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Band VII (1994)Spalten 857-862 Autor: Barbara Wolf-Dahm

POSSEVINO, Antonio, Jesuit, Diplomat und Theologe der Katholischen Reform, * 12.7. 1533 in Mantua, † 26.2. 1611 in Ferrara. - Nach ersten philosophischen Studien an seinem Geburtsort und in Rom wurde P. 1550 Sekretär des Kardinals Ercole Gonzaga sowie Erzieher von dessen beiden Neffen Francesco und Scipione. Auf Bildungsreisen mit seinen Zöglingen nach Ferrara, Neapel und Padua konnte P. sein Wissen erweitern und sich insbesondere im Bereich der Sprachen und der Literatur umfangreiche Kenntnisse aneignen. Kardinal Gonzaga vermittelte ihm auch 1559 eine Kommende im Ritterorden S. Antonio in Fossano/Savoyen. Trotz der Aussicht auf eine steile weltliche Karriere schloß sich P. am 29.9. 1559 in Padua der Gesellschaft Jesu an. Nach kurzem Noviziat und einem dreimonatigen theologischen Kurs am römischen Jesuitenkolleg folgte er Anfang 1560 dem Ruf des Herzogs Emmanuel Philipp von Piemont zur Ketzerbekämpfung nach Piemont und Savoyen. Seine missionarischen Predigten vor den Waldensern und theologischen Streitgespräche mit deren Pastoren waren äußerst erfolgversprechend, weshalb man ihn höheren Orts als Kandidaten für einen Bischofsstuhl in Erwägung zog. 1561 empfing er die Priesterweihe, blieb aber weiterhin im italienisch-französischen Alpenraum tätig, wo er verschiedene Aufgaben in Chieri, Chambéry, Turin und Lyon wahrnahm. In der Rhône-Metropole besorgte er die Herausgabe eines Katechismus in französischer Sprache. Seine Predigttätigkeit machte ihn jedoch bei den radikalen Hugenotten so verhaßt, daß er während der ersten blutigen Zusammenstöße zwischen Katholiken und Reformierten 1562 nach Savoyen fliehen mußte. In den folgenden Jahren wirkte P. in Avignon, Dieppe, Rouen, Paris, Besançon und Lyon, wo er Jesuitenkollegien mitbegründete und u.a. 1565-1570 Rektor des Kollegs zu Avignon sowie 1571-1573 Rektor des Kollegs von Lyon war. Anfang 1573 berief ihn Ordensgeneral Everard Mercurian nach Rom zu seinem Geheimschreiber. Seine hervorragenden diplomatischen und seelsorglichen Qualitäten trugen P. 1577 eine brisante außenpolitische Mission ein. Der schwedische König Johann III. Wasa, welcher mit einer katholischen polnischen Prinzessin verheiratet war, neigte aus persönlichen und politischen Gründen dem Katholizismus zu. Vom Heiligen Stuhl erhoffte er sich finanzielle Unterstützung sowie die Vermittlung eines Bündnisvertrages mit Spanien. Auf sein Ersuchen hin entsandte Papst Gregor XIII. eine Delegation unter Leitung von P. nach Stockholm, die am 19.12. 1577 - in weltlicher Kleidung - die schwedische Hauptstadt betrat. P. konnte jedoch nur ein persönliches Treuegelöbnis des Königs zur katholischen Kirche erhalten und mußte auf öffentlichen Druck hin im Mai 1578 das Land wieder verlassen. Auf seiner Rückreise kam er erstmals in das Jesuitenkolleg zu Braunsberg/Ostpreußen, wo seine Pläne zur Errichtung Päpstlicher Seminare als Vorposten für die Rekatholisierung Skandinaviens und Nordosteuropas reiften. Zunächst gründete er in Braunsberg eine Buchdruckerei. Anfang Oktober 1578 in Rom zurück, bemühte er sich an der Kurie vergeblich um Dispense, welche Schweden die Rückkehr zum katholischen Glauben erleichtern sollten, wie die Bewilligung der Priesterehe, des Abendmahls in beiderlei Gestalten und der Liturgie in der Volkssprache. Doch konnte er zusammen mit Kardinal Ptolemeo di Como Statuten für Päpstliche Seminare in Braunsberg und Olmütz ausarbeiten, die er auf seiner zweiten Reise nach Schweden einweihte. Von Juli 1579 bis August 1580 verhandelte P. erneut in Schweden, erreichte aber weder eine katholische Restauration des Landes noch die öffentliche Konversion des Königs. Bald darauf erhielt er vom Heiligen Stuhl einen neuen Auftrag. Zar Iwan IV. der Schreckliche hatte im September 1580 den Papst um Vermittlung im Krieg zwischen ihm und dem polnischen König Stefan Bßthory gebeten, dafür seine Beteiligung an einem Türkenkreuzzug versprochen und die Möglichkeit der Kirchenunion vage angedeutet. Indem P.s Legation auf den Anschluß der russischen Orthodoxie an die im Konzil von Ferrara (1439) gefaßten Unionsbeschlüsse zielte, kam ihr große kirchenpolitische Bedeutung zu. Nach seiner Ankunft in Wilna (13.6. 1581) gewann P. rasch das Vertrauen des polnischen Königs, von dem er u.a. die Genehmigung zur Gründung eines Päpstlichen Seminars in Wilna erhielt. Auch der Zar empfing ihn am 20.8. 1581 in Starica an der Wolga freundlich. Allerdings ließen sich die religiösen Gegensätze nicht überwinden. In zähen Verhandlungen erreichte P. lediglich den Abschluß des auf zehn Jahre befristeten Waffenstillstandes von Jam Zapolskij (15.1. 1582) zwischen Rußland und der Krone Polen. Anschließend hielt er sich mehrere Monate lang in Moskau zu theologischen Gesprächen auf, die wiederum ohne greifbares Ergebnis blieben. Ebenso erfolglos verlief eine Gesandtschaft Iwans IV. zum Heiligen Stuhl, die P. nach Rom begleitete. Noch im Oktober 1582 kehrte er, ausgestattet mit weitreichenden Vollmachten, als päpstlicher Sonderbeauftragter für die Seminare und Kollegien in Nordeuropa an den polnischen Hof nach Warschau zurück. Von 1582 bis 1586 gehörte er zu den engsten Vertrauten Stefan Báthorys, der ihm wichtige außenpolitische Aufträge erteilte, darunter mehrere Gesandtschaften an den Kaiserhof nach Wien. Gleichzeitig führten ihn Volksmissionen, Visitationen und organisatorische Aufgaben der Gesellschaft Jesu durch ganz Polen und Litauen, ins Baltikum, nach Siebenbürgen, Sachsen und Böhmen. U.a. errichtete er ein Päpstliches Seminar in Klausenburg/Siebenbürgen und eine Dolmetscherschule in Dorpat. Einen Schwerpunkt seines Wirkens bildeten weiterhin die Bemühungen um eine Verständigung mit der Ostkirche, vor allem um einen Anschluß der im Gebiet der polnisch-litauischen Union lebenden Orthodoxen an die römische Kirche, wie er in der Union von Brest 1596 erreicht wurde. 1586 sollte P. im Auftrag Stefan Báthorys an der Kurie über die Türkenabwehr verhandeln, doch vereitelte der plötzliche Tod des polnischen Königs am 12.12. 1586 dieses Unternehmen. Nach Italien zurückgekehrt, zog sich P. in das Jesuitenkolleg von Padua zurück, wo er eine Lehrtätigkeit übernahm. Zu seinen Schülern zählte auch der junge Franz von Sales. In jener Zeit entstanden P.s Hauptwerke, die "Bibliotheca selecta", eine Art theologische Summe mit Abschnitten über die Ordensgemeinschaften und Hinweisen zum Religionsgespräch mit Orthodoxen und Protestanten, sowie der "Apparatus sacer", eine Übersicht über die Auslegung des Alten und Neuen Testaments von den Kirchenvätern bis zu den Zeitgenossen P.s. Daneben betraute die Kurie den gelehrten Theologen und erfahrenen Diplomaten weiterhin mit besonderen Aufgaben. So verfaßte er u.a. ein Gutachten über die Schriften Macchiavellis und wurde zum Consultor in die Kongregation zur Reform der geistlichen Orden berufen. 1593/94 bereitete er die Anerkennung des zum katholischen Glauben konvertierten Königs Heinrich IV. von Frankreich durch den Heiligen Stuhl mit vor. Inwieweit er die Lage der französischen Jesuiten, die im Bürgerkrieg zwischen die Fronten geraten waren, während seines Aufenthaltes in Frankreich verbessern konnte, läßt sich den Quellen nicht entnehmen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte P., unterbrochen von Reisen in Italien, überwiegend in Padua, wo er sich schriftstellerisch betätigte. Z.B. eröffnete er in Reiseberichten den Zeitgenossen interessante Einblicke in die noch weitgehend unbekannte Welt Rußlands. Hochbetagt starb er am 26.2. 1611 in Ferrara. - Nur wenige Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts verfügten über eine solch detaillierte Kenntnis politischer und theologischer Zusammenhänge wie P., dessen diplomatische Tätigkeit in päpstlichem Auftrag nahezu ganz Europa umfaßte. Dabei verkörperte er den typischen Jesuiten des Zeitalters der Gegenreformation. Von bleibender Bedeutung waren sein Engagement für die Katholische Reform in Nordosteuropa sowie sein Dialog mit der russischen Orthodoxie.

Werke: Trattato del sacrificio dell' altare, 1562; Il soldato cristiano con l'instruttione dei capi dello esercito cattolico, 1569; Capita quibus Graeci et Ruteni a Latinis dissentiunt, 1582; Notae divini verbi et apostolicae ecclesiae, 1586; Moscovia et alia opera, 1586/87; Transsilvania, 1589, Neuausg. bei J. Veresz, Fontes rerum Transsilvanicarum, Bd. 3, 1913; Judicium de Nuae militis galli scriptis, 1592; Bibliotheca selecta qua agitur de ratione studiorum in historia, in disciplinis, in salute omnium procuranda, 1593, Neuausg. bei Fell [s.u. Lit.], 1901; Apparatus ad omnium gentium historiam, 1602; Apparatus sacer ad Scriptores Veteris et Novi Testamenti, 3 Bde., 1603-1606; Cultura ingeniorum, 1604, dt. bei Fell, a.a.O.; Livoniae commentarius, gedr. 1852; Annalium quinquaginta annorum (Autobiographie, 1607-1611, Ms. im Archiv der Gesellschaft Jesu, Rom; Auszug gedr. bei Polčin [s.u. Lit.]).

Bibliographie: Sommervogel VI, 1061-1093; IX, 781 f.; Beschreibung der wichtigsten Werke in DThC XII/2, 2650-2656.

Lit.: Jean Dorigny, La vie du P. A. P. de la Compagnie de Jésus, 1712, it. 1749; - Augustin Theiner, Schweden und seine Stellung zum Heiligen Stuhle, 2 Bde., 1838/39; - P. Pierling, A. P. missio Moscovitica, 1882; - ders., Rome et Moscou, 1883; - ders., Un nonce du Pape en Moscovie, 1884; - ders., Bátory et P. Documents inédits sur les rapports du Saint-Siège avec des Slaves, 1887; - ders., La Russie et le Saint Siège, Bd. 2, 1897; - Georg Fell, Paedagogische Schriften von A. P., 1901; - H. Briandet, Le Saint Siège et la Suède durant la seconde moitié du XVIe siècle, 2 Bde., 1907/13; - Liisi Karttunen, A. P., un diplomate pontifical au XVIe siècle, 1908; - v.Pastor IX, 663-708; X, 388-404; - Albert Hofmann, A. P.s Bemühungen um die sogenannten Nordischen Päpstlichen Seminare 1578-1585. Ein Beitrag zur Geschichte der katholischen Pädagogik des 16. Jahrhunderts nach unveröffentlichten Akten. Diss. phil. (Bonn), 1929; - K. Derks, P. A. P., in: Studien 119, 1933, 314-332, 405-431, 519-547; - Monumenta Poloniae Viticana V, Tl. Ia, 1933; - I. Poplatek, Geneza Seminariju papieskiego w Wilnie, in: Oriens 1, 1933, 47-50; - G. Soranzo, Il p. A. P. e l'ambasciatore inglese a Venezia (1604-1605), in: Aevum 7, 1933, 385-422; - Horst Jablonowski, Die Außenpolitik Stephan Báthorys, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 2, 1937, 11-80; - C. Crivelli, La disputa di A. P. con i Valdesi (26 luglio 1560), in: AHSI 7, 1938, 79-91; - G. Hofmann, Briefwechsel zwischen Gabriel Severos und A. P., in: OrChrP 15, 1949, 416-434; - Oscar Halecki, P.s last statement on Polish-Russian relations, in: OrChrP 19, 1953, 260-302; - ders., From Florence to Brest (1439-1596), in: Sacrum Poloniae Millenium 5, 1958, 13-444; - Hans Wolter, A. P. (1533-1611). Theologie und Politik im Spannungsfeld zwischen Rom und Moskau, in: Scholastik 31, 1956, 321-350; - Stanislas Polčin, Une tentative d'Union au XVIe siècle. La mission religieuse du P. A. P. SJ en Moscovie (1581-1582), 1957; - Eduard Winter, Rußland und das Papsttum, Bd. 1, 1960, bes. 227-250; - Walter Delius, A. P. SJ und Ivan Groznyj. Ein Beitrag zur Geschichte der kirchlichen Union und der Gegenreformation des 16. Jahrhunderts, 1962; - Günther Stökl, Posseviniana, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas NF 11, 1963, 223-236; - HdKG IV, bes. 322 f., 543-547; - Wetzer-Welte X, 235-238; Koch, JL II, 1459-1461; - DThC XII/2, 2647-2657; - EC IX, 1836 f.; - RGG V, 476 f.; - LThK VIII, 640.

Barbara Wolf-Dahm

Werkeergänzung:

1980

La missione del nunzio. Due memoriali di P. ambasciatore, 1581, 1582. A cura di Mario Scaduto, in: ASHI 49.1980, S. 135-160.

Literaturergänzung:

1983

Antonio Secondo Tessari, A.P. e l'architettura, in: ASHI 52.1983, S. 247-261; -

1988

John Patrick Donnelly, A.P. and Jesuits of Jewish ancestry, in: ASHI 55.1986,109/110, S. 3-31;- John Patrick Donnelly, A.P.'s tribute to Edmund Campion, in: ASHI 57.1988,113/114, S. 163-169; -

1995

Antonino Poppi, La difficile integrazione dell'aristotelismo padovano nella teologia tridentina. Iacopo Zabarella e Antonio Possevino, in: Aristotelica et Lulliana. Steenbrugis 1995, S. 245-258; -

2000

John Patrick Donnelly, Antonio Possevino, S.J. as papal mediator between Emperor Rudolf II and King Stephan Báthory, in: ASHI 69.2000,137, S. 3-56.

Letzte Änderung: 28.06.2009