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Band XII (1997)Spalten 1545-1547 Autor: Friedhelm Jürgensmeier

VIZELIN (Vicelin, Wissel, Witzel, Vicelinus) »Apostel der Obodriten«, * um 1090 in Hameln, Bistum Minden, + 12. Dezember 1154 in dem von ihm gegründeten Kanonikerstift Neumünster in Schleswig-Holstein; nach dem frühen Tod seiner Eltern erzogen zunächst bei seinem Oheim Ludolf, Geistlicher in Fühlen bei Hameln, und dann auf Burg Everstein bei Holzminden. Nach mehrjährigem Studium in Paderborn kam er 1118 nach Bremen, erhielt eine Pfründe am Domstift und wirkte vier Jahre als Scholaster an der Domschule. 1122 begab er sich zu einem längeren Studium nach Frankreich. Es kann vermutet werden, daß es ihn reizte, Erfahrungen mit der neuen dialektischen Theologie zu machen, so wie sie etwa von Abaelard (s.d.) oder von Gilbert de la Porrée (von Poitiers s.d.) vertreten wurde, und insbesondere mit neuen exegetischen Methoden, denn er wählte als bevorzugten Studienort Laon, dessen Domschule durch die Theologen und Brüder Anselm (s.d.) und Radulph (+ 1131/1133) weithin berühmt war. 1126 kehrte er nicht nach Bremen zurück, um seine frühere Lehrtätigkeit wieder aufzunehmen, er reiste vielmehr nach Magdeburg, um sich von Erzbischof Norbert von Xanten (s.d.) zum Priester weihen zu lassen. Diese Entscheidung und Andeutungen in der von Helmold von Bosau verfaßten »Slawenchronik« sprechen dafür, daß Vizelin in Frankreich weniger für die moderne Theologie gewonnen worden war als vielmehr für jene Reformbewegung, die die Prämonstratenser prägte, eine Regularkanonikergruppierung, die Norbert von Xanten als Gründer hatte und die 1126 von Rom als Ordensgemeinschaft anerkannt worden war. Neben der feierlichen Liturgie wußte sich dieser Orden, der ab 1124 in Stift St. Martin von Laon eines der ersten Tochterklöster von Prémontré hatte, dem Apostolat verpflichtet. Vizelin hoffte 1126, von Erzbischof Norbert als Slawenmissionar ausgesandt zu werden. Da sich dieser Wunsch aus verschiedenen Gründen nicht verwirklichen ließ, reiste er umgehend nach Bremen und ließ sich von Erzbischof Albero als Missionar zu dem zum wendischen Obodritenstamm gehörenden Volk der Wagrier im Raum Alt-Lübeck entsenden. Gemeinsam mit den Kanonikern Rudolph von Hildesheim und Ludolph von Verden begann er 1126/1127 seine Arbeit. Ausbrechende politische Machtkämpfe nötigten ihn, im Frühjahr 1127 nach Faldera-Wippenthorp im Siedlungsgebiet der Holsaten auszuweichen. Als Basis für die Missionsarbeit gründete er hier das Augustiner-Chorherrenstift Neumünster. Geringe Erfolge und wiederholte Rückschläge ließen ihn gutheißen, daß König Lothar III. von Supplinburg 1134 nahe der wendischen Grenze die Feste Segeberg mit einer beiliegenden Kirche errichtete, von der aus Vizelin drei Jahre lang im Gebiet der Obodriten predigte. Bewaffnete Aufstände der Wenden gegen die aus Sachsen und den Niederlanden eingewanderten Siedler und der politische Wille zur Beruhigung und Konsolidierung der kolonisierten Grenzgebiete führten 1138 und 1139 zu deutschen Vernichtungsschlägen und 1147 zum Wendenkreuzzug, der mit der Niederlage der Slawen endete. Zu den diktierten Friedensbedingungen gehörte die Forderung, das Christentums anzunehmen. Es kennzeichnet Vizelin, daß er diese Situation nicht zu Zwangsbekehrungen ausnutzte, sondern weiter auf das Wirken und Beispiel der Geistlichen setzte, vor allem in den Kirchen, die er ab 1143 in den Orten der Siedler errichten ließ. Der Ausgang des Wendenkrieges ermöglichte die erneute Gründung der Bistümer Oldenburg (später Lübeck), Mecklenburg (später Schwerin) und Ratzeburg, Bischof von Oldenburg wurde Vizelin, der im Oktober 1149 in Harsefeld von Erzbischof Hartwig von Hamburg - Bremen die Bischofsweihe empfing. Mit einer erzbischöflichen Entsendungsurkunde kehrte er in sein Bistum zurück. Als ihn 1150 ein Schlaganfall lähmte, zog er sich in seine Gründung Neumünster zurück, wo er vier Jahre später starb und beigesetzt wurde. Die Gebeine des als Heiligen verehrten Vizelin (Attribut: Kirche auf linkem Arm) wurden 1332 in die nahe Kirche zu Bordesholm übertragen.

Quellen/Lit.: Helmold von Bosau, Slawenchronik. Neu übertragen und erläutert von Heinz Stoob (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, 19), Darmstadt 51990; - Franz v. S. Doyé, Heilige und Selige der römisch-katholischen Kirche, Leipzig o.J. II, S. 491 und 748; - Jürgen Petersohn, Der südliche Ostseeraum im kirchlich-politischen Kräftespiel des Reichs, Polens und Dänemarks vom 10. bis 13. Jahrhundert. Misssion - Kirchenorganisation - Kulturpolitik (= Ostmitteleuropa in Vergangenheit und Gegenwart, 17), Köln 1979; - Stefan Weinfurter/Odilo Engels (Hrsg.), Series Episcoporum ecclesiae catholicae occidentalis ab initio usque ad annum MCXCVIII. Ser. V, Germania, Tom. II, Archiepiscopatus Hammaburgensis sive Bremensis, Stuttgart 1984, 53-58; - F. Hestermann, St. Vizelin, Dülmen 1926; - Karstens, Art. »Vicelin«. In Allgemeine deutsche Biographie, ND der Aus. 1895, Berlin 1971, 668-670; - H. D. Kahl, Art. »Vicelinus«. In: LThK, Bd. 10, Freiburg i.Br. 1968, Sp. 765; - Friedhelm Jürgensmeier, Vizelin aus Hameln (1090-1154) und die Westslawenmission. Christliche Sendung in kirchenhistorischer Sicht, in: Werner Arens (Hrsg.), Kirche im Jahr 2000. Eine Ringvorlesung des Fachbereichs Katholische Theologie der Universität Osnabrück, Paderborn 1992, 37-54.

Friedhelm Jürgensmeier

Letzte Änderung: 27.11.1999