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Verlag Traugott Bautz
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AGRICOLA (ursprünglich: Schnitter), Johann, luth. Theologe und Pädagoge, * 20.4. 1494 (?) in Eisleben (darum auch Eisleben oder Islebius genannt) als Sohn eines Schneidermeisters, † 22.9. 1566 in Berlin. - A. studierte seit 1509/10 in Leipzig und ging dann als Lehrer nach Braunschweig. 1515/16 setzte er sein Studium in Wittenberg fort und wurde Luthers begeisterter Schüler: »Durch seine Lehre und Gottes Gnade bin ich neu geboren und gläubig geworden.« A. war 31.10. 1517 Zeuge des Thesenanschlags, gab 1518 Luthers Predigten über das Vaterunser heraus und begleitete ihn Juni 1519 als Protokollführer nach Leipzig zur Disputation mit Dr. Johann Eck. Februar 1519 promovierte er zum magister artium und September 1519 mit Philipp Melanchthon zum baccalaureus in bibliis und trat Oktober 1519 in die Philosophische Fakultät ein. Er gehörte zu dem vertrautesten Freundeskreis um Luther. Als Lehrer am Pädagogium in Wittenberg begründete A. 1520 den eigenen Hausstand. Außer seinen Vorlesungen an der Universität über Dialektik und Rhetorik und über neutestamentliche Schriften hielt er seit 1521 der Jugend in der Pfarrkirche biblische Lektionen und predigte seit 1523 in den Wochengottesdiensten. A. wurde 1525 in Eisleben Rektor an der Andreasschule und Pfarrer an der Nikolaikirche. Als Reichstagsprediger begleitete er Johann den Beständigen 1526 und 1529 nach Speyer und 1530 nach Augsburg. Infolge Streitigkeiten mit seinem Landesherrn kehrte A. Ende 1536 nach Wittenberg zurück. Luther nahm ihn mit der ganzen Familie in sein Haus auf. Er wurde 1539 Mitglied des Konsistoriums in Wittenberg, 1540 in Berlin Hofprediger des Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg und 1543 Generalsuperintendent der Mark und bemühte sich als Visitator um Durchdrückung des Luthertums gegen die Richtung Melanchthons. - A. ist bekannt durch den Antinomistischen Streit von 1527 und 1537 ff. Auf Grund der bei der Kirchenvisitation gemachten Erfahrungen forderte Melanchthon die Predigt des Gesetzes zur Erweckung rechter Buße und als Richtschnur des neuen Lebens. Dagegen trat A. auf. Er hielt Gesetz und Evangelium für unvereinbar; Buße ist nach ihm eine Frucht der Predigt des Evangeliums. A. erklärte: »Das mosaische Gesetz ist nicht der Diener und Wegbereiter des Evangeliums, sondern ein erster, nicht zum Ziele führender, durch das Evangelium überholter Ansatz des Heilsweges. - Nicht die Drohung des Gerichtes, sondern der erschütternde Eindruck der Liebe Gottes in Christus führt zur Buße und zum Glauben. - Durch das Evangelium und die mit ihm verbundenen Mahnungen und Gebote des Neuen Testamentes, nicht durch Gesetz und Dekalog wird Gottes Zorn wirklich offenbart und die den Christen bindende Weisung gegeben.« Luther, Johann Bugenhagen und Melanchthon verhandelten 26.-28.11. 1527 mit A. in Torgau. Es gelang Luther, durch eine Einigungsformel den Konflikt beizulegen. 1537 aber brach der Antinomistische Streit erneut aus, in dem sich nun A. und Luther befehdeten. Luther erklärte: »Lex docenda est 1. propter disciplinam; 2. ut ostendat peccatum; 3. ut sciant sancti, quaenam opera requirat Deus.« Die Auseinandersetzungen zwischen A. und Luther nahmen einen solch erbitterten Verlauf, daß der Streit allen Versuchen zum Trotz nicht mehr beizulegen war. A. verklagte Luther Frühjahr 1540 beim Kurfürsten, mußte aber im Juni eidlich geloben, vor Austrag der Sache Wittenberg nicht verlassen zu wollen. Wiederholt forderte Joachim II. A. auf, nach Berlin zu kommen. Er meldete diesen Ruf seinem Kurfürsten. Nachdem A. einen Monat vergeblich auf Antwort gewartet hatte, entwich er August 1540 nach Berlin. Oktober 1540 zog A. seine Klage zurück und lieferte Dezember 1540 auf Luthers Forderung eine Revokationsschrift. So erfolgte eine äußerliche Aussöhnung mit Luther; der Groll aber blieb auf beiden Seiten. - Karl V. wollte auf dem Reichstag zu Augsburg 1547/48 von sich aus die Religionsfrage provisorisch lösen. Den Verhandlungen lag ein Entwurf zugrunde, dessen theologische Urheber auf kath. Seite vor allem der Naumburger Bischof Julius von Pflug und der Mainzer Weihbischof Michael Helding waren, auf ev. Seite A. Dieser Entwurf stellte in der Lehre einfach die kath. Anschauungen wieder her und machte in den »Zeremonien« nur geringe Zugeständnisse bezüglich des Laienkelchs und der Fortdauer der Ehe verheirateter Priester, und auch diese nur bis zum Konzil. Er wurde im Reichstagsabschied vom 30.5. 1548 zum Reichsgesetz erhoben. Durch seine Mitarbeit an dem Interim und sein Werben für seine Durchführung zog sich A. die Feindschaft der ev. Theologen zu, die dafür sorgten, daß sein Name gebrandmarkt wurde. Im Osiandrischen Streit aber gelang es A. 1552, seinen Ruf als Lutheraner wiederherzustellen. - A. ist auch bekannt als Sammler von 750 deutschen Sprichwörtern und Dichter von Kirchenliedern, von denen »Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ« (EKG 244) genannt sei.
Werke: Komm. z. Luk.ev., 1525; Ausl. v. Matth. 16,13 ff., 1525; Ausl. d. Titusbr., 1530. - Katechet. Arbeiten: Elementa pietatis, 1527; 130 gemeine Fragestücke für die jungen Kinder in der dt. Mädchenschule zu Eisleben, 1527 (zu 156 Fragestücken erw., 1528; überarb. zu CCCXXI formulae et interrogationes pueriles, 1541); Eislebener Schulordnung, gemeinsam mit Hermann Tulich, in: Karl Hartfelder, Melanchthoniania paedagogica, 1892, 1 ff. - Sammlung u. Erl. dt. Sprichwörter: 1. Slg., 1528; 2., 1529; 3., 1548. - Übersetzte lat. Srhrr.: Syngramma Suevicum, 1526; Melanchthons Komm. Paulin. Briefe, 1527; Verdeutschung der Gesch. u. einiger Briefe des Johann Hus, 1529 u. 1536.
Lit.: Gustav Kawerau, J. A. v. Eisleben, 1881; - Ders., Btrr. z. Gesch. des antinomist. Streites, in: Btrr. z. Ref.gesch., 1896, 60 ff.; - Ders., Eine Kirchenvisitation 1558, in: JBrKG 15, 1917, 23 ff.; - Paul Drews, Disputationen Luthers 1535-45, 1895/96, 246 ff.; - Johannes Werner, Der erste Antinomist. Streit, in: NKZ 15, 1904, 801 ff.; - E. Thiele, Denkwürdigkeiten aus dem Leben des J. A., v. ihm selbst aufgez., in: ThStKr 80, 1907, 240 ff.; - Nikolaus Müller, zur Gesch. des Interims, in: JBrKG 5, 1908, 51 ff.; - Friedrich Spitta, in: MGkK 20, 1915, 46 ff.; - Gustav Wolf, Qu.kunde der dt. Ref.gesch. II/2, 1922, 5 ff.; - J. Boehmer, wer ist der Verf. des Liedes »Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ«?, in: MGkK 34, 1929, 132 ff.; - Hildebrecht Hommel, Ein neuer Fund z. antinomist. Streit, in: ZBKG 5, 1930, 209 ff.; - Ders., Ein Spottgutachten Luthers über J. A., in: Otto Glauning z. 60. Geb., 1936, 80 ff.; - Hdb. der KG f. Studierende, hrsg. v. Gustav Krüger, III2, 1931, 101 f.; - Schottenloher I, Nr. 121-150; V, Nr. 44698-44706; - H. Ebeling, Der Streit zw. Luther u. A., in: ZKG 56, 1937, 361 ff.; - Hans Emil Weber, Ref., Orthodoxie u. Rationalismus I/1, 1937; I/2, 1940; II, 1951; - Otto Clemen, Ein Brief z. antinomist. Streit, in: ZKG 59, 1940, 411 ff.; - Martin Weigel, Ein Gutachten des J. A. v. Eisleben über das Interim, in: ZBKG 15, 1941; - Wilfried Juest, Gesetz u. Freiheit. Das Problem des Tertius usus legis bei Luther u. die nt. Parainese, 1951; - Gustav Hammann, Nomismus u. Antinomismus innerhalb der Wittenberger Theol. v. 1524-30 (Diss. Bonn), 1952; - Joachim Rogge, J. A.s Lutherverständnis. Unter bes. Berücks. des Antinomismus, 1960; - WA 50, 461 ff. 674; - Goedeke II, 6 ff. 360; - Koch I, 278 ff.; - Hdb. z. EKG II/1, 38 f.; - ADB I, 146 ff.; - NDB I, 100 f.; - RE I, 249 ff. 586 ff.; XXIII, 25 f.; - EKL I, 54; - RGG I, 187 f.; - LThK I, 208.
Friedrich Wilhelm Bautz
Literaturergänzung:
1990
Bodo Nickel, Johann Agricola - "Magister Islebius" u. die Müntzer-Ehrung 1989, in: Mansfelder Heimatbll. 9 (1990), 91-93; -
1997
Franco Buzzi, Lutero contro l'antinomismo, in: ASR 2.1997, S. 81-106.
Letzte Änderung: 29.08.2008