NIKOLAOS von Damaskus (Nicolaus Damascenus), griechischer Historiker und Philosoph, * um 64 v. Chr. in Damaskus. - N. v. D. entstammte einer wohlhabenden griechischen oder hellenisierten aramäischen Familie in Damaskus. Er erhielt eine sorgfältige Erziehung und wurde Ratgeber, Hofhistoriker und Hofphilosoph des Königs Herodes von Judäa und dessen Nachfolgers Archelaos. In dessen Dienst kam er nach Rom, wo er dann bei Kaiser Augustus eine angesehene Stellung erlangte. Ort und Zeit seines Todes sind uns unbekannt. - Von seinen Schriften sind uns nur Fragmente erhalten; manche sind uns auch bloß dem Titel nach bekannt. Sein Hauptwerk waren die `Historiae', eine Universalgeschichte in 144 Büchern, die von den altorientalischen Staaten bis auf seine Zeit reichte und von Josephus ausgiebig benutzt wurde. An historischen Schriften verfaßte er außerdem eine stark panegyrisch gefärbte Biographie des Augustus und eine Autobiographie, in der er sich selbst als Verkörperung des peripatetischen Tugendideals darstellt. Als Philosoph gehörte er dem neueren Peripatos an. Sein philosophisches Hauptwerk war die Schrift "Über die Philosophie des Aristoteles", die in der Hauptsache erklärende Paraphrasen der Werke des Aristoteles bot; dabei begann er im Gegensatz zu Andronikos von Rhodos und im Anschluß an Boëthos von Sidon nicht mit den logischen, sondern mit den naturphilosophischen Schriften; ob er die Logik am Schluß behandelt oder ganz weggelassen hat, ist unbekannt. Erhalten sind griechische Fragmente bei Porphyrios und Simplicius, Zitate bei syrischen und arabischen Autoren, bei denen N. v. D. als Philosoph sehr geschätzt war, und die ersten 5 Bücher eines Auszugs in syrischer Sprache, welche die Naturphilosophie und die Metaphysik enthalten. N. v. D. entdeckte das sogenannte "Metaphysische Bruchstück" Theophrasts, worüber er in dem metaphysischen Teil seines philosophischen Hauptwerkes berichtet hat. In der Schrift "Über das All" gab er eine Darstellung der Kosmologie; sein Werk "Über die Götter" hat doxographischen Charakter; ethische Anweisungen enthält seine Schrift "Über das Gute im tätigen Leben"; seine dem Herodes gewidmete "Sammlung wunderlicher (Völker-) Sitten" war eine paradoxographische Schrift, die ebenfalls in den peripatetischen Interessenkreis fiel. Schließlich verfaßte er auch ein botanisches Werk "Über die Pflanzen", das uns in einer um 1200 angefertigten lateinischen Übersetzung einer arabischen Version einer syrischen Fassung erhalten ist; die im Corpus Aristotelicum enthaltene Pseudo-Aristotelische Schrift `De plantis' (Aristotelis Opera ed. Bekker II p. 814 a 10-830 b 4) ist nicht, wie früher angenommen, das Originalwerk des N. v. D., sondern eine Rückübersetzung der genannten lateinischen Fassung ins Griechische, die vielleicht von Maximos Planudes herrührt. Die Schrift des N. v. D. enthielt in der Hauptsache Auszüge botanischer Texte aus Werken des Aristoteles und Theophrast. - N. v. D. ist für die Geschichte der Philosophie vor allem als Vermittler der Lehren des Aristoteles und Theophrast an die Syrer und Araber von Bedeutung.
Werke: Die hist. Frgm.: Felix Jacoby, Die Frgm. der griech. Historiker II A, Berlin 1926 (Nachdr. Leiden 1961), 324-430; it. Übers. der Frgm. der Biographie des Augustus: Nicolao di Damasco, Vita di Augusto, introduzione, traduzione e commento storico a cura di B. Scardigli in collaborazione con P. Delbianco, Florenz 1983; die Frgm. der Schr. über die Philos. des Aristoteles: Theophilus Roeper, Nicolai Damasceni de Aristotelis philosophia librorum reliquiae, in: Ders., Lectiones Abulpharagianae I, GProgr. Danzig 1844, 35-43; Nicolaus Damascenus, On the philosophy of Aristotle, fragments of the first five books, transl. from the Syriac with introduction and commentary by Hendrik J. Drossaart Lulofs (= Philosophia antiqua 13), Leiden 1965, 1969
2; der lat. Text der botanischen Schr.: Nicolai Damasceni de plantis libri duo, recensuit E. H. F. Meyer, Leipzig 1841.
Lit.: Hermann Usener, Zu Theophrasts metaphysischem Bruchstück, in: RheinMus 16, 1861, 259-281, abgedr. b. dems., Kleine Schrr. I, Leipzig 1912 (Nachdr. Osnabrück 1965), 91-111; - Franz Susemihl, Gesch. der griech. Litteratur in der Alexandrinerzeit II, Leipzig 1892 (Nachdr. ebd. 1965), 309-321; - E. Reimann, Quo ex fonte fluxerit Nicolai Damasceni παραδόξων ἐϑῶν συναγωγή , in: Philologus 54, 1895, 654-709; - Emil Schürer, Gesch. des jüd. Volkes im Zeitalter Jesu Christi I, Leipzig 1901 (Nachdr. Hildesheim 1970), 50-57. 82; - Wilhelm v. Christ-Wilhelm Schmid, Gesch. der griech. Lit., Tl. II, Bd. 1 (= HAW 7, 2, 1), München 19206 (Nachdr. ebd. 1974), 374-376; - Hendrik J. Drossaart Lulofs, Aristotle's `De plantis', in: Journal of Hellenic studies 77, 1957, 75-80; - Lotte Labowsky, Aristoteles `De plantis' and Bessarion, in: MRS 5, 1961, 132-154; - Ben Zion Wacholder, Nicolaus of Damascus (= University of California Publications in History 75), Berkeley, Calif. 1962; - Bertrand Hemmerdinger, Le `De plantis' de Nicolas de Damas à Planude, in: Philologus 111, 1967, 56-65; - Paul Moraux, Der Aristotelismus b. den Griechen I (= Peripatoi 5), Berlin 1973, 487-514; - Ueberweg, neue Ausg., Antike 3, 596-599; - EncF IV, 1010; - Pauly-Wissowa XVII, 362-424. 1269; - Kl. Pauly IV, 109-111; - LThK VII, 984.
Adolf Lumpe
Letzte Änderung: 09.04.2011