BUBIS, Ignatz, * 21.1. 1925 Breslau, gest. 13.8. 1999 in Frankfurt. - Die Familie Bubis zog 1935, zwei Jahre nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, an ihren Herkunftsort Deblin an der Weichsel in der Nähe von Lublin zurück. B. besuchte dort dies Schulen bis zum Kriegsausbruch 1939. Im Februar 1941 wurden die Juden dort in ein Ghetto eingewiesen. B. diente als Postbote für das Ghetto. Als junger Zwangsarbeiter entging er versteckt unter einem Strohsack der Deportation in ein Todeslager Er wurde zur Zwangsarbeit in eine Munitionsfabrik nach Tschenstochau abbefohlen und überlebte als einer der wenigen seiner Familie. Nach der Befreiung im Januar 1945 durch die Rote Armee wandte er sich über Lodz und Breslau nach Berlin, wo er von Heinz Galinski als Opfer des Faschismus anerkannt wurde. Zuerst angestellt in einer "Tauschzentrale" ("Tauze") in Dresden, baute er sich durch Gründung eines "Kommissionshauses" im Mai 1948 mit dem Handel von Antiquitäten und Porzellan, sowie - mit Protektion eines sowjetischen Offiziers - von Mangelware wie Bohnenkaffee und Schweizer Schokolade für Hotels eine eigene Existenz auf. Die junge DDR wollte den Handel aber ganz kontrollieren und beendete das Geschäft dieser Händler. B. wurde sogar der Prozess gemacht und ihm unterstellt, im "Auftrag der Imperialisten Wirtschaftssabotage" betrieben zu habe. Er wurde am 15. September 1951 in Abwesenheit zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. - Von Berlin wandte er sich 1950 nach Stuttgart und arbeitete in einer Firma, die bis 1953 die Konzession zum Goldhandel mit der Schmuckindustrie hatte. 1953 zog er nach Pforzheim und betrieb dort anfänglich einen Schmuckhandel, verlagerte aber seine Tätigkeit auf den Immobilienhandel. 1959 nahm er seinen Wohnsitz deswegen in Frankfurt. 1965 wurde er an zweitletzter Stelle in den Gemeinderat der Jüdischen Gemeinde Frankfurt gewählt. 1966 kam er in den fünfköpfigen Vorstand der Jüdischen Gemeinde. Hier setzte er sich für den Bau einer jüdischen Grundschule und eines neuen Gemeindezentrums ein. Er war für die Sanierung der Liegenschaften der Jüdischen Gemeinde zuständig, die er mit Energie betrieb. Als Krönung dieser Tätigkeit sah er nach langer politischer Auseinandersetzung den Bau des Gemeindezentrums neben der Westend-Synagoge an. Es wurde am 14.9. 1986 eingeweiht. 1969 ließ er sich durch den liberalen Politiker Heinz-Herbert Karry für die FdP gewinnen. Diese parteipolitische Engagement war für jüdische Amtsträger dieser Zeit sehr selten. - Bubis sah die polnisch-jüdische Orthodoxie seiner Jugendzeit als Norm an, lebte selbst aber nicht so. Als sich in Frankfurt Anfang der 1990er Jahre eine liberale Gruppe mit dem Prinzip der Gleichberechtigung der Frau im Judentum bildete, setzte er zuerst Widerstand entgegen, ließ sich aber nach einigen Jahren heftiger interner Auseinandersetzung doch für eine Unterstützung und Integration dieses Kreises gewinnen. Als Vorstand stellte er den orthodoxen Rabbiner Menachem Halevi Klein als Gemeinderabbiner an. - Auf Grund seines erarbeiteten Vermögens galt es als wichtiger Sponsor besonders zionistischer Organisationen. Frankfurt sollte sich zur gleichen Zeit zur Wirtschafts- und Bankenmetropole entwickeln. Viele und große Bürogebäude sollten entstehen. Immobilienhändler kauften vor allem im Westend verlassene Villen auf, deren Besitzer in den Taunus ins Grüne verzogen waren. Gegen die Neubaupläne formierte sich von Seiten der Anwohner und von Studenten Widerstand. Teilweise erhielt dieser eine antijüdische Schlagseite. Auf Grund der öffentlichen Debatte gab Bubis zwischen 1973 und 1978 sein Vorstandsamt auf, blieb aber weiter Berater des Vorstands in Liegenschaftsfragen. 1978 wurde er zum Vorstandsvorsitzenden der jüdischen Gemeinde gewählt. B. fühlte sich durch die Darstellung des "reichen Juden" in einem Stück von Rainer Werner Fassbinder persönlich angegriffen und besetzte am 31. Oktober 1985 mit Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde eine Theaterbühne. Die Auseinandersetzung erreichte Aufmerksamkeit in der ganzen Bundesrepublik. Er förderte das Jüdische Museum Frankfurt, das nach langer Vorbereitung am 9. November 1988 eingeweiht wurde. - Frankfurt war mit viertausend Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde Westdeutschlands (ohne Berlin). So wurde er 1978 in das "Direktorium", 1985 in den häufiger tagenden kleineren "Verwaltungsrat" des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt. Nach dem Tod von Werner Nachmann (1988) wurde Bubis stellvertretender Vorsitzender. Zuerst amtierte der betagte Heinz Galinski als Vorsitzender. Als dieser im Juli 1992 starb wurde Bubis am 20.9. 1992 zum Vorsitzenden, später "Präsidenten", des Zentralrats gewählt. - In der Folge betrieb er eine außerordentlich intensive Aufklärungsarbeit, besuchte hunderte von Schulklassen und hielt ebenso viele Vorträge. Mit seiner zugänglichen Art kam er beim bundesdeutschen Publikum besser an, als sein Vorgänger Heinz Galinskis, der immer die Rolle des unnahbaren Mahners eingenommen hatte. Bubis wurde 1993 sogar als Kandidat für das Bundespräsidentenamt vorgeschlagen, was er allerdings ablehnte, da die "Zeit dafür noch zu früh" sei. - B. setzte sich für eine moderne tolerante Gesellschaft ein und wehrte sich gegen Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit. Als neuer Vorsitzender besuchte er im August 1992 Rostock-Lichtenhagen und am 2.11. 1992 Mölln, wo es zu fremdenfeindlichen Übergriffen gekommen war. - 1997 wurde er als inzwischen populärer liberaler Politiker zum Stadtrat Frankfurts gewählt. Er wurde mit Ehrungen überhäuft: 1991 erhielt er den Verdienstorden des Landes Hessen, 1993 die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt und 1996 das Große Bundesverdienstkreuz. - Er hatte einen enormen sozialen Aufstieg geschafft vom staaten- und mittellosen jungen Mann im Berlin des Jahres 1946 zur angesehenen Autorität, der den Bundespräsidenten und Bundeskanzler besuchte und dessen Wort in den Medien und der Politik ernst genommen wurde. Tiefe Einsamkeit empfand er, als Martin Walser in einer Rede in der Frankfurter Paulskirche im Oktober 1998 sich verklausuliert für ein Ende des Gedenkens an den Nationalsozialismus aussprach und dafür von der politischen Elite Deutschlands stehende Ovationen empfing. Von Krankheit schwer gezeichnet, meinte er im Rückblick in einem Interview mit der Illustrierten Stern, dass er schlussendlich wenig Veränderung in der Einstellung der deutschen Öffentlichkeit zu Juden und Judentum bewirkt habe. Er ließ sich im August 1999 in Tel Aviv beerdigen. Der Anlass wurde zum deutschen Staatsakt.
Werke: Offizielle Stellungnahmen des Zentralrats zwischen 1990 und 1999 in der Allgemeinen jüdischen Wochenzeitung (Bonn / Berlin); kurze Beiträge in der Frankfurter Jüdischen Gemeindzeitung 1969-1999; mit Peter Sichrovsky: Damit bin ich noch längst nicht fertig, die Autobiographie Berlin 1998; Kohn, Edith: Ich bin ein Staatsbürger jüdischen Glaubens 1993; s. auch: Wer ein Haus baut, will bleiben. 50 Jahre Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main. Anfänge und Gegenwart, Frankfurt 1998; Reflexionen eines deutschen Juden, in: Lichtenstein, Heiner (Hrsg.): Fünfzig Jahre Israel. Vision und Wirklichkeit, Bonn 1998, S. 214-221.
Lit.: (Auswahl): Fritz Backhaus, Raphael Gross, Michael Lenarz (Hrsg.). Ignatz Bubis. Ein jüdisches Leben in Deutschland, Frankfurt 2007; - Verschiedene Nachrufe.