VASZARY, Ferenc, mit Ordensnamen KOLOS (Klaudius) wurde am 12. Februar 1832 in Keszthely/Südwestungarn als sechstes und letztes Kind des Ehepaares Ferenc Vaszary und Terezia, geb. Bajnok geboren, + 3. September 1915 in Balatonfüred. Der Vater war Kürschnermeister und starb früh, so daß die Kinder in Not aufwuchsen. Nach Absolvierung der elementaren und mittleren Schule in seiner Geburtsstadt trat V. 1847 in den Benediktinerorden, die Erzabtei Pannonhalma (St. Martinsberg) ein. Nach Abschluß des Noviziates und der Studien legte er am 6. Juni 1854 die feierliche Profeß ab. Ein Jahr später, am 26. Mai 1855, wurde er zum Priester geweiht. Sein Orden, der nach der josephinistischen Auflösung bei seiner Wiederherstellung 1802 von Kaiser Franz I. den Auftrag bekam, Schulen zu unterhalten, setzte ihn als Lehrer an den Gymnasien in Komárom (Komorn, 1854-1865), Pápa (1856-1861) und in Esztergom (Gran 1861-1869) ein. Bei gleichzeitigen Studien an der Universität zu Pest erlangte er dort das Diplom eines Lehrers für die Fächer Geschichte und Erdkunde. 1869 versetzte ihn die Ordensleitung als Direktor und Hausoberer des dortigen Gymnasiums und Klosters nach Györ (Raab). V. erwies sich auf seinen Posten als ein guter Pädagoge und zuverlässiger Geschichtsschreiber. Aufgrund seiner irenischen Natur und der allgemeinen Wertschätzung wählte ihn die Erzabtei am 28. April 1885 zum Abt. Hier bewährte er sich als vorzüglicher Förderer kirchlicher Schulen und Einrichtungen. Als am 23. Januar 1891 Fürstprimas Kardinal János Simor starb, war der ungarische Kulturkampf schon in vollem Gange. Es ging um die sogenannte interkonfessionelle Gesetzgebung, wie z.B. um die Einführung der Zivilmatrikel und der Zivilehe. Da weder der Hl. Stuhl noch die ungarische Regierung mit ihren Kandidaten durchkamen, fiel die Wahl auf einen Kompromißkandidaten, auf Vaszary. Er nahm das Amt des Primas nur auf Druck der Regierung, die in ihm einen konzilianten und zur Nachgiebigkeit neigenden Kirchenmann sah, an. Seine Ernennung zum Erzbischof von Gran und Primas von Ungarn erfolgte am 27. Oktober 1891, seine Bischofsweihe am 7. Februar 1892. Papst Leo XIII. erhob ihn am 16. Januar 1893 zum Kardinal. - Vaszary war trotz seines guten Willens und seiner Bemühungen weder der Leitung seiner großen Erzdiözese, noch der Steuerung des komplizierten kirchenpolitischen Kampfes gewachsen. Er versagte auf allen Gebieten. So überließ er nach ein paar Jahren die Verwaltung des Erzbistums seinem Weihbischof Medárd Kohl OSB und den Generalvikaren, während die die Kirchenpolitik betreffenden Angelegenheiten über andere Bischöfe, zuletzt über den sehr agilen und fähigen Erzbischof von Kalocsa, János Csernoch (später Primas) liefen. 1905 zog er sich »geistig und körperlich hinfällig« (Bezeichnung des deutschen Generalkonsuls von Budapest) zurück und ließ sich in der Öffentlichkeit nicht mehr sehen. Da er auch wichtigen parlamentarischen und kirchlichen Sitzungen fernblieb und in der Kirchenpolitik absolutes Desinteresse zeigte, geriet er ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik. Um diese unhaltbare Situation des Primas von Ungarn zu lösen, führten die Verhandlungen zwischen der Regierung, dem Hl. Stuhl und Franz Joseph II. zum Rücktritt Vaszarys. Dieser erfolgte am 27. Oktober 1912. Pius X. und der Kaiser nahmen ihn mit dem Datum vom 1. Januar 1913 an. Vaszary zog nach Balatonfüred in die Villa seines Ordens am Plattensee, wo er verbittert und völlig verarmt - wegen der von ihm verursachten Schuldmasse der Erzdiözese wurden auch noch seine persönlichen Habseligkeiten sequestriert - am 3. September 1915 starb.
Werke: Világtörténet (Schulbuch: Weltgeschichte) 3 Bde. Pest 1863 (mehrere Auflagen); A várnai csata (Die Schlacht zu Varna) Pest 1864; Magyarország Történelme (Schulbuch: Geschichte Ungarns) für niedere Klassen, Györ 1865; Dasselbe für höhere Klassen, Györ 1865; Kurzgefaßte Geschichte von Ungarn. Pest 1867; Világatlasz (Atlas der Weltgeschichte) Budapest 1873; Adatok az 1525-ös országgyülés történetéhez (Beiträge zur Geschichte des Reichstages von 1525) Györ 1883; I. Ulászló és a várnai veszedelem (Wladyslaw I. und die Schlacht von Varna) Györ 1884; Történeti életrajzok (Biographien aus der Geschichte) Budapest 1892; Beszédei (Ansprachen) Budapest 1909.
Lit.: A Pallas Nagy Lexikona, Bd. 16. Budapest 1897, 722; - Keményfy, Kálmán Dániel, V.K. Esztergom 1905; - Sörös, Pankratius, Kadinal Klaudius V. Salzburg 1916; - Salacz, Gábor, A magyar kulturharc története 1890-1895 (Geschichte des ungarischen Kulturkampfes) Wien 1938; - Csáky, Moritz, Der Kulturkampf in Ungarn. Wien-Köln 1967; - Magyar Életrajzi Lexikon (Ungarisches Biographisches Lexikon Bd. 2. Budapest 1969. 974; - Meszlényi, Antal, A magyar hercegprimások arcképsorozata. Biographien der ungarischen Fürstprimasse). Budapest 1970. 325-372; - Revertera, Friedrich Graf, Erinnerungen (hrsg. v. G. Adriányi), in: Archivum Hiestoriae Pontificiae, 10 (1972). 241-339; - Adriányi, Gabriel, Fünfzig Jahre ungarischer Kirchengeschichte 1894-1945 (Studia Hungarica, 6). Mainz 1974; - ders., Der Kulturkampf in Ungarn. Interkonfessionelle Gesetzgebung 1890-1895 auf dem Hintergrund der Akten des Deutschen Auswärtigen Amtes, in: Adriányi, Gabriel, Beiträge zur Kirchengeschichte Ungarns (Studia Hungarica, 30). München 1986. 132-145.