BUCHARJEW, Alexander, Matwejewitsch (Bucharev, Aleksandr, Matveevič), * um 1822 (genaues Datum unbekannt) in ärmlichen Verhältnissen in Fëdorov, einem armseligen kleinen Walddorf im Gouvernement Tveŕ, wie er denn der armen Weltgeistlichkeit in den russischen Dörfern zeitlebens sich eng verbunden fühlte, theologische Ausbildung im Seminar von Tveŕ 1837-1842, 1842-1846 Studium an der Geistlichen Akademie Moskau, 1846 Professor für Altes Testament dortselbst, 1847 Eintritt in den Mönchsstand, 1853 Weihe zum Archimandriten, 1855 Versetzung nach Kazań auf den Lehrstuhl für Dogmatik, große Beliebtheit bei Studenten und Gebildeten wegen seiner anregenden Vorlesungen und Vorträge zugleich zunehmender Konflikt mit Metropolit Filaret wegen seiner "Drei Briefe", in denen er sich mit dem "Briefwechsel mit Freunden" von Gogol auseinandersetzt, Versetzung an das Komitee für Geistliche Zensur nach Petersburg, scharfe Angriffe V.I. Askočenskij's auf B. wegen seiner Schrift "Die Orthodoxie im Verhältnis zur Gegenwart", Druckverbot für B. und Versetzung in das Nikitskij-Kloster in Perejaslavl', Druckverbot für den Apokalypsekommentar, an dem B. Jahrzehnte hindurch gearbeitet hatte, Austritt aus dem Mönchsstand, Juli 1863 Laiisierung auf eigenen Antrag hin, Heirat mit Anna Rodyševskaja, B. bezeichnet sich selbst in dieser Zeit als "Narr um Christi willen". Dostojewski kannte wie viele andere den Fall B. und korrespondierte nach dessen Tod mit seiner Witwe. Es ist anzunehmen, daß die tragische Gestalt B.s auch auf die Gestalt Myschkins im "Idioten" eingewirkt hat. Die letzten Jahre lebt B. mit seiner Frau in bitterster Armut (heimlich hin und her unterstützt durch Metropolit Filaret) und stirbt am 2. April 1871. - B. gehört zu einer Reihe von Geistlichen vor allem aus dem Mönchsstand und nur sehr wenigen aus der kirchlichen Hierarchie, die auch im Zuge des liberalen Regierungskurses von Zar Alexander II. seit 1861, mit Sorge die Kluft zwischen der konservativen Orthodoxie in Kirche und Lehramt und den vor allem sozialen Problemen der Zeit sich verbreitern sahen.
Werke:
O pravoslavii v otnošenii k sovremennosti (Die Orthodoxie in ihrer Beziehung zur Gegenwart), Petersburg 1860; Tri pisma k Gogolju (Drei Briefe über Gogol), Petersburg 1861 (verfaßt 1848); Moja apologija (Meine Apologie), Moskau 1866, Peterburg 19062; Issledovanie Apokalipsa (Untersuchungen zur Offenbahrung des Johannes), Sergiev Posad 1916 (verfaßt in den 60er Jahren); Sovremennye potrebnosti mysli i žizni (Die zeitgenössischen Anforderungen an Denken und Leben), Moskau 1865; O principach ili načalach v delach žitejskich i graždanskich (Über die Prinzipien oder Anfänge des täglichen und bürgerlichen Lebens), Petersburg 1853; O kartine Ivanova "Javlenie Christa narodu (Über das Gemälde Iwanows "Erscheinung Christi vor dem Volk", Petersburg 1859; Otvet Askočenskomu (Antwort an Askoteschenski), in: Syn Otečestva 1860, Nr. 52; Razgovor po povodu preobrazovanija sudoproizvodstva i o vzaimnom otnošenii meždu svetskim i duchovnym (Ein Gespräch über die Rechtsreform und die beiderseitigen Beziehungen zwischen den Weltmenschen und der Geistlichkeit), in: Syn Otečestva 1863, Nr. 10; Weiteres s. Lit. Behr-Sigel.
Lit.: E. Behr-Sigel, Alexandr Boukharev. Un Théologien de l'Église Orthodoxe Russe en Dialogue avec le Monde Moderne, Paris 1977 (mit erschöpfenden bibliograph. Angaben und Briefwechsel); - I. Smolitsch, Geschichte der Russischen Kirche 1700-1917, Leiden 1964, 614-617, Reg.; - W. Goerdt, Russische Philosophie. Zugänge und Durchblicke, Freiburg/München 1984, 355-358 und Reg. und 2. Bd. Texte, Freiburg/München 1989, Reg.; - B. Schultze, Russische Denker. Ihre Stellung zu Christus, Kirche und Papsttum, Wien 1950, 149-157; - B. Zenkovsky, Histoire de la Philosophie russe, 2. Bd., Paris 1956, 350-355; - K. Onasch, Die alternative Orthodoxie, Paderborn, München, Wien, Zürich 1993, 94-105.