GOETZ, Leopold Karl, * 7.10. 1868 in Karlsruhe, † 2.4. 1931 in Bonn. Altkatholischer Politiker, Kirchenhistoriker und Slavist. - L. K. G. legte 1891 an der Universität Bern (christkatholische Abteilung) seinen Lic. theol. zum Thema "Die Bußlehre Cyprians" ab. Zwischen 1892 und 1900 diente er als altkatholischer Pfarrer in Passau. Von 1900 bis zum 1. Oktober 1902 war er Bischöflicher Professor am Altkatholischen Seminarkonvikt in Bonn. In den Jahren von 1902 bis 1920 war er Leiter eines Seminars für "philosophische Propädeutik" und Extraordinarius für "philosophische Disziplinen für altkatholische Studierende" an der Universität Bonn, an der er 1903 zum Dr. phil. promoviert wurde. Darüber hinaus hatte er seit 1914 einen Lehrauftrag für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde inne. Sein Extraordinariat wurde 1920 in ein Ordinariat an der Universität Bonn umgewandelt. Die Bezeichnungen seiner Tätigkeit entsprachen einerseits seiner Tätigkeit bis 1914, waren andererseits politisch bedingt, da seine Position an der Universität wichtig war. L. K. G. wurde in seinem Leben wegen seiner Forschungen verschiedentlich geehrt: Im November 1913 verlieh ihm die Universität Kyïv einen Dr. jur. h. c., zugleich wurde er zum Ordentlichen Mitglied (Akademik) der "Rußländischen Gesellschaft für Geschichte und Altertümer (OIDR)" und Ehrenmitglied des "Kaiserlichen archeologischen Instituts" in Moskau ernannt. In den 20-er Jahren verlieh ihm die historische Sektion der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften die Ordentliche Mitgliedschaft. Auf den großen Deutsch-Sovetischen Historikertreffen in Moskau und Berlin (u. a. mit M. Pokrovskij) repräsentierte er in würdiger Form die deutsche Geschichtswissenschaft. Wenn man die wissenschaftliche Vita dieses Gelehrten strukturiert, erkennt man leicht die folgenden Abschnitte: Theologie (1887-1892), Kirchengeschichte (1892-1906), Rechtsgeschichte (1906-1913), Handelsgeschichte (1913-1922) und Volkskunde (1920 bis etwa 1930). Sein wissenschaftliches Werk wird in dem Augenblick gewichtig, wenn man erfährt, daß seine sprachliche und theologisch-ostkirchlichen Grundlagen autodidaktisch erworben wurden. Viele seine Quelleneditionen sind bis heute unüberholt, seine politischen Schriften zur kirchlichen Zeitgeschichte höchst aufschlußreich.
Werke: Die Bußlehre Cyprians. Königsberg/Pr. 1895; Die geschichtliche Stellung und Aufgabe des deutschen Altkatholizismus. Leipzig 1895; Geschichte der Slavenapostel Konstantinus (Kyrillus) und Methodius. Gotha 1897; Lazaristen und Jesuiten. Gotha 1898; Leo XIII., seine Weltanschauung und Wirksamkeit. Gotha 1899; Redemptoristen und Protestanten. Gießen 1899; Die Union zwischen der altkatholischen und der russischen orthodoxen Kirche. In: Revue internationale de Théologie 8/1900, 36-53; Ignatius von Loyola und der Protestantismus. Münster 1901; Jesuiten und Jesuitinnen (La société du Sacré Cœur). Gotha 1901; Franz Heinrich Reusch (1825-1900). Gotha 1901; Das Kiever Höhlenkloster als Kulturzentrum des vormongolischen Rußlands. Passau 1904; Die Zusammensetzung der sog. `Pochvala prep. Feodosiju Pečerskomu. In: AfslPh 26/1904, 215-237; Die Echtheit der Mönchsreden des Kirill von Turov. In: AfslPh 27/1905, 181-195; Kirchenrechtliche und kulturgeschichtliche Denkmäler Altrußlands nebst Geschichte des russischen Kirchenrechts (Stuttgart 1905). Repr. Amsterdam 1963; Der Ultramontanismus als Weltanschauung, auf Grund des Syllabus quellenmäßig dargestellt. Bonn 1905; (Hrsg.): Ein Wort zum konfessionellen Frieden. Materialien. Bonn 1906; Das Centrum als konfessionelle Partei. Ein Beitrag zu seiner Geschichte. Bonn 1906; Staat und Kirche in Altrußland. Kiever Periode 988-1240. Berlin 1908; (Hrsg.): Russkaja Pravda, "Das Russische Recht". Bonn 1909 (Programm der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität zu Bonn); Das Russische Recht (Russkaja Pravda). 4 Bde. Stuttgart 1910-1913; Der Titel `Großfürst' in den ältesten russischen Urkunden. In: ZOG 1/1911, 23-66, 177-213; Zur Frage nach dem Umfang der kirchlichen Gerichtsbarkeit im vormongolischen Rußland. In: ZOG 3/1913, 327-341; (Hrsg.) Deutsch-Russische Handelsverträge des Mittelalters. Hamburg 1916; Die Anfänge des Deutsch-Russischen Handels. In: PrJ 167/1919, 290-315; Die deutsch-russischen Handelsverträge 1189-1904. Berlin 1917; Deutsch-Russische Handelsgeschichte des Mittelalters. Lübeck 1922; Das religiöse Element in der serbokroatischen Volksdichtung. In: IKZ 1921/3, 171-185; Verwünschung und Fluch im serbokratischen Volkslied. Köln 1922; Jugoslawien als Reiseland. Bonn 1925; Scherz- und Schimpfworte für die Liebenden der Kroaten und Serben. In: Ztschr. f. Volkskunde 3/1931, 213-241; Das Seminar für philosophische Propädeutik der Altkatholischen Theologie. In: Geschichte der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn am Rhein, Bd. 2: Institute und Seminare (1818-1933). Bonn 1933; Volkslied und Volksleben der Kroaten und Serben. 2 Bde. Heidelberg 1936-1937.
Lit.: R. Salomon: L. K. G. (7. Okt. 1868 in Karlsruhe, 2. April 1931 in Bonn). In: ZfOEG 5/1931, 477-483; - H. Jablonowski: L. K. G. 1868-1931. In: 150 Jahre Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn (1818-1968). Bonner Gelehrte, Beitrag zur Geschichte der Wissenschaften in Bonn. Geschichtswissenschaften. Bonn 1968, 293-298; - W. Zeil: Geschichte und Kultur slawischer Völker im wissenschaftlichen Wirken von L. K. G. (1868-1931). In: Jahrbücher für Geschichte der sozialistischen Länder Europas 28/1984, 235-252; - E. Oberländer (Hrsg.): Geschichte Osteuropas. Zur Entwicklung einer historischen Disziplin in Deutschland, Österreich und der Schweiz 1945-1990. Stuttgart 1992; - G. Voigt: Rußland in der deutschen Geschichtsschreibung 1843-1945. Berlin 1994, 127-145 (Quellen und Studien zur Geschichte Osteuropas, Bd. 30).
Wolfgang Heller
Werkeergänzung:
Eine Kulturaufgabe des Liberalismus u. des modernen Staates, in: Der Tag
(Illustrierter Teil) Nr. 116, 5.3.1907, 1f.
Letzte Änderung: 09.04.2011