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Band XVII (2000)Spalten 1283-1286 Autor: Franz Xaver Bischof

SEGESSER, Philipp Anton von, schweizerischer Staatsmann und Rechtshistoriker, * 5.4. 1817 in Luzern als Sohn des Staatsarchivars Franz Ludwig S. von Brunegg und seiner Gattin Maria Anna Schuhmacher, † 30.6. 1888 in Luzern. - S. besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und studierte anschließend von 1838 bis 1840 an den Universitäten Heidelberg, Bonn, Berlin und München Rechtswissenschaften und Geschichte. Seine Ausbildung schloß er mit Bildungsreisen nach Wien und Paris ab. Nach seiner Rückkehr wurde er 1841 Zweiter Ratsschreiber der im gleichen Jahr an die Macht gekommenen konservativen Luzerner Regierung. 1844 heiratete er Josephine Göldlin von Tiefenau. Während des Sonderbundskrieges 1847, in den er gegen seinen Willen verstrickt war, erfüllte er als Chef der Operationskanzlei des Generalstabchefs seine vaterländische Pflicht. Nach dem Krieg, der zum Sturz des konservativen Regimes in Luzern führte und ihn um seine Stelle brachte, zog er sich auf sein Landgut nach Rothenburg (Kt. Luzern) zurück und widmete sich privater wissenschaftlicher Tätigkeit. Seine Laufbahn als Politiker begann mit der Bundesgründung 1848. Als einziger Luzerner Konservativer wurde er in den Nationalrat gewählt und blieb fast genau vierzig Jahre - von 1848 bis zu seinem Tod - Mitglied dieses Gremiums. Auf kantonaler Ebene vertrat er seit 1851 die konservative Opposition im Luzerner Großen Rat und von 1863 bis 1867 im Regierungsrat. Nachdem 1871 die konservativ-demokratische Richtung im Kanton Luzern die Mehrheit zurückgewonnen hatte, trat S. als Vorsteher des Erziehungsdepartements, seit 1875 des Justizdepartements wieder in den Luzerner Regierungsrat ein und übernahm in seinem Heimatkanton eine unbestrittene Führungsrolle, die er bis zu seinem Lebensende beibehielt. Auch auf Bundesebene war S. die geistig führende Persönlichkeit der Konservativen. Innerhalb des Nationalrats kämpfte er gegen die Diskriminierung der konservativen Minderheit. Er blieb isoliert, doch verschaffte er sich mit den Jahren den Respekt und die Achtung aller politischen Lager. Ungeachtet seiner Kritik an zentralistischen Tendenzen im Bundesstaat, seiner Betonung des förderalistischen Standpunkts und seiner Ablehnung nationaler Eisenbahnprojekte trug er viel zur Integration der im Sonderbund unterlegenen Kantone in den Bundesstaat bei. Große Verdienste erwarb sich S. als Historiker seines Kantons und seiner Zeit. Er verfaßte mehrere grundlegende Studien zur Geschichte des Staates Luzern, darunter eine vierbändige »Rechtsgeschichte der Stadt und Republik Luzern« (1851-1858), für die er 1860 die Ehrendoktorwürde der Universität Basel erhielt. Seit 1851 bearbeitete er vier Bände des Quellenwerks der »Eidgenössischen Abschiede«, einer Edition der amtlichen Aufzeichnungen über die Verhandlungen der Eidgenossen an den Tagsatzungen. Dazwischen schrieb er Abhandlungen, die seit 1859 unter dem Titel »Studien und Glossen zur Tagesgeschichte« erschienen. Darin behandelte er welt- und kirchenpolitische Ereignisse und Tagesfragen und analysierte sie mit wachem Blick für die Probleme seiner Zeit. In diesen Betrachtungen, vor allem in den beiden Schriften »Am Vorabend des Conciliums« (1869) und »Der Culturkampf« (1875), treten S. kirchenpolitische und liberalkatholische Auffassungen deutlich hervor. Er war überzeugter Katholik, aber nicht ultramontan. Klerikale Einmischung in die Politik lehnte er ab und forderte im Kirchlichen wie im Politischen Eigenständigkeit der Teile. Der innerkirchlichen Entwicklung unter Papst Pius IX. (1846-1878) stand er nüchtern und kritisch gegenüber. Das Unfehlbarkeitsdogma bekämpfte er in seiner Konzilsschrift, hielt indes der Kirche nach dessen Definition durch das Erste Vatikanische Konzil (1869/70) die Treue und distanzierte sich von den auf ein Schisma hinsteuernden radikalen Katholiken. Dank seiner realpolitischen Grundhaltung und seiner vermittelnden Position gelang es ihm, den Kanton Luzern aus den Wirren des Kulturkampfs herauszuhalten und auf Bundesebene zur Beilegung der kirchenpolitischen Auseinandersetzungen beizutragen. - S., der über Jahrzehnte hin einen biographisch wie historisch bedeutenden Briefwechsel vorwiegend mit konservativ-protestantischen Zeitgenossen pflegte, zählt als Staatsmann, Gelehrter und Vertreter des nichtultramontanen Katholizismus zu den vielschichtigsten und herausragenden Persönlichkeiten der Schweiz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

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Werke: Rechtsgeschichte der Stadt Luzern, 4 Bde., Luzern 1851-1858; Amtliche Sammlung der ältern Eidgenössischen Abschiede, herausgegeben auf Anordnung der Bundesbehörden, Bde. 1-4, Zürich-Luzern 1858-1874; Sammlung kleiner Schriften, 4 Bde., Luzern-Bern 1859-1887 (davon Band I: Studien und Glossen zur Tagesgeschichte 1859-1875); Genealogie und Geschichtstheorie der Segesser von Brunegg in der Schweiz und im deutschen Reiche (als Ms. gedruckt), Bern 1885; Ludwig Pfyffer und seine Zeit. Ein Stück französischer und schweizerischer Geschichte im 16. Jahrhundert, 3 Bde., Bern 1880-1882; Erinnerungen. Separatabdruck aus Katholische Schweizerblätter 1890, Luzern 1891.

Briefe: Briefwechsel Philipp Anton von Segesser (1817-1888), herausgegeben von Victor Conzemius, bisher 6 Bde., davon Bde. 1-5: Zürich-Einsiedeln-Köln 1983-1992; Bd. 6: Freiburg CH 1995.

Lit.: K[aspar]. Müller, Philipp Anton von Segesser. Eine Gedenkschrift zu seinem 100. Geburtstag, Luzern 1917; - Oscar Alig, Anton Philipp von Segesser, in: Martin Hürlimann (Hrsg.), Große Schweizer. Hundertzehn Bildnisse zur eidgenössischen Geschichte und Kultur, Zürich 1938, 573-580; - Fritz Fleiner, Philipp Anton von Segesser. Zu seinem 100. Geburtstag 1917, in: Ausgewählte Schriften und Reden, Zürich 1941, 361-366; - Werner Ganz, Philipp Anton von Segesser als Politiker, in: SZG 1 (1951) 245-274; - Edgar Bonjour, Anton Philipp von Segessers nationale Leistung, in: Die Schweiz und Europa, Basel 1961, II 377-387; - Erich Gruner, Die schweizerische Bundesversammlung 1848-1920, Bd. 1, Bern 1966, 277-279; - Anna Wettstein, Philipp Anton von Segesser als schweizerischer Kirchenpolitiker. Beiträge zu einer Charakteristik, Hochdorf 1969; - Dies., Philipp Anton von Segesser zwischen Ultramontanismus und Liberalismus (ZSKG. Beiheft 25), Freiburg/CH 1975; - Emil F.-J. Müller-Büchi, Philipp Anton von Segesser. Das Konzil, die Revision der Bundesverfassung und der Kulturkampf (Freiburger Veröffentlichungen aus dem Gebiete von Kirche und Staat 18), Freiburg/CH 1977; - Victor Conzemius, Philipp Anton von Segesser 1817-1888. Demokrat zwischen den Fronten, Zürich-Einsiedeln-Köln 1977 (Lit.); - ADB 33 (1891) 594-605; - HBLS 6 (1931) 330; - Schweizer Lexikon 5 (1993) 767-768.

Franz Xaver Bischof

Letzte Änderung: 09.04.2011