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Band IX (1995)Spalten 303-304 Autor: Ulrich Kammer

SCHLOSSER, Gustav, * 31.1. 1826 in Hungen (Hessen), + 1.1. 1890 in Frankfurt a.M. - 1843-47 Theologiestudium in Gießen, 1847/8 im Predigerseminar Friedberg entschiedene Wendung zum bibeltreuen Luthertum und erste Berührungen mit Anfängen christlicher Diakonie. 1848 tritt Schl. als begeisternder Volksredner für Erneuerung des deutschen Kaisertums auf. 1848-52 in Darmstadt: Schl. Mitgründer des Missionsvereins, gibt 1850 die »Politisch-kirchlichen Blätter« heraus die »konservativ, aber nicht reaktionär« eine »große kirchliche Restauration« in politischer Freiheit anstreben. Er eröffnet im gleichen Jahr ein christliches Knabeninstitut. - 1852-54 ist Schl. Pfarrverweser und Schulinspektor in Bensheim, 1854-64 Hofkaplan in Schönberg (Odw.), 1864-73 Pfarrer in Reichenbach (Odw.). Er gibt 1855-75 das »Kirchenblatt« als Organ der bekenntnistreuen Lutheraner in Hessen heraus und übt hierin und in Einzelschriften heftige Kritik am bürokratischen Kirchenregiment und theologischen Liberalismus im Großherzogtum Hessen-Darmstadt. 1871 lehnt Schl. einen Ruf nach Bethel ab, wo stattdessen 1872 é Fr.v. Bodelschwingh die Leitung übernimmt. 1873-90 ist Schl. erster ständiger Vereinsgeistlicher der Inneren Mission in Frankfurt a.M. zur Seelsorge an Jungarbeitern, Dienstbotinnen, Obdachlosen und Prostituierten, auch in den stationären Einrichtungen. Jahrzehntelang ist er immer wieder im ganzen deutschen Reich unterwegs zu Festpredigten und Vorträgen. Volkstümlich und ideenreich bemüht er sich, soziale Verantwortung im christlichen Bürgertum zu wecken. Er setzt sich besonders ein für die Gründung von landwirtschaftlichen Arbeitskolonien zur Wiedereingliederung bettelnder Obdachloser (daher sein Spitzname »Reichsvagabund«) und von »Magdalenen«-Asylen für Prostituierte. Schl., mit é Stoecker und é Fr.v. Bodelschwingh freundschaftlich verbunden, ist wie diese ein Pionier der Diakonie aus christlich-konservativem Geist. Liberal-demokratische Vorstellungen wie die seines Frankfurter Amtsnachfolgers é Fr. Naumann lehnt er leidenschaftlich ab.

Werke: Welche sozialen Verpflichtungen erwachsen dem Christen aus seinem Besitz? Frankfurt a.M. 1879; Die Vagabunden-Noth, Bethel-Bielefeld 1879; Die Magdalenensache, Frankfurt a.M. 1880; Die Revolution von 1848, Gütersloh 1883; Das Alte Testament in Predigten und Bibelstunden ausgelegt von G.Schl., hrsg.von Otto Scriba, Bielefeld-Leipzig 1892.

Bibliographie: in Chr.W. Stromberger; Gustav Schlosser, Mitteilungen über dessen Leben und Wirken, Karlsruhe 1890.

Lit.: Otto Kraus, Gustav Schlosser, ein Lebensbild, Zeitfragen des christlichen Volkslebens Bd. XVII, Heft 2 u. 3, Stuttgart 1892; - Julie Schlosser, Aus dem Leben meiner Mutter (der 2. Frau von G. Schl.), Hamburg 141951, 134-164; - Ev. Verein für Innere Mission in Frankfurt a. M. 1850-1990, Hrsg. Hans Gustav Treplin, Frankfurt a. M. 1991, 27-32.

Ulrich Kammer

Letzte Änderung: 12.03.1999