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Band I (1990)Spalten 68-69 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

AILLI, Pierre d' (Petrus de Alliaco), einer der bedeutendsten Theologen, Philosophen und Kirchenpolitiker zur Zeit des großen abendländischen Schismas, * 1350 in Compiègne, † 9.8. 1420 in Avignon, 1422 beigesetzt in Cambrai. - A. trat 1372 als Student der Theologie in das Pariser Kolleg von Navarra ein. Er lehrte seit 1375 und promovierte 1380 zum Doktor und Professor der Theologie. 1384 wurde A. Leiter des Kollegs von Navarra, 1389 Beichtvater und Almosenier des Königs Karl VI. und Kanzler der durch das seit 1378 bestehende Schisma besonders hart betroffenen Pariser Universität. Er hielt zu Benedikt XIII., der ihm 1395 das Bistum Le Puy en Velay und 1396 das von Cambrai verlieh. Während des Konzils von Pisa 1409 schloß sich A. Alexander V. an, dann dessen Nachfolger Johannes XXIII., der ihn 1411 zum Kardinal und nach dem römischen Konzil von 1412 zum päpstlichen Legaten für Deutschland und die Niederlande ernannte. Er arbeitete Vorschläge zu einer Kirchenreform aus, da er von ihrer Notwendigkeit überzeugt war. Auf dem Konzil zu Konstanz 1414-18 trat A. als Vorkämpfer der gallikanischen Reformbewegung hervor. Er verhörte am 7. und 8.6. 1415 als Vorsitzender des Ausschusses für die causa fidei Johann Hus und wohnte seiner Verurteilung in der feierlichen Sitzung vom 6.7. bei. Nach Schluß des Konzils ernannte ihn Martin V. zum Legaten von Avignon. - Als Philosoph und Theologe ist A. von Wilhelm Ockham abhängig. Durch ihn errang der Nominalismus an der Pariser Universität eine Vormachtstellung. Gottes Dasein kann man nicht beweisen, ist aber für die Vernunft wahrscheinlich. Nur dem Glauben ist das Dasein Gottes gewiß. Glauben und Erkennen sind Gegensätze. Die Autorität der Heiligen Schrift und der Kirche entscheidet. - Auf dem Konzil zu Konstanz behauptete A., das Konzil stehe über dem Papst und könne ihn absetzen. Er lehrte, die allgemeine Kirche sei unfehlbar, und leugnete darum die Unfehlbarkeit des Papstes und die der Konzilien. Er erklärte, Christus sei das Haupt der Kirche; in der Einheit mit ihm, nicht in der Einheit mit dem Papst, bestehe die Einheit der Kirche. Die Gewalt der Kirche beschränkte er auf das geistliche Gebiet. - Als vielseitiger Schriftsteller widmete sich A. auch der Geographie, Astronomie und Mystik. Sein geographisches Hauptwerk »Imago mundi« bestärkte Christoph Kolumbus in der Hoffnung, Indien von Spanien aus in kurzer Zeit zu erreichen.

Werke: Quaestiones super libros sentantiarum (das Petrus Lombardus), 1490; De reformatione ecclesiae, 1416; De potestate ecclesiae, 1416; Tractatus et sermones, 1490. - Ludov. Salembier, Bibliogr. das oeuvres du Card. P. d'A., Basançon 1908.

Lit.: Paul Tschackert, P. v. A., 1877 (Bibliogr.: 348 ff.); - Heinrich Finke, Forschungen u. Qu. z. Gesch. des Konstanzer Konzils, 1889, 103 ff.; - Eduard Hartmann, P. d'A.s Lehre v. der sinnl. Erkenntnis (Diss. Freiburg), 1903; - J. P. McGowan, P. d'A. and the Council of Constance (Diss. Washington), 1936; - Bernhard Meller, Stud. z. Erkenntnislehre des P. v. A. (Bibliogr.: XV ff.), 1954; - Max Liebermann, Gerson et d'A., in: Romania 78, 1957, 433 ff.; 79, 1958, 339 ff.; 80, 1959, 289 ff.; 81, 1960, 44 ff.; - G. Lindbeck, Nominalism and the Problem of Meaning as Illustrated by P. d'A. on Predestination and Justification, in: HThR 52, 1959, 43 ff.; - Überweg II, 606 ff.; 784 f.; - LM I, 91 f.; - DBF I, 946 ff.; - DSp I, 256 ff.; - DThC I, 642 ff.; - DHGE I, 1153; - LThK VIII, 329 f.; - RE I, 274 ff.; XXIII, 27; - EKL I, 60 f.; - RGG V, 249 f.

Friedrich Wilhelm Bautz

Ein weiterer Beitrag über PETRUS von Ailly

Letzte Änderung: 18.06.2006