Verlag Traugott Bautz |
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BAUR, Ferdinand Christian, Theologe, Begründer der neueren Tübinger Schule, * 21.6. 1792 als Pfarrerssohn in Schmiden bei Cannstatt, † 2.12. 1860 in Tübingen. - B. besuchte die Klosterschulen in Blaubeuren und Maulbronn und studierte in Tübingen. Er wurde 1817 als Professor an die Klosterschule in Blaubeuren und 1826 gegen den Widerspruch der Theologischen Fakultät als Professor der Kirchen- und Dogmengeschichte an die Universität in Tübingen berufen. - Als Repetent in Tübingen (1817) vertrat B. im wesentlichen noch den Supranaturalismus der älteren Tübinger Schule. In seiner Blaubeurer Zeit wurde er von Friedrich Schleiermachers Glaubenslehre beeinflußt. Seit den dreißiger Jahren eignete er sich die Anschauungen der Hegelschen Philosophie über das Wesen der christlichen Religion und die Entwicklung der Geschichte an. Seine 34jährige Tübinger Wirksamkeit galt der auf exakter Quellen- und Tatsachenforschung beruhenden wissenschaftlichen Erforschung des Neuen Testaments und der Kirchen- und Dogmengeschichte. Bei seiner Erforschung des Urchristentums ging B. im Anschluß an Johann Samuel Semler von der Grundanschauung einer doppelten Urkirche aus, einer juden- und einer heidenchristlichen, die in Lehre und Verfassung in schroffem Gegensatz zueinander standen. Im Lauf des 2. und 3. Jahrhunderts aber erfolgte eine allmähliche Annäherung und Synthese. B. begriff also die Geschichte des Urchristentums als eine dialektische Entwicklung, die vom Judenchristentum des Petrus über das Heidenchristentum des Paulus zur altkatholischen Kirche führte, die aus der Verschmelzung beider hervorgegangen sei. Bekannt wurde B. durch seine Kritik des neutestamentlichen Kanons. Nur die Schriften erkannte er als echt an, in denen der Gegensatz zwischen Juden- und Heidenchristentum scharf ausgeprägt sei: die vier großen Paulinischen Briefe an die Galater, Korinther und Römer und die Apokalypse. Die übrigen neutestamentlichen Schriften seien, so behauptete B., erst im 2. Jahrhundert abgefaßt worden, und zwar zum Teil in der Absicht, den im Urchristentum vorhandenen Gegensatz der Parteien zu verhüllen oder zu vermitteln. - B. begründete die einflußreiche Tübinger Schule, deren Blütezeit in die vierziger Jahre fällt. Zu B.s Schülern zählten u. a. sein Schwiegersohn Eduard Zeller, Albert Schwegler, Karl Reinhold Köstlin, Gustav Volckmar, Karl Holsten, Adolf Hilgenfeld, eine Zeitlang auch Albrecht Ritschl, der der Begründer einer neuen Schule wurde.
Lit.: Eduard Zeller, Ges. Vortrr. u. Abhh. I, 1865, 354 ff.; - Gustav Fraedrich, F. Chr. B., der Begründer der Tübinger Schule als Theologe, Schriftsteller u. Charakter, 1909; - Ernst Schneider, F. Chr. B. in seiner Bedeutung f. die Theol., 1909; - Albert Schweitzer, Gesch. der paulin. Forschung, 1911, 10 ff.; - Wilhelm Dilthey, Ges. Schrr. IV, 1921, 403 ff.; - Ernst Troeltsch, Adolf v. Harnack u. B., in: Festg. f. A. v. Harnack, 1921, 282 ff.; - Walter Nigg, Die KGschreibung. Grundzüge ihrer hist. Entwicklung, 1934, 202 ff.; - Barth, PrTh 450 ff.; - Adolf Rapp, B. u. Strauß, in: Bll. f. Württ. KG 52, 1952, 95 ff.; 54, 1954, 182 ff.; - Hirsch V, 518 ff.; - Rudolf Bultmann, Theol. des NT, 19542, 583 ff.; - Eberhard Hermann Pältz, F. Chr. B.s Verhältnis zu Schleiermacher (Diss. Jena), 1955; - Christoph Senft, Wahrhaftigkeit u. Wahrheit. Die Theol. des 19. Jh.s zw. Orthodoxie u. Aufklärung, 1956, 47 ff.; - Antwort. Festschr. f. Karl Barth, 1956, 176 ff. 786 ff.; - H. Liebing, F. Ch. B.s Kritik an Schleiermachers Glaubenslehre, in: ZThK 54, 1957, 225 ff.; - Wolfgang Geiger, Spekulation u. Kritik. Die Gesch.theol. F. Chr. B. (Diss. Frankfurt a. M.), 1964; - ADB II, 172 ff.; - NDB I, 670 f.; - RE II, 467 ff.; - EKL I, 341 f.; - RGG I, 935 ff.; - DHGE VI, 1501 ff.; - EC II, 1067 f.; - LThK II, 72 f.
Friedrich Wilhelm Bautz
Werkeergänzung:
2005
D. christl. Lehre von d. Dreieinigkeit u. Menschwerdung Gottes in ihrer geschichtl. Entwicklung. Nachdr. 6 Bde. Hildesheim 2005;
2008
Das Christentum u.d. christl. Kirche d. drei ersten Jahrhunderte. Repr. d. Ausg. Tübingen, 1853. Saarbrücken 2008; Vorlesungen über neutestamentl. Theologie. Repr. d. Ausg. Leipzig, 1864. Saarbrücken 2008.
Literaturergänzung:
1986
Alister E. McGrath, The making of modern German christology. From the Enlightenment to Pannenberg. Oxford 1986, S. 32-52; - Heinz Liebing, Kirche u. Konfessionen bei F.C.B., in: Ders., Humanismus, Reformation, Konfession. Marburg 1986, S. 205-215;- Ders., F.C.B.s Kritik an Schleiermachers Glaubenslehre, in: ebd. S. 217-232;- Ders., Historisch-kritische Theologie. Zum 100. Todestag F.C.B.s am 2. Dezember 1960, in: ebd. S. 233-246; - Klaus Berger, Exegese u. Philosophie. Stuttgart 1986, S. 27-48; -
2005
Thomas K. Kuhn, Theol. Transfer. Die B.-Schule u.d. schweizer. Theol. im 19. Jhr., in: BlWK 105.2005, S. 31-50; -
2008
Volker Mantey, Das Verständnis d. Reformation als Epoche bei F.C.B. Nebst e. Ausblick auf d. Verhältnis von Reformation und Mönchtum, in: Reformation und Mönchtum. Tübingen 2008, S. 213-226; - Christian Senkel, Christentumstheorie u. Geschichtskonstruktion. Eine Relektüre von F.Chr.B.s Epochen-Buch, in: Christentumstheorie. Leipzig 2008, S. 35-54; - Ekkehard W. Stegemann, Wilhelm Martin Leberecht de Wette u. F.C.B. über Zweck u. Veranlassung d. Römerbriefes, in: Bibl. Theol. u. hist. Denken. Basel 2008, S. 226-255; -
2010
Carsten Jochum-Bortfeld, "So schwer liegt die Macht der Finsterniß auf dem Judenthum". Zum Bild d. Judentums in d. Kommentierung d. Johannesevangeliums von F.C.B., in: KuI 25.2010, S. 34-46; - Eginhard P. Meijering, The judgement on Athanasius in the historiography of christian dogma (Mosheim-Baur-Harnack), in: CHRC 90.2010, S. 277-286.
Letzte Änderung: 09.04.2011