentliche Verkündigung seiner Absetzung und am 5.11. 1439 die Wahl des Gegenpapstes Felix V. (Herzog Amadeus VIII. von Savoyen, 1383-1451) zum Oberhaupt der Kirche. Der letzte Gegenpapst der Kirchengeschichte konnte sich jedoch gegenüber Eugen IV. nicht durchsetzen und nahm 1449, von dessen Nachfolger Nikolaus V., das Angebot zu einem schonungsvollen Rücktritt an. Unter der Führung von C. verließ eine Minderheit der Prälaten Basel um der Anordnung des Papstes Folge zu leisten und nach Italien zu eilen, wo im Prinzip ein zweites Konzil in Ferrara am 8.1. 1438 zusammentraf. Nach 16 Sitzungen, unter dem Vorwand einer Pestansteckungsgefahr (in Wirklichkeit aus finanziellen Gründen), verlegte Eugen IV. das Konzil nach Florenz, wo am 26.2. 1439 die erste allgemeine Sitzung stattfand. Die italienische Kirchenversammlung fand allgemeine Anerkennung und ging als Konzil von Ferrara-Florenz (1438-1445) in die Geschichte ein. Nach schwierigen Verhandlungen wurde das Dekret "Laetentur coeli" über die Union mit den Griechen am 28.6. 1439 abgefaßt, am 5.7. unterschrieben und am Tag darauf veröffentlicht. C. verlas auf Lateinisch die Unionsurkunde, der Theologe Bessarion, Patriarch von Nizäa, auf Griechisch. Nach der erfolgreichen Entwicklung des Florenzer und ab 26.4. 1443 nach Rom in den Lateran verlegten Konzils, wurde C. als päpstlicher Legat nach Ungarn (1443) gesandt, wo der Staatsmann und Heeresführer Johann Hunyadi († 1456), Woiwod von Siebenbürgen, damals großen Erfolg hatte, um einen Kreuzzug gegen die Türken zu organisieren. Die Siegen von Smederevo (1441), Sibiu (1442) und bei der Donauklamm hatten Hunyadis Namen gefürchtet bei den Türken und berühmt bei der Christenheit schon gemacht. Zusammen mit ihm und mit König Ladislaus (Wladislaw) III. Jagello von Polen und Ungarn unternahm C. den sogenannten "langen Feldzug". Das christliche Heer eroberte Nisch in Serbien (Schlacht am 3.11. 1443) und Sofia, besiegte drei türkische Paschas und dann den osmanischen Sultan Murad II. Im königlichen Feldlager zu Szegedin erschienen Gesandte Murads, um einen zehnjährigen Waffenstillstand zu günstigen Bedingungen vorzuschlagen, der im Juni 1444 abgeschlossen wurde. Kurz später erhielt C. die Nachricht, daß sich eine Flotte von päpstlich-venezianischen Galeeren unter Befehl des Kardinals Francesco Condulmer zum Bosporus aufgemacht hatte, um den Sultan daran zu hindern, noch einmal Europa zu durchkreuzen. Der Kardinal erinnerte den König daran, daß er auf die Bibel geschworen hatte, mit einem Feldzug über den Landweg mitzuwirken, wenn die christlichen Mächte die Türken den Seeweg angreifen würden. C. entband die christlichen Herrscher von dem Friedenseid gegenüber einem Ungläubigen. Ladislaus III. brach den Waffenstillstand mit Murad und erklärte den Krieg. Der Kardinallegat ließ Hunyadi im Erfolgsfall auf den Königstitel von Bulgarien hoffen. Im Juli brach die ungarische Armee in Richtung Schwarzes Meer auf, um von den Galeeren eskortiert auf Konstantinopel zuzumarschieren. Der serbische König Georg Brankovic wollte aber keinen Eidbruch begehen. Da der Serbe Angst vor der Rache des Sultans im Falle einer Katastrophe bekam, informierte er Murad im voraus über den Anmarsch der Christen und hinderte den albanischen Volksanführer Georg Kastriota, genannt Skanderbeg, daran teilzunehmen. Als die Christen Warna in Bulgarien erreichten und die Stadt belagerten, mußten die Ungarn feststellen, daß die venezianischen Galeeren die Durchfahrt der Türken nicht hatten verhindern können. Murad stand ihnen mit einer dreifachen Übermacht gegenüber und am 10. 11. 1444 wurden sie bei Warna vernichtet. C. fiel während des katastrophalen Rückzugs.

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Marco Innocenti

Letzte Änderung: 22.01.2005