PARKER, Peter (1804-1888), bedeutender amerikanischer Missionsarzt der ersten Generation, von dem gesagt wird, daß er »China mit dem Skalpell für das Evangelium geöffnet« habe. - Als Kind einfacher Bauern wurde P. am 18. Juni 1804 in Framingham, Massachusetts, geboren. Ab 1830, also relativ spät, nämlich als Sechsundzwanzigjähriger besuchte er das Yale College in New Haven, Connecticut, wo er mit der `Großen Erweckung' dieser Zeit in den Neuenglandstaaten (Second Great Awakening 1790-1850) in Berührung kam, der er sich seitdem Zeit seines Lebens eng verbunden wußte. Auf Anraten von Rufus Anderson (1796-1880), dem gewichtigen missionstheologischen Denker und einflußreichen späteren Sekretär der Bostoner Missionsgesellschaft (American Board of Commissioners for Foreign Missions) entschied er sich, Missionar zu werden und nahm deswegen, ebenfalls in Yale, das Theologiestudium sowie als ergänzende, praktische Zurüstung auch das Studium der Medizin auf. Am 10. Mai 1834 wurde P. als presbyterianischer Pfarrer in Philadelphia ordiniert und am 1. Juni desselben Jahres als Missionar nach China abgeordnet. Ende Oktober traf er in Canton (Guangzhou) ein. Nach seinen aufgrund von ständigen Unterbrechungen durch die Inanspruchnahme seiner ärztlichen Kunst nicht sehr erfolgreichen Sprachstudien, denen er sich auf Empfehlung von Karl Gützlaff (1803-1851) in Singapur widmete, eröffnete er im November 1835 unter Mithilfe von dort ansässigen Missionaren, ärztlichen Kollegen und - zum Teil auch chinesischen - Geschäftsleuten ein kostenfreie Behandlung gewährendes `Hospital of universal Love', das unerwarteten Zuspruch bei der ansonsten Ausländern gegenüber äußerst zurückhaltenden, ja geradezu feindseligen chinesischen Bevölkerung fand. Dieser überschwengliche Erfolg, der nicht zuletzt wesentlich P.s medizinischem Können, seinem klugen ärztlichen Handeln und seiner geschickten Öffentlichkeitsarbeit zuzuschreiben ist, führte 1838 zur Gründung der `Medical Missionary Society in China' und damit zur programmatischen Konzeption von `ärztlicher Mission' (medical missions), d.h. zur prinzipiellen und systematischen Einbeziehung ärztlich-medizinischen Tuns in die christliche Missionsarbeit. Für dieses Anliegen setzte sich P. während seiner durch den ersten Opium-Krieg (1840-1842) erzwungenen Abwesenheit von China in Schrift und Rede auf seinen Reisen durch Amerika und Europa (England, Schottland, Frankreich) erfolgreich ein, was sich nicht nur in namhaften Geldspenden für die Medical Missionary Society zeigte, sondern auch in der Gründung zahlreicher missionsärztlicher Hilfsgesellschaften an den verschiedenen Orten, an denen P. zu Vorträgen eingeladen war. 1842 wieder in China, diesmal mit Harriet Webster, die er kurz zuvor geheiratet hatte (und die übrigens die erste weibliche Person aus dem Westen werden sollte, der eine Aufenthaltsgenehmigung für China erteilt wurde), und der Wiederaufnahme seiner Hospitalarbeit wurde P. 1844 zeitweilig zum Sekretär und Übersetzer der U.S. amerikanischen Delegation unter Caleb Cushing nach China ernannt. Das führte zu Spannungen mit seiner Missionsgesellschaft, und es war Rufus Anderson, der ihn schließlich unter Hinweis darauf 1847 aus den Diensten der Mission entließ, daß er seine Zeit zu sehr mit der Erledigung medizinischer und diplomatischer Aufgaben verbringe, anstatt das Evangelium zu verkündigen. Dennoch versah P. seine Arbeit am Hospital kontinuierlich weiter bis zu seiner Rückkehr in die USA 1855. Doch kaum dort angekommen, wurde er noch im gleichen Jahr als bevollmächtigter Gesandter der amerikanischen Regierung nach China zurückgeschickt, ein Mandat, das ihm allerdings bald wieder (1857) aufgrund unhaltbarer eigener politischer Intentionen entzogen wurde. Endgültig heimgekehrt ließ sich P. mit seiner Familie in Washington D.C. nieder, wo er bis zu seinem Lebensende blieb, ohne allerdings je wieder medizinisch tätig zu werden. In einer versöhnlichen Geste berief ihn während dieser Zeit seine ehemalige Missionsgesellschaft zu ihrem satzungsgemäßen Mitglied. Der von mancherlei Altersgebrechen gezeichnete P. starb, dreiundachtzigjährig, in Washington D.C. am 10. Januar 1888. - P.s bleibendes Verdienst ist zweifellos sein internationales Engagement für das Anliegen der ärztlichen Mission, zu deren bemerkenswertesten Vertretern er sicherlich ebenfalls gehört. Indem er die Missionsgesellschaften und -werke in Amerika wie in Europa auf ihre Verantwortung für das leiblich Wohlergehen derjenigen hinwies, denen sie das Evangelium verkündigen wollten, nötigte er sie dazu, sich um ihrer Glaubwürdigkeit willen, sich auch mit der leiblichen Dimension der Heilsverkündigung zu befassen, eine Erkenntnis, die auf breiter Basis erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist.
Werke: Autographen und autobiographisches Material: Berichte über das Hospital in Canton aus Parkers Hand erschienen vergleichsweise regelmäßig im Chinese Repository, Canton (Reprint: Tokyo o. J.; 1978?), Bd. IV, 1835/36, 461ff.; V, 1836/37, 32ff.; 185ff., 232ff., 456ff.; VI, 1837/38, 34ff., 433ff.; VII, 1838/39, 92ff., 569ff.; XIII, 1840, 239ff., 301ff.; XIV, 1845, 449ff.; XVII, 1847, 133ff.; XIX, 1849, 253ff.; Statements Respecting Hospitals in China, preceeded by a letter to John Abercrombie, Glasgow 1842. Parkers Tagebücher, Predigten und einige seiner Briefe werden in der Yale Medical Historical Library, New Haven, Connecticut, aufbewahrt, von denen einiges bereits 1896 veröffentlicht worden ist durch: Georges B. Stevens, W. Fisher Markwick, The Life, Letters And Journals of the Rev. And Hon. Peter Parker MD., Missionary, Physician, and Diplomat - The Father of Medical Missions and Founder of the Ophtalmic Hospital in Canton, Boston / Chicago 1896 (Reprint: Wilmington, Delaware, 1972). Parkers Korrespondenz mit dem American Board of Commissioners for Foreign Missions in Boston ist jetzt in der Houghton Library, Harvard University, Cambridge, Massachusetts, zu finden.
Lit.: C.H. Grundmann, Peter Parker, in: H.G. Anderson, Hrsg., Biographical Dictionary of Christian Missions, New York, 1998, 516; - ders.: Gesandt zu heilen! - Aufkommen und Entwicklung der ärztlichen Mission im neunzehnten Jahrhundert, Missionswissenschaftliche Forschungen, Bd. 26, Gütersloh 1992 (Lit.!); - ders.: Proclaiming the Gospel by Healing the Sick? - Historical and theological annotations on medical missions, in: International Bulletin of Missionary Research, Vol. 14 No. 3, July 1990, 120-126; - C.G. Roland / J.D. Key, Was Peter Parker a Competent Clinician?, in: Mayo Clinic Proceedings, Rochester, Vol. 58, Feb. 1978, 123-127; - Edward V. Gulick, Peter Parker and the Opening of China - Harvard Studies in American-East Asian Relations, Vol. 3, Cambridge, MA, 1973, (Lit!); - Th. Kue-Hing Young, A Conflict of Professions - The Medical Missionary in China, 1835-1890, in: Bulletin of the History of Medicine, Baltimore 1973, Vol. 47, 250-272; - E.H. Hume, Peter Parker and the Introduction of Anesthesia into China, in: Journal of the History of Medicine and allied Sciences, Vol. 1, No. 4, New York, Oct. 1946, 670-674; - S.C. Harvey, Peter Parker: Initiator of Modern Medicine In China, in: Yale Journal of Biology and Medicine, Vol. 8, No. 3, New Haven 1936, 225-241; - K.S. Latourette, Peter Parker - Missionary and Diplomat, in: ebd., 243-248; - W.W. Cadbury / M.H. Jones, At the Point of a Lancet - One Hundered Years of the Canton Hospital, 1835-1935, Shanghai 1935; - E.M. Blake, Yales First Ophtalmologist - The Reverend Peter Parker, MD., in: Yale Journal of Biology and Medicine, Vol. 3, No. 5, New Haven 1931, 387-389; - T. Dennett, Americans in Eastern Asia - A critical Study of United States's Policy in the Far East in the Nineteenth Century, New York 1922; - C.J. Bartlett, Peter Parker, The Founder of Modern Medical Missions - A unique Collection of Paintings, in: The Journal of the American Medical Association, Chicago, Aug. 5, 1916, Vol. LXVII, 407-411.