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Band I (1990)Spalten 335-336 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

BAEDEKER, Friedrich Wilhelm, Evangelist, * 3.8. 1823 in Witten (Ruhr) als Sohn eines Naturforschers (Ornithologen), † 9.10. 1906 in Clifton (England). - Mit 16 Jahren kam B. nach Dortmund in die kaufmännische Lehre. Zu zweijähriger militärischer Ausbildung wurde er nach Köln eingezogen, mußte aber 1848 während einer Reserveübung ins Lazarett und wurde als dienstuntauglich entlassen. 1851 verlor er nach dreimonatiger Ehe seine Gattin und begann nun ein Wanderleben durch Deutschland. 1854 reiste B. nach London und segelte von dort nach Launceston in Tasmanien, wo er zwei Jahre Lehrer der französischen und deutschen Sprache war. Dann fuhr er nach Südostaustralien, zunächst nach Melbourne, später nach Sidney. Zwei Jahre durchzog er Australien kreuz und quer und kehrte 1858 nach Witten (Ruhr) zurück, begab sich aber 1859 zum zweitenmal nach England. Mit einem Bekannten eröffnete B. in Weston-super-Mare bei Bristol eine höhere Schule, wurde englischer Staatsbürger und heiratete 1862 die Mutter eines seiner ersten Schüler, die Witwe eines Kapitäns der britischen Flotte in Indien. Mit ihr siedelte er später nach Bristol über und trat zu dem Waisenvater Georg Müller in enge Verbindung. An der Universität Freiburg im Breisgau erwarb B. den philosophischen Doktorgrad und setzte seine Studien in Bonn fort. 1866 besuchte er in Weston-super-Mare »auf eifriges Drängen« eines Bekannten »als ein stolzer deutscher Ungläubiger« wiederholt die Evangelisationsversammlungen des Lord Radstock, verließ aber eines Abends nach seelsorgerlichem Gespräch mit dem Evangelisten »als ein gedemütigter, gläubiger Jünger des Herrn« die Versammlung und erlebte zu seiner Freude, daß auch seiner Frau, die wie er weltlich gesinnt war, einige Zeit später »derselbe teure Glaube« zuteil wurde. Als Dolmetscher begleitete B. den Amerikaner Robert Pearsall Smith auf seinen Evangelisationen durch Deutschland und hielt dann selbst Versammlungen, so im Frühjahr 1875 in der Garnisonkirche in Potsdam, wo sich Toni von Blücher nach einer solchen Versammlung für ein Leben in der Nachfolge und dem Dienst Jesu entschied. Im folgenden Jahr begann er seine Arbeit in Rußland und wurde in St. Petersburg durch Lord Radstock in einige der vornehmsten Familienzirkel eingeführt, u. a. bei der Fürstin Natalie von Lieven, in deren Villa er oft als Gast weilte und viele Versammlungen gehalten hat. 1877 zog B. mit seiner Frau und Adoptivtochter nach Rußland, um in Böhmen, Mähren, Ungarn, Galizien, Polen, in der Schweiz, Finnland und in den westlichen und südlichen Provinzen des weiten Russischen Reiches als Evangelist zu wirken. Er predigte in englischer, deutscher und französischer Sprache und nahm sich zwei, drei, ja fünf Dolmetscher, die gleichzeitig in verschiedene Sprachen übersetzten. Seine Lebensaufgabe fand B., als er durch Vermittlung einer einflußreichen Gräfin in St. Petersburg vom Leiter des Gefängniswesens den erbetenen Erlaubnisschein zum Besuch der Gefängnisse und zum Verteilen von Bibeln an die Strafgefangenen erhielt. 18 Jahre hatte er allein das Recht, die Strafkolonien der Insel Sachalin und die Festungsgefängnisse Kaukasiens tief im Süden bis zu den eisumstarrten Einöden im nördlichen Sibirien zu betreten. Seit 1887 fand er bei seinen Besuchen der finnischen Gefängnisse an Mathilda Wrede eine treue Gehilfin und Dolmetscherin. Mit Anna Thekla von Weling, der Begründerin des Allianzhauses in Bad Blankenburg (Thüringen), war B. eng verbunden und wurde durch seinen Dienst auf den dortigen Allianzkonferenzen seit 1886 bekannt. Durch B.s Versammlungen kam auch Christina Roy zum Glauben, die sich um die Verbreitung des Evangeliums unter den Slowaken bemühte. Man kann B. als Pionier des deutschen »Missionsbundes für Südosteuropa« bezeichnen.

Lit.: R. S. Latimer, Ein Bote des Königs. Dr. F. W. B.s Leben u. Wirken, übers. v. Dick, 1907; - Ernst Modersohn. Menschen, durch die ich gesegnet wurde, 19515, 157 ff.; - Karl Weber, Dr. F. W. B. Ein Weitreisender Gottes, 19572; - Alfred Stucki. Dr. F. W. B., Rußlands großer Gottesbote, Basel 1958; - Adolf Geprägs, F. W. B. Der Weitreisende Gottes, in: Menschen vor Gott, hrsg. v. Alfred Ringwald, II, 1958, 208 f.; - Friedrich Hauß, Väter der Christenheit III, 1959, 88 ff.; - Alfred Kreuzer, Ein Westfale reist durch Rußland, in: Westf. Heimatkalender 18, 1964, 142 f.

Friedrich Wilhelm Bautz

Literaturergänzung:

2005

Stephan Holthaus, Heil - Heilung - Heiligung. Die Geschichte der deutschen Heiligungs- und Evangelisationsbewegung (1874-1909), KGM 14, Gießen-Basel 2005, passim;-

2006

F.W.B. Leben u. Werk e. Russlandmissionars. Ulrich Bister/Stephan Holthaus (Hg.). Hammerbrücke 2006; -

2007

Karl Heinz Voigt, Internationale Sonntagsschule und deutscher Kindergottesdienst. Eine ökumenische Herausforderung. Von den Anfängen bis zum Ende des Deutschen Kaiserreichs. KKR Bd. 52, 2007, passim.

Letzte Änderung: 31.12.2009