LABAN. Das hebräische Wort bedeutet »weiß«. Herleitungen
von hebr. »Mond« und damit verbundene Deutungen
auf eine Mondgottheit sind weniger wahrscheinlich. - Nach der
biblischen Überlieferung ist L. sowohl der Sohn Betuels (1.Mose 24,29.50;
25,20; 28,2.5) als auch der Sohn Nachors (29,5). Letzteres dürfte
sich aber auf den Großvater Nachor (11,26 ff.) beziehen (oder gar
auf den in 1.Mose 11,22-24 genannten Urahn gleichen Namens?), einen
Bruder Abrahams, von dem auch die Heimatstadt L.s ihren Namen hat
(24,10). L. ist der Bruder Rebekkas, der Frau Isaaks (24,29 u.ö.),
und wird der Schwiegervater Jakobs (29-31). - Die biblische Überlieferung
zu L., die sich v.a. in 1.Mose 29-32,1 findet, zeichnet ein vielfältiges
Bild dieser Figur: Jakob hatte sich in Rahel, die jüngere Tochter
Labans, verliebt und sieben Jahre um sie bei L. gedient, doch in der
Hochzeitsnacht fand er L.s ältere Schwester Lea im Brautgemach, so
daß Jakob um Rahel weitere sieben Jahre dienen mußte. L. erklärt sein
Verhalten mit der Landessitte. Nachdem Jakob im Hause L.s von dessen
Töchtern sowie deren Mägden 11 Söhne und eine Tochter geboren wurden
(1.Mose 29,31-30,24), will Jakob in sein Heimatland ziehen. L. vermag
ihn aber mit dem Angebot einer Beteiligung an den Herden noch einige
Zeit zu halten. Hier manipuliert Jakob bei den Begattungen der Tiere
derart, daß er die starken Tiere erhält, L. aber die schwachen (30,42).
Aufgrund eines Gotteswortes (31,3) zieht J. fluchtartig mit der Hilfe
und der Solidarität seiner Frauen, die ihrem Vater nicht wohlgesonnen
sind, fort, ohne es L. zu sagen. Rahel stahl dabei die Hausgötter
ihres Vaters, ohne daß Jakob davon wußte. L. vermag diese Flucht nicht
zu akzeptieren; so, ohne Abschied, will er seine Töchter und Enkelkinder
nicht ziehen lassen. Er verfolgte Jakob und seine Familie und stellte
sie. Es kommt noch einmal zu einem dramatischen Höhepunkt, als L.
nach seinen verschwundenen Hausgöttern suchte und Jakob demjenigen
die Todessanktion androhte, bei dem sie gefunden würden. Da Rahel
auf diesen Göttern saß, wurden sie aber nicht gefunden, woraufhin
Jakob L. eine heftige Scheltrede hielt. Die Geschichte von Jakob und
Laban endet schließlich mit einem Bundesschluß, worin v.a. die Grenzen
ihrer Wohngebiete festgeschrieben wurden (31,43 ff.; hier ist dem
griechischen Text der Septuaginta der Vorzug gegenüber dem hebräischen
Text zu geben, so Seebass 1986). »Am Morgen machte L. sich früh auf,
küßte seine Söhne und Töchter, segnete sie und ging. So kehrte L.
an seinen Ort zurück« (32,1). Die Inhaltsangabe der biblischen Überlieferung
macht den Eindruck großer Geschlossenheit. Trotzdem bleibt eine Verteilung
des Bestandes der Erzählung auf den Jahwisten und den Elohisten nicht
sinnlos (zur Einzelzuweisung vgl. die Kommentare, v.a. zuletzt H.
Seebass). Daß L. sowohl im Elohisten als auch im Jahwisten (und auch
in der Priesterschrift: 25,20; 28,2.5) belegt ist, rechtfertigt die
traditionsgeschichtliche Rückfrage nach älterer Überlieferung. Aus
31,22 ff., v.a. dem Grenzvertrag zwischen Jakob und L., kann man
mit einiger Sicherheit erheben, daß L. ursprünglich ein ostjordanischer
Nachbar Israels gewesen ist. Hierzu fügt sich die fest in der Überlieferung
verankerte Angabe, daß L. ein Aramäer war. Da allerdings das in 1.Mose
31 beschriebene Siedlungsgebiet nach der Konsolidierung der Ammoniter
zu deren Siedlungsgebiet gehörte, dürfte die Tradition noch ins 12.Jh.
v.Chr. zu datieren sein. Mit der jahwistischen Rezeption der Tradition
von L. hängt die Lokalisierung in Charan 29,4 zusammen; die Bezeichnung
»Land der Ostleute« (29,1) dürfte ein Zusatz sein. Wie Jakob, so ist
auch L. in den Jakob-Laban-Erzählungen noch nicht der Repräsentant
eines späteren Volkes (Aramäer/Israel), sondern beide repräsentieren
Vaterhäuser, da die individuellen Züge beider die kollektiven Züge
überwiegen. So steht der Konflikt zwischen Jakob und L. nicht stellvertretend
für den Konflikt der Aramäer mit Israel im 10./9. Jh. v.Chr., sondern
die Tradition bewegt sich noch ganz im Familienmilieu. Hier, im Familienmilieu,
haben die Erzählungen von der »untergeschobenen Braut«, den geraubten
Familiengöttern und dem Gebietsvertrag ihren ursprünglichen Sinn.
Das Motiv vom Brunnen (29,1 ff.) und auch die Erzählung von der Manipulation
an der Herde weisen genauer noch in das Milieu von Hirten. Eine Bestätigung
der angenommenen Lebensnähe der Jakob-L.-Erzählungen ergibt sich aus
dem Vergleich dieser Erzählungen mit keilschriftlichen Vertragstexten
aus der östlich von Ninive liegenden Stadt Nuzi: Hirtenverträge, Texte
zur Bedeutung der Hausgötter und vor allem alles, was im Umfeld der
Ehe von Bedeutung ist, weist erstaunliche Parallelen zu 1.Mose 29-31
auf. Zu den traditionellen Motiven in den Erzählungen von L. gehört
in jedem Fall auch eine Beziehung L.s zum Grenzheiligtum von Mizpe-Gilead.
Bei aller Geschlossenheit der Tradition empfiehlt es sich dennoch
nicht, etwa mit H. Gunkel von einem Jakob-Laban-Sagenkranz zu reden.
Zum einen machen Erzählungen wie 1.Mose 29,1-30; 30,25-43 einen relativ
eigenständigen Eindruck; zum anderen finden sich Erzählungen, die
gleichfalls von familiären Konflikten handeln, auch in 1.Mose 32,4-22;
33,1-16 (Konflikt mit Esau). Vielmehr hat man die Traditionen, die
Jakob mit L. verbinden, zum Grundstock einer alten Jakob-Tradition
zu rechnen. Theologisch ist von Belang, daß das Bild von L. dem Betrüger
(29,1-30) nicht das letzte Wort bleibt, das die Bibel von dem Großvater
der Israel-Söhne zu erzählen weiß. Auf dem Höhepunkt der Überlieferung,
in 1.Mose 31, stellt sich L. unter den Gott Jakobs V. 24.29, und die
Erzählung kann in Frieden enden, weil die Götter von Laban und Jakob
als Zeugen des Bundesschlusses dienen.
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Klaus Grünwaldt
Literaturergänzung:
David Instone-Brewer, Balaam-L. as the key to the Old Testament quotations in Matthew 2, in: Built upon the rock. Grand Rapids, Mich. 2008, S. 207-227.
Letzte Änderung: 09.04.2011