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Band XV (1999) Spalten 30-34 Autor: Erich Wenneker

ANHORN, Bartholomäus d. J., ref. Pfarrer und Historiker; * 17. Januar 1616 in Fläsch/Graubünden † 6. Juli 1700 in Elsau/Zürich. - Anhorn war der Sohn des Pfarrers Daniel Anhorn in Fläsch. Sein gleichnamiger Großvater war ein bedeutender Bündner Kirchenhistoriker am Anfang des 17. Jahrhunderts. 1628 nahm er sein Studium in Zürich auf und schloß es im Jahre 1632 in Basel ab. Am 6. Juni 1634 wurde er in Chur in die evangelisch-rätische Synode aufgenommen und übernahm noch im gleichen Jahr die Pfarrstelle der Gemeinde Grüsch im Prättigau. Bereits ein Jahr später wurde er Pfarrer der Gemeinde Hundwil in Appenzell-Ausserrhoden und 1636 wurde er in die St. Galler Synode aufgenommen. Von 1637-1638 fungierte er in der Stadt St. Gallen als Pestprediger und erhielt dafür das St. Galler Bürgerrecht geschenkt. 1638 wurde er Stadtpfarrer in St. Gallen, ohne jedoch dem offiziellen Kollegium der reformierten Stadtpfarrer anzugehören. Im Zuge der Neuordnung der reformierten Kirche in der Kurpfalz durch den Kurfürsten Karl Ludwig ab 1649 gehörte Anhorn zu den reformierten Schweizer Pfarrern, die in kurpfälzische Dienste traten. Er wurde Pfarrer und Kircheninspektor in Mosbach. Bei der Rückkehr des Kurfürsten Karl Ludwig hielt er die Festpredigt. Er weihte 24 Kirchen, die während des Dreißigjährigen Krieges katholisch waren für den reformierten Gottesdienst und scheint in dieser Zeit in hohen Ansehen beim Kurfürsten gestanden zu haben. Anhorn war jedoch ein unruhiger Charakter, der mit satirischen Schriften auf sich aufmerksam machte. Eine solche Schrift, in der er den Heidelberger Juraprofessor Boeckelmann angriff, wurde ihm im Jahre 1660 zum Verhängnis. Nachdem er als Mitverfasser bekannt wurde, ließ der Kurfürst ihn verhaften und schließlich außer Landes bringen. Er kehrte in die Schweiz zurück und bekam auf Vermittlung Zürichs die reformierte Pfarrstelle im thurgauischen Bischofszell. Mit seiner sehr kämpferischen Art war er in einer Gemeinde, in der Katholischen und Reformierte miteinander auskommen mußte, eher fehl am Platze. Immer wieder berichten die Archivalien von konfessionellen Streitigkeiten, an denen Anhorn in dieser Zeit beteiligt war. Er war geradezu ein Unruhestifter und schadete damit möglicherweise den Reformierten im Thurgau mehr, als sein Auftreten ihren Anliegen nutzte. Obwohl er im Jahre 1676 zum Dekan des Oberthurgauer Kapitels gewählt wurde, mußte er 1678 nach neuerlichen Streitigkeiten Bischofszell auf Betreiben des Domkapitels in Konstanz verlassen, da er in seinen Predigten und Schriften immer wieder sich sehr polemisch gegenüber den Katholischen äußerte. Von Zürich wurde ihm Pfarrstelle in Elsau übertragen, die er bis zu seinem Tode ausübte. Er verstarb am 6. Juli 1700 an den Folgen eines Sturzes von einem Kirschbaum.- Anhorn war einer der fruchtbarsten reformierten Schriftsteller seiner Zeit. Er hat jedoch nicht nur eine Fülle von Werken, sondern auch vor alle eine Menge Schulden hinterlassen. Der größte Teil seiner gedruckten Werke besteht aus Leichenreden und Predigten. Sein bekanntestes Werk ist die Magiologia, eine christliche Warnschrift gegen Aberglauben und Zauberei. In ihr wird deutlich, daß der Verfasser noch ganz real mit Hexen und Zauberern rechnet. Seine Heilige Widergeburt der Evangelischen Kirchen/in den gmeinen Dreyen Bündten/der freyen hohen Rhaetiae ist ein wenig origineller Versuch einer Reformationsgeschichte seiner Bündner Heimat. Anhorn schreibt sehr viel aus den Arbeiten seines gleichnamigen Großvaters und aus anderen Chroniken ab. Teilweise verfälscht er jedoch auch die Ausführungen. Der Quellenwert der Arbeit ist daher nur sehr gering.

Werke: Decades quatuor thesium, e philosophia in genere, ejusque parte instrumentali, (Präs. Felix Plattner), Basel 1632; Quaestiones philosophicae miscellanae. Praeside M. Ludovico Lucio, Profess. Organi Aristotelici, Basel 1634; Christliche Valet-Predig/oder liebreiche Erinnerung/ u. hertzlicher Wunsch auss Actor: Cap.20.V.31,32, den 21. 2.1650 der Christl. Gemein. Sant. Gallen., Frankfurt 1650; Christliche Dancksagungs-Predigt/von Kinderen/u., deren Aufferziehung:als d. 31.03.1651 dem Herrn Carl Ludwigen/Pfalzgrafen bey Rhein, Hanau 1651; Grosser Gewinn aller Gottseligen Christen in diser gewinnsüchtigen u. unvergnüglichen welt aus der Epist. an Timoth. cap 6.vers 6-8 aussgelegt, Schaffhausen 1660; Meletemata sacra miscellanea, Germaniae & Martialibus ferociis ereptae statui & conditioni attempera, Frankfurt 1661; Christliche vermahnung zu fleissigem Wachsen und Bätten/wegen der ungewißheit d. sterbstunde des Menschen, bei Leichbestattung d. Barth. Lieben, Zürich 1663; Wahrhafftiger Segen aller wahrer Gläubigen/ welche ihren Heiland Jesum Christum vest halten. Bei Leichbestattung Magdalena Rietmann, Basel (1663); Christliche Betrachtung der vielfältigen/sich dieser Zeit erzeigenden Zornzeichen Gottes/ und Vorbotten seiner gerechten Straffen,Basel 1665; (Übers.) Ernste Klag Über die grosse Thorheit der Menschen/welche d. nothwendige Beserung auffschieben, in lat. Sprach beschrieben v. J. Rivio, Basel 1665: Geistlicher an das Himmelreich gelegter Gewalt: Christliche verläugnung seiner selbs: u. fleissige warnehmmung seines Nechsten. In Dreyen Predigten, Basel 1668; Christlicher Matronen Seligkeit/durch Kindergebären erlangt...Bey der Leich- Bestattung...Frawe Elisabeth Rietmann, Basel (1669); Christlicher Matronen Seligkeit/durch Kindergebären erlangt. Gottes Lob/und Christliche Frewd/wegen der Hochzeit dess Lambs und Schmuk seiner Braut; Theatrum concionum sacr. topicum, in quo topica sacra ecclesiastica theoretica-practica ita instituitur & disponitus, Basel 1670-1691; Christliche Leicht-Predigt.Von d.herzlichen Nutzen d. Anfechtungen u. Trübsalen d. Kinderen Gottes., Bei Leichtbestattung H. J. Gonzenbach, Mülhausen 1671; Magiologia. Christliche Warnung für dem Aberglauben und der Zauberey, Basel 1674; Anmahnung zur Christlicher erlaubter Hochzeit-Freud/ bey Hochzeitlichen Freuden-Fest dess Caspar Gonzenbachen u. Ursula Kuntzin, Basel (1675); Bischoffszellische Ehrengedächtnuss /Abscheids-Predig/von dem Fundament der Evangelischen /Reformierten/Seligmachenden Religion...gehalten 3.3.1678, Zürich 1678; Heilige Widergeburt der Evangelischen Kirchen/in den gmeinen Dreyen Bündten/der freyen hohen Rhaetiae: Oder Beschreibung derselbigen Reformation, Chur 1680 (weitere Ausgabe Brugg 1680, Nachdruck St. Gallen 1860); (Übers.)Liebreiche Besuchungen/und Christliche Trostreden/für allerley Anligen...Erstlich v. Carl Drelincourt an tag gegeben. Hernaher übersetzet, Basel 1680; Christliche Hochzeit-Predigt/von unserm Herrn Jesu Christi/dem Wahrhaftigen Seelen- und Leibes-Arzt. Bei Einsegnung i. Ehestand (1681); (Griechischer Text) oder Vätterliche Hochzeitgaab/seinem geliebten Sohn Silvester Samuel Anhorn Doctori Medicinae, Physico Stz. Gallen, Basel (1681); Wachende Rut am Himmel/...erinnerung anb d. Christenvolck/ wegen d. Grossen Cometen u. d. Grundveste d. Erden erschütternden Erbbidems Dez 1680, Jan. 1681, Zürich 1681; Analysis, Practica, Homilitica Catechismi Tigurini. Ex Catechismo Archiv-Palatino interpolata, in quatuor Partes distributa, Basel 1683; Blühende...Pfalz, 1684: Pfälzischer Regentenbaum, 1684; Geistliche Lebendigmachung der in den Sünden todten Menschen. An dem Ostermontag, 31. Martii 1684. War der Geburts- Tag Des Durchleuchtigsten Fürsten und Herren/ Herren Carl/ Pfaltz-Grafen bey Rhein/ des H. Rm. Reichs Ertz-Schatzmeistern und Chur-Fürsten/ Hertzogen in Bayern/ In der Chur-fürstl. Residentz-Statt Heidelberg/ Der Gemeine Gottes/ in der Prediger Kirch/ auss Coloss. II V 13 ffürgetragen: Sambt beygab I. Der geistlichen Hochzeit Jesu Christi mit den Churfürstl.Pfältzischen Kirchen/ und Landen. II. Von dem blühenden/ umgehauenen/ und wiederumb grünenden Churfürstl. Pfältzischen Regentenbaum. III. Der historischen Erziehlung in der Vorred/ von der restitution der Kirchen in dem Oberambt Mospach, Basel/St. Gallen 1684; Ob ein Religionsvergleich zu hoffen, o. O. 1686; Pseudochristianus revelatus&emendatus, das ist der falsche Christ/mit seinen Lasteren geoffenbaret/für der Höllen gewarnet, Schaffhausen 1695; Extract Briefen rn. B. A.en, so er an mich, Hans Wilperth Zoller, abgegeben (1699), in: Dokumente zur Geschichte des Bürgermeisters Hans Waldmann. Gesammelt u. Hrsg. v. Ernst Gagliardi, II. Band, Basel 1913, 319-326.

Lit.:: H. Wirth, Die Stadt Mosbach historisch, topographisch u. statistisch geschildert, in: Badenia 1, 1864, 88-175 (hier 140-149); - Nüßle, Eine im Jahr 1649 zur Feier der Rückkehr des Kurfürsten Karl Ludwig in die Pfalz in dessen Gegenwart in Mosbach von B. A. gehaltene Predigt, in: Studien d. ev.-protestantischen Geistlichen d. Großherzothums Baden 8,1882, 93-110; - Karl Hauck, Karl Ludwig, Kurfürst von der Pfalz (1617-1680), Leipzig 1903; - Ernst Haffter, Eine ladinische Übersetzung von B. A. d. J. Bündnerischer Reformationsgeschichte, in: Bünndnerisches Monatsblatt 1919, 56f.; - Wilhelm Diehl, Zur Geschichte d. kurpfälzischen ref.. Pfarrerstandes in d. zweiten Hälfte d. 17. Jahrh., in: Beiträge z. hessischen KG 10, 1932, 175-190; - Jakob Rudolf Truog, D. Pfarrer d. evang. Gemeinden in Graubünden u. seinen ehemaligen Untertanenlanden, in: Jahresberichte d. Historisch-Antiquarischen Gesellschaft v. Graubünden 64 u. 65, 1934 u. 1935; - Ders., Aus d. Geschichte d. ev.-rätischen Synode 1537-1937, Chur 1937; - Heinrich Neu, Pfarrerbuch Baden I, 203 u. II, 24 f.; - Alfred L. Knittel: Werden u. Wachsen der ev. Kirche im Thurgau, Frauenfeld 1946; - Conradin Bonorand, D. Entwicklung d. ref. Bildungswesens in Graubünden zur Zeit d. Reformation u. Gegenreformation, Diss. Zürich, Thusis 1949; - Ders., Bündner Studierende an höhern Schulen d. Schweiz u. d. Auslandes im Zeitalter d. Reformation u. Gegenreformation, in: Jahresbericht d. Historich-Antiquarischen Gesellschaft v. Graubünden 79, 1949, 89-174; - A. H. Anhorn-Ammann, 5 Jahrhunderte Anhorn 1430-1950, Chur 1950; - Zürcher Pfarrerbuch 1519-1552, Hrsg. v. Emuanuel Dejung u. Willy Wuhrmann, Zürich 1953, 181; - Arthur Geiger, Das Chorherrenstift St. Pelagius zu Bischofszell im Zeitalter der Katholischen Reform, Diss. Freiburg, Bern 1958; - Richard Feller/Edgar Bonjour, Geschichtsschreibung der Schweiz I, Basel/Stuttgart 1962, 456 f; - Hans Martin Stückelberger, Kirchen- u. Schulgeschichte d. Stadt St. Gallen, Bd. II: 1630-1750, St. Gallen 1962; - Ders., Die ev. Pfarrerschaft d. Kantons St. Gallen, St. Gallen 1971, 37 f.; - Ders., D. appenzellisch ref. Pfarrerschaft, Herisau 1977 (2. A. Herisau 1991, 48 f.); - Heinz Schuchmann, Zugewanderte Schweizer im Kirchenbuch Mosheim 1650-1750, in: Badische Familienkunde 8, 1965, 154-160; - Konrad Schulthess, Bündner in Zürcher Kirchenbüchern u. Bevölkerungsverzeichnissen 1600-1700, in: Der Schweizer Familienforscher 37, 1970, 73-102 (hier: 76); - Karl Zbinden, D. Pfalz als Ziel u. Etappe schweizerischer Auswanderung, in: Pfälzer-Palatines. Beiträge z. pfälzischen Ein- u. Auswanderung sowie d. Volkskunde u. Mundartforschung d. Pfalz u. d. Zielländer pfälzischer Auswanderung im 18. u. 19. Jahrh., Hrsg. v. Karl Scherer, Kaiserlautern 1981, 177-206; - Albrecht Ernst, Reformierte Kirchenzucht u.- sittlich-religiöses Leben in Eberbach während d. 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts. Auswertung des ältesten Eberbacher Presbyterial-Protokollbuches, in: Eberbacher Geschichtsblatt 86, 1987, 99-119; - Ders., D. ref. Kirche d. Kurpfalz nach dem Dreißigjährigen Krieg (1649-1685), Stuttgart 1996; - Andreas Cser/Roland Vetter/ Helmut Joho, Geschichte d. Stadt Eberbach am Neckar vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Sigmaringen 1992,42-45; - Felici Maissen, Eveniments e fonomen ella superstiziun dil baroc, in: Annalas de la Società Retorumantscha 105, 1992, 191-207; - Erich Wenneker, Reformierte Bündner als Pfarrer und Schulmeister in Süddeutschland (1560-1830), in: Bündner Monatsblatt 1999 (in Druck).

Erich Wenneker

Letzte Änderung: 25.06.2008