BAHRDT, Karl Friedrich, das »enfant terrible« der deutschen Aufklärungstheologie, * 25.8. 1741 als Pfarrerssohn in Bischofswerda (Oberlausitz), † 23.4. 1792 in Nietleben bei Halle (Saale). - B.s Vater, Professor der Theologie und Superintendent in Leipzig, Prälat und Domherr des Stiftes Zeitz, hatte keine Zeit, sich um die Erziehung seiner Kinder zu kümmern. B. war hochbegabt, aber leichtsinnig und zu allen möglichen Bubenstreichen aufgelegt. Er wurde durch Hauslehrer erzogen, die im Jahr öfter dreimal wechselten. Nach kurzem Besuch der Nicolaischule in Leipzig kam B. nach Schulpforta bei Naumburg (Saale), verließ aber schon nach zwei Jahren das Gymnasium, weil er wahrscheinlich auch von dieser Schule verwiesen wurde. Mit 16 Jahren begann B. in Leipzig sein akademisches Studium unter Christian August Crusius. Er promovierte 1761 zum Magister und las Dogmatik als Repetent seines Vaters. Nach seiner theologischen Prüfung wurde B. Katechet an der Petrikirche und wies sich durch eine Predigtsammlung und die Umarbeitung eines beliebten deistischen Andachtsbuches als Vertreter der Orthodoxie aus, so daß 1766 seine Ernennung zum ao. Professor erfolgte. Nach zwei Jahren aber mußte er wegen seines Umgangs mit einer Dirne und der damit verbundenen Paternitätsklage auf sein Amt verzichten, womit der orthodoxe Zeitabschnitt seines Lebens endete. B. erhielt 1769 durch einen Gönner eine Professur der biblischen Altertümer bei der Philosophischen Fakultät in Erfurt. Nachdem er sich das theologische Doktordiplom von Erlangen verschafft hatte, wurde er 1771 durch Verwendung Johann Salomo Semlers als Professor der Theologie und Prediger nach Gießen berufen. B. erregte als entschiedener Aufklärungstheologe durch seine »Musterrevision« des Neuen Testaments großes Ärgernis und machte sich durch seinen sittenlosen Lebenswandel unmöglich, so daß sein Landesherr ihn 1775 auf Veranlassung der orthodoxen Theologen seines Amtes enthob. Auf Empfehlung Johann Bernhard Basedows kam B. nach Marschlinz (Graubünden) als Direktor eines Philanthropins. Nach 14 Monaten folgte er dem Ruf des Grafen von Leiningen-Dachsburg nach Dürkheim an der Hardt als Generalsuperintendent und erster Prediger, wurde aber 1778 wegen seiner Bibelübersetzung durch Reichshofratsbeschluß seines Amtes enthoben. B. fand als Flüchtling unter dem Schutze des preußischen Kultusministers von Zedlitz Aufnahme in Halle und erhielt trotz aller Gegenbestrebungen des Senats und der Theologen die venia legendi für philosophische Disziplinen. Er entfaltete eine überaus rege schriftstellerische Wirksamkeit und übte durch seine Vorlesungen auf die Studenten eine solche Anziehung aus, daß sich die Zahl seiner Hörer zuweilen auf 900 belief. B. entwickelte sich immer mehr vom radikalen Aufklärungstheologen zum »Naturalisten«. Er hielt sich, bis nach dem Tod Friedrichs II. (1786) unter Friedrich Wilhelm II. die staatliche Reaktion gegen die kirchliche Aufklärung einsetzte und der Justizminister Johann Christoph von Wöllner am 3.7. 1788 auch mit der Leitung der geistlichen Angelegenheiten betraut wurde. B. legte sein Lehramt nieder, kaufte in der Nähe von Halle einen Weinberg und betrieb mit seiner Magd, mit der er in wilder Ehe lebte, nachdem er seine Frau verstoßen hatte, eine Gastwirtschaft, die zum Sitz der von ihm begründeten freimaurerischen »Deutschen Union« wurde. Durch eine anonyme Lustspielsatire machte B. das Wöllnersche Religionsedikt vom 9.7. 1788 lächerlich und mußte dafür ein Jahr Festungshaft in Magdeburg verbüßen, in der er u. a. seine Selbstbiographie schrieb. 1790 kehrte er in seine Gastwirtschaft nach Nietleben zurück. - Der durch sein schändliches Leben und die Frivolität seiner Schriften berüchtigte B. ist kein typischer Vertreter der Aufklärungstheologie, sondern eine Karikatur des vulgären Rationalismus. Er stellt »die Aufklärungsperiode in ihrer schlechtesten und frivolsten Gestalt« dar.
Werke: Vers. eines bibl. Systems der Dogmatik, 2 Bde., 1769/70 (holl. 1781); Neueste Offenbarungen Gottes in Briefen u. Erzz., 4 Tle., 1773/74 (rationalist. Umschreibung des NT; v. Goethe verspottet); Briefe über die Bibel, im Volkston. Eine Wschr., Jg. 1. 2, 1782/83 (holl. 1783; 17862; sonderbare rationalist. Wundererklärungen); Ausführung des Plans u. Zwecks Jesu, 8 Bde., 1784/85 (Jesus als Naturalist u. Stifter einer geheimen Ordensges.); System der moral. Rel., 2 Bde., 1787; Das Rel.-Edikt. Ein Lustspiel, 1789; Gesch. u. Tagebuch meines Gefängnisses nebst geheimen Urkk. u. Aufschlüssen über Dt. Union, 1790; Gesch. seines Lebens, seiner Meinungen u. Schicksale, 4 Tle., 1790/91 (gekürzt hrsg. v. Felix Hasselberg, 1922).
Lit.: Gustav Frank, Dr. K. F. B., in: Hist. Taschenbuch, hrsg. v. Friedrich v. Raumer, Folge 4, Jg. 7, 1866, 203 ff. 346 ff.; - Ders., Gesch. der prot. Theol. III, 1875, 141 ff.; - Wilhelm Gaß, Gesch. der prot. Dogmatik IV, 1867, 199 ff.; - J. Leyser, C. F. B., der Zeitgenosse Pestalozzis, sein Verhältnis z. Philanthropinismus u. z. neueren Päd., 1867 (18702); - Paul Drews, Das Eindringen der Aufklärung in die Univ. Gießen, in: PrJ 130, 1907, 35 ff.; - Wilhelm Diehl, Btrr. z. Gesch. v. K. F. B.s Gießener Zeit, in: Arch. f. hess. Gesch. u. Altertumskunde, NF 8, 1912, 199 ff.; - Maria R. Bassewitz, Die polem. Romane C. F. B.s. Betrachtet nach ihren polem., satir. u. autobiogr. Elementen. Stud. u. Materialien z. Gesch. der Aufklärung (Diss. Würzburg), 1923; - R. Ziel, C. F. B., in: ZKG 60, 1941; - Fritz Valjavec, Die Entstehung der polit. Strömungen in Dtld. 1770 bis 1815, 1951, 25. 135 ff. 215 ff. u. ö.; - Karl Heussi, Gesch. der theol. Fak. Jena, 1954; - Baldur Schyra, C. F. B. Sein Leben u. Werk, seine Bedeutung. Ein Btr. z. dt. Kulturgesch. im 18. Jh. (Diss. Leipzig), 1962; - J. T. Brewer, »Gesunde Vernunft« and the New Testament (Diss. Austin, Texas), 1962; - S. G. Flygt, The Notorious Dr. B., Nashville 1963; - Goedeke IV/I, 811 ff.; - ADB I, 772 ff.; - NDB I, 542 f.; - RE II, 357 ff.; - RGG I, 845; - Wetzer- Welte I, 1847 ff.; - LThK I, 1193; - EC II, 696; - DHGE VI, 237 f.; - Barth, PrTh 147 f.; - Biogr. Wb. z. dt. Gesch., 1952, 45; - DLL I, 238 f.