Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band V (1993)Spalten 1291-1293 Autor: Friedrich Heyer

MERCIER, Désiré, * 21. November 1851 in Braine l'Alleut in Brabant, † 23. Januar 1926 in Brüssel, wuchs zu einem der bedeutendsten neothomistischen Philosophen heran. Nach einem Studium in Mecheln, Leuwen und Paris war M. 1874 zum Priester geweiht worden und hatte 1877 eine Philosophieprofessur am Priesterseminar von Mecheln übernommen. Der Neuthomismus hatte sich bereits in Italien und Deutschland durchgekämpft. Seit 1810 hatte Buzetti im Sinne des heiligen Thomas gelehrt und die beiden jungen Jesuiten Domenicus und Seraphim Sardi dafür gewonnen. Domenicus Sardi hatte sein Leben der Thomasforschung gewidmet und als Rektor des Kollegium Romanum den Herausgeber der Civiltà Cattolicà für den Thomismus gewonnen. Diese Zeitschrift bot eine Tribüne für die Neuthomistische Werbung. In Mainz fand sich eine erste Theologengruppe, die römischen Gedanken gegen die herrschende Universitätstheologie, deren Entwürfe auf dem deutschen Idealismus basierten, zu vertreten. Die Mainzer Zeitschrift »Der Katholik« war der Herausgeberschaft neu ernannter thomistischer Professoren des Diözesanseminars übergeben. Der Neuthomismus hatte sich also schon als siegreich erwiesen, als Désiré M. zu seinen großen literarischen Leistungen ansetzte. Papst Leo XIII., der als Nuntius in Belgien die dortigen Verhältnisse kennengelernt hatte, bestand 1882 darauf, daß M. Inhaber eines an der Universität Leuwen zu errichtenden Lehrstuhls für thomistische Philosophie werde. - 1889 wurde M. zum ersten Präsidenten des Institut Supérieur de Philosophie erhoben, das 1893 seine definitive Organisation erhielt, aber in eine gewisse Krise geriet, als 1895 Latein als Vorlesungssprache angeordnet wurde. 1894 gründete M. die Revue néo-scolastique. Der gelehrte Professor wurde 1906 zum Erzbischof von Mecheln erhoben, damit Primas der katholischen Kirche von Belgien. 1907 erhielt er die Kardinalswürde. Im Bestreben, »für die Menschen seiner Zeit zu philosophieren«, kämpfte M. gegen den Positivismus einerseits und gegen die Neukantianer andererseits. Zwischen moderner Wissenschaft und traditioneller Metaphysik suchte er zu vermitteln. Da M. während des Studiums in Paris auch das Studienfach Psychiatrie aufgenommen hatte, war er in der Lage, auch zu Themen der Psychologie zu publizieren. M. kehrte jene im thomistischen System liegende Möglichkeit hervor, die die Erkenntnisfähigkeit der Vernunft zur Geltung zu bringen suchte. Er wandte sich gegen jenen Neu-Thomismus, der die moderne Wissenschaft nur bekämpfte. Stattdessen faßte M. die thomistische Philosophie als einen erweiterungsfähigen Rahmen auf, der die neuen Forschungsergebnisse in sich aufnehmen kann. Rudolf Eucken bestätigte in der Münchner Allgemeinen Zeitung, daß M.s Institut in Leuwen das wissenschaftliche Zentrum des heutigen Thomismus geworden sei und daß die thomistische Philosophie hier das mittelalterliche Gewand abgelegt habe. - Als amerikanische Bischöfe mit Leo XIII. wegen der Errichtung der Katholischen Universität Washington verhandelten, wies der Papst sie an M., damit sie mit ihm ihre Pläne abklärten. Als im ersten Weltkrieg deutsche Truppen überraschend Belgien besetzten, vertrat der Kardinal die Belange seines Volkes gegenüber der deutschen Besatzungsmacht. Die deutschen Militärbehörden aber verboten die Verbreitung der M.schen Rundbriefe ans belgische Volk. Da half ihm Dom Lambert Beauduin von der Abtei Kaysersberg, der als Sohn des Besitzers der Zuckerfabrik von Thienen die Möglichkeit hatte, die M.schen Schreiben in die Zuckerpackungen der väterlichen Fabrik zu stecken, daß die Worte des Primas doch über die Hausfrauen, die den Zucker kauften, im Volk bekannt wurden. Als die deutsche Besatzungsbehörde diesen illegalen Verbreitungsweg entdeckte, mußte Dom Beauduin sich im Nachen nach England retten. Während der Kriegszeit lehrte Beauduin hinfort an San Anselmo in Rom. - Kardinal M. leistete Pionierarbeit zur Entwicklung eines römisch-katholischen Ökumenismus, indem er sich auf den anglikanischen Appeal to all Christian people der Lambeth-Konferenz von 1920 zustimmend äußerte. Dadurch wurde auf britischer Seite Lord Halifax, Führer des anglo-katholischen Flügels, und sein französischer katholischer Freund abbé Portal, die sich schon 1896, damals erfolglos, um eine römische Anerkennung der anglikanischen Bischofsweihen bemüht hatten, ermutigt, sich an den Kardinal zu wenden, um anglikanisch-katholische Gespräche anzuregen. So führte M. in den Jahren 1921-1925 die sogenannten »Mechelner Gespräche«, die in seinem Bischofspalais stattfinden durften. Als der Erzbischof von Canterbury Randell Davidson in seinem Weihnachtsrundbrief von 1923 auf die Mechelner Gespräche anspielte, brach öffentliches Interesse hervor. Jetzt erfuhr man aus einem Schreiben M.s an seine Priesterschaft, was sich im Salon des Mechelner Palastes abgespielt hatte. Seit 400 Jahren hatte man zum ersten Mal wieder frei zwischen Anglikanern und Katholiken im Austausch gestanden. Kardinal M. wußte von einer stillschweigenden Zustimmung Benedikts XV. - Beim vierten Gespräch 1925 verlas der Kardinal den berühmt gewordenen Aufsatz von Dom Lambert Beauduin: The Church of England united, not absorbed, in welchem Beauduin die Schaffung einer mit Rom unierten anglikanischen Kirche mit weitgehend autonomem Patriarchat von Canterbury vorschlug - eine Lösung, die den Verlust der Identität der anglikanischen Kirche vermied. Über der These Beauduins wurde freilich ein innerkatholischer Dissensus offenbar. Die anti-ökumenische Enzyklika Pius XI. Mortalium animos vom 6. Januar 1928, die den katholischen Gläubigen jede Teilnahme »an Konferenzen, die in allen Farben schillern«, verbot, zielte auch auf die Mechelner Gespräche, die nun auch prompt abgebrochen wurden.

Werke: Logique, Louvain 1894; Métaphysique générale ou Ontologie, Louvain 1894; Psychologie, Louvain 1892. Bibliographie RNPh 28 (1926) 250-258.

Lit.: M. de Wulf RNPh 28 (1926) 5-22, 99-249; - L. de Raeymaeker RPhL 49 (1951) 505-633; - Ders., Le cardinal M et l'Institut Supérieur de Philosophie de Louvain, Louvain 1952.

Friedrich Heyer

Werkeergänzung:

David Boileau (ed.): Cardinal Mercier's philosophical essays. A Study in neo-thomism, Leuven, 2002.

Literaturergänzung:

Jehan dŽIvray, Le Cardinal Mercier (Collection les Clochers de France Bd. 15). Paris 1926; - Alois Simon, Position philosophique de Cardinal Mercier. Esquisse psychologique. Bruxelles 1962; - Roger Aubert, Le Père H. Delehaye et le cardinal Mercier, in: AnBoll 100.1982, S. 743-780; - Roger Aubert, Le Père H. Delehaye et le cardinal Mercier, in: AnBoll 100.1982, S. 743-780; - David A. Boileau, Cardinal Mercier. A memoir. Leuven 1996; - Bernard Joassart, Le cardinal Mercier, le père Delehaye et Saint Jérome, in: AnBoll 114.1996, S. 406-410;- Bernard Joassart, Le cardinal Mercier et le Père Delehaye. Complèment, in: Dass. 115.1997, S. 354-356; - Roger Aubert, Les deux premiers grands conflits du Cardinal Mercier avec les autorités allemandes d'occupation. Louvain-la-Neuve 1998; - N. Bieliavsky. Le Cardinal Mercier et l'émigration russe, in Irénikon, 76 (2003), 179-198.

Letzte Änderung: 11.06.2008