KEMLI, Gallus, Benediktiner von St. Gallen, Wandermönch und Büchersammler,
* 18.11. 1417 in St. Gallen, † ev. 12.2. 1481. - K. trat 1428
vermutlich ins Kloster St. Gallen ein (nicht ins Kloster Erlach) und
wurde 1441 zum Priester geweiht, verließ 1443 mit fünf anderen Mönchen
wegen Mißwirtschaft des Abtes den St. Galler Konvent und führte seither
ein unstetes Wanderleben: vielleicht 1446 in Heidelberg, 1453 Kaplan
im Kloster Sponheim, im gleichen Jahr in Mainz, im Wintersemester
1460 an der Universität Heidelberg immatrikuliert. 1470 Rückkehr in
den St. Galler Konvent, doch 1471 wegen erneuten Streits mit Abt Ulrich
Rösch wieder Wegzug ins Kloster Allerheiligen in Schaffhausen, 1473
in Tegernau (Schwarzwald), 1474 in einer unbekannten Johanniterkommende
»Lot«, 1475 Pfarrer und Beichtiger bei den Lollardenschwestern in
Nessental(?), danach Pleban bei den Johannitern in Freiburg i.U.,
später in Heitersried (FR) und im Aargau. 1480 erneute Rückkehr nach
St. Gallen und Streit mit Abt Ulrich, der ihn ins Klostergefängnis
setzen ließ, wo er vielleicht starb. - K. war Schreiber und leidenschaftlicher
Sammler von Handschriften und Frühdrucken, »sein kleines schöpferisches
Talent entfaltete sich nur auf der Grundlage vorgegebener Texte und
Texttypen« (A. Holtorf). Der Wert seiner Handschriftensammlung liegt
vor allem in der Bewahrung kleiner Gebrauchstexte der verschiedensten
Art und Herkunft, vornehmlich zur Frömmigkeit der Zeit.
Werke: Kurze lat. Autobiographie (ed. J.J. Werner, 1905;
P. Lehmann, 1918); Mariologischer Traktat, lat. u. dt., 1465 oder
wenig später; Promptuarium ecclesiasticum, 1466/67; Narratio proelii
Laupensis(?), um 1475 (ed. N. Strahm, 1967); lat. Cisioianus in Versen;
lat. Testament (ed. J.J. Werner, 1905).
Lit.: L. Traube, Textgesch. der Regula S. Benedicti, in:
Abhh. Hist. Kl. Bayer. Akademie 21, 1898, 599-731, bes. 633-635; -
J.J. Werner, šber zwei Hss. der Stadtbibl. Zürich, Diss. Zürich 1903;
- Ders., Beitr. zur Kunde der lat. Lit. des MA, 21905;
- P. Lehmann, Ma Bibl.-Kataloge I, 1918, 119-133; - H. Cornell,
Biblia Pauperum, 1925, 172-181; - R. Henggeler; Professbuch der
fürstl. Benediktinerabtei der Heiligen Gallus u. Otmar zu St. Gallen,
1929, 234-236; - P. Staerkle, Beitr. zur spätma Bildungsgesch.
St. Gallens, 1939, 92f.; - P. Bänziger, Beitr. zur Gesch. der
Spätscholastik u. des Frühhumanismus in der Schweiz, 1945, 25-27;
- H. Strahm, Die Narratio proelii Laupensis, in: Fs. H. v. Greyerez,
1967, 101-130; - R. Schützeichel, Das Mittelrhein. Passionsspiel
der St. Galler Hs. 919, 1978, 44-49; - Ders., Zur Bibliothek eines
wandernden Konventualen: G.K. aus St. Gallen, in: Fs. G. Lohse, 1979,
643-665, überarb. auch in: R.S., Textgebundenheit, 1981, 173-199;
- B. Bösch, Die dt. Schriften des St. Galler Mönchs G.K., in:
Fs. J. Duft, 1980, 123-147; - P. 0chsenbein, Spuren der Devotio
moderna im spätma Kloster St. Gallen, in: Stud. u. Mitt. OSB 101 (1990)
475-496; - B. v. Scarpatetti, Katalog der dat. Hss. in der Schweiz
in lat. Schrift vom Anfang des MAs bis 1550 III, 1991, 290f.; -
VerfLex III2, 1107-1112.