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Band XXIV (2005) Spalten 851-857 Autor: Manfred Berger

HOHENHAUSEN UND HOCHHAUS, Mari(a)e Anna Leontine Caroline Magdalena Freiin von, engagierte sich aktiv in katholisch "christlicher Liebestätigkeit", Mitbegründerin des "Marianischen Mädchenschutzvereins",* 21. Januar 1853 (bzw. 1852) in Augsburg † 25. Mai 1903 in München. - Die Wurzeln des Adelsgeschlechts v. H.-H. reichen bis in die Jahre 1280-1290 zurück. Es stammt ursprünglich aus Stettin und gliederte sich in mehrere Linien auf. Im Königreich Bayern wurde die Adelsfamilie 1814 bei der Freiherrenklasse immatrikuliert. - Freiin Maries Vater, Leonhard Freiherr v. H.-H. (1788-1772), gehörte zu den hohen Militärs im Dienste der bayerischen Krone. Er war u. a. Kronprinzenerzieher, des spätern König Max II. von Bayern (1811-1864). Der Freiherr war insgesamt drei Mal verheiratet. Aus der ersten Ehe mit Magdalena Kleinknecht (1790-1846) ging eine Tochter hervor. In zweiter Ehe war er mit Anna Pol (1826-1862) verheiratet. Dem Ehepaar wurden sechs Kinder, fünf Mädchen und eine Junge, geboren. Freiin Marie war das zweite Kind in der Geschwisterreihe. Einen Tag nach der Geburt ihres letztgeborenen Sohnes starb Anna Freiin v. H.-H.. Mit seiner dritten Ehefrau, Wilhelmine Fischer-Rhomberg (1827-1883), hatte Leonhard Freiherr v. H.-H. keine Kinder mehr. Für Freiin Marie war der frühe Tod der geliebten Mutter ein schwerer Schicksalsschlag. Sie brauchte lange bis sie diesen psychisch überwunden hatte, obwohl die Stiefmutter sich liebevoll um das Mädchen und ihre Geschwister kümmerte. - Die Eltern waren um eine umfassende und standesgemäße Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder bemüht, unterstützt von sorgfältig ausgewählten Gouvernanten und Privatlehrern. Sehr früh erhielten sie Hausunterricht u. a. in Französisch, Literatur und Musik. Die Mutter kümmerte sich selbst um die religiöse Erziehung ihrer Kinder. Sie ließ keinen Tag vergehen, ohne morgens und abends mit den Kindern zu beten und religiöse Lieder zu singen. So legte sie sicherlich den Grundstein für die zeitlebens tiefe Verankerung v. H.-H. im katholischen Glauben. Auch die Stiefmutter war ebenfalls um eine gute, liebevolle und katholische Erziehung der ihr anvertrauten Kinder bemüht. Um ihre Ausbildung zu vervollständigen besuchte Freiin Marie noch das "Institut der Englischen Fräulein" in Nymphenburg. Anschließend führte sie das Leben einer "Haustochter", wartend auf den standesgemäßen Ehemann. Bedingt durch die hohe Stellung des Vaters, hatte auch die Tochter zu einzelnen Mitgliedern des bayerischen Königshauses gute Kontakte, zumal sie als junge Frau regen Anteil am gesellschaftlichen Leben der Hocharistokratie teilnahm. - Eine besondere Freundschaft verband v. H.-H. mit der um etliche Jahre jüngeren Prinzessin Maria de la Paz von Bayern, Infantin von Spanien (1862-1946), die seit 1883 mit Ludwig Ferdinand Prinz von Bayern (1859-1949), verheiratet war. Die spanische Prinzessin, auch Prinzeß Ludwig Ferdinand genannt, engagierte sich in "christlicher Liebestätigkeit" und arbeitete diesbezüglich eng mit der Freiin zusammen: - "Zunächst widmeten sich beide den Töchtern höherer Stände und schufen für sie eine eigene Marienkongregation mit eigner Zeitschrift. Dann interessierten sie sich für gefährdete Kinder des Volkes im 'Seraphinischen Liebeswerk' von Pater Cyprian Fröhlich (1853-1931; M. B.) mit der angeschlossenen 'Kinderlegion'. Bald lag es nahe, in den Mädchenschutz einzusteigen, voran die Baronesse (in Bayern häufig verwendete Titulierung für Freiin; M. B.), die es verstand, der Prinzessin das Patronat aufzubürden. Einige Jahre später gründeten die beiden Caritasbegeisterten ein bayerisches interkonfessionelles Komitee gegen den Mädchenhandel und bewerkstelligten seinen Einschluß in das deutsche Nationalkomitee- Maries letztes Werk vor ihrem Tode 1903 war eine Hilfsaktion für die armen Kinder von Assisi über die dortigen deutschen Kapuzinerinnen (Neboisa 1992, S. 147). - Doch bereits schon vor ihrer intensiven Zusammenarbeit mit der gebürtigen spanischen Prinzessin galt die Aufmerksamkeit der jungen v. H.-H. allgemein der Dienstbotenfrage. Sie engagierte sich in dem am 1. März 1856 in München gegründeten "Marienverein", dessen Vorstandschaft Victorine Gräfin Butler von Clonebough (1811-1902) inne hatte. Die Dienstbotenfrage betreffend veröffentlichte v. H.-H. in der Zeitschrift "Christlich-Soziale Blätter" einige Überlegungen zur Linderung der Not des weiblichen Dienstpersonals. Nach einer ausführlichen Darstellung einiger Tugenden, die Dienstmädchen besitzen sollten, bemängelte die Freiin das getrübte Verhältnis zwischen Dienstboten und der "gnädigen" Herrschaft, bedingt durch die einsetzende Industrialisierung und die damit verbundene Veränderung des Gesellschaftsgefüges. Insbesondere die zunehmende Religionslosigkeit und die Lockerung des familiären Zusammenhalts trug wesentlich zu einer Veränderung der Beziehungen der weiblichen Dienstboten zu ihren Familien bei. Ferner würden die Hausangestellten ihre Arbeit nicht mehr als Lebensaufgabe auffassen, sondern immer mehr als Lohnberuf. Diese Einstellung hatte nach Auffassung der Autorin einen häufigen Stellenwechsel zur Folge. Dadurch waren die Dienstboten verstärkt sittlichen Gefahren ausgesetzt und ihnen sollte darum mehr Schutz und Hilfe angeboten werden. Abschließend forderte die Freiin in ihrem Beitrag, dass in allen größeren Städten "Marienheime" errichtet werden sollten (vgl. Hohenhausen 1879, S. 716 ff.). Als Vorbild galt ihr die "Marienanstalt" in München, die Oktober 1856 von dem Priester Joseph Konrad Weis (1817-1895) und der Erzieherin Therese Lindemann (1795-1859) ins Leben gerufen wurde. Diese Münchener Einrichtung diente einem mehrfachen Zweck: - "Sie war eine Stätte, in der Dienstmädchen in einer Art Hauswirtschaftsschule unterwiesen wurden. Sie galt als Zufluchtsstätte im Falle der Stellenlosigkeit, sie bot die Vermittlung einer neuen Arbeitsstätte und sorgte für die Dienstmädchen im Alter" (Kall 1983, S. 111). - Mit besonderer Energie widmete sich jedoch Freiin v. H.-H. dem "Marianischen Mädchenschutzverein", der 1895 in München auf Anregung des Kapuzinerpaters Cyprian Fröhlich ins Leben gerufen wurde. Zur Realisierung seines Vorhabens wandte sich der Gründer des "Seraphinischen Liebeswerkes" insbesondere an Frauen der Aristokratie und des gehobenen Bürgertums. Diesbezüglich schrieb Christiane Gräfin von Preysing-Lichtenegg-Moos (1852-1923): - "Der Funke apostolischer Liebe, der in ihm den Gedanken gezeitigt, zündete auch in unserem Herzen: Wir wollten nicht versagen, wenn wir gerufen wurden, Schutzengeldienst zu tun, Seelen vor Unheil zu bewahren, wenn auch nur eine zu retten" (Preysing1920, S. 34). - Der Verein, mit Sitz in München, war ausdrücklich religiös und insbesondere marianisch orientiert, der seine Ausrichtung durch die Wahl der Schutzpatronin der "Maria vom Guten Rathe" eindeutig bekundete. Er avancierte zum Vorbild für die gesamte nachfolgende Vereinsbewegung katholischer Frauen im In- und Ausland: - "Der 'Marianische Mädchenschutzverein' war 1895 die erste überregionale katholische Organisation auf dem Gebiet der Frauenfürsorge - von Frauen selbständig geleitet und eigenverantwortlich organisiert - und die erste katholischer Frauen. Noch bevor sich eine katholische Frauenbewegung artikulierte, gehörte der Katholische Mädchenschutzverein zu den Bewegungen, die sie vorbereiteten" (http:// www.inviva.caritas.de/1047.html). Zu den Gründerinnen des "Marianischen Mädchenschutzvereins" gehörten neben v. H.-H., die den Posten der 1. Schriftführerin inne hatte, noch: 1. Vorsitzende (Präsidentin), Christiane Gräfin von Preysing-Lichtenegg-Moos; stellvertretende Vorsitzende, Magda Freifrau von Hartmann (1852-1903); Geschäftsführerin, Luise Fogt (1846-1921), "die über 26 Jahre die Geschicke des Mädchenschutzverbandes mitlenkte und durch die Kenntnis mehrerer Sprachen auch die internationalen Verbindungen vorzüglich pflegen konnte" (Nikles 1994, S. 45). Nach der offiziellen Vereinsgründung konnte die Schriftführerin des Vereins noch Ellen Ammann (1870-1932), eine der bedeutendsten Frauen der katholischen Frauenbewegung, für die Mitarbeit gewinnen. Letztgenannte, die u. a. von 1897 bis 1918 die Münchener Bahnhofsmission leitete, antwortete auf den Einladungsbrief der Freiin: - "Mit dem größten Vergnügen habe ich ihre Einladung erhalten, dem Marianischen Mädchenschutz beizutreten. Es freut mich sehr, daß durch diese Gründung katholischerseits etwas zum Schutz der Frauen geschieht. Daraufhin werden die Vorkämpferinnen der Frauenbewegung endlich nicht mehr sagen können, wir stünden den humanitären Bestrebungen unseres Jahrhunderts fremd oder feindlich gegenüber. So wird damit die Kirche auch Einfluß auf diese wichtige Fragen bekommen und wir die Gewähr, daß die Bewegung sich in richtigen Bahnen entwickelt" (zit. n. Godin 1933, S. 34 f). - Voranstehend genannte katholische Frauen aus Adel und Bürgertum ergriffen "in sozialer Verantwortung Partei für Mädchen und junge Frauen der unterprivilegierten Schichten. Sie erkannten die Situation alleinreisender Mädchen nicht nur als eine persönliche, sondern als gesellschaftlich bedingte Notlage. Sie suchten nach Wegen und Organisationsformen der individuellen Hilfe und Unterstützung, aber auch nach Möglichkeiten der gesellschaftlichen und politischen Einflussnahme. Entsprechend der weiträumigen Wanderungsbewegung wollten sie mit Hilfe der dazu bereiten katholischen Vereine, Ordensgemeinschaften und Pfarreien in Deutschland, Europa und möglichst auch in Übersee ein 'weltumspannendes' Netz von Hilfs- und Schutzstellen errichten. Sie gründeten ab 1895 regionale und nationale Vereine (im Jahre 1905 erfolgte die Gründung des "Deutschen Nationalverbandes der Katholischen Mädchenschutzvereine", seine erste Vorsitzende war Ida Kuenzer (1851-1926); M. B.), die sich bereits 1897 (in der Schweiz; M. B.) zu einem internationalen Verband ("Internationaler Katholischer Mädchenschutzverband" bzw. "Oevre catholique de protection à la jeune fille", seine erste Präsidentin war Louise de Reynold de Pérolles (1827-1912); M. B.) zusammenschlossen" (http.//www.inviva. caritas.de/ 1047.html). Auf Bitten der adeligen Schriftführerin übernahm das Patronat für den in der bayerischen Residenzstadt gegründeten Mädchenschutzverein Prinzessin Maria de la Paz, Hochstiftsprediger Kanonikus Wörnhör wurde zum geistlichen Berater bestellt. Als Schriftführerin hatte v. H.-H. eine der wichtigsten Funktionen innerhalb des "Marianischen Mädchenschutzvereins" zu erfüllen: - "Hier setzte sie unermüdlich ihre stilistischen Fähigkeiten und ihre weitreichenden Beziehungen ein. Tausende von Briefen wurden von ihrer Hand an alle möglichen kirchlichen und weltlichen Stellen im In- und Ausland geschrieben und verschickt" (Neboisa 1992, S. 147). - Dabei zielte das Gros ihrer Briefe darauf ab, "unerfahrene Mädchen von den Großstädten fernzuhalten und auf sichere Bahnen zu lenken sowie Seelsorgern und Eltern wertvolle Hinweise zu geben" (Eder 1997, 261). Im Jahre 1901 gründeten die Freiin und Prinzessin Maria de la Paz noch zusätzlich ein bayerisches interkonfessionelles Komitee gegen den Mädchenhandel. Trotz schwerer Erkrankung arbeitete v. H.-H. unermüdlich für die Belange des Mädchenschutzes weiter. Sie starb während einer Operation. Treffsicher schrieb Luise Fogt über die Verstorbene, dass diese "eine ganz besondere, eigentümliche Gabe (hatte; M. B.), die Notwendigkeit einer Sache einzusehen, sich für sie zu begeistern, die besten Wege ihrer Ausführung zu erkennen und dann diese dreifach bewegende Kraft jenen Personen einzuflößen, die sie für das betreffende Werk geeignet hielt und welche sie durch eine Art Inspiration herauszufinden wusste" (Fogt 1903, S. 422). - Der von der Freiin v. H.-H. mitbegründete "Marianische Mädchenschutzverein", der sich heute "IN VIVA Katholische Mädchensozialarbeit - Deutscher Verband e. V" nennt, kann auf eine über 100-jährige Geschichte zurückblicken. Eine Kontinuität, die angesichts gravierender gesellschaftlicher wie politischer Veränderungen und Umbrüche in Vergangenheit und Gegenwart zunächst einmal Achtung abverlangt.

Werke (Ausw.): Die Marienanstalten für weibliche Dienstboten, in: Christlich-Soziale Blätter, 12 1879, 716 ff.; Warum Mädchenschutz?, München 1901 (unveröffentl. Manuskript).

Archiv: Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen.

Webseite: http.//www.inviva.caritas.de/1047.html (24.6. 2004).

Lit. (Ausw.): Fogt, L.: Marie Freiin von Hohenhausen, in: Monika. Zeitschrift für katholische Mütter und Hausfrauen, 35/36 1903, 410 ff; - Preysing, Chr. V.: Ein Vierteljahrhundert Marianischer Mädchenschutzarbeit in Bayern, in: Bayerische Caritas-Blätter, 19 1920, 33 ff.; - Godin, A. v.: Ellen Ammann. Ein Lebensbild, München, o, J. (1933); - Festschrift Katholischer Mädchenschutz 1895-1955, o. O., o. J. (1955); - Vereinigung des Adels in Bayern (E.V.), München (Hrg.): Genealogisches Handbuch des in Bayern immatrikulierten Adels. Band X, Neustadt an der Aisch 1970, 109 ff.; - Kall, A.: Katholische Frauenbewegung in Deutschland. Eine Untersuchung zur Gründung katholischer Frauenvereine im 19. Jahrhundert, Paderborn 1983; - Neboisa, M.: Ellen Ammann geb. Sundström 1870-1932. Dokumentation und Interpretation eines diakonischen Frauenlebens, St. Ottilien 1992; - Nikles, B. W.: Soziale Hilfe am Bahnhof. Zur Geschichte der Bahnhofsmission in Deutschland (1894-1960), Freiburg/Br. 1994; - Eder, M. "Helfen macht nicht ärmer". Von der kirchlichen Armenfürsorge zur modernen Caritas in Bayern, Altötting 1997; - Kranstedt, G.: Migration und Mobilität im Spiegel der Verbandsarbeit Katholischer Mädchenschutzvereine 1894-1945. Ein Beitrag zur Geschichte der Katholischen Frauenbewegung, Freiburg 2003.

Manfred Berger

Letzte Änderung: 22.01.2005