NIPPERDEY, Thomas, Historiker, * 27.10. 1927 in Köln, † 14.6. 1992 in München. - N. wuchs in Köln als Sohn des bekannten Juristen und ersten Präsidenten des Bundesarbeitsgerichtes Hans Carl Nipperdey auf und legte 1946 das Abitur ab, bevor er das Studium der Philosophie und der Geschichte in Köln, Göttingen und im englischen Cambridge aufnahm. Als wichtige Lehrer prägten ihn Theodor Schieder und Hermann Heimpel. Während seines Studiums beschäftigte er sich auch mit theologischen Fragestellungen. 1953 wurde er mit der Arbeit »Positivität und Christentum in Hegels Jugendschriften« in Köln zum Dr. phil. promoviert und legte ein Jahr später das Staatsexamen ab. In den Jahren 1954 bis 1957 war er Stipendiat der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Daran schloß sich eine Forschungsassistenz am Göttinger Max-Planck-Insititut für Geschichte an (1957-1963) an. Die Habilitation erfolgte 1961 mit der Arbeit »Die Organisation der deutschen Parteien vor 1918«. Nach einer Lehrstuhlvertretung in Gießen (1962) lehrte N. seit 1963 für Geschichte an der Technischen Hochschule Karlsruhe und wirkte zusätzlich als Lehrbeauftragter an der Universität Heidelberg, wo er mit Werner Conze in Kontakt kam, der ihm Impulse für die Weiterentwicklung der Sozial- und Begriffsgeschichte vermittelte. 1967 wurde N. Professor für Neuere Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Einen Ruf nach Bochum hatte er zuvor abgelehnt. In den Jahren der studentischen Unruhen 1968/69 war er Dekan der Philosophischen Fakultät der Freien Universität. 1969 erhielt N. die Theodor-Heuss-Plakette der Friedrich-Nauman-Stiftung und war seit 1970 mehrmals Forschungsmitglied am Institute für Advanced Study in Princeton/N.J. Rufe nach Hamburg, Kiel und Köln lehnte N. ab und wechselte 1971 an die Universität in München auf den Lehrstuhl Franz Schnabels, wo er 1973-1975 Mitglied im Senat war. In seiner Münchner Zeit amtierte N. als Dekan (1979-1981), war Gastprofessor am St. Anthony's College in Oxford und Forschungsmitglied am Center für Advanced Study in the Behavioral Sciences in Stanford/Ca. Zahlreiche Auszeichnungen wurden N. zuteil: 1984 erhielt er den Historikerpreis der Stadt Münster, 1989 das Bundesverdienstkreuz, 1992 den Bayerischen Verdienstorden und in seinem Todesjahr postum den Preis des Historischen Kollegs (Deutscher Historikerpreis). N. gehörte zahlreichen bedeutenden historischen Kommissionen an. - Sein umfangreiches literarisches Oevre umfaßt neben thematisch vielfältigen allgemeinhistorischen Publikationen auch kirchengeschichtliche Veröffentlichungen. So arbeitete N. etwa über M. Luther, Thomas Müntzer, den Bauernkrieg, die Reformation, C. B. Hundeshagen, zur Frage nach dem Verhältnis von Max Weber und dem Protestantismus; schließlich untersuchte er auch Deutschland um 1900 unter der Thematik »Religion und Gesellschaft«. Seine Abhandlung über das Vereinswesen im 18. und 19. Jahrhundert wurde kirchengeschichtlich vor allem bei der Erforschung der Erweckungsbewegung wichtig. Von herausragende Bedeutung ist seine dreibändige Deutsche Geschichte, die sehr stark auch die religiösen Entwicklungen in ihrer Darstellung berücksichtigt. Die Aufgabe historischer Wissenschaft ist im Sinne N., die jeweilige Gegenwart über ihre Bedingungen aufzuklären, eine Begegnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herbeizuführen. N. vertrat eine aufklärerisches und historisch-genetisches Denken verbindende, am Historismus orientierte Geschichtswissenschaft. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Historiker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Werke (Auswahl): Positivität und Christentum in Hegels Jugendschriften, Diss. Köln 1953; Die Organisation der dt. Parteien vor 1918, Düsseldorf 1961; Theol. und Revolution bei Thomas Müntzer, in: ARG 54 (1963), 145-181; 50 Jahre Forschungsförderung in Dtld. Ein Abriß der Gesch. der Dt. Forschungsgemeinschaft 1920-1970, zus. mit Ludwig Schmugge, Bonn-Bad Godesberg 1970; Konflikt. Einzige Wahrheit der Gesellschaft? Z. Kritik der hessischen Rahmenrichtlinien, Osnabrück 1974; Ref., Revolution, Utopie. Stud. z. 16. Jh., Göttingen 1975; Gesellschaft, Kultur, Theorie. Gesammelte Aufss. z. neueren Gesch., Göttingen 1976; Utopia in der Neuzeit. Vortr., München 1978; Hochschulen zw. Politik und Wahrheit. Sind die Reformen z. verkraften?, hrsg. v. T. N., Zürich 1981; Martin Luther und die Bildung der Deutschen. Aufss., Bonn 1983 (engl.: Martin Luther and the formation of the Germans, Bonn 1983); Deutsche Geschichte 1800 - 1866. Bürgerwelt und starker Staat, München 1983; Nachdenken über die dt. Gesch. Essays, München 1986; Wie modern war das Kaiserreich? Das Beispiel der Schule, Opladen 1986; Wozu Geschichte gut ist. 30 Jahre Militärgeschichtliches Forschungsamt 1957-1987, Freiburg 1987; Rel. im Umbruch: Dtld. 1870-1918, München 1988; Wie das Bürgertum die Moderne fand, Berlin 1988; Rel. und Gesellschaft. Dtld. um 1900. 2. Theodor-Schieder-Gedächtnisvorlesung am 20. November 1987 in der Bayr. Akademie der Wiss., München 1988; The rise of the arts in modern society, London 1990; Weltbürgerkrieg der Ideologien. Antworten an Ernst Nolte, Festschr. Z. 70. Geb., hrsg. v. T. N., Berlin 1993; Germany from Napoleon to Bismarck 1800-1866, Dublin 1996; Eine bürgerliche Jugend (1927 - 1945), München 1998.
Bibliographie: Hermann Holzbauer (Hrsg.), Thomas Nipperdey. Bibliogr. seiner Veröffentlichungen 1953-1992, München 1993.
Lit.: Lothar Gall, Zum Lebenswerk von T. N., in: H. Holbauer, 1-12; - Stiftung Historisches Kolleg im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Vierte Verleihung des Preises des Historischen Kollegs. Aufgaben, Stipendiaten, Schriften des Historischen Kollegs, München 1993, darin u.a.: Lothar Gall, Die Gegenwart der Vergangenheit. Zum Lebenswerk von T. N., 23-34; - In Memoria T. N. Reden gehalten am 14. Juni 1993 bei der Akademischen Gedenkfeier der Philosophischen Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München, 1994, enthält u.a. Wolfgang Hardtwig, Forschung und Synthese. Das Werk des Historikers, 15-27; - Sten Nadolny, Der Erzähler T.N., in: T. N., eine bürgerliche Jugend (1927-1945), München 1998.