BAARS, Ernst Georg, evangelischer Theologe, * 26. November 1864 in Bremerhaven, † 25. September 1949 in Bremen. - B. wuchs als Sohn eines Schiffbaumeisters in seiner Geburtsstadt auf. Im Anschluß an den Schulbesuch studierte er evangelische Theologie an den Universitäten Halle, Jena und Straßburg. Am 2. Juni 1889 wurde er ordiniert und zunächst der Gemeinde in Bruchsal, später in Schwetzingen und Baden-Baden als Vikar zugewiesen. Seit dem 17. Dezember 1894 amtierte er als Pfarrer der Gemeinde von Weiler bei Villingen. Nach nur neun Monaten nahm er zum 22. September 1895 den Ruf auf eine Pfarrstelle in der Gemeinde Bremen-Vegesack an. Diese Gemeinde blieb der Ort seiner weiteren kirchlichen Wirksamkeit bis zur Emeritierung am 15. Februar 1928. Die Emeritierung erfolgte gegen B.s Willen: Im Zuge erbitterter kirchenpolitischer Auseinandersetzungen war es den Gegnern des liberalen B. gelungen, ihn ins Abseits zu drängen. Das Ende seiner pfarramtlichen Tätigkeit erfolgte durch die Aberkennung der Rechte des geistlichen Standes. Die Jahre des Ruhestandes verbrachte B. in der Kleinstadt Biedenkopf bei Marburg. Unmittelbar nachdem er im September 1949 nach Bremen zurückgekehrt war, starb er. B. schloß 1893 die Ehe mit Maria Amalie Streccius; der Ehe entstammten ein Sohn und fünf Töchter. - B. gehörte zu dem Kreis modernistischer Bremer Theologen um Albert Kalthoff (1850-1906), Friedrich Steudel (1866-1939) und Oskar Mauritz (1867-1958). Ausgehend vom Liberalprotestantismus des späten 19. Jahrhunderts, wie er im Deutschen Protestantenverein, in der Religionsgeschichtlichen Schule und im Kreis um die kulturprotestantische Zeitschrift "Die Christliche Welt" vertreten wurde, entwarfen diese Pfarrer ein am naturwissenschaftlich-modernen Weltbild orientiertes Religionsverständnis. Dabei griffen sie auf Motive des pantheistischen Denkens zurück und stellten insbesondere den Entwicklungsgedanken in den Mittelpunkt ihrer religionsphilosophischen Überlegungen. Für die religiöse Gemeinschaft, die auch hier das Ursprungszentrum individueller Religiosität bildet, wurde die Forderung einer konsequent freiheitlichen, undogmatischen Gestaltung erhoben. Eine Verpflichtung auf Dogma und Bekenntnis war mit diesem Kirchenverständnis unvereinbar (vgl.: Brauchen wir ein neues Bekenntnis?, 1907; Wider den Dogmatismus, in: Protestantenblatt 40 (1907). Nr. 22). Allein die lebendige Frömmigkeit der Gemeinde galt als Basis der religiösen Ausrichtung. Praktisch hatte dies zur Folge, daß sich Personalgemeinden bildeten, die durch die charismatische Führergestalt eines oder mehrerer Prediger zusammengehalten wurden. Nach B. konnte es für die Mitglieder solcher Gemeinden "keine andere uns innerlich zwingende Macht [geben] als unsere eigene Überzeugung und unser Gewissen". Christus trat als Ideal einer freiheitlichen, glaubensstarken religiösen Individualität auf. Religion wurde, in Anknüpfung an Schleiermachersche Wendungen, als Form und Bestimmtheit des Gefühls gegenüber dem Totaleindruck des Universums aufgefaßt, dem es mit Ehrfurcht und Zukunftsoptimismus sich zu nähern gelte. Als Grundwerte der Religion galten die individuelle religiöse Prägung von Gemeinschaft und Einzelnem, konkretisiert in Gefühl und Gewissen, und eine mystisch-idealistische Geschichtsauffassung. Wie Christus, so wurde auch die biblische Überlieferung nach wie vor als Richtwert angesehen (vgl.: Jesus. Drama in vier Aufzügen, Bremen 1906). Doch machte B., wie seine Mitstreiter, das Recht einer freien Auslegung der Texte geltend. Maßgeblich für die Deutung und Interpretation war die Frage nach dem Gegenwartsbezug und praktischen Orientierungswert. Eine pietätvolle, normative Umgangsweise wurde als biblizistischer Traditionalismus zurückgewiesen. Nicht Predigt und religiöser Traktat, sondern poetische Formen, auch dramatische Werke, wurden von B. zum Ausdruck dieser Religionsauffassung eingesetzt. In der Darstellung seiner religiösen und theologischen Auffassungen scheute B. nicht davor zurück, seine Kontrahenten zu provozieren und den Meinungsstreit in Form und Inhalt zu radikalisieren. Mehrfach waren dramatische kirchenpolitische Auseinandersetzungen die Folge. Dennoch war B., ebenso wie seine Mitstreiter und Weggefährten Kalthoff und Steudel, von großem Ernst im theologischen Diskurs beseelt. Die Erneuerung der Kirche, nicht deren Marginalisierung im kulturellen Leben war ihnen innerstes Anliegen. Auf der anderen Seite barg die Idee eines undogmatischen Religions- und Christentumsverständnisses die Gefahr in sich, als nebulöse Theosophie jede thematische Konkretheit zu verlieren. Die in äußerster Schärfe betriebene Enthistorisierung von Frömmigkeit bedingte auch, daß innerhalb des "Bremer Radikalismus" (Arthur Titius) die Fähigkeit drastisch abnahm, sich gegen eine Instrumentalisierung von Religion und Theologie für externe politische Zwecke zur Wehr zur setzen. Kalthoffs Unterstützung des "Deutschen Monistenbundes", die über einen breitenwirksamen Nietzsche-Kult zeitweise erhebliche Popularität erzielte, steht für diese Fehlentwicklung.
Veröffentlichungen (Auswahl): Bibelkunde auf geschichtlicher Grundlage. Kurzer Leitfaden zum Gebrauche im Konfirmandenunterricht, Bremen-Vegesack 1901; Der Sieg des Glaubens. Ein Pfingst- oder Reformationsfestspiel, 1903; Jesus. Drama in vier Aufzügen, Bremen 1906; Aus tiefstem Elend. Eine Szene aus dem Leben mit deklamatorischer Umrahmung und ebendem Bilde, Flensburg 1906; Hiob. Kanzelreden im Anschluß an das Buch Hiob, Bremen-Vegesack 1906; Brauchen wir ein neues Bekenntnis?, 1907; Wider den Dogmatismus, in: Protestantenblatt 40 (1907). Nr. 22; Sexuelle Ethik. Ein Vortrag. Herausgegeben vom Akademischen Bunde Ethos, Groß-Lichterfelde-West. o.J. [1906]; Was wir wollen! Vortrag. Vierte, durchgesehene Auflage, Berlin 1909; Mutterschutz, eine Kulturaufgabe. Vortrag im Bund für Mutterschutz in Hamburg gehalten, Hamburg 1910; Krieg und Mutterschutz. Vortrag, gehalten im Bund für Mutterschutz, Ortsgruppe Bremen, Berlin 1916.
Lit.: Albert Kalthoff: Modernes Christentum (Moderne Zeitfragen. Nr. 13), Berlin 1905 [Zweite Auflage: Berlin 1906]; - Arthur Titius: Der Bremer Radikalismus. Vortrag in der Versammlung der Freunde der Christlichen Welt zu Marburg am 10. Oktober 1907 (Sammlung gemeinverständlicher Vorträge und Schriften aus dem Gebiet der Theologie und Religionsgeschichte. Nr. 54), Tübingen 1908; - Georg Huntemann: Baars, Ernst Georg, in: Bremische Beiträge 1912-1962. Herausgegeben von der Historischen Gesellschaft zu Bremen und dem Staatsarchiv Bremen, Bremen 1969, 20; - "Mit Gott dem Herrn zum Krieg"? Bremer Pastoren für den Frieden vom Kaiserreich bis zur Ära Adenauer. Herausgegeben im Auftrag des Bildungswerkes der Evangelischen Kirchen im Lande Bremen von Helmut Donat und Reinhard Jung, Bremen 1988; - Bremische Kirchengeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Andreas Röpcke. Mit Beiträgen von Hans-Georg Aschoff [u.a.], Bremen 1994; - Bremer Pfarrerbuch. Die Pastoren der Bremischen Evangelischen Kirche seit der Reformation. Band 2. Bearbeitet von Hartwig Ammann, Bremen 1996, 28; - Johannes Abresch: Enfant terrible im Talar. Albert Kalthoff (1850-1906), in: Geschichte im Wuppertal 5 (1996), 18-51; - Claudia Lepp: Protestantisch-liberaler Aufbruch in die Moderne. Der deutsche Protestantenverein in der Zeit der Reichsgründung und des Kulturkampfes (Religiöse Kulturen der Moderne. Band 3), Gütersloh 1996; - Dietmar von Reeken: Kirchen im Umbruch zur Moderne. Milieubildungsprozesse im nordwestdeutschen Protestantismus (Religiöse Kulturen der Moderne. Band 9), Gütersloh 1999.