Zwischen Studium und Verkündigung

 

Festschrift zum hundertjährigen Bestehen
der Nordelbischen Kirchenbibliothek in Hamburg.

Hrsg. von Joachim Stüben; Rainer Hering

bibliothemata 13

 

424 S., 36 Abb., broschiert

 

Spät aber nicht zu spät erscheint diese Festschrift zum hundertjährigen Bestehen der Nordelbischen Kirchenbibliothek. Der ursprüngliche Plan, sie bereits 1994 herauszubringen, ließ sich leider aus verschieden Gründen nicht verwirklichen. Der verlängerte Entstehungszeit war jedoch insofern vorteilhaft, als noch die eine oder andere Idee zu Inhalt und Gestaltung reifen, als noch Quellen zur Geschichte der Bibliothek ausgewertet werden konnten, die nicht eben am Wege liegen.
Hundert Jahre Kirchenbibliothek in Hamburg - gemessen an der Hamburger Bibliothekstradition ein ausgesprochen geringer Zeitraum. Hatte doch nach dem Zeugnis Rimberts schon der heilige Ansgar - er ist aus aktuellem Anlass wieder im Gespräch und wird auch in der vorliegenden Festschrift mit einem Beitrag bedacht - an diesem Orte eine Büchersammlung zusammengebracht. Sie wurde der Überlieferung nach allerdings von brandschatzenden Wikingern vernichtet. Die Staals- und Universitätsbibliothek, frühere Stadtbibliothek, deren Anfänge man ins späte 15. Jahrhundert legt, wurde ein Opfer der Bombenangriffe des letzten Krieges. Sie verlor dabei fast alle ihre theologischen Werke. Die altehrwürdige Bibliothek des Domkapitels mit vielen Handschriften und Frühdrucken hörte im 18. Jahrhundert auf zu bestehen. Sie wurde versteigert, und zwar weit unter Wert.
Ansgars Bücher und ein Großteil der Bestände der Staatsbibliothek gingen durch äußere Einwirkung verloren, die Kapitelbibliothek durch Leichtfertigkeit und fehlenden historischen Sinn. Das eine wie das andere Schicksal blieb unserer Kirchenbibliothek gottlob bisher erspart. Nicht einmal der Zweite Weltkrieg konnte ihr etwas anhaben: Entschlossenes Handeln hatte sie in Sicherheit gebracht und so für die bücherarme Nachkriegszeit ein wichtiges Instrument erhalten. Dem Plan der Synode von 1982, die Nordelbische Kirchenbibliothek in andere Hände zu geben, konnte erfolgreich begegnet werden.
So besteht die Nordelbische Kirchenbibllothek - dies ist bereits der vierte offizielle Name für diese Einrichtung - bis heute, und die folgenden Aufsätze wollen dazu beitragen, das das so bleibt. In diesem Sinne sind die Blicke in die Vergangenheit, die geboten werden, immer auch Legitimation sowohl der Gegenwart als auch der Zukunft: Einmal soll erhellen, wie alles zu dem geworden ist, was es jetzt ist, und damit auch der gewählte Titel der Festschrift verständlich werden. Dann sollen Geschichte, Gegenwart und mögliche Zukunft punktuell vertieft werden - z.B. für die Zeit des Dritten Reiches, für die Kirchenmusik, im Bereich der elektronischen Datenverarbeitung. Den Abschluss bilden einige Aufsätze, die verschiedene Stoffe behandeln, die aber stets einen theologischen bzw. kirchenbibliothekarischen Bezug haben. Dass die regionale Komponente dabei vorherrscht, bedarf keiner Rechtfertigung, wird doch auf diese Weise die Verbundenheit der Kirchenbibliothek mit der sie tragenden Landeskirche zum Ausdruck gebracht.
Für die Erstellung der meisten Beiträge leisteten die Bestande der Nordelbischen Kirchenbibliothek die besten Dienste. Damit bezeugen diese Beiträge mittelbar den Wert und Nutzen derjenigen Institution, für die sie geschrieben sind. So betrachtet wird der in Rezensionen von Festschriften immer wieder lautwerdende Vorwurf, das jeweils Enthaltene bilde kein geschlossenes Ganzes, gegenstandslos - die Aufsätze in unserem Sammelwerk spiegeln, mögen sie nun unmittelbar von der Jubilarin handeln oder nicht, einen Ausschnitt aus der Fülle der geistigen Welten wieder, die diese in ihren Magazinen beherbergt.
Ein paar Worte seien an dieser Stelle noch zu dem Problem des Wandels der Bibliotheken zu Informationszentren gesagt: Es steht in der vorliegenden Festschrift im Hintergrund, und das mit Absicht. Abgesehen davon, das die Dinge im Bereich des kirchlichen Bibliothekswesens noch nicht weit gediehen sind: Die Fachliteratur und die einschlägigen Fachkongresse bieten genug zu diesem Thema und werden sicher immer mehr bieten - bis zum Überdruss. Man vermisst dabei oft die tiefere Reflexion, auf die kirchliche Bibliotheksarbeit nun einmal nicht verzichten kann; man wähnt die instrumentelle Vernunft am Werk - der umstrittene Begriff sei hier gestattet! -‚ kurzum, man ist schon dankbar, wenn wenigstens am Rande ergonomische oder medizinische Fragen angesprochen werden.
Die kulturelle Evolution hat in unseren Tagen eine niemals dagewesene Geschwindigkeit erreicht. Wissen (und mit ihr auch Erfahrung!) veraltet so schnell wie nie, ist jedenfalls ständig aktualisierungsbedürftig, besonders auf dem technisch-naturwissenschaftlichen Sektor. Dieser Umstand lässt sich an der jüngsten Entwicklung auf dem Gebiet des Bibliotheks- und Informationswesens beispielhaft ablesen: Der Einzug der elektronischen Medien ist nicht mehr aufzuhalten, und wer in der Praxis mit ihnen umgeht, lernt ihren Wert zu schätzen. Das gilt zunehmend auch für die Kirchenbibliotheken, obgleich diese ihren mächtigen Schwestern in staatlicher oder privatwirtschaftlicher Hand technologisch hinterherhinken. Die Euphorie mancher Kollegen und Kolleginnen über eine Zukunft, die doch ganz anderes als das Vorhergesagte bringen kann, ist in ihrem Optimismus dem derzeitigen Refelxionsstand auf dem Gebiet der Technik- und Umweltethik aber keinesfalls angemessen. Die Vertreterinnen und Vertreter des kirchlichen Bibliothekswesens sollten hier, zumal angesichts ihres nicht nur funktional zu definierenden Auftrags, eine Haltung aufgeschlossener Zurückhaltung einnehmen und nicht in einen technizistischen Machbarkeitswahn verfallen: Im Selbstverständnis kirchlicher Bibliotheksarbeit, die den Dienst an der Verkündigung in den Mittelpunkt ihres Tuns stellt, darf der Umgang mit den sogenannten neuen Medien nicht zum quasireligiösen Erlebnis, darf Freude an Fortschritten nicht zum Glauben an "den" Fortschritt werden. Schon Friedrich Wagner hatte in 'Die Wissenschaft und die gefährdete Welt (1964) und in Weg und Abweg der Naturwissenschaft (1970)' - übrigens viel eher als die Theologen und Kirchenleute - vor den Folgen einer Wissenschaftsreligion gewarnt. Die besagte Entwicklung zeitigt eine wachsende Komplexität und Verwobenheit der sozialen und wirtschaftlichen Strukturen, die zur Zeit auf elektronisch-digitaler ("virtueller") Ebene eine Art Epiphänomenalität erfahren. Die Kirchenbibliotheken haben in jedem Falle ihrem Auftrag zu entsprechen, dem Evangelium zu dienen, ob nun Computer vorhanden sind oder nicht, sie taten das schon vor Erfindung des Buchdrucks und der elektronischen Rechner, zu Ansgars Zeiten und vorher und nachher und hoffentlich auch auf dem Weg ins Jahr 2000.
Christlicher Glaube lebt aus dem Erinnern, aus der commemoratio (man denke an Lk 22,19 und 1 Kor 11,24f.), mag die Welt sich nun schnell wandeln oder langsam, und Bücher sind in der Kirche dazu da, dieses Erinnern zu unterstützen, aber auch kritisch zu begleiten und unter Umständen sogar zu korrigieren. Auf diesem Hintergrund ist es sinnvoll, an die Geschichte der Nordelbischen Kirchenbibliothek zu erinnern als einer Institution, die dazu beiträgt, jenes Erinnern immer wieder zu ermöglichen.

Zwischen Studium und Verkündigung

Artikelnummer: ISBN 978-3-88309-060-3
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