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Verlag Traugott Bautz
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BALL, Hannah, * 13.3. 1733 (oder 1734?) in High Wycombe, Buckinghamshire, England, † 16.8. 1792 ebd. Durch sie erfolgte eine der frühesten Bildungen einer Sonntagsschule. Sie war die Tochter eines Spitzenmachers. Tiefere geistliche Impulse empfing sie zuerst beim Lesen einer Predigt des hochbegabten, aus der irischen römisch-katholischen Kirche kommenden wesleyanischen Reisepredigers Thomas Walsh (1730-1759). Nachdem sie am 8. Jan. 1765 John Wesley (s.d.) in High Wycombe predigen gehört hatte, setzte bei ihr ein neues geistliches Fragen ein. In ihren »Erinnerungen« hielt sie fest, daß sie am 3. Juni 1765 »Frieden mit Gott« gefunden hat. 1766 fing sie, wie viele Methodisten jener Zeit, an, Tagebuch zu führen. Hannah B. war eine mystisch veranlagte, sensible Frau, die eine der tragenden Persönlichkeiten in der methodistischen Society ihres Heimatortes wurde. Sie besuchte Kranke, Inhaftierte und Rückfällige. Es ist nicht sicher nachzuweisen, wie umfangreich ihre Predigttätigkeit als Reisepredigerin war. Hannah B. blieb unverheiratet und wandte sich, erfüllt von der Gnade Gottes, seit 1769 der Arbeit an den Kindern zu. Sonntags und montags versammelte sie regelmäßig die »wilde, kleine Gesellschaft«, um sie zu unterweisen. So wurde sie in High Wycombe mehr als zehn Jahre vor dem Zeitungsverleger und Druckereibesitzer Robert Raikes (s.d.), der seine Sonntagsschule 1780 in Gloucester einführte und daher der »Vater der Sonntagsschule« genannt wird, die frühere »Mutter der Sonntagsschule«. - Kein geringerer als John Wesley unterstützte Hannah B. in ihrer Arbeit. Es sind 39 Briefe bekannt, die er zwischen 1768 und 1789 an sie schrieb: Er gab Ratschläge, tröstete sie in ihren vielen Anfechtungen, half ihr in mancher Unsicherheit. Beim Wechsel der in High Wycombe wirkenden Reiseprediger der damaligen wesleyanischen Bewegung kam es offensichtlich immer wieder einmal zu Problemen, weil nicht alle die tragende Rolle einer Frau in der methodistischen Gemeinschaft einvernehmlich tolerierten. Aber Wesley bezog sie in die Arbeit ein bis hin zu den Fragen des Baues eines methodistischen Versammlungshauses in High Wycombe. In seinem späten und letzten Brief an sie bemerkte John Wesley, daß Gott sie trotz Anfechtungen und Versuchungen gebraucht habe, vielen Unerweckten und vielen Gläubigen ein Segen zu sein. Zu den Früchten ihrer Wirksamkeit zählte auch ihre eigene Mutter und ihre Schwester Ann. John Wesley sandte Hannah B. gelegentlich auch in andere methodistische Gemeinschaften der Region, damit sie das Feuer der Erweckung dorthin trage und bei anderer Gelegenheit ermutigte er sie, von dem Wirken Gottes durch ihren Dienst und Einsatz in Demut Zeugnis abzulegen. Nach ihrem Tod 1792 übernahm ihre Schwester Ann die Leitung der Sonntagsschule. - Im Leben von Hannah B. wird anschaulich, wie ein verändertes soziokulturelles Umfeld und vor allem die durch den englischen Deismus veränderten gesellschaftlichen Voraussetzungen von einer nicht etablierten Gemeinschaft, wie es die wesleyanischen Methodisten jener Zeit waren, leichter und schneller aufgenommen werden können, als von den traditionsreichen Kirchen. Verbunden mit der Erweckung zu neuem geistlichen Leben und der Entdeckung des Kindes und der Kindheit in der Aufklärung waren es die aktiv werdenden Laien, und zwar Männer und Frauen, die den Anstoß für die weltweite Sonntagsschulbewegung gegeben haben. Auch in Deutschland waren die Sonntagsschulen ganz selbstverständlich mit der Arbeit in den seit 1850 entstehenden methodistischen Gemeinden als Laienverkündigung verbunden. Gerade dies war es, was in den damaligen Staatskirchen teilweise zu ihrer Ablehung und schließlich zur Bildung des »Kindergottesdienstes« unter der Leitung von Pastoren führte, wobei beide Begriffe, Sonntagsschule wie Kindergottesdienst, jeweils programmatisch waren.
Werke: Memoirs of Mrs. Hannah Ball of High Wycombe in Buckinghamshire, extracted from her Diary of thirty years experience, edited by the Rev. Joseph Cole, 1796; 18803, weitere Ausgaben, überarbeitet und erweitert von John Parker, mit einem Vorwort von Thomas Jackson, 1839.
Lit.: 39 Briefe John Wesleys an Hannah Ball, veröffentlicht in: The Letters of the Rev. John Wesley, A.M, hrgg. v. John Telford, London 1938, 8 Bände: (1) 28.1.1768, Bd. V, 77; (2) 12.11.1768, V, 110f.; (3) 24.12.1768, V, 120; (4) 24.1.1771, V, 218; (5) 14.8.1771, V, 272; (6) 4.10.1771, V, 280; (7) 9.12.1771, V, 291; (8) 21.2.1772, V, 306; (9) 30.5.1772, V, 328; (10) 23.5.1773, VI, 27; (11) 1.9.1773, VI, 38; (12) 18.11.1773, VI, 55; (13) 27.2.1774, VI, 75; (14) 12.4.1774, VI, 78; (15) 19.6.1774, VI, 94; (16) 12.8.1774, VI, 105; (17) 28.11.1774, VI, 118; (18) 19.12.1774, VI, 131; (19) 28.7.1775, VI, 165; (20) 30.11.1776, VI, 241f.; (21) 13.3.1777, VI, 258; (22) 11.6.1777, VI, 265; (23) 2.12.1778, VI, 330; (24) 24.2.1779, VI, 341; (25) 23.10.1779, VI, 359; (26) 17.1.1780, VI, 380; (27) 28.6.1781, VII, 71f.; (28) 12.7.1781, VII, 71; (29) 17.11.1781, VII, 89; (30) 10.3.1782, VII, 114; (31) 4.8.1782, VII, 134; (32) 1.12.1782, VII, 153; (33) 7.6.1783, VII, 180; (34) 18.10.1783, VII, 193; (35) 25.4.1784, VII, 215; (36) 13.4.1786, VII, 324; (37) 9.5.1787, VII, 382; (38) 4.10.1787, VIII, 14 und (39) 26.11.1789, VIII, 187. - Daneben gibt es verschiedene Hinweis im Journal von John Wesley. - Hannah Ball, Wesleyan Methodist Magazine 1846, 561; Hannah Ball, in: Proceedings of the Wesley Historical Society, 1910, 14. Jg. 111ff.; Albert Titus, Kurze Geschichte der Sonntagsschule in England, Amerika und Deutschland, o. J. (1914), 7;- Mrs. I. D. McQuaid, Miss Hannah Ball, a lady of High Wycombe, 1964;- David Boulton, Women and Early Methodism, in: Proceedings of the Wesley Historical Society, Bd. 43, 1981, 13-17.
Lex.: Hannah Ball, in: Dictionary of National Biography, Vol. III, 1885, hrsgg. v. Leslie Stephen, 73; - Janet Todd, A Dictionary of British and American Woman Writers 1660-1800, Totowa, NJ/USA, 1985, 36; - The Blackwell Dictionary of Evangelical Biography, Bd. 1, 51, 1995, hrsgg. v. Donald M. Lewis; - Gayle Carlton Felton, Hannah Ball, in: Historical Dictionary of Methodism, hrsgg. v. Charles Yrigoyen jr. u.a., 1996, 30. - ( s. auch: Bröckelmann, Prochnow, Raikes, Tiesmeyer, Treviranus, Woodruff, Zauleck).
Karl Heinz Voigt
Literaturergänzung:
Karl Heinz Voigt, Internationale Sonntagsschule und deutscher Kindergottesdienst. Eine ökumenische Herausforderung. Von den Anfängen bis zum Ende des Deutschen Kaiserreichs. KKR Bd. 52, 2007, passim.
Letzte Änderung: 14.11.2007