BERNHARDI, August Ferdinand, Pädagoge, Sprachwissenschaftler und Schriftsteller, * 24. Juni 1769 in Berlin, † 2. Juni 1820 in Berlin. - B. wuchs als Sohn des Justizoberkommissars Johann Christian Bernhardi (1738-1815) in Berlin auf. Während des Studiums der Philologie in Halle schloß er sich Friedrich August Wolf als seinem Lehrer an; weitere akademische Lehrer waren Johann Heinrich Ludwig Meierotto und Friedrich Gedike. 1791 übernahm B. eine Stelle am Friedrichswerderschen Gymnasium in Berlin. 1808 wurde er zum Direktor dieser Lehranstalt berufen. Seit 1811 war er nebenamtlich als Privatdozent an der Berliner Universität tätig. 1816 wurde er zum Konsistorialrat berufen. Nach zwölfjähriger pädagogischer Wirksamkeit wurde B. 1820, in seinem Todesjahr, Direktor des Königlichen Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums zu Berlin, einer der renommierten Schulanstalten Preußens. - B. trat als Autor zahlreicher Publikationen zu pädagogischen, sprachwissenschaftlichen und altphilologischen Themen hervor. Bisweilen bediente er sich des Pseudonyms "Falkenhain". Unter seinen zahlreichen sprachwissenschaftlichen Werken befindet sich ein Lehrbuch zur griechischen Grammatik. B. gehörte zu den Mitarbeitern am "Athenaeum" der Brüder Schlegel; zudem publizierte er in dem von August Wilhelm Schlegel und Ludwig Tieck herausgegeben "Musenalmanach für das Jahr 1802". Auch weiteren Mitgliedern des frühromantischen Literaten- und Philosophenkreises der Residenzstadt war B. eng verbunden. In Zusammenarbeit mit Tieck verfaßte er die "Bambocciaden" (Drei Bände, Berlin 1797 / 1799 / 1800). Mit Tiecks Schwester Sophie (1775-1833) war er von 1799 bis zur skandalträchtigen Scheidung im Jahre 1807 verheiratet. Der Diplomat Theodor von Bernhardi (1803-1887) und der Schriftsteller Wilhelm Bernhardi (1800-1878) sind Söhne des Paares. Im September 1810 wurde B. von Wilhelm von Humboldt, auf Vorschlag des Staatsrates Johann Wilhelm Süvern, in die Wissenschaftliche Deputation der Unterrichtssektion im Innenministerium berufen. Hier vertrat er die pädagogische Praxis, während die meisten weiteren Mitglieder, darunter auch Friedrich Schleiermacher, aus Wissenschaft oder Staatsapparat stammten. Als Deputationsmitglied nahm B. insbesondere auf die Ausarbeitung einer umfassenden Lehrplankonzeption für das preußische Schulwesen Einfluß. - Als sein Hauptwerk gilt die "Sprachlehre" (1801/1803), in der B. die sprachtheoretischen Erkenntnisse des 18. Jahrhunderts systematisierte und Fichtes Wissenschaftslehre auf die Sprachwissenschaft übertrug. Sprache gilt B., der sich hierin auch an Herder und Schelling anlehnt, als transzendentales Substrat der erkennbaren Welt. Sie ist insofern das universale Medium der Vernunft in allen ihren Ausdrucksformen. Mit seinen Überlegungen zum metaphorischen Charakter von Sprache hat B. seinerseits Wilhelm von Humboldt und August Wilhelm Schlegel beeinflußt. In seiner Bildungstheorie nimmt die Religion einen zentralen Ort ein. Die "religiöse Gesinnung" gilt als diejenige Instanz, vor der sich alles bildungsrelevante Wissen ausweisen muß: "Alle Lehrobjecte [sind] von Ethik und Religion abhängig gemacht" (Über die ersten Grundsätze der Methodik für die Lehrobjecte eines Gymnasiums. Programm von 1810, Berlin 1810, 133). Der Ausweis hat nicht nach materialen Gesichtspunkten zu erfolgen. Vielmehr ist zu zeigen, daß der jeweilige Unterrichtsstoff mit der religiösen Grundorientierung als dem einheitsstiftenden Prinzip des Wissens in Einklang steht. In diesem Sinne gründet B. die Allgemeinheit allgemeiner Bildung explizit auf die Religion und eine ihrem Wesen nach als religiös begriffene Sittlichkeit. Nur durch ihren Zusammenhang mit Religion werden Unterrichtsinhalte als bildend qualifiziert. Alles spezielle Wissen, das ein planvoller Schulunterricht vermittelt, erscheint aus dieser Perspektive als Äußerungsform von Religiosität. In letzter Konsequenz transformiert B.s Theorie einer religiös fundierten Allgemeinbildung, indem sie die allem relevanten Wissen eigentümliche ethische Zielsetzung zum höchsten Orientierungswert erklärt, Religion in ein an traditionellen Werten ausgerichtetes Sittlichkeitsmodell.
Publikationen (Auswahl): Neue verbesserte und vollständige Märkische Lateinische Grammatik zum Gebrauch der Schulen und Gymnasien. Theil 1: Die eigentliche Sprachlehre enthaltend, Berlin und Leipzig 1795; Neue verbesserte und vollständige Märkische Lateinische Grammatik zum Gebrauch der Schulen und Gymnasien. Theil 2: Die Chrestomathie nebst Wörterbuch enthaltend, Berlin und Leipzig 1797; [Gemeinsam mit Ludwig Tieck:] Bambocciaden. Drei Bände, Berlin 1797 / 1799 / 1800; Vollständige Griechische Grammatik für Schulen und Gymnasien, Berlin 1797; [Falkenhain:] Nesseln, Berlin 1798 [Nachdruck: München 1990-1994]; Sprachlehre. Band 1: Reine Sprachlehre, Berlin 1801 [Nachdruck: Hildesheim 1973]; Sprachlehre. Band 2: Angewandte Sprachlehre, Berlin 1803 [Nachdruck: Hildesheim 1973]; Anfangsgründe der Sprachwissenschaft, Berlin 1805 [Nachdruck: Stuttgart-Bad Cannstatt 1990]; [Zusammen mit Friedrich de la Motte-Fouqué:] Schillers Totenfeier, o.O. [Berlin] 1806; Über den Philoktet des Sophokles, Berlin 1811 [Zweite Auflage: Berlin 1825]; Welches sind die Objecte, an welchen in einer Schule die formelle Bildung am tiefsten und im größten Umfange vollzogen werden kann? Programm von 1814 des Friedrichswerderschen Gymnasiums, Berlin 1814; Ansichten über die Organisation der gelehrten Schulen, Jena 1818 (darin: Das Rechnen nach Pestalozzi, Mathematik des Kindes. Programm von 1808; Über Zahl, Bedeutung und Verhältnis der Lehrobjecte eines Gymnasiums. Programm von 1809; Über die ersten Grundsätze der Methodik für die Lehrobjecte eines Gymnasiums. Programm von 1810; Über die ersten Grundsätze der Disciplin in einem Gymnasium. Programm von 1811; Mathematik und Sprachen, Gegensatz und Ergänzung. Programm von 1815; Wie kann eine Schule in das Gebiet der Universität überstreifen? Programm von 1816); Von der Bedeutung des Unterrichts in der Muttersprache in den höhern Classen der Bildungsanstalten. Programm des Königlichen Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums und der Realschule, Berlin 1820; Reliquien. Erzählungen und Dichtungen von August Ferdinand Bernhardi und dessen Gattin Sophie Bernhardi geb. Tieck. Herausgegeben von deren Sohne Wilhelm Bernhardi. Mit einem Vorwort von Varnhagen von Ense, Altenburg 1847; Praktische Pädagogik. Herausgegeben und erläutert von Lutz Koch (Grundlagen der Pädagogik. Band 2), Weinheim 1997.
Lit.: Ernst Gottfried Fischer: Ueber die zweckmäßigste Einrichtung der Lehranstalten für die gebildetern Stände. Versuch einer neuen Ansicht dieses Gegenstandes mit besonderer Rücksicht auf Berlin, Berlin 1806; - Ludwig von Rönne: Das Unterrichts-Wesen des Preußischen Staates. Zwei Bände. Band 1, Berlin 1854; - Eduard Spranger: Wilhelm von Humboldt und die Reform des Bildungswesens, Berlin 1910 [Dritte Auflage: Tübingen 1965]; - Franz Kade: Schleiermachers Anteil an der Entwicklung des preußischen Bildungswesens von 1808-1818, Leipzig 1925; - Wilhelm Horstmann: August Ferdinand Bernhardi (1769-1820) als Pädagoge, Leipzig 1926; - Friedrich Kainz: August Ferdinand Bernhardis Beitrag zur deutschen Stilistik, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 63 (1939), 1-44; - Gerhardt Giese: Quellen zur deutschen Schulgeschichte seit 1800, Göttingen / Berlin / Frankfurt am Main 1961; - Eugeniusz Klin: August Ferdinand Bernhardi als Kritiker und Literaturtheoretiker (Bonner Arbeiten zur deutschen Literatur. Band 14), Bonn 1966; - Herwig Blankertz: Bildung im Zeitalter der großen Industrie. Pädagogik, Schule und Berufsbildung im 19. Jahrhundert, Hannover 1969; - B. Bernstein: Bausteine zu einer Theorie des pädagogischen Prozesses, Frankfurt am Main 1977; - Herwig Blankertz: Geschichte der Pädagogik. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart, Wetzlar 1982; - Ingrid Lohmann: Lehrplan und Allgemeinbildung in Preußen. Eine Fallstudie zur Lehrplantheorie F. E. D. Schleiermachers (Europäische Hochschulschriften. Reihe XI. Band 186), Frankfurt am Main / Bern / New York 1984; - ADB 2 (1875), 458-459 (Hermann Hettner); - NDB 2 (1955), 122-123 (Gerhard Burckhardt); - Deutsches Literatur-Lexikon. Ed. Kosch. Band 1 (1968), 443; - Literaturlexikon. Herausgegeben von Walther Killy 1 (1988), 464-465; - DBE 1 (1985), 469.