Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band VIII (1994)Spalten 156-159 Autor: Michael Schaich

RIARIO, Pietro, Kardinal, * 1445 in Savona (Ligurien), + 5.1. 1474 in Rom: - R., über dessen Jugend kaum gesicherte Berichte vorliegen, trat schon früh - wohl auf Anraten Francesco della Roveres - in den Franziskanerorden ein. Zu Studienzwecken soll er sich in Pavia, Padua, Venedig, Bologna, Siena und Ferrara aufgehalten haben, ehe er seinem 1467 zum Kardinal erhobenen Onkel nach Rom folgte. Während des Konklaves im August 1471, das mit der Wahl Francesco della Roveres zum Papst endete, war es allem Anschein nach R., der die durch eine Patt-Situation im Wahlkollegium entstandene günstige Situation erkannte und durch geschicktes Taktieren sowie die Zusicherung von gutdotierten Pfründen die Mehrheit der Kardinäle auf die Seite seines Gönners zog. Der sich hier bereits andeutende maßgebliche Einfluß R.s trat nach dem Amtsantritt Sixtus' IV. bald offen zu Tage. So verlieh ihm der Papst, der sich angesichts seines mangelnden Rückhalts innerhalb der Kurie eine eigene Hausmacht aufbauen mußte, rasch eine Abtei an der deutsch-französischen Grenze sowie das Bistum Treviso. Zwischen dem 7.10. und dem 28.12. 1471 hatte R. zudem das wichtige Amt des apostolischen Thesaurars inne. Ihren Höhepunkt erreichte die Karriere des Papstneffen jedoch am 16.12. 1471, als er - zusammen mit Giuliano della Rovere, einem weiteren Nepoten Sixtus' IV. - zum Kardinal aufstieg. Auch in der Folgezeit hielten die Gunstbezeugungen des Papstes an: binnen kurzem wurden R. das Patriarchat von Konstantinopel, die Erzbistümer Florenz und Sevilla, die Bistümer Valencia, Spalato und Mende sowie zahlreiche Klöster übertragen. Aus diesen Pfründen floßen ihm jährliche Einkünfte von über 60000 Dukaten zu. Mit diesen Mitteln finanzierte R. seine über die Maßen verschwenderische Lebensweise: er umgab sich mit einem eigenen Hofstaat, förderte Dichter und Künstler, begann mit dem Bau eines gewaltigen Palastes bei der Kirche SS. Apostoli, den nach seinem Tod Giuliano della Rovere fertigstellen sollte, und veranstaltete vor allem pompöse Gastmähler und Feste, die einen ersten Höhepunkt in der Festkultur der Renaissance darstellten. Allerdings war die luxuriöse Hofhaltung, die ihren vielbewunderten und -geschmähten Höhepunkt in den Feierlichkeiten anläßlich des Romaufenthalts der Prinzessin Eleonora von Aragon im Juni 1473 fand, nicht allein Ausdruck eines zügellosen Verschwendungswillen, sondern wenigstens zum Teil auch bewußtes politisches Kalkül, das durch die Zurschaustellung von Glanz und Reichtum die weltliche Stärke des Papsttums sowohl gegenüber den stadtrömischen Adelsfamilien wie insbesondere gegenüber den anderen italienischen Fürstenhäusern und Republiken demonstrieren sollte. Außerdem knüpfte R. bei seinen Einladungen diplomatische Kontakte, die ihm als wichtigsten Ratgeber Sixtus' IV. in außenpolitischen Belangen von Vorteil waren. In dieser Funktion vermittelte er etwa zur Stärkung der diplomatischen Beziehungen zwischen Rom und Mailand die Hochzeit seines Bruders Girolamo mit der Tochter Galeazzo Maria Sforzas. Darüber hinaus unternahm er im Sommer 1473 eine Legationsreise nach Norditalien, um den Rückkauf der von Mailand an die Florentiner ausgelieferten Stadt Imola in die Wege zu leiten. Nur wenige Monate nach der Rückkehr von dieser Reise verstarb R. überraschend - nach den divergierenden Ansichten der Zeitgenossen entweder an den Folgen seiner Verschwendungssucht oder eines Giftanschlags. Er wurde in der Kirche SS. Apostoli in einem von Mino da Fiesole und Andrea Bregno geschaffenen Grabmal, das zu den schönsten Renaissancemonumenten gehört, beigesetzt: - R., der innerhalb weniger Jahre zum reichsten und mächtigsten Kardinal seiner Zeit avancierte, war das erste prominente Beispiel des mit Sixtus IV. einsetzenden Nepotismus des Renaissancepapsttums. Er gab mit seiner verschwenderischen Hofhaltung, die politischen Zielen diente, das Vorbild für die verweltlichte Lebensführung vieler späterer Kardinäle ab.

Lit.: G. Corvisieri, Il trionfo romano di Eleonora d'Aragona nel giugno 1473, in: Archivio della Società Romana di storia patria 1, 1878, 475-491, 10, 1887, 629-687; - A. Schmarsow, Melozzo da Forli. Ein Beitrag zur Kunst- und Kulturgeschichte Italiens im 15. Jahrhundert, Berlin - Stuttgart 1886; - E, Motta, Documenti milanesi intorno a Paolo II e al cardinale R., in: Archivio della Società Romana di storia patria 11, 1888, 253-265; - A. d'Ancona, Origini del teatro italiano, 2 Bde., Turin 1891; - G. Zippel, Un'apologia dimenticata di P. R., in: Ders., Scritti di storia, di filologia e d'arte, Neapel 1908, 329-346; - Ludwig von Pastor, Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters, Bd. 2, Freiburg i.Br. 1928, 477-496; - M. Fuiano, Un monaco umanista: Ilarione da Verona, in: Benedictina 21, 1974, 131-163; - A. Perosa, Epigrammi conviviali di Domizio Calderini, in: Ann. Scuola normale Pisa ser. III, IV, 3, 1974, 791-804; - Egmont Lee, Sixtus IV. and Men of Letters, Rom 1978; - C. Falletti, Le feste per Eleonora d' Aragona da Napoli a Ferrara (1473), in: Spettacoli conviviali dall'antichità classica alle corti italiane del '400, Viterbo 1983, 269-289; - F. Cruciani, Teatro nel Rinascimento. Roma 1450-1550, Rom 1983; - Giulio Ferroni, Appunti sulla politica festiva di P. R., in: Paolo Brezzi - Maristella de Panizza Lorch (Hrsg.), Umanesimo a Roma nel Quattrocento, Rom - New York 1984, 47-65; - Massimo Miglio - Paola Farenga, Giovanni Filippo de Lignamine: »Vita Ferdinandi regis«. Il monaco Ilarione e il »Dialogus ad Petrum S. Xysti cardinalem«, in: Cultura umanistica nel Meridione e la stampa in Abruzzo, L'Aquila 1984, 119-138; - Paola Farenga, »Monumenta memoriae«. P. R. fra mito e storia, in: Massimo Miglio u.a. (Hrsg.), Un pontificato ed una città. Sisto IV (1471-1484), Rom 1986, 179-216; - LThK VIII 1281; - Diz Ec III 514; - EC X 844-845; - NCE XII 466.

Michael Schaich

Literaturergänzung:

2003

Wolfgang Strobl, Der Papstneffe Pietro Riario als Antichrist. Zeitkrit. in e. apokalypt. Epos d. 15. Jh.?, in: AHP 41.2003, S. 73-81.

Letzte Änderung: 19.06.2009