BERENGAR FREDOLI d. Ä. (Bérenger Frédol l'ancien), Kanonist und einer der ersten Lehrer des kanonischen Rechts in Montpellier, Kardinal, Diplomat, geb. um 1250 in La Vérune (Hérault) in der Nähe von Montpellier, im gleichnamigen Burg, † 11. Juni 1323 in Avignon. Wo er studiert hat, ist unbekannt, wahrscheinlich entweder in Paris, wo er später gelehrt hat, oder in Bologna, wie sein Zeitgenosse und Verwandter Raymundus Fredoli. Schulte nimmt an, daß er in Bologna gelehrt hat. Das ist aber keineswegs sicher. Selbst schreibt er, "in Paris und anderswo" gelehrt zu haben. Gouron (1979) vermutet, daß mit "anderswo" Montpellier gemeint ist und daß er dort in den Jahren 1288-89 gelehrt hat. - B.F. wurde schon in sehr jugendlichem Alter Kanoniker von Béziers, danach Abt der Saint Aphrodise in Béziers, Kanoniker von Amiens, Maguelonne, Narbonne und Aix, Erzdiakon von Uzès, Corbières und Narbonne. Außerdem war er ab 1285 cappellanus papae. 1294 wurde er von Coelestin V. zum Bischof v. Béziers ernannt und päpstlicher Vikar in Rom. Mit u.a. Guillelmus de Mandagoto (Guillaume de Mandagout) und Ricardus de Senis redigierte er ab 1296 ein neues päpstliches Gesetzbuch, das 1298 von Bonifaz VIII. promulgierten Liber Sextus. Das war seine wichtigste Tätigkeit als Jurist. Weiterhin hat er vor allem nützliche Repertorien verfaßt. B.F. war aber an erster Stelle ein fähiger und geschätzter Diplomat. Als solcher spielte er eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen zwischen dem Papst und Philipp dem Schönen. Für den König hat er auch Missionen erfüllt. 1302 nahm er am von Bonifaz in Rom einberufenen Konzil gegen den König teil, blieb aber dennoch dessen Günstling. Andererseits unterzeichnete er die von den französischen Juristen Guillaume de Nogaret und Guillaume de Plaisian aufgestellte Anklageakte gegen den Papst, mit dem er gute Beziehungen unterhielt. Am 15. Dezember 1305 ernannte der neue französische Papst Clemens V. ihn zum Kardinalpriester mit dem Titel der hl. Nereus u. Achilleus und später zum Kardinalbischof von Tusculum (Frascati; nach dem 10. Juni 1309) u. Großpönitentiar (vor dem 2. Sept. 1311). B.F. wurde bald dessen Vertrauensperson und Berater und hatte während seinen Pontifikats viel Einfluß. Er hat für ihn auf geschickte Weise den postumen Prozeß gegen seinen Vorgänger Bonifaz beendet, wobei es ihm gelungen ist, sich dem König als Freund zu bewahren, ohne das Andenken Bonifaz' zu beschmutzen. Der Papst hat ihn auch, als Stellvertreter des erkrankten Kardinalbischofs von Palestrina (Praeneste), Petrus de Capella (Legist, † 1312; s.d.), bei der Entscheidung des Armutsstreits eingesetzt. Seine Rolle bei der Auflösung des Templerordens und vor allem bei dem Prozeß gegen den 1314 in Paris verbrannten letzten Großmeister, Jacques de Molay, ist umstritten. Während des Konklaves nach dem Tode Clemens' V. (1314) erhielt er zwar viele Stimmen, hauptsächlich seitens der Franzosen, aber umsonst. Auch der neue Papst, Johannes XXII., schenkte ihm sein Vertrauen. Er hat ihn z.B. beauftragt, den Abt von Gérald und den Bischof von Cahors einer Verschwörung gegen das Leben des Papstes wegen abzusetzen und zu verurteilen. Seine Lage ermöglichte ihn, Verwandte zu begünstigen: 1309 wurde z.B. ein gleichnamiger Neffe von ihm zum Bischof von Béziers ernannt, und als dieser drei Jahre später zum Kardinalpriester der hl. Nereus u. Achilleus aufrückte (eine Würde die sein Onkel ebenfalls bekleidet hatte), war sein Nachfolger sein Bruder Wilhelm Fredoli. Letzterer hat die sterblichen Überreste seines Onkels, der in Avignon begraben waren, in der Kathedrale von Béziers beisetzen lassen. B.F. war als Kanonist vor allem ein fleißiger Verfasser nützlicher Hilfsmittel. Als Diplomat und Politiker war er sehr begabt.
Werke: 1. Tractatus de excommunicatione et interdicto, manchmal in den Hss. "tractatus de absolutione ad cautelam" oder "de absolutione ad cautelam et de excommunicatione". Verfaßt 1301-1303. Er legt seinen Diözesanen dar, wann die Exkommunikation und das Interdikt von selbst eintreten. Dieser Auseinandersetzung folgt von ein Traktat "de absolutione ad cautelam" zur kirchlichen Zensur. Herausgegeben von Eugène Vernay, Le "Liber de excommunicatione" du cardinal Béranger Frédol, précédé d'une introduction historique sur l'excommunication et l'interdit en droit canonique, de Gratien à la fin du XIIe siècle, Diss. (Paris), Paris 1912. - 2. Oculus seu Elucidarius Summae Hostiensis. Alphabetisches Inhaltsverzeichnis zu der Summa super titulis decretalium des Kanonisten Hostiensis (Heinrich von Segusio † 1271; s.d.), in den Druckausgaben Summa Aurea genannt, in norditalienischen Handschriften des 13. Jahrhundert meistens Summa Archiepiscopi (da der Verf. 1250-1262 Erzbischof von Embrun war), in französischen (meistens aus Paris stammenden) Hss. dagegen meistens Summa copiosa (vgl. Frank Soetermeer, Summa archiepiscopi alias Summa copiosa: Some Remarks on the Medieval Editions of the Summa Hostiensis, in: Ius Commune 26 (1999), 1-25; auch in: A Ennio Cortese III, Rom 2001, 280-298). Deshalb wird das Werk in französischen Handschriften meistens Oculus copiose genannt. Schulte war der Meinung, daß man es 'als angenehmes Hülfsmittel für den Gebrauch (der Summe-F.S.) begrüssen kann'. - 3. Inventarium, auch Repertorium genannt. Ein ausführliches alphabetisches Register zum Speculum iudiciale des Wilhelm Durand († 1296; s.d.). Für Schulte ein Beweis, daß 'Berengar arm an eigenen Ideen war und deshalb zur Production wenig geeignet'. Vollendet in Bordeaux zu Weihnachten 1306. Oft abgedruckt hinter dem Speculum. Es gibt aber auch Separatausgaben. - 4. Inventarium iuris canonici, zum Dekret Gratians, zu den Dekretalen Gregors IX., zum Apparat von Innocenz IV. und zum Liber Sextus. Ein Inhaltsverzeichnis, verf. 1300. - 5. Eine in den Handschriften entweder ihm oder einem "magister Paulus predicator S. Nicolai ", manchmal "prope Passau" (Paulus Ungarus OP) zugeschriebene "summa de confessione" oder "summa de penitentia", nie gedruckt. Ob B.F. der Verf. sei, ist nicht sicher. - 6. Ein Gutachten zum Armutsstreit, hrsg. v. Felice Tocco, La questione della povertà nel secolo XIV, secondo nuovi documenti, Neapel 1910, 143-52.
Lit.: Fernando Ughelli, Italia sacra ..., I, Venedig 1717, Sp. 140; - P. Andoque, Catalogue des évesques de Béziers, Béziers 1651; - Pierre Sabatier, Histoire de la ville et des évèques de Béziers, Béziers 1854; - Charles Berton, Dictionnaire des cardinaux, contenant des notions générales sur le cardinalat, hrsg. von Migne, Petit-Montrouge 1857; - Paul Viollet, Les interrogatoires de Jacques de Molai, grand maître du Temple. Conjectures, Paris 1909; - L. Möhler, Die Kardinäle Jakob und Peter Colonna, Paderborn 1914, 170-72; - J. Roquette, A. Villemagne, Bullaire de l'église de Maguelonne, II, Paris-Montpellier 1914, Nr. 655; - Georges Lizerand, Les dépositions du grand maître Jacques Molay, in: Moyen-Âge 26 (1913) 81-106; - Georges Digard, Philippe le Bel et le Saint-Siège de 1285 à 1304, I, Paris 1936, 216-63. Ndr. Aalen 1972; - Étienne Baluze, Vitae paparum Avenionensium, hrsg. v. Guillaune Mollat, II, Paris 1927, 111-16; - Amédée Teetaert, La Summa de poenitentia: Quoniam circa confessiones du cardinal Bérenger Frédol Senior, in: Miscellania moralia in honorem eximii domini Arthur Janssen, I, Leuven 1948, 567-600; - André Gouron, Les premiers canonistes de l'école montpelliéraine, in: Mélanges offerts à Jean Dauvillier, Toulouse 1979, 361-68 (bes. 364). Ndr. in: Ders., La science du droit dans le Midi de la France au Moyen Age, (Collected studies series CS196), London 1984, Nr. XV; - Tilmann Schmidt, Der Bonifaz-Prozess Verfahren der Papstanklage in der Zeit Bonifaz' VIII. und Clemens' V., (Forschungen zur kirchlichen Rechtsgeschichte und zum Kirchenrecht, 19), Köln-Wien 1989; - Jean-Louis Biget, La législation synodale: le cas d'Albi aux XIIIe et XIVe siècles, in: L'Église et le droit dans le Midi (XIIIe-XIVe s.), Toulouse 1994, 181-213 (bes. 205); - Antonio García y García, La canonistique française et la péninsule ibérique, ebd. 117-43 (bes. 137); - Jacques Verger, L'enseignement du droit canon dans les universités méridionales (XIIIe-XIVe siècles), ebd. 249-65 (bes. 251, 261); - Henri Vidal, Les concilies méridionaux aux XIIIe et XIVe siècles, ebd. 147-80 (bes. 159, 160, 164, 165); - Francesco Santi, Note sulla fisionomia di un autore. Contributo allo studio dell'"Espositio super Apocalypsi", in: Filologia mediolatina 2 (1995) 279-91; - Schulte II, 180-82; - A. Van Hove, Prolegomena, (Commentarium Lovaniense in Codicem iuris canonici, Vol. 1, Tom. 1), Mecheln-Rom 19452, 368, 464; - HistLittFrance 34 (1914) 62-178 (Paul Viollet); - Catholicisme 4, 1577-78 (G. Mollat); - Repertorium fontium historiae Medii Aevi 2 (1967) 489-90; - CathEnc 6 (1909) 257 (H.G. Winterswill); - DDC 5 (1953) Sp. 905-907 (G. Mollat); - NewCathEnc 6 (1967) 88 (P. Legendre); - DHGE 18 (1977) Sp. 1183; - DBF 14 (1979) Sp. 1160-61 (T. de Morembert); - LMA 4 (1989) Sp. 885 (H. van de Wouw); - LThK3 4 (1995) S. 86 (Hartmut Zapp).
Frank Soetermeer
Literaturergänzung:
Pierre Michaud-Quantin, La Summula in foro poenitentiali attribuée à Bérenger Frédol, Studia Gratiana 11) 1967, 145-67; -
Giovanna Murano, Opere diffuse per exemplar e pecia, Turnhout 2005, 305-307; -
Dictionnaire historique des juristes français (XIIe-XXe siècle), hrsg. v. Patrick Arabeyre, Jean-Louis Halpérin, Jacques Krynen, Paris 2007, 345-46 (Michèle Bégou-Davia)