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Verlag Traugott Bautz
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BERNSTORFF, Andreas Graf von, * 20. Mai 1844 in Berlin, † 21. April 1907 ebd. Förderer der Einheit der Christen, einer aus der Gruppe adliger Laien, die für die aktive Mitwirkung von Nichttheologen im kirchlichen Leben eintraten und Leitungsaufgaben in der Deutschen Gemeinschaftsbewegung, der Evangelischen Allianz, der landeskirchlichen Sonntagsschulbewegung und anderen Organisationen übernahmen. - Andreas war ein Sohn des preußischen Diplomaten, zeitweise Außemninisters, Albrecht Graf von Bernstorff (1808-1873), der mit Anna geb. von Koenneritz (* 1821), einer Tochter des Freiherrn Hans Heinrich von Könneritz und dessen Ehefrau Freiin Luise geb. von Werthern verheiratet war. Der diplomatische Dienst des Vaters führte zu wechselnden Dienstorten in Wien, wo die Familie während der revolutionären Jahre von 1848 bis 1852 lebte, danach Neapel und ab 1854 London. Während dieser Dienstzeit ergab sich eine persönliche Freundschaft mit Sir Culling Eardley (s. d.), einem führenden englischen Laien und herausragenden Präsidenten der internationalen Evangelical Alliance, der ersten von England ausgehenden protestantischen Einheitsbewegung. Die Familien Bernstorff und Eardley machten gemeinsam Urlaub in Homburg v. d. H. (1855) und in Torquey, Cornwall (1856). Lebensentscheidend für den Sohn Andreas wurde eine Begegnung in Eardleys´ Mansion in Belvedere bei London. Der junge Andreas, der in Dresden das Gymnasium besuchte, kam während der Ferien zu den Eltern in die englische Metropole. Im Hause des englischen Adligen, der als Führer der Evangelischen Allianz auch ein engagierter Menschenrechtler war, wurde Andreas zu einem bewußten Weg in der Nachfolge Christi angeregt. Die Familienfrömmigkeit in der Gestalt einer Hausandacht hatte Spuren bei ihm hinterlassen. So fing er an, die Frage des persönlichen Glaubens zu bedenken. Der junge Bernstorff las nun in den Schriften englischer Erbauungsschriftsteller. 1858 begann er aufgrund eines Traktates des anglikanischen Bischofs John Charles Ryle (1860-1900) den Weg als Nachfolger und Bekenner Jesu Christi. Damit war auch eine geistliche Grundlage für seine Konfirmation gegeben, die am 17. April 1859 in London durch Pastor Walbaum erfolgte. Der junge Bernstorff war daran interessiert, Theologie zu studieren, aber unter dem Einfluß der englischen Freunde entschied sein Vater, dem Studium der Rechte und der Philosophie den Vorrang zu geben. Nach dem Abschluß dieser Studien könne er sich der Theologie widmen. Sir Culling Eardley wurde als kirchlich aktiver Laie das heimliche Vorbild. Es scheint, als sei er an der Entscheidung über die Wahl der Studienfächer beteiligt gewesen, denn er kannte die vom Rationalismus geprägte theologische und kirchliche Situation auf dem Kontinent ziemlich genau und bekämpfte sie. Außerdem hatte er als Vorsitzender der Evangelical Alliance seine Erfahrungen mit den kirchlichen Vertretern des Kontinents, auch mit denen, die sich als Erweckte im Kirchentag seit Wittenberg 1848 zusammengeschlossen hatten. Das hing mit dem ökumenisch-internationalen Charakter und dem Selbstverständnis der Evangelical Alliance zusammen, die sich nicht als eine englische Organisation verstand. Sie hatte als eine übernationale Einheitsbewegung auch ein starkes Interesse daran, auf dem Kontinent erwecklich zu wirken und den freikirchlichen Minderheiten in Menschenrechtsfragen beizustehen. In der Begegnung Eardleys mit dem Vater Albrecht Graf von Bernstorff verbanden sich nicht nur kirchliche, sondern auch politische Interessen. Bernstorff war es, der im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. als dessen Botschafter der Alliance in der Person ihres Vorsitzenden Culling Eardley die Einladung zur 4. Welttagung überbrachte, in der eine Einladung nach Berlin ausgesprochen wurde. Die vorherigen internationalen Tagungen hatten in London, 1846 zur Konstituierung und 1851, sowie Paris (1855) stattgefunden. Nach dem Abschluß des Jurastudiums in Berlin und Heidelberg führte der Weg Andreas Bernstorffs von 1864 bis 1903 in den Staatsdienst. 1864 war das Jahr, in der er die erste Begegnung mit der gerade beginnenden landeskirchlichen Sonntagsschulbewegung in Berlin hatte. Beruflich war er in Dresden, Wien und später in Washington als Legationssekretär tätig. In Washington war seine Karriere beendet, als er in öffentlichen christlichen Versammlungen die Haltung der Deutschen in der Frage der in England und Amerika in puritanischer Tradition hocheingeschätzten Sonntagsheiligung kritisch bewertete. Das durfte er sich als politischer Repräsentant seines Landes nicht leisten. Auf Veranlassung seines vorgesetzten Botschafters wurde Bernstorff durch Otto von Bismarck (1815-1898) nach Deutschland zurückgerufen, um danach nicht wieder in eine Auslandsbotschaft entsandt zu werden. Nach einer Zwischenstation als Landrat für Ratzeburg im Kreise Lauenburg/Elbe wurde er 1881 für 23 Jahre als Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat ins Kultusministerium nach Berlin berufen. Die Erfurter Akademie gemeinnütziger Wissenschaften berief Bernstorff 1892 zu ihrem Mitglied. Von 1893 bis 1903 gehörte er als Freikonservativer Abgeordneter dem Reichstag für den Wahlkreis Lauenburg an. Das war jene Region, in der auch der Familiensitz, das Schloß Stintenburg, auf einer Insel im Schaalsee lag. - In seinem an Erfahrungen reichen Leben hat Bernstorff sich in vielen Bereichen besonders des kirchlichen Lebens engagiert. Seine selbstformulierte Maxime lautete: "Zuerst Christ, dann evangelisch und in dritter Linie Lutheraner". "Lutheraner" scheint eher gleichzusetzen zu sein mit Landeskirchler, wie die ganze Formulierung überhaupt eher eine Selbstbeurteilung als die Bewertung aus der Sicht der Lutheraner und anderer Konfessionen zu sein scheint. Der Spannungsbogen der Frömmigkeit im Leben des Grafen war äußerst weit gespannt. Er reichte von seinem konsequent auch im staatlichen Dienst vertretenen Standpunkt in der Sonntagsheiligung bis dahin, daß vom ihm berichtet wird, er habe ein christliches Heim zur Krankenheilung, das Johannes Seitz (1839-1922) in Teichwolframsdorf unterhielt, aufgesucht und dort unter geistlicher Anleitung Heilung erfahren. Jedoch lagen die Schwerpunktes seines Lebens in anderen Bereichen, die nun kurz zu skizzieren sind. - Bernstorffs Wirken in der Gemeinschaftsbewegung. - Zusammen mit Jasper von Oertzen (1833-1893) und Graf Eduard von Pückler (1853-1924) hatte Bernstorff Vorgespräche über eine Zusammenführung der regionalen erwecklichen Bewegungen innerhalb der deutschen Landeskirchen geführt. Daher ist es kein Wunder, daß er zu den Unterzeichnern einer Einladung zu einer freien Konferenz christlicher Männer aus allen Landeskirchen Deutschlands im Mai 1887 gehörte. Die Einladung war auf einer Tagung verschiedener Vertreter regionaler Gemeinschaften, an der neben Oertzen und Bernstorff auch der Stuttgarter Rektor Christian Dietrich (1844-1919), der Hamburger Karl Wilhelm Theodor Ninck (s. d.), Jacob Gustav Siebel als Vertreter aus dem Siegerland, Elias Schrenk (1831-1913), damals noch aus Bern kommend, Friedrich Fabri (1824-1891) von der Barmer Mission, wie natürlich Theodor Christlieb (s. d.), der Bonner Professor für Praktische Theologie teilgenommen hatten. Bernstorff nahm auch an den vorbereitenden Besprechungen zur Gründung des Deutschen Evangelisationsvereins, der die Keimzelle des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbands wurde, teil und gehörte ihm von Anfang an, ohne daß er dort eine herausragende Rolle gespielt hätte. Obwohl er Miteinladender zur konstituierenden Sitzung der folgenreichen Gnadauer Pfingstkonferenz von 1888 war, verhielt er sich während der Tagung selber auffallend passiv. Daran konnte auch die Bernstorff stets bewegende Frage nach der Berechtigung, der Notwendigkeit und den Grenzen der Laientätigkeit, die auf der Tagesordnung stand, nichts ändern. In der Debatte darüber blieb er stummer Zuhörern. Vielleicht ist ein Grund dafür darin zu sehen, daß es ihm nicht gelungen war, die Zentrale des Deutschen Evangelisationsvereins nach Berlin zu ziehen. Mit seinen Bemühungen, sie nicht in der Region Siegerland/Rheinland - schließlich zunächst in Bonn - anzusiedeln, sondern im Zentrum der politischen Macht und inmitten kirchlicher Auseinandersetzungen, war er frühzeitig gescheitert. Als er in einer Sitzung des Evangelisationsvereins über das Wirken Friedrich von Schlümbachs (s. d.) in Berlin berichtete, vermittelte er einen positiven Eindruck und stellte den Antrag, den deutsch-amerikanischen Methodisten für mindestens ein Jahr hauptamtlich zu berufen. Das wurde jedoch nicht möglich. Bernstorff hielt erstmals 1892 an der dritten Gnadauer Pfingstkonferenz einen Vortrag. Sein Thema lautete: "Was kann unsererseits geschehen, daß christliches Gemeinschaftsleben geweckt, gepflegt und gefördert werde?" Danach hatte er als Vertreter der Evangelischen Allianz 1907 einen Beitrag zum Thema "Gemeinschaft, Allianz und Auferbauung des Leibes Christi" vorbereitet, den er wegen seines inzwischen eingetretenen Todes nicht mehr halten konnte. - 1894 hatte Bernstorff den Vorsitz des Vereins für Innere Mission in Schleswig-Holstein übernommen. Diese personell oft mit den Gemeinschaften innerhalb der Landeskirche verbundene Arbeit hatte in Schleswig-Holstein einen besonderen Charakter. Dem Vorgänger Bernstorffs, Jasper von Oertzen, war es gelungen, die von dem irischen Judenmissionar James Craig (s. d.) dort eingeleitete außer-(landes-)kirchliche Organisation der Inneren Mission, die der Gemeinschaftshistoriker Ludwig Tiesmeyer als eine "durch englischen Einfluß den kirchlichen Interessen abgewandte Stellung" bezeichnete, wieder einzufangen und an die bestehende Landeskirche heranzuführen. Als Bernstorff den Vorsitz übernahm, stand der Verein für Innere Mission in Schleswig-Holstein unter dem Einfluß von konfessionsbewußten Lutheranern. Neben Wilhelm Becks (1829-1901), Pfarrer in Oerslev, war es besonders der für seinen konfessionellen Standpunkt bekannte Flensburger Direktor des Diakonissenhauses Emil Wacker (1838-1913), der mit seinem blühenden Diakonissenwerk an Einfluß gewonnen hatte. Als Bernstorff 1894 die Leitung übernahm, wurde in der ersten Sitzung unter dessen Leitung die Formulierung über die Stellung des Vereins zum lutherischen Bekenntnis gestrichen. Das war sowohl angesichts der Erfahrungen mit James Craig als auch innerhalb einer bewußt lutherischen Kirche ein ziemlich riskantes Unternehmen und führte wenige Jahre später zu einem konkurrierenden Kirchlichen Verein für Evangelisation. Die unter Bernstorff auf eine gewisse Selbständigkeit hinzielende Arbeit des Vereins für Innere Mission in Schleswig-Holstein kam auch darin zum Ausdruck, daß für die Mitgliedschaft in den Gemeinschaften verbindlichere Formen entwickelt wurden. Bernstorffs Strategie einer größtmöglichen Eigenständigkeit führte zu zunehmenden Spannungen zwischen den inner(landes-)kirchlichen Gemeinschaften und den Pfarrern einer Anzahl von Gemeinden. Auf der Synode 1897 in Rendsburg kam es zu einer entsprechenden Debatte. Bernstorffs Haltung hatte sich auch in Berlin bereits angedeutet, wo er mit seinen Gemeinschaften nicht bereit war, sich einer Organisation der Brandenburgischen Gemeinschaftsbewegung anzuschließen. - Bernstorffs Wirken für die Evangelische Allianz. - Der britische Allianzvorsitzende Sir Culling Eardley hat im Leben Bernstorffs unauslöschliche Eindrücke hinterlassen. Dadadurch war das Leben des jungen Deutschen von Anfang an mit der Arbeit der Allianz verbunden. Bereits 1863 nahm er - noch nicht zwanzig Jahre alt - an einer Versammlung der Britischen Evangelical Alliance teil, die im irischen Dublin stattfand. 1867 hatte er die Gelegenheit, erstmals an einer Weltkonferenz teilzunehmen, die damals im nahen Amsterdam zusammenkam. Sogleich nach dem Abschluß des Jurastudiums kam der junge Bernstorff in die deutsche Hauptstadt zurück. Als 25 jähriger Laie wirkte er im Januar 1869 an einem Abend der Berliner Allianzgebetswoche mit, die im Saal der Brüdergemeine stattfand. Bald darauf wurde er in den Leitungskreis aufgenommen, der sich als Komitee des deutschen Zweiges der Evangelischen Allianz verstand. Ein Jahr später wurde er bereits zum Vorsitzenden dieser Gemeinschaft gewählt. Diese Aufgabe konnte er jedoch wegen seines aus beruflichen Gründen erfolgenden Umzugs zunächst nach Dresden und danach nach Wien und Washington, nur wenige Monate wahrnehmen. Als er jedoch 1880 nach Berlin zurückkehrte, übernahm er sofort wieder den Vorsitz der dortigen Allianz, die sich während seiner Abwesenheit zunehmend auf eine landeskirchlich begrenzte Allianzgemeinschaft beschränkt hatte. Ab 1880 fand Bernstorff zu einer engen Zusammenarbeit mit anderen Adligen. Den Beziehungen zu Jasper von Oertzen und Eduard Graf von Pückler sollte eine besondere Bedeutung zukommen. Sie alle zusammen gaben Impulse für die Organisation der Deutschen Gemeinschaftsbewegung, die durch den Bonner Professor Theodor Christlieb (s. d.) insbesondere aus kirchenpolitischen Gründen unterstützt wurde. Die Debatten um die Bildung einer Organisation der Gemeinschaftsbewegung, wie sie seit 1888 in der Gnadauer Gemeinschaftskonferenz ins Leben trat, hatten auch zu einer Zurückhaltung gegenüber den Freikirchen geführt, die um diese Zeit zunehmend kirchenbildend tätig waren. Es war für fast alle Landeskirchler unannehmbar, daß die Freikirchler sich nur eine Evangelische Allianz vorstellen konnten, in der sowohl die Mitwirkenden wie die durch sie vertretenen Denominationen gleichberechtigte Partner waren. Andreas Graf von Bernstorff bemühte sich bei mancher Gelegenheit um einen Ausgleich der Interessen und brachte dabei seine internationale Erfahrung ein. Trotzdem ließ sich die Tendenz nationaler Einschränkung nicht abwehren, die schon 1881 erkennbar geworden war, denn in diesem Jahr erschien ein auch von Bernstorff unterzeichnetes deutsches Programm für die traditionelle weltweite Allianzgebetswoche. Einige der Freikirchen blieben (zunächst) dabei, sich mit anderen Gruppierungen als "Zweigverein" der Londoner Zentrale zu verstehen mit der Konsequenz, daß sie das von London herausgegebene internationale Gebetsprogramm in ihren Zeitschriften veröffentlichten. Die distanzierte Haltung gegenüber der Londoner Allianz-Zentrale zeigte sich auch 1892, als die Berliner Vertreter der Allianz sich nicht in Friedensaktivitäten der Londoner einklinken konnten. Innerhalb der Allianz in Deutschland führte auch die internationale Abgrenzung zu Konsequenzen im Blick auf das Verhältnis zur Blankenburger Allianzkonferenz mit dem dort durch die Initiative der von einer schottischen Mutter geborenen Anna von Weling (s. d.) entstandenen "Allianzhaus". An keinem Ort in Deutschland war die Evangelische Allianz so international vernetzt, wie in Blankenburg. Dort gab es keine Allianzkonferenz ohne eine Anzahl von Gästen aus dem angelsächsischen Ausland und der Teilnahme in Deutschland lebender Ausländer. Dadurch hatte die dortige Gemeinschaft einen anderen Charakter: Die mitwirkenden Denominationen waren grundsätzlich gleichberechtigt. Dieses weckte bei den landeskirchlichen Allianz-Vertretern der Regionen ein gewisses Unbehagen, denn die Vormachtstellung der Staats- und Landeskirche konnte für sie auch in der Gemeinschaft der Evangelischen Allianz nicht preisgegeben werden. Hinzu kam, daß insbesondere Vertreter der innerlandeskirchlichen Gemeinschaftsbewegung die Blankenburger Plattform auch nutzten, um die eigenen Kirchen teilweise scharf zu kritisieren. Die Blankenburger Allianz war geprägt von Konferenzen mit Teilnehmern aus ganz Deutschland. Es ist bezeichnend, daß Bernstorff 1898 als Berliner Allianz-Vorsitzender nicht einmal an der Einweihung der ersten Verkündigungs- und Konferenzhalle teilnahm. Auch die von Blankenburg ausgehende publizistische Tätigkeit war den anderen Allianzen, besonders der Berliner, die die Führung für sich beanspruchten, ein Dorn im Auge. Erst ab 1899 war Bernstorff, zusammen mit dem Essener Pfarrer und dortigen Gemeinschaftsführer Julius Dammann (1840-1908) als Besucher nach Blankenburg gekommen, endlich 1905 auch als Redner. Andere Allianz-Konferenzen besuchte er gerne, u.a. Essen (1898), Hamburg (1899) und Nürnberg (1904). An verschiedenen Harzer Osterkonferenzen, die sich als Gegenstück zur Blankenburger Allianzkonferenz verstanden, nahm Bernstorff schon 1897, 1899 teil. Eine kritische Geschichte der Blankenburger Allianzkonferenzen ist noch zu schreiben. - Bernstorff hatte an der Weltkonferenz in Amsterdam 1867 und der versöhnlichen Nachkriegskonferenz in New York 1873, die wegen des deutsch-französischen Krieges verschoben worden war, teilgenommen. Einflußreich wurde die Weltkonferenz in Florenz 1891, die Bernstorff als einer der führenden Vertreter der Evangelischen Allianz aus Deutschland besuchte. Mit dem Tagungsort Florenz verband sich die große Erinnerung an die Befreiung des Ehepaars Francesco und Rosa Madiai, das durch die Initiative der internationalen Allianz unter der Führung von Sir Culling Eardley die Freiheit erlangte. Das protestantische Ehepaar war im katholischen Italien wegen des Verdachts der Häresie zu Zwangsarbeit auf florentinischen Galeeren verurteilt worden und durch die Menschenrechtsarbeit innerhalb der internationalen Allianz aus der Haft befreit. Das war ein Thema, das auch 1891 wieder eine Rolle spielen sollte; jedoch unter anderem Vorzeichen. An der 1891er Konferenz nahmen aus Deutschland neben Bernstorff u.a. Eduard von Pückler (1853-1924), Curt von Knobeldorff (1838-1904), Adolf Stoecker (1835-1909), Gustav Kaiser (s. d.) teil. Als Freikirchler waren u. a. der Baptist Eduard Scheve (1836-1909), der Berliner Methodistenprediger Carl Schell und der bekannte Dichter, Komponist und Übersetzer des anglo-amerikanischen Heilslieds Ernst Gebhardt (s. d.) nach Florenz gereist. Die diesmal zur Debatte stehenden Fragen der Religionsfreiheit betrafen nicht nur Lutheraner im orthodoxen Rußland und Protestanten in römisch-katholisch dominierten Ländern, sondern auch die Methodisten im reformatorischen Kernland Sachsen. Die Debatte und die sich daraus ergebenden Folgen haben u. a. zu der Frage geführt, ob die bis dahin unorganisierten und unverbindlichen Allianzgemeinschaften in den verschiedenen deutschen Regionen sich nicht zu einer verbindlichen Gemeinschaft mit einer klaren Ordnung und einer ordentlich beauftragten Führung zusammenschließen sollten. Bisher hatte sich das Berliner Allianz-Komitee als Repräsentant aller Allianzkreise in Deutschland gesehen. Die inzwischen gewachsene Westdeutsche Evangelische Allianz, wie die aktiven Allianzen in Hamburg, in Frankfurt/M. und in Süddeutschland waren jahrzehntlang nicht untereinander verbunden. Als es 1895 schließlich in Kassel zur Organisation einer Deutschen Evangelischen Allianz kam, wurde Bernstorff zum Vorsitzenden gewählt. Dieses Amt hatte er bis zu seinem Tode inne. Nachfolger wurde Carl de Neufville (s. d.), der wie Bernstorff ein in den angelsächsischen Ländern für den Glauben gewonnener Laie war. - Bernstorffs Aktivitäten für Jünglingsvereine und Sonntagsschulen. - Der Allianz-Vorsitz brachte Bernstorff aus freikirchlicher Sicht in manche schwierige Lage. Man erwartete von ihm, daß er die Einheit der Kinder Gottes auf der Basis der Allianz als neutraler Vorsitzender förderte. Als 1884 die 10. Internationale Konferenz der Christlichen Jünglingsvereine ihre Tagung in Berlin durchführte, wählten die Delegierten Bernstorff, nachdem er die Besucher begrüßt hatte, zum Vorsitzenden. In der Hauptstadt war in diesen Monaten viel Bewegung, die 1883 durch Friedrich von Schlümbach, einen deutsch-amerikanischen YMCA-Sekretär, ausgelöst worden war. Kirchenrechtlich war das Problem, daß Schlümbach als Methodist auf landeskirchlichen Kanzeln gepredigt und evangelisiert hatte. Theologisch gab es eine tiefe Spannung zwischen den Männern der Positiven Union, die durch die Bekehrung vieler Menschen einen Umschwung in der Gesellschaft, die sich gerade aus gewissen kirchlichen Zwängen emanzipierte, erhoffte, während konfessionell ausgerichtete Kreise kein Verständnis für die Methoden der Evangelisation hatten. Hinzu kam die ungewohnte Situation, daß Schlümbach als Methodist im wenigstens in Amerika überkonfessionellen YMCA hauptamtlich tätig sein konnte, während man in Deutschland die Methodisten und Baptisten nach dem Wirken Schlümbachs aus den überkonfessionellen Jünglingsvereinen ausschloß, sowohl im nationalen Verband wie auch in verschiedenen regionalen Organisationen. Während dieser Berliner Turbulenzen tagte in der Stadt die 10. Internationale Konferenz der Christlichen Jünglingsvereine. In Berlin war wenige Monate vorher gerade der erste CVJM gegründet worden. Oberförster Eberhard von Rothkirch (1852-1911) war zum Präses gewählt, Bernstorff wurde Vizepräses, ab 1886 trat er sogar in die Verantwortung als Bundespräses für alle deutschen CVJMs ein. Zur Internationalen Tagung waren Baptisten, Methodisten und andere Freikirchler aus vielen Ländern nach Berlin angereist. Aber den Freikirchlern aus Deutschland war, wie schon an den voraufgegangenen CVJM-Konferenzen und auch in den kommenden Jahren noch, die Entsendung von Delegierten versagt. Auch ein vor der Konferenz eingelegter Protest änderte daran nichts. Der Allianzvorsitzende Bernstorff, von dem man konfessionelle Neutralität erwartete, mußte sich Kritik gefallen lassen, obwohl die Probleme nicht in seiner Person begründet waren. Es war ein Verfassungsproblem, das sich aus den typisch deutschen Kirchenverhältnissen ergab. Zur Weltbundtagung konnten keine Delegierten einzelner Kirchen kommen, sondern nur Vertreter der jeweiligen Nationalkomites, in denen alle Jünglingsvereine zusammengeschlossen waren. Der CVJM bzw. YMCA war eben überkonfessionell. Aber in Deutschland war es nicht möglich, überkonfessionell zu arbeiten. Die Freikirchen, die sich auf der Pariser Basis von 1855 wiederholt um Mitgliedschaft im deutschen Nationalkomitee beworben hatten, fanden nur brüske Ablehnung. Noch im Jahre 1900 wurde in § 4 der Satzungen für die Nationalvereinigung der ev. Jünglingsbünde in Deutschland festgelegt: "Die der Nationalvereinigung angehörenden Jünglingsbündnisse stehen auf dem Boden ihrer evangelischen Landeskirchen, und können außerhalb der Landeskirchen stehende Bündnisse nicht aufgenommen werden." Dieser Paragraph war gegen das wiederholt ausgesprochene Begehren der Freikirchen eine generelle Absage eines überkonfessionellen Verbandes an alle, die nicht in einer Landeskirche organisiert waren. Auch der frühere Versuch, sich als freikirchliche Jünglingsvereine dem Nationalverband anzuschließen, war nicht möglich. In Berlin fand Bernstorff eine Regelung, die Freikirchlern ermöglichte, wohl an den Sitzungen teilnehmen zu dürften, aber neben ihren englischen und amerikanischen Brüdern, die teilweise nicht nur zur gleichen Denomination gehörten, sondern sogar zur gleichen weltweiten Kirche, hatten sie keinerlei Rechte. Als 1905 in Paris das 50-jährige Wirken der berühmten Pariser Basis gefeiert wurde, wollten Freikirchenvertreter aus Deutschland dabei sein, weil ihre Jünglingsvereine genau auf dieser Basis wirkten. Schließlich war dieser Grundsatz des YMCA/CVJM 1855 in Paris unter methodistischem Einfluß in einer von dem methodistischen Pastor Jean-Paul Cook (s. d.) geleiteten Sitzung in einer methodistischen Kapelle angenommen worden. Die deutschen Freikirchler machten Eingaben und reisten zur Jubiläumstagung. Die deutschen Vertreter, allen voran ihr Präses Andreas Graf von Bernstorff waren anwesend. Seine Allianzgesinnung stand auf dem Prüfstand. Die Delegierten der Freikirchen aus Deutschland fanden aber kein Gehör. Der deutsche Präses hatte vorher schon an den Internationalen Konferenzen in Stockholm 1888 und Basel 1898 teilgenommen. Immer spielte Bernstorff eine herausragende Rolle und hatte in vielen Sitzungen den Vorsitz inne. Berntorffs internationales Engagement wird auch daran deutlich, daß er 1893 auch nach Chicago reiste, um an einem damals heftig umstrittenen interreligiösen Kongreß teilzunehmen. Man meinte etwas arglos, durch das christliche Zeugnis die aus anderen Weltreligionen angereisten Vertreter für die eigene Position gewinnen zu können. - Eine ähnlich verzwickte Lage wie im Bereich der Jünglingsvereine war durch die Sonntagsschularbeit entstanden. Der junge Bernstorff gründete schon frühzeitig im Berleiner Evangelischen Vereinshaus eine Sonntagsschule und wirkte auch bald im 1864 gegründeten Sonntags-Schulverein Berlin mit. Nachdem die Baptisten, die Methodisten, der Wuppertaler Brüderverein und bald auch die Evangelische Gemeinschaft schon seit Jahren eine ganze Reihe von Sonntagsschulen teils nach englischem, teils nach amerikanischem Vorbild gebildet hatten, kam es durch eine Werbereise des amerikanischen Presbyterianers Albert Woodruff (s. d.) und des früheren Bremer Kaufmanns Wilhelm Bröckelmann (s. d.) in Verbindung mit dem vormaligen Indienmissionar und jetzigen Berliner Pfarrers Johann Dettloff Prochnow (s. d.) zur Organisation einer Sonntagschularbeit in Verbindung mit der Inneren Mission, die aber auch durch das Berliner Konsistorium unterstützt wurde. Bernstorff kannte durch seine internationalen Erfahrungen die Sonntagsschule und wußte um ihre Bedeutung. Daher nahm er selber die Arbeit auf, warb Mitarbeiter und wirkte bald im Berliner Sonntags-Schulverein mit. Auch in anderen Städten wie z. B. in Wien organisierte er eine Sonntagsschule. Im Berliner Verein war seine Mitarbeit hochwillkommen, denn seine berufliche Stellung und seine außergewöhnlichen englischen Sprachkenntnisse, die ihm schon oft zunutze gekommen waren, wurden gebraucht. Woodruff hatte dafür gesorgt, daß der Berliner Sonntags-Schulverein regelmäßige finanzielle Unterstützung von der London Sunday School Union bekam. Mit diesem Geld konnte Bröckelmann hauptamtlich als Reisesekretär angestellt werden und die publizistische Tätigkeit konnte mit einem eigenen Verlag aufgenommen werden. Ein Motiv der von Berlin ausgehenden landeskirchlichen Sonntagsschulbewegung war, den freikirchlichen Aktionsradius der Arbeit an Kindern einzugrenzen und der weiteren Ausbreitung ihrer Sonntagsschulen entgegenzuwirken. Das Einheitsverständnis des mit der Evangelischen Allianz verbundenen Bernstorff wurde auf eine harte Probe gestellt. Da es in England fast keine Lutheraner gab, liegt es nahe, daß das Geld für die Sonntagsschulen innerhalb der staatskirchlichen Gemeinden von der London Sunday School Union zu einem erheblichen Teil von Mitgliedern jener Freikirchen kam, deren Sonntagsschularbeit in Deutschland eingeschränkt werden sollte. Es hat 25 Jahre gedauert, bis Freikirchlicher aus Deutschland Kontakte zur Sunday School Union nach London aufnahmen. Die Engländer waren sofort bereit, auch die freikirchlichen Sonntagsschulen zu fördern, sofern sie sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammenfanden. An den Sitzungen des entstehenden freikirchlichen Sonntagsschulkomitees, zu dem Delegierte aus fast allen Regionen Deutschlands und auch aus der Schweiz nach Berlin gekommen waren, nahm sowohl ein Vertreter aus London wie auch Andreas Graf von Bernstorff als Beobachter des landeskirchlichen Vereins teil. Um diese Zeit setzte innerhalb der Landeskirchen bereits der Kampf um die Frage Sonntagsschule oder Kindergottesdienst ein, der ab 1881 von dem Dresdner Oberkonsistorialrat Franz Dibelius (s. d.) eingeleitet wurde. Der Schritt von der freien Sonntagsschule im Bereich der Inneren Mission zum Kindergottesdienst als integrierte Arbeit der verfaßten Kirche hatte auch finanzielle Auswirkungen. Die Londoner Geldzuwendungen würden nicht mehr fließen können, wenn sich der Berliner Sonntags-Schulverein auflöst. Daher lag es nahe, daß man sich in Berlin für die weitere Gestaltung der Sonntagsschule einsetzte, besonders Wilhelm Bröckelmann konnte den Umschwung nicht mitvollziehen. Aber auch Bernstorff war über die Entwicklung vom freien Verein zur verfaßten Kirche aus verschiedenen Gründen unglücklich. Auch diesmal saß er als prominenter Allianz-Vertreter wieder einmal zwischen allen Stühlen. Das galt nicht nur für das zwischenkirchliche Verhältnis, soweit es Landeskirchen und Freikirchen betraf, sondern auch die Lage innerhalb der Landeskirchen in ihrem Verhältnis zum Vereinsprotestantismus. Es wurde teilweise heftig gegen die Sonntagsschulen polemisiert. Das hatte ganz unterschiedliche Gründe: Für manche Kritiker war die Sonntagsschule eine fremde Pflanze aus England. Andere wiesen zurück, daß Laien in den Sonntagsschulen das Evangelium verkündigen dürfen. Es sei auch eine Gefahr, den geistlichen Hochmut zu befördern, wenn nicht Ausgebildete junge Menschen Aufgaben wahrnehmen, die sonst qualifizierten Pfarrern vorbehalten seien. Noch schlimmer erschien allerdings, daß sogar Frauen, denen doch im Blick auf die Verkündigung das Schweigen auferlegt sei, gleichberechtigt den Unterricht in den Kindergruppen erteilen durften. Diese früher gegen die freikirchlichen Sonntagsschulen vorgebrachten Bedenken wurden nun auch polemisch gegen landeskirchliche Sonntagsschularbeit vorbereitet. Der sonst theologisch konservative Bernstorff hatte keine Probleme, den Frauen Raum zur Mitarbeit in den Sonntagsschulen, den Gemeinschaften und in der Publizistik zu geben. Hatte die Blankenburg-Gründerin Anna Thekla von Weling sich noch des Pseudonyms Hans Tharau bedient, so redigierte Hedwig von Redern eine von Bernstorff geförderte Zeitschrift. Sie und andere Adlige Damen wie Gräfin Elisabeth von Waldersee, Margarethe von Oertzen und weitere Frauen beteiligte er an der Herausgabe eines Andachtsbuches. Auch in seiner Sonntagsschule arbeiteten immer Frauen mit, um Mädchenklassen zu unterweisen, u. a. Hedwig von Redern. - Bernstorff war außerordentlich kontaktfreudig und organisationsbegabt. Daher ist die Zahl der Vereine, Verbände und Gruppen in denen er mitwirkte, fast unübersehbar. Einige wurden bereits erwähnt, besonders die Gremien der Evangelischen Allianz und der Sonntagsschul-Verein Berlin. Weiter übernahm er den Vorsitz bei der Deutschen Orientmission, wirkte in der Evangelischen Missionsgesellschaft für Deutsch-Ostafrika mit, ebenso im 1852 gegründeten Jerusalem-Verein. Für den Verein zur Förderung des Evangeliums in Spanien ergriff er zunächst die Initiative, den Vorsitz übernahm Carl Graf von Egloffstein. Bernstorff wirkte ab 1869 als Sekretär und ab 1880 übernahm er den Vorsitz. Seine Mitwirkung im Verein für Seemannsheime ergab sich aus seiner internationalen Verbundenheit. Aber sein Hauptanliegen war die geistliche Erneuerung des Einzelnen durch Wiedergeburt und Bekehrung. Darum übernahm er 1894 nach einigen vereinsinternen Turbulenzen, die sich aus der Haltung seiner Vorgänger gegenüber der Landeskirche ergeben hatten, den Vorsitz im Gemeinschaftsverein Schleswig-Holstein. Dazu hatten ihn die dortigen Generalsuperintendenten ausdrücklich gebeten. Von 1880 bis 1907 war er berufenes Mitglied der alle drei Jahre in Rendsburg tagenden Generalsynode. Seine Leitungsfunktionen in Schleswig-Holstein brachten es mit sich, daß er auch in entsprechenden Gremien auf gesamtdeutscher Ebene mitwirkte. So gehörte er dem Deutschen Komitee für evangelische Gemeinschaftspflege und Evangelisation an, der sich 1900/1901 als ein rechtsfähiger Deutscher Philadelphia-Verein konstituierte. Dieser Schritt war unter der Mitwirkung von Bernstorff seit 1897 in einer Konferenz von Gemeinschaftsleitern und Freunden vorbereitet worden. In diesen Zusammenhang gehört, daß er einige Jahre im Vorstand der Christlichen Gemeinschaft Hamburg am Holstenwall mitwirkte, die später unter Friedrich Heitmüller (1888-1965) aus dem Verband der Landeskirche ausschied und sich zur Freien evangelischen Gemeinde hin orientierte. Es ist fast selbstverständlich, daß er auch in der Hauptstadt im Bereich der von Adolf Stoecker ins Leben gerufenen Berliner Stadtmission aktiv war. In Berlin übernahm Bernstorff ab 1890 auch den Vorsitz in der Deutschen Evangelischen Buch- und Traktatgesellschaft, bei der er selber eine Zeitschrift herausgab. Seinem missionarischen Interesse galt sowohl seine Mitarbeit im Bund christlicher Polizeibeamter wie auch die Förderung des Verbandes gläubiger Kaufleute und Fabrikbesitzer, den Jonathan Paul (1853-1931) angeregt und Bernstorff zusammen mit Eduard von Pückler und Toni von Blücher begleitete. Als Johannes Burckhardt (1853-1914) 1890 den Evangelischen Reichsverband weiblicher Jugend gründete, übernahm Bernstorff den Vorsitz. Nachdem von den lange Zeit lose miteinander verbundenen Gemeinschaften neue Vereinsgründungen wie z. B. das Blaue Kreuz ausgingen, gehörte Bernstorff zu der Gruppe, die Richtlinien zur Regelung des Verhältnisses zwischen den Gemeinschaften und den aus ihnen hervorgegangenen und mit ihnen in enger Verbindung stehenden Blau-Kreuz-Vereine erarbeitete. Aber Bernstorff war keineswegs nur ein guter Organisator, er war auch ein charismatisch begabter Prediger. Das führte zu vielen Einladungen. Als Allianz-Vorsitzender konnte er 1894 bei der Einweihung des Saales der Christlichen Gemeinschaft von Frau Toni Blücher (1836-1906) in der Berliner Hohenstaufenstraße nicht fehlen. Im gleichen Jahr reiste er zu den bekannten Maiversammlungen nach England. Danach begann er mit Gemeinschaftsabenden gebildeter Familien in seinem eigenen Hause. Er wirkte an vielen überregionalen Allianz-Konferenzen in allen Teilen Deutschlands mit. - Andreas Graf von Bernstorff war eine jener Persönlichkeiten, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihrer internationalen Erfahrung wie auch ihrer sprachlichen Fähigkeiten dazu prädestiniert waren, einen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sonst im landeskirchlichen Protestantismus kaum möglichen interkonfessionellen und internationalen Transfer insbesondere zwischen den kirchlichen Bewegungen der angelsächsischen Länder und des Deutschen Reiches einzuleiten. Die dadurch erzielte Bereicherung der deutschen Landeskirchen wurde wirksam, obwohl Bernstorff ein Laie und in seinen theologischen Positionierungen äußerst schlicht, fast einfältig war und das Laienengagement gerade in dieser Zeit - auch durch die Organisation von Theodor Christliebs Institut zur Ausbildung von Laienpredigern, dem Bonner Johanneum - höchst umstritten war. Inmitten dieser Zeit wachsenden nationalen Bewußtseins hat Bernstorff aus internationalen Anregungen mindestens vier langfristig wirkende Organisationen und Bewegungen mit geprägt: (1) Die innerlandskirchliche Gemeinschaftsbewegung, die sich ausdrücklich und international abgrenzend als "Deutsche Gemeinschaftsbewegung" bezeichnete, hat seit ihrer Organisation im Gnadauer Gemeinschaftsverband 1888, deutlich theologische Einflüsse der angelsächsischen Erweckung aufgenommen, insbesondere die Lehre von der Heiligung, die Mitwirkung von Laien in der Wortverkündigung, aber auch verstärkt die angelsächsische Praxis der auf Massen ausgerichteten Evangelisation. Vorbereitet wurde die Organisation der Deutschen Gemeinschaftsbewegung unter Bernstorffs Mitwirkung durch den "Deutschen Evangelisationsverein", bei dem die nationale und das hieß damals auch interkonfessionell-ökumenische Abgrenzung bereits einsetzte. Bernstorff hat in diesen beiden Gremien, aber auch verschiedenen anderen Bereichen der Gemeinschaftsbewegung aktiv und ermutigend mitgewirkt. Er war dort hochgeschätzt. (2) Der hinsichtlich des innerlandeskirchlichen Gefüges mit lutherischen, reformierten und unierten Positionen geradezu unkonfessionelle Ansatz der Gemeinschaftsbewegung, die eher zur Union und zu christlicher Einheit neigte, entsprach dem Selbstverständnis der seit 1846 von London ausgehenden Evangelischen Allianz, die jedoch grundsätzlich überkonfessionell wirken wollte. Nach anderen erfolgreichen englischen Organisationsmodellen, durch die vorher im Ansatz schon die Deutsche Christentumsgesellschaft ausgestaltet wurde, hatte auch die Londoner Evangelical Alliance als Muttergesellschaft in Deutschland in verschiedenen Regionen unabhängig voneinander agierende Zweigvereine. Wie in einigen anderen Fällen haben die Mitglieder der zwar sehr frühen und durch die Unterstützung Friedrich Wilhelms IV. auch bedeutsame Berliner Allianz - zeitweise als Evangelischer Bund bezeichnet - versucht, sich als Zentrum dieser ersten christlichen Einheitsbewegung in Deutschland zu sehen. Daran hatte auch Bernstorff seinen Anteil und vermutlich auch ein persönliches Leitungsinteresse. (3) Als in den sechziger Jahren die amerikanische Sonntagsschulbewegung Berlin erreichte, hat Bernstorff sie nicht nur unterstützt, sondern er hat selber regelmäßig in Berlin Sonntagsschule gehalten. Darin konnte er seinem gewinnenden, missionarischen Interesse Ausdruck geben. Auch publizistisch hat er die erst jetzt in den Landeskirchen entdeckte Arbeit an den Kindern unterstützt und gefördert. (4) Im Umbruch der beginnenden Jugendarbeit, sowohl unter jungen Männern wie unter jungen Frauen, hat Bernstorff trotz seiner theologisch konservativen Positionen, die Entwicklung zur Modernisierung unterstützt. Vor dem Beginn der eigentlichen CVJM-Arbeit waren die Jünglingsvereine mehr eine Art Betreuung junger Männer durch die Pfarrer in den sich bildenden Gruppen. Als in den achtziger Jahren der deutsch-amerikanische Generalsekretär des deutschsprachigen, unter den Einwanderern in Amerika wirkenden CVJM, Friedrich von Schlümbach, nach Deutschland kam, revolutionierte er den Stil der Jugendarbeit. Er stellte die Großstadt-CVJM-Vereine ganz in der Tradition seiner methodistischen Kirche unter die Führung von Laien, gab ihnen mit der missionarischen Ausrichtung der Arbeit eine neue Perspektive und versuchte ihnen den Weg einer finanziellen Selbständigkeit und Unabhängigkeit durch den Besitz von Immobilien in Großstädten aufzuzeigen. Bernstorff als engagierter Vertreter der Jünglings- und Jungfrauenarbeit ließ sich auf diesen amerikanischen Weg ein und gestaltete ihn mit. - Bernstorffs Mitwirkung in diesen vier Bereichen, hat sich in der kirchengeschichtlichen Entwicklung als folgenreich erwiesen. Sie war jedoch nur möglich, weil er in der damals noch vielfach umstrittenen Stellung als Laie und unabhängig von staatskirchlichen Leitungsorganen handeln konnte. Kein Oberkirchenrat hätte die Chance gehabt, auch nur einen der vier genannten Bereiche innerhalb der internationalen Bezüge in Bewegung zu bringen. Für die mit den damaligen Staatsgrenzen deckungsgleichen Landeskirchen endete natürlicherweise das kirchliche Mandat an der jeweiligen Grenze ihres Staatswesens. Für Bernstorff war das Zusammenwirken mit einer Gruppe frommer Adliger wichtiger als die Zusammenarbeit oder gar Unterordnung unter ein Konsistorium. Man mag in diesem Zusammenhang auch die Frage aufwerfen, ob innerhalb des deutschen Landeskirchentums erkannt ist, welche Bedeutung die absolute Bindung der Mehrzahl der Gemeinschaftsführer an das vorfindliche Kirchentum für dessen Einheit hatte. Man kann sich kaum vorstellen, was geschehen wäre, wenn sich unter den Führern der Gemeinschaftsbewegung der Gedanke der Bildung einer staatsunabhängigen unierten Freikirche durchgesetzt hätte. Bernstorffs wirken macht auch erkennbar, daß die in der Kirchengeschichtsschreibung oft regionale Behandlung der deutschen Erweckungsbewegungen - wie zuletzt im 3. Band der großen Geschichte des Pietismus, die den Pietismus im 19. und 20. Jahrhundert darstellt -, schon im Ansatz den Blick auf die lokalen Entwicklungen begrenzt und insbesondere die internationalen Verflechtungen ausblenden muß. Das trifft auch für die Geschichte der Deutsche Gemeinschaftsbewegung mit ihren selbstverständlichen internationalen und ebenso in der Praxis oft Landeskirchengrenzen übergreifenden Beziehungen zu. Unter dem Gesichtspunkt seiner ökumenischen, internationalen und interkonfessionellen Wirkung ist die wissenschaftliche Erforschung des Lebens und Wirkens von Andreas Graf von Bernstorff als weiteres Beispiel für die internationale Verflochtenheit der Geschichte der Erweckungsbewegungen wie der Gemeinschaftsbewegung, durch die die Engführung, wie sie sich in der unpräzisen Bezeichnung Neupietismus zeigt, überwunden wird, ein dringendes Bedürfnis.
Werke: Die Apostelgeschichte; Die Epistel Johannes; Die Epistel Jakobi; Laienbetrachtungen über die Pastoralbriefe, o. J.; Drei Vorträge über Sonntagsschule, Berlin 1867, 1868 u. 1869; Befördert die Thätigkeit für das Reich Gottes besonders in den Sonntagsschule den geistlichen Hochmut? Berlin 1867; "Ich habe noch genug mir mir selbst zu schaffen". Oder: Der persönliche Segen der Thätigkeit für das Reich Gottes. Berlin, o.J.; Die christliche Sonntagsschule, Berlin 1883 (mit: Statut des Vereins für Förderung der Sonntagsschulsache in Deutschland, 21-23); Das Komitee des deutschen Zweiges der Evangelischen Allianz. Aufruf. Unterzeichnet u. a. von Graf Andreas Bernstorff (Berlin, Präsident), Pfarrer Baumann (Berlin, Sekretär), Phildus (Berlin, Generalsekretär u. Kassierer), auch von Eduard Scheve, (Berlin, Baptist) und Carl Schell (Berlin, Methodist). In: Der Evangelische Botschafter, Stuttgart, 29. Jg. (1891), 406f; Was kann unsererseits geschehen, daß christliches Gemeinschaftsleben geweckt, gepflegt und vertieft werde? In: Verhandlungen der Gnadauer Pfingstkonferenz 1892, Berlin 1892, 108ff; Tägliche Handreichung. Ein Hülfsbuch für die Hausandacht. Im Auftrage des Vereins für Innere Mission in Schleswig-Holstein. Hgg. v. Andreas Graf von Bernstorff, Neumünster 1905; Er hat alles herrlich gemacht. Eine autobiographische Skizze, o. J. (1906); Allianz, Gemeinschaft, Erbauung des Leibes Christi. In: Auf der Warte, 4. Jg. (1907), Nr. 20, 1ff; Ein Wort für junge Reichsgottesarbeiter. In: Stimmen der Väter. Zeugnisse aus den Anfängen der Gnadauer Gemeinschaftsbewegung, Berlin (Ost),1958, 129-132; Ein Debattenbeitrag des Grafen Bernstorff bei der [schleswig-holsteinischen] Gesamtsynode 1897. In: Lesebuch. Erlesenes aus der Geschichte der Gemeinschaften in Schleswig-Holstein, Bünsdorf 2001, 74-78.
Redakteur: Die Friedenshalle (seit 1896). Nachrichten aus dem Reich Gottes, ab 1896 auch Organ des Deutschen Zweiges der Evangelischen Allianz, Berlin 1887-1897; Auf der Warte. Mitbegründer, Redakteurin zunächst Hedwig von Redern. Ein Blatt zur Förderung und Pflege der Reichsgottesarbeit in allen Landen, Redaktion Bernstorff ab 1903; Gemeinschaftsfreund. Organ des Gemeinschaftsvereins bzw. des Verbandes der Gemeinschaften in der Landeskirche in Schleswig-Holstein, Neumünster 1886-1939 u. 1948ff.
Lit.: Christian Dietrich/Ferdinand Brockes, Die Privat-Erbauungsgemeinschaften innerhalb der evangelischen Kindern Deutschlands, Stuttgart 1903, 14. 50-52, 173f; - Die Evangelische Allianz, Berlin 19052; - Nachruf. In: Der Reichsgottesarbeiter. 4. Jg. (1907) 81-85; - Nachruf. In: Philadelphia. Organ für Gemeinschaftspflege und Evangelisation, 17. Jg. (1907), Stuttgart, 65; - Graf Andreas Bernstorff, ein zweifach geadelter. In: Evangelisches Allianzblatt, 17. Jg. (1907), Nr. 19, 149f; - Nachruf. In: Der Evangelist. Sonntagsblatt der Bischöflichen Methodistenkirche, 58. Jg. (1907), Bremen, 231u. 244; - B. K. (Bernhard Keip), Gedenken. In: Wächterstimmen. Eine Vierteljahrsschrift zur Stärkung und Aufmunterung in der Reichsgottesarbeit, hrsgg. v. Hermann Meyer u. Bernhard Keip, 37. Jg. (1907), Bremen, 90f; - Paul Fleisch, Die moderne Gemeinschaftsbewegung in Deutschland. Dritte vermehrte und vollständig umgearbeitete Auflage. Bd. 1, Die Geschichte der deutschen Gemeinschaftsbewegung bis zum Auftreten des Zungenredens. (1875-1907). Leipzig 1912, passim, bes. 167-170; - Hedwig von Redern, Andreas Graf von Bernstorff. Ein Lebensbild nach seinen Briefen und persönlichen Aufzeichnungen, Schwerin 19092; - Pastor Reichert, Lebensbilder zum 50jährigem Jubiläum der deutschen Sonntagsschule. 4. Andreas Graf von Bernstorff. In: Der Sonntragsschulfreund. 45. Jg. (1913), Nr. 9, 125-130; - Berufen zur Gemeinschaft. 100 Jahre Gemeinschaftsverein Schleswig-Holstein, Neumünster 1957; - Arno Pagel, Andreas Graf von Bernstorff - Diplomat oder Botschafter Christ. In: Menschen vor Gott, hrsgg. v. Alfred Ringwald, Bd. 1, 1957, 316f; - Karl Kupisch, Der Deutsche CVJM. Aus der Geschichte der Christlichen Vereine Junger Männer Deutschlands, Kassel 1958, 22-36, 54f; - Hans von Sauberzweig, Er der Meister - wir die Brüder. Geschichte der Gnadauer Gemeinschaftsbewegung, Denkendorf 1959, 19772, 122-126; - Hermann Klemm, Elias Schrenk. Der Weg eines Evangelisten, Wuppertal 1961, 19862, passim; - Paulus Scharpff, Geschichte der Evangelisation. Dreihundert Jahre Evangelisation in Deutschland, Großbritannien und USA, Gießen/Basel 1964, passim; - Erich Beyreuther, Der Weg der Evangelischen Allianz in Deutschland. Wuppertal 1969, passim; - Dieter Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn. Die deutschen Gemeinschaften im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert und ihre Stellung zu Kirche, Theologie und Pfingstbewegung, Gießen, 1979; - Joachim Drechsel, Das Gemeindeverständnis in der Deutschen Gemeinschaftsbewegung. Gießen/Basel 1984, passim; - Thomas Schirrmacher, Theodor Christlieb und seine Missionstheologie, Wuppertal 1985, 135ff; - Jörg Ohlemacher, Das Reich Gottes in Deutschland bauen. Ein Beitrag zur Vorgeschichte und Theologie der Deutschen Gemeinschaftsbewegung, AGP Bd. 23, Göttingen 1986, passim; - Karl Heinz Voigt, Die Evangelische Allianz als ökumenische Bewegung. Freikirchliche Erfahrungen im 19. Jahrhundert. Stuttgart 1990, passim; - Werner Beyer, Einheit in der Vielfalt. Aus 150 Jahren Evangelischer Allianz, Wuppertal/Zürich 1995, 72-85 (mit Bild); - Jörg Ohlemacher, Evangelikalismus und Heiligungsbewegung im 19. Jahrhundert. Und: Gemeinschaftschristentum in Deutschland. Beide in: Der Pietismus im 19. und 20. Jahrhundert, Geschichte des Pietismus Bd. 3, hrsgg. v. Ulrich Gäbler, Göttingen 2000, passim; - Paul Nollenberger, Miteinander unterwegs. 100 Jahre Evangelische Allianz Nürnberg - 1904-2004, Nürnberg 2004, 5f; - Karl Heinz Voigt, Friedrich von Schlümbach, Theodor Christlieb und die Evangelisation in Deutschland. Vom ökumenischen Verein mit ´undenominationellen Charakter´ zum ´Deutschen Evangelisationsverein´. In: Monatshefte für Ev. Kirchengeschichte des Rheinlands, 53. Jg. (2004) 337-358; - Stephan Holthaus, Heil - Heilung - Heiligung. Geschichte der deutschen Heiligungs- und Evangelisationsbewegung, Gießen/Basel 2005, passim.
Lex.: Erich Geldbach, Bernstorff. In: Ev. Gemeindelexikon, 1978, 59; - Jörg Ohlemacher, Bernstorff. In: Ev. Lexikon für Gemeinde und Theologie, Bd. 1, 232 (1992).
Karl Heinz Voigt
Literaturergänzung:
Stephan Holthaus, Heil - Heilung – Heiligung. Die Geschichte der deutschen Heiligungs- und Evangelisationsbewegung (1874-1909), KGM 14, Gießen-Basel 2005, passim;- Karl Heinz Voigt, Internationale Sonntagsschule und deutscher Kindergottesdienst. Eine ökumenische Herausforderung. Von den Anfängen bis zum Ende des Deutschen Kaiserreichs. KKR Bd. 52, 2007, passim.
Ein weiterer Beitrag über Bernstorff
Letzte Änderung: 14.11.2007